Was ist Sportgeragogik? Aspekte, Ziele sowie verschiedene Modelle


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

26 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Einleitung

1. Was ist Sportgeragogik?

2. Relevanz des Themas

3. Wer sind die Älteren?
3.1 Abgrenzung des Alters
3.2 Dimensionen des Alterns
3.3 Lebensbedingungen
3.4 Bedürfnisse

4. Grundzüge der Sportgeragogik
4.1 Ansätze
4.2 Aufgaben

5. Erfolgreiches Altern
5.1 Theorien
5.2 Wirkungen des Sports
5.3 Praxisbezug

6. Bewegungsbildung
6.1 Bewegungsbildung für Ältere
6.2 Bewegungsbildung mit Älteren
6.3 Bewegungsbildung der Älteren

7. Sportengagement in der Lebensspanne
7.1 Alterssportmodelle
7.2 Gründe für den Sporteinstieg

8. Aktuelle Studien

Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abbildungen

Abb. 1: Dimensionen des Alters (mod. nach Wienberg, 2013, S. 20)

Abb. 2: Sportengagement (Pahmeier, 2008, S. 171)

Tabellen

Tab. 1: Abgrenzung von Bildung und Erziehung (vgl. Kurz, 2003, S. 106)

Tab. 2: Charakteristische Entwicklungsabschnitte des menschlichen Lebenslaufs (mod. nach Güllich & Krüger, 2003, S.323)

Einleitung

Als wohl einziges Thema unter den sportpädagogischen Aspekten, beschäftigt sich diese Arbeit nicht, wie man es bei der Begrifflichkeit Pädagogik erwartet, mit Kindern und Jugendlichen, sowie deren Erziehung und Bildung, sondern vielmehr handelt es sich um ein Themengebiet, das die Älteren in unserer Gesellschaft berücksichtigt. Wer sich allerdings schon einmal die Mühe machen wollte Senioren eine andere Verhaltensweise aufzwingen zu wollen, tat dies vermutlich vergebens, denn erziehen lassen sich gestandene Persönlichkeiten mit ihrem Wissen und ihren Erfahrungen meistens nicht mehr. Durchaus noch möglich ist aber, dass sie sich bilden, dabei lernen und vielleicht doch ihr Verhalten in eine gesündere oder positivere Richtung zu lenken und das ganz bewusst und freiwillig. Das ist das Ziel der Sportgeragogik und wie der Name schon sagt, soll das im und durch den Sport geschehen

Auf den Begriff der Sportgeragogik, ihre Aspekte und Ziele, sowie verschiedene Modelle, die das Alter beschreiben, möchten wir in dieser Arbeit eingehen. Außerdem gilt es zu klären, inwieweit uns Sport auch im hohen Alter helfen kann, mit allen Anforderungen, die der Alltag und die Entwicklung unserer Gesellschaft mit sich bringen, klarzukommen.

1. Was ist Sportgeragogik?

Die Sportgeragogik ist eine Teildisziplin der Sportpädagogik, sie setzt „sich mit den Bildungsfragen und -hilfen für den älteren Menschen“ (brockhaus.de, o. D.) und der Umsetzung des Lehrens und Lernens in die Praxis, im Kontext Bewegung, Spiel und Sport auseinander (vgl. Veelken, 2001, S. 181). Sie bezieht sich dabei auf die Inhalte der Sportpädagogik, der allgemeinen Geragogik sowie der Gerontologie und weißt somit triadische Bezüge auf. Die Gerontologie beschäftigt sich mit der „Beschreibung, Erklärung und Modifikation von körperlichen, psychischen, sozialen, historischen und kulturellen Aspekten des Alterns und des Alters, einschließlich der Analyse von altersrelevanten und alterskonstituierenden Umwelten und sozialen Institutionen.“ (Baltes & Baltes, 1998, S. 8; zitiert nach Amann, 2008, S. 46). Somit handelt es sich, kurzgefasst, bei der Gerontologie um die Alternsforschung und bei der Sportgeragogik um die Altenbildung im Sport.

