Menschenbild und Aufklärung. Zu Marian Heitgers Anforderungen an Menschenbild und Pädagogik


Seminararbeit, 2016

13 Seiten, Note: 1

Anonym


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Die Sokratische Wende

Trennung zwischen Subjekt und Objekt

Der moderne Mensch und sein Verhältnis zur Natur

Die wichtige Frage nach dem Menschenbild

Kritik an der Aufklärung

Literaturverzeichnis

Menschenbild und Aufklärung

Einleitung

Diese Seminararbeit möchte ich dem Verhältnis von Anthropologie, Pädagogik und Aufklärung widmen und erörtern, in welcher Form sie sich wechselhaft bedingen. Dazu soll Aufklärung als ein Prozess dargestellt werden, der im Denken der griechischen Antike begann und bis heute fortschreitend wirkt. Meine These dabei ist, dass aufklärerischen Prozessen immer ein gewisses Menschenbild zugrunde liegt bzw. eine Änderung des Menschenbilds immer aus aufklärerischen Prozessen resultiert. Dieser Gedanke ist angelehnt an Marian Heitgers Leitsatz: „Alle Pädagogik verweist auf eine Anthropologie.“1 Damit ist gemeint, dass die Absichten, die Erziehung verfolgt, immer davon abhängen, was dem Menschen als eigentümlich, ihm zukommend oder ihm zumutbar verstanden wird.2 Heitger definiert in seinem Text: Menschenbild und Menschenbildung Anforderungen an ein Menschenbild, die erfüllt werden müssen, damit Pädagogik überhaupt stattfinden kann.

Ich werde im Folgenden prüfen, ob Heitgers Anforderungen an ein Menschenbild, welches dem Menschen Mündigkeit und Demokratiefähigkeit zuspricht, durch aufklärerische Prozesse erreicht wurden bzw. überhaupt erreicht werden können.

Meine Vorgangsweise hierzu gestaltet sich so, dass ich zu Beginn des Textes die anthropologische Wende beschreiben werde, die sich in der griechischen Antike ereignet hat. Gestützt auf Texte von Plato möchte ich versuchen zu erörtern, wie sich das Denken bzw. die Denkmuster der Menschen in dieser Zeit veränderten und damit der Grundstein zum wissenschaftlichen Denken gelegt wurde. Anschließend werde ich mich neuzeitlichem Denken zuwenden und erörtern, wie Philosophen wie Decartes und Kant die Trennung von erkennendem Subjekt und erkanntem Objekt darlegten und die Frage nach den Möglichkeiten menschlicher Erkenntnis stellten. Davon Ausgehend möchte ich zeigen, dass sich in der jüngeren Vergangenheit erneut eine Wende im Denken vollzog. Bedingt durch große Fortschritte in der Technik begann der Siegeszug der Naturwissenschaften und damit etablierte sich eine technische Sicht auf die Welt. Diese technische Weltsicht wirkte sich auch auf die Anthropologie aus. Große Fortschritte in der Biologie und Medizin hatten zur Folge, dass der Mensch ein anderes, neues Verhältnis zu seiner Umwelt und sich selbst entwickelte. Die Trennung zwischen geistiger und materieller Welt vollzog sich nun vollständig.3 Horkheimer und Adorno legten dies in ihrem Werk: die Dialektik der Aufklärung dar und analysierten präzise die Gefahren der Aufklärung und konnten zeigen, dass mit ihr immer ein rückschreitendes Moment einhergeht.

Die Anforderung Heitgers an ein Menschenbild ist stark vereinfacht gesagt, dass es des Menschen transzendentale Bindung berücksichtigen muss, bzw. diese nicht zu unterdrücken versucht.4 Ich werde versuchen zu klären, was unter transzendentaler Bindung verstanden werden muss und werde dann, um meiner Forschungsfrage gerecht zu werden abgleichen, ob diese mit unserem derzeitigen Weltbild konform ist. Dabei ist mir bewusst, dass ich mit den mir zur Verfügung stehenden Ressourcen kein Menschenbild beschreiben kann, dass der Erfassung unseres momentanen Zeitgeists in vollem Umfang gerecht wird, jedoch kann ich mich dieser mit der oben beschriebenen Herangehensweise zumindest annähern.