Zentraler Bestandteil der Definition von Sportgeragogik ist der Bildungsbegriff, diese ist „die Selbstgestaltung des Menschen im Prozess der Auseinandersetzung mit sich selbst sowie den Gegenständen und Werten der Kultur [...] und Gesellschaft.“ (Kurz, 2003, S. 106). Wichtig hierbei, ist die Abgrenzung von Bildung zu Erziehung. Denn Bildung ist ein lebenslanger, selbstbestimmter und vor allem selbstgesteuerter Prozess, bei dem Hilfestellungen von außen gegeben werden können. Erziehung dagegen endet im Jugendalter und ist ein von außen gesteuerter Prozess, bei dem bestimmte Maßnahmen (Kurz, 2003, S. 106) und Einflüsse auf das Verhalten (Güllich & Krüger, 2013, S. 400 in Anlehnung an Brezinka, 1974) und die Entwicklung einer Person wirken (Kurz, 2003, S. 183).

2. Relevanz des Themas

Offensichtlich ist die Relevanz des Alterns, da es früher oder später jeden betrifft. Während das Älterwerden in jüngeren Jahren noch ersehnt wird, da es mit Selbstständigkeit, Stärke und Klugheit verbunden ist, wird die Assoziation mit Alter mit zunehmenden Lebensjahren oft immer negativer, da dann damit Schwäche, Anfälligkeit für Krankheiten und fehlende Autonomie verbunden wird. Dieser Wandel lässt sich mit Sicherheit auch mit der Einstellung unserer Gesellschaft erklären, denn diese ist auf Gesundheit und vor allem Leistungsfähigkeit ausgelegt. Wird diese nicht mehr erreicht, was im Alter teilweise der Fall ist, ziehen Menschen sich zurück, wenn sie nicht schon von der Gesellschaft zurückgewiesen werden (LandesSportBund Nordrhein-Westfalen e.V., Ministerium für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie, Ministerium für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen, 2004). Die Ausrichtung der Gesellschaft wird gerade mit Blick auf die ehemalige DDR deutlich, in der der Aspekt der Leistungsfähigkeit extrem verstärkt auftrat. Alterssport diente hier nur dazu, die Arbeitsproduktivität zu steigern und die Leistungsfähigkeit über „gegenwärtig vorhandene Grenzen hinaus“ (Denk, 2003b, S.19) zu verlängern (Denk, 2003b). Dazu kommt, dass die gesamte Gesellschaft immer älter wird, wie das Statistische Bundesamt mit einer Prognose für die Jahre 2030 und 2050 zeigt. 2030 werden 35 % der Bevölkerung über 60 Jahre alt sein, 2050 sind es dann schon 38 %, verglichen zu 2014, als es nur 27 % waren (Statistisches Bundesamt, 2016). Da die gesamte Gesellschaft älter wird, ändert sich auch entsprechend das Durchschnittsalter in Deutschland. Während es Ende 2018 noch bei 45,5 Jahren lag (statista.de, 2019), wird es laut dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung 2030 schon bei über 47 Jahren liegen (bbsr.bund.de, 2012). Verglichen dazu betrug das Durchschnittsalter im Jahr 2000 39,9 Jahre (bib.bund.de, 2018), was den Verlauf deutlich zeigt. Umso wichtiger ist es also, „die Alten“ zurück in die Gesellschaft zu holen und in das soziale Netz zu integrieren, sodass z.B. die durch Medizin gewonnenen Jahre sowohl körperlich, geistig, als auch sozial sinnvoll genutzt werden können. Wichtig für diesen Schritt ist es, zu verstehen, dass die ältere Generation keine Last für die Gesellschaft darstellt, wie es oft anhand von Gesundheitskosten dargestellt wird, sondern zu erkennen, dass man diese Menschen auch als Ressource sehen kann. Mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung sind sie vielen anderen einen Schritt voraus. Ein Gebiet, das davon profitieren kann, ist beispielsweise das Ehrenamt im Sport. Sport im Allgemeinen kann auch als Instrument betrachtet werden, um die Probleme des Alters zu mindern, denn er kann dazu beitragen die Selbstständigkeit zu erhalten, fördert eine aktive Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und betont die Bedingungen für das aktive Altern (LandesSportBund Nordrhein-Westfalen e.V. et al., 2004). Hauptproblem des Alterns ist es nämlich, die Alltagsanforderungen nicht mehr bewältigen zu können. Hier kommt der Begriff der „funktionellen Gesundheit“ (Denk, 2003b, S.62) ins Spiel, denn er beschreibt, inwieweit Menschen in der Lage sind, abhängig von ihren gesundheitlichen Voraussetzungen, Alltagsanforderungen zu bewältigen und aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Einschränkungen der Aktivität sind vor allem durch chronische Erkrankungen zu erklären, Hilfebedürftigkeit häufig durch die Folge von Erkrankungen und obwohl Pflegebedarf meist erst ab dem 80. Lebensjahr besteht, gilt es vorher schon aktiv der schlechteren körperlichen Verfassung entgegenzuwirken, zum Beispiel durch Sport. Hierbei geht es um den Konflikt zwischen dem Ökonomieprinzip und dem Adaptationsprinzip. Häufig werden geistige und körperliche Anstrengungen soweit reduziert, dass man im Alltag klarkommt, aber sich nicht fordert. Dies steht allerdings im Gegensatz zur Adaptationsfähigkeit des Körpers, Reize und Anforderungen sollten nämlich so hoch sein, dass eine körperliche und geistige Entwicklung zustande kommt. Es gilt also den Körper und Geist zu fordern, nicht zu überfordern, aber soweit zu belasten, dass es nicht zur negativen Anpassung bzw. einem konstanten Abbau der Fertigkeiten und Fähigkeiten kommt (LandesSportBund Nordrhein-Westfalen e.V. et al., 2004). Dementsprechend dienen Angebote und Theorien für und über die Älteren der Selbstfindung derer, die im Alter sich selbst überdenken und anpassen müssen, außerdem bietet es Hilfe zum Coping. Die mit Pädagogik verbundene Erziehung kommt aller höchstens unter dem Aspekt der Selbsterziehung zum Tragen. So gesehen ist die Sportgeragogik ein Teilgebiet der Pädagogik, das sich mit den Älteren beschäftigt (Denk, 2003a).