Die Sokratische Wende

Meine Ausführungen beziehen sich auf die griechische Welt der Antike, genauer gesagt auf Athen zur Zeit des 5. Jahrhunderts vor Christus. Da philosophisches Denken vom politischen Geschehen maßgeblich beeinflusst wird, muss angemerkt werden, dass in dieser Zeit kurz nach den siegreichen Perserkriegen Demokratie herrschte und es verschiedene Stadtstaaten (Polis) gab. Es herrschte eine Gesellschaftsformation, in der Wissen mehr als Handeln geschätzt wurde und der Theorie ein höherer Standpunkt als der Praxis eingeräumt wurde.5 Der Wissensdrang der damaligen Zeit ging damit einher beziehungsweise daraus hervor, dass alte Moral und alter Glauben verfielen und sich Schritt für Schritt neue Denkansätze etablierten. Die Sophistik erhob den Menschen zum Maß aller Dinge6 und machte alten Glauben und Sitte rein vom Ermessen des Individuums abhängig. Der vom Sophisten Protagoras ausgesprochene Homo-Mensura-Satz bekräftigte den Menschen darin von einer objektiven Wahrheit abzusehen und den eigenen Interessen entsprechende subjektive Wahrheiten zu suchen.7

Die Figur des Sokrates ist dahingehend so interessant, als das er sich von den für damalige Verhältnisse sehr fortschrittlichen Sophisten in seinen Ansprüchen an die Wahrheit, Moral und Ethik unterschied. Er kann sogar als Begründer der letzteren beiden gesehen werden. Die Sophisten boten Lehre gegen Bezahlung an und führten weniger eine Gesprächskultur des Dialogs sondern des Überredens. Sokrates hingegen richtete seinen Blick mit aller Energie nach innen um hier, im eigenen Subjekt, allgemeingültige Normen für das Wahre wie für das Gute zu ermitteln und für alle als Gesetze aufzustellen.8

Bemerkenswert dabei ist, dass für Sokrates nicht immer die Antwort im Mittelpunkt stand, sondern die Frage. Plato berichtet in seinen Gleichnissen davon, dass Sokrates verschiedene Mittglieder der Griechischen Gesellschaft aufsuchte um sie in Gespräche zu verwickeln. Zweck dieser sokratischen Dialoge waren zumeist Fragen um die Lehrbarkeit der Tugend9 oder was dem Menschen eigen sei. Gemeinsam haben sie zumeist, dass sie in einer Aporie (Ratlosigkeit) enden. Die dabei entstehende Verwirrung ist aber produktiv und führt dazu, dass ein Denkprozess bei beiden Beteiligten in Gang gesetzt wird. Sokrates selbst vergleicht sich mit einem Zitterrochen, weil er gleich dem Fisch, der selbst unter Strom steht wenn er andere berührt auch selbst verwirrt ist, wenn er andere verwirrt.10 Außerdem sagt er, dass er wenn überhaupt nur aus dem Grund weiser sei als andere, weil er sich dessen bewusst ist, dass er selbst nicht weiße ist.11

Am Beispiel des von Platon überlieferten Dialogs zwischen Sokrates und Protagoras möchte ich nun zentrale Fragestellungen und Erkenntnisse des sophistischen und sokratischen Denkens erläutern. Protagoras vertritt die Ansicht, dass Tugend ein (von ihm) lehrbares Wissen sei. Sokrates möchte zeigen, dass die Handlungen der Menschen immer vom Streben nach etwas Gutem geleitet sind und bezweifelt die universelle Lehrbarkeit der Tugend.

Protagoras gibt in seiner Beschreibung von der Lehrbarkeit der Tugend wichtige Hinweise auf die vorsokratische Erziehung. Er argumentiert richtigerweise, dass gerechtes und soziales Verhalten nicht angeboren ist, sondern erlernt werden muss. Mit Hilfe des Prometheus Mythos legt er dar, dass der Mensch gegenüber der Natur unzulänglich ist und darauf angewiesen ist, sich gegenseitig zu Helfen und sich mit Hilfe von (Kultur)- Werkzeugen die Natur zu Eigen machen muss um zu überleben. Aufbauend auf dieser These formuliert über 2000 Jahre später der Philosoph Gottlieb Herder seine These, dass der Mensch ein Kultur und Geisteswesen sei und schuf so den ersten wissenschaftlichen Mensch – Tier Vergleich der Philosophie.12