3. Wer sind die Älteren?

3.1 Abgrenzung des Alters

Trotz der generalisierten Verwendung des Begriffs Alter bzw. der Älteren, ist keine genaue Definition dieser großen Bevölkerungsgruppe möglich, um die Menschen dennoch zu differenzieren werden folgende Merkmale verwendet: das chronologische Lebensalter, der biologische Entwicklungsabschnitt und die soziale Stellung (vgl. Pache, 2009, S. 397).

Bei der Chronologisierung des Lebensalters werden Altersgruppen gebildet, bspw. mit den Bezeichnungen Ü50 oder 60+. Laslett nutzt dies, um in seinem Modell zwischen vier Lebensaltern zu unterschieden. Bedeutend hier, vor allem das dritte und vierte Lebensalter (vgl. Wienberg, 2013, S. 6). Das dritte Lebensalter wird ab dem 60. und das vierte ab dem 80. Lebensjahr angesiedelt (Baltes, 2004). Das Leben im dritten Alter ist gekennzeichnet durch den Ausstieg aus dem Berufsleben, steigender Freizeit, sowie der Selbsterfüllung (Güllich & Krüger, 2013; Wienberg, 2013). Während dieser Zeit erfreuen sich die meisten Menschen noch einer guten Gesundheit, die mit wenigen Defiziten in der physischen oder psychischen Leistungsfähigkeit einhergeht, wodurch Ältere in dieser Phase meist sehr aktiv sind und ihre eigenen Träume und Wünsche erfüllen (Witt, 2017). Mit zunehmendem Alter nimmt die Leistungsfähigkeit weiter ab, so dass das vierte Lebensalter durch Defizite und eine resultierende Abhängigkeit (Güllich & Krüger, 2013), sowie Inaktivität bestimmt wird (Witt, 2017). Meist entsteht in dieser Phase eine Pflegebedürftigkeit, sowie eine Altersschwäche (Wienberg, 2013).