Sokrates bestreitet daraufhin die Lehrbarkeit der Tugend nichtmehr, verweist jedoch darauf, dass Protagoras immer nur von einzelnen Tugenden sprach (Gerechtigkeit, Besonnenheit, Frömmigkeit), die man lehren könne. Die Frage was die Tugend als Ganzes sei und wie man sie am besten lehrt blieb er schuldig. Das Ergebnis ist die Einsicht, dass das Gutsein beziehungsweise die Tugend anscheinend ein Wissen und somit lehrbar ist, allerdings nicht im Sinne des sophistischen Verständnisses, von dem Protagoras anfangs ausging. Damit macht Sokrates das Nachdenken oder anders ausgedrückt, die Reflexion über die Tugend zur Bedingung ihrer Lehrbarkeit und öffnet damit der wissenschaftlichen Pädagogik ein weites Feld.

Sokrates Philosophie hatte ein anderes Erkenntnisinteresse als bisheriges Denken. Der römische Politiker und Philosoph Markus Tullius Cicero beschrieb diese Veränderung in folgenden Worten: „Ab antiqua philosophia usque ad Socratem [...] numeri motusque tractabantur... Socrates autem primus philosophiam devocavit e caelo ...“, was so viel bedeutet wie: „Von der antiken Philosophie bis Sokrates wurden Zahlenverhältnisse und Bewegungsgesetze behandelt... Sokrates aber rief als Erster die Philosophie vom Himmel auf die Erde.“13 Statt so wie bisher die bloße Naturbetrachtung, standen nun ethische Fragen im Zentrum des Interesses. Das führte dazu, dass Handlungen nicht mehr nur allein deshalb als Gut angesehen werden konnten, weil sie die gesellschaftliche Tradition so auswies, sondern das ein Prozess der vorschreitenden Reflexion über die Ziele des Handelns eintrat. Die gedankliche und spirituelle Hinwendung zum Menschen wird auch durch die Inschrift symbolisiert, die über dem Orakel von Delphi prangte. Dort hieß es: Erkenne dich Selbst. Hegel zufolge stellt dies eine Aufforderung an Menschen dar, seinen Geist in seiner Gesamtheit zu erkennen, denn der Geist sei das „substantielle“ am Menschen.14 Diese Gesamtheit zu erkennen, ist ihm zufolge eine Voraussetzung um aus ihr ein Menschenbild abzuleiten, das wiederum der Gesamtheit der Menschen entspricht. Man merkt hierbei die argumentative Nähe zu Sokrates Ausführungen über die Tugend im Gespräch mit Protagoras.

Trennung zwischen Subjekt und Objekt

Der Prozess der fortschreitenden Selbsterkenntnis führte dazu, dass der Mensch in eine veränderte Beziehung zu seiner Umwelt trat. Er trennte nun den subjektiven Bereich seiner Erkenntnis, dem er seine Gefühle und Wertvorstellungen zuordnete vom objektiven Bereich, in dem er seine materielle Umwelt verortete. Anhand von Deweys Formulierungen über die „Zuschauertheorie der Erkenntnis“15 möchte ich diese wichtige Zäsur im Denken des Abendlandes veranschaulichen. Dewey zufolge wurde der Weg für modernes Denken mit der Auffassung geebnet, dass wahre Erkenntnis nur dann zustande kommen kann, wenn der Erkenntnisprozess keinen Einfluss auf den Erkenntnisgegenstand selbst ausübt.16 Nur in der objektiven Wahrheit, die in der wahren Erkenntnis verortet ist, liegen die Antworten über die Bestimmung des menschlichen Handelns. Das neue an dieser Weltsicht ist, dass die unmittelbaren Gegenstände unserer Erkenntnis nun nicht mehr als Quelle unserer Wertvorstellungen dienen können, weil sie nicht mehr als objektiv im Sinne von Wahr gelten. Dies führte dazu, dass die Philosophie seit jeher damit beschäftigt war, einen Platz für den Bereich der Werte auf der einen Seite und einen Bereich für die Ergebnisse (moderner)- wissenschaftlicher Erkenntnis auf der anderen Seite zu finden. Philosophen wie Decartes und Kant waren bestrebt, eine Auffassung zu finden, die die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft anerkennt und gleichzeitig den Bereich der Werte absichert. Sie situierten Wissenschaft in den Bereich des Materiellen und der Objektivität und ordneten Wertvorstellungen dem Bereich des Geistigen und Subjektiven zu.17