Am Beispiel der motorischen Entwicklung kann die Alterseinteilung nach biologischen Entwicklungsabschnitten beobachtet werden. Unterschieden wird zwischen dem frühen, mittleren und höheren Erwachsenenalter. Das mittlere Erwachsenenalter wird in weitere Kategorien gegliedert, dem frühen mittleren Alter von 35-50 Jahren in dem allmählich eine Leistungsminderung in der Motorik auftritt und dem späten mittleren Alter von 50-65 Jahren in dem dieser Prozess verstärkt abläuft. Dem höheren Erwachsenenalter werden das Alter, von 65-80 Jahren und anschließend das hohe Alter untergeordnet. Zuletzt kommt es zu einer erheblichen Senkung der Leistungsfähigkeit (Güllich & Krüger, S. 323).

Tab. 1: Charakteristische Entwicklungsabschnitte des menschlichen Lebenslaufs (mod. nach Güllich & Krüger, 2013, S. 323)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die soziale Stellung, als letztes der drei Merkmale, ist die Rolle die einem Individuum von der Gesellschaft zugeschrieben wird. Das Alter beginnt in diesem Fall z. B. durch den Eintritt in die Rente oder durch die Stellung in der Familie als Großeltern (Pache, 2009).

Da die Einteilung des chronologischen Alters in Abschnitte beliebig ist und biologische Entwicklungsprozesse sehr individuell verlaufen, kann auch zwischen Lebensphasen unterschieden werden, einer Einteilung nach bestimmten Ereignissen bzw. Lebens-bedingungen (Pache, 2009, S. 397 & Oswald, 2000, S. 108; zitiert nach Wienberg, 2013, S. 19): die Vorbereitungs- und Ausbildungsphase der Kinder und Jugendlichen, die Arbeitsphase der Erwachsenen und die Ruhestandsphase der älteren Erwachsenen (Pache, 2009).

3.2 Dimensionen des Alterns

Das Alter ist ein konkreter Zustand, der in Zeiteinheiten, wie Jahren, Tagen usw. gemessen werden kann. Das Altern dagegen beschreibt den Prozess bis dieser Zustand erreicht wird, also das Älterwerden (Wienberg, 2013). Unterschieden wird hierbei zwischen drei Dimensionen. Das biologisch-körperliche Altern beschreibt kontinuierliche Alterungs- und Abbauprozesse und gleichzeitig eine Abnahme der Adaptionsfähigkeit. Jedoch sind positive Veränderungen, i. S. einer Leistungsverbesserung durch Sport und Bewegung, möglich (Güllich & Krüger, 2013; Wienberg, 2013). Das soziale Altern ist als Veränderung in den gesellschaftlich zugeschriebenen Rollen zu verstehen, bei der Beendigung des Berufslebens erhalten Ältere Menschen bspw. den Titel des Rentners. Die dritte Dimension umfasst das psychologisch-kognitive Altern, gemeint wird hiermit der Umgang mit den Alterungs- und Abbauprozessen seitens der Älteren (Wienberg, 2013).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Dimensionen des Alterns (mod. nach Wienberg, 2013, S. 20)

3.3 Lebensbedingungen

Das Leben der Älteren hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert. Medizinische Fortschritte, verbesserte Wohn- und Lebensverhältnisse, bessere Arbeitsbedingungen und ein gesteigertes Gesundheitsbewusstsein haben für einen Wandel von einer unsicheren zu einer sicheren Lebenszeit geführt (vgl. Kolb, 1999; Pache, 2009; Veelken, 2001).

Der Eintritt in die Rente ist, heute in den meisten Fällen, nicht mehr auf eine physische Unfähigkeit zurückzuführen, sondern auf persönliche Gründe (Pache, 2009), sowie ein bestimmtes Alter das gesellschaftlich als Renteneintrittsalter definiert wird (Deutsche Rentenversicherung, 2020). Zwischen dem Ende der Berufstätigkeit und dem Lebensende ist somit ein Lebensabschnitt entstanden (Kolb, 2001), in dem die Älteren nicht mehr bzw. nur geringfügig Geld verdienen und somit durch Institutionen wie die Renten- und Krankenkasse oder die Sozialhilfe ermöglicht wird (vgl. Pache, 2009).

Teil der Lebensbedingungen von Älteren sind die Familien, in denen sich das Verhältnis zwischen den Generationen gewandelt hat. Während 1995 noch 351.000 Haushalte drei oder mehr Generationen umfassten, sank die Rate bis 2015 um 40,5% auf 209.000 Haushalte (Statistisches Bundesamt, 2016). Auch wenn das Zusammenleben nicht mehr erwünscht wird, möchten sie ein selbstständiges Leben in geringer Entfernung führen, um sich gegenseitig unterstützten zu können. Die Selbstständigkeit ist zentraler Aspekt im Alter und von zwei Perspektiven aus zu betrachten. Zunächst wünschen sich die Meisten ein selbstständiges und selbstbestimmtes Leben. Außerdem fordert die Gesellschaft nach einer unabhängigen Lebensführung, denn Ältere sollen keine Belastung, durch eine Pflegebedürftigkeit oder Unproduktivität darstellen, vielmehr sollen sie einen Beitrag zum Gesellschaftsleben leisten, z. B. durch das Aufpassen auf Enkel- sowie Nachbarskinder oder die Übernahme von Ehrenämtern, bspw. im Sportverein. Aus diesem Grund sind beide Gruppen daran beteiligt die Selbstständigkeit zu ermöglichen bzw. zu erhalten, u.a. durch sportliche Aktivität, um den Grad der körperlichen Bewältigung des Alltags hochzuhalten (Pache, 2009).

Die Gruppe der Älteren umfasst eine große Altersspanne und ist durch einige Merkmale gekennzeichnet: „langjährig[e] Lebenserfahrung, große Heterogenität und Differenziertheit“ (Pache, 2009, S. 396). Diese sind das Ergebnis einer „zunehmenden Individualisierung des menschlichen Lebenslaufs“ (Güllich & Krüger, 2013, S. 325), aufgrund von unterschiedlichen Erlebnissen und Lebenssituationen. Darüber hinaus bestimmen u. a. genetische Faktoren den Verlauf des Alterns (Witt, 2017, S. 3). Außerdem kommt es mit steigendem Alter zu einer zunehmenden Feminisierung, da Frauen eine höhere Lebenserwartung als Männer aufweisen, sowie zu einer zunehmenden Singularisierung (Kolb, 1999, S. 52).

3.4 Bedürfnisse

„Das Interesse an Sport - d.h. sowohl an seiner aktiven Ausübung als auch an seinem ‚Konsum‘ als Zuschauer - geht mit zunehmendem Alter deutlich zurück.“ (Pache, 2009, S. 398), obwohl überwiegend positive Auswirkungen mit dem Sporttreiben verbunden werden. So erwarten Ältere, von sportlicher Aktivität, vor allem positive Einflüsse auf die Gesundheit, sowie Spaß und Abwechslung vom Alltag. Aufgrund z. B. von fehlendem Interesse oder gesundheitlichen Problemen treiben viele ältere Erwachsene trotzdem kein Sport (Pache, 2009). Andere Werte wie die Familie, die Natur oder Freunde stehen für sie eher im Vordergrund. Allerdings wandelt sich die Bedeutung bestimmter Themen mit zunehmendem Alter, dies kann anhand der folgenden Tabelle beobachtet werden.

Tab. 2: Zentrale Entwicklungsthemen in unterschiedlichen Altersabschnitten (nach Güllich & Krüger, 2013, S. 324)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Laufe des Lebens verschieben sich die Bedeutungen verschiedener Entwicklungsthemen, abhängig von Veränderungen der Lebenssituation, der sozialen Rolle, der Entwicklungsaufgaben und -möglichkeiten. Im Alter rückt das Thema Gesundheit in den Vordergrund, über das sich jüngere Menschen in der Regel noch keine Gedanken machen, da sie in diesem Zeitraum meist als selbstverständlich angesehen wird. Das Thema Gesundheit dringt in das Bewusstsein des alternden Menschen hervor, während der Körper sich durch verschiedene Abbauprozesse verändert und gewisse Defizite entstehen (nach Güllich & Krüger, 2013, S. 324). In der Altersklasse der 54-65-jährigen, also in der Lebensphase des späten mittleren Alters, taucht die Gesundheit erstmals auf und steht an zweiter Stelle nach der Familie. Diese Phase ist gekennzeichnet durch eine verstärkte motorische Leistungsminderung, ebenso wie die Phase des Alters. Erst mit dem Einsetzen einer