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass im Denken der griechischen Antike vieles wurzelt, was sich in unserem momentanen Weltbild als selbstverständlich anmutet. Auf der einen Seite das Nachdenken über ethische Fragestellungen, die den Menschen, seine Möglichkeiten und seine Bestimmung in der Welt betreffen und auf der anderen Seite das wissenschaftliche Denken, welches die Natur und materielle Umwelt als etwas begreift, was uns gegenüber und zu unserer Verfügung steht. Durch dieses gespaltene Verhältnis von Subjekt und Objekt tritt der Mensch zu seiner Umwelt und somit den Dingen seiner Erkenntnis auf Distanz. Wissenschaftliches Denken, welches seit der griechischen Antike erheblichen Einfluss auf das Bild des Menschen hat, begründet sich mitunter in der Distanz zu den erkannten Dingen, die durch die Trennung von Zeichen und Bezeichnetem entsteht und dem Revlexivwerden des erkennenden Subjekts.18

Der moderne Mensch und sein Verhältnis zur Natur

“Die moderne Wissenschaft beginnt mit dem Selbstbewußtsein, mit dem »Ich denke!« Erkenntnistheoretisch ist das eine radikale Subjektivierung – zum Zwecke einer spezifischen Wiederaneignung des Objektes.”19

Diese Subjektivierung, die im Denken der griechischen Antike einsetzte, ist die Bedingung für Fortschritt im Menschlichen Handeln. Als erkennende Subjekte ist es uns möglich, Ordnung in die Natur zu bringen und sie uns auf diesem Wege anzueignen und zu unterwerfen. Ordnung tritt in die Natur, wenn man sich weniger mit ihr selbst, sondern mit Zeichen von ihr beschäftigt.20 Die Ordnung der Natur geht aber mit dem Verlust von Wahrheit einher. Ein objektiver Wahrheitsanspruch kann durch die oben erwähnte Trennung von Zeichen und Bezeichnetem nicht mehr erfüllt werden. Was im modernen Denken als Wahr gilt ist nur eine Hypothese, die allen Experimenten stand hielt und so zum Paradigma wurde. In dem Verzicht auf die absolute Wahrheit und der somit gewonnenen Distanz zur Natur liegt der Schlüssel zu ihrer anthropozentrischen Aneignung. Das neue Verhältnis zur Natur ist bestimmt durch eine Dominanz der Zweckmäßigkeit und Brauchbarkeit.21

[...]


1 Heitger 1985, S. 121.

2 Vgl. ebd.

3 Vgl. Biesta 2011, S. 85.

4 Vgl. Heitger 1985, S.126

5 Vgl. Dewey 1993, S.343-361.

6 Platon, Theaitetos 152a.

7 Vgl. Deussen 1911 S. 162

8 Vgl. ebd. S.163

9 Vgl. Platon, Menon.

10 Platon: Menon 80c

11 Platon: Apologie: 20e bis 23 b

12 Aus meiner Erinnerung an: Woschnak, BM 3

13 Marcus Tullius Cicero: Tusculanae disputationes, V 10, 11.

14 Hegel: Philosophie des Geistes, § 377, S. 9

15 vgl. Dewey 1998, S. 9f.

16 vgl. Biesta 2011, S.83

17 Vgl. ebd.

18 Vgl. Treml 1986: S,1309

19 Vgl. ebd. S, 1311

20 Vgl. ebd. S, 1309

21 Vgl. ebd. S, 1308

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Menschenbild und Aufklärung. Zu Marian Heitgers Anforderungen an Menschenbild und Pädagogik
Hochschule
Universität Wien
Note
1
Jahr
2016
Seiten
13
Katalognummer
V962443
ISBN (eBook)
9783346322609
ISBN (Buch)
9783346322616
Sprache
Deutsch
Schlagworte
menschenbild, aufklärung, dialektik der aufklärung, technischer fortschritt, marian heitger, adorno, horkheimer, anthropologie
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Menschenbild und Aufklärung. Zu Marian Heitgers Anforderungen an Menschenbild und Pädagogik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/962443

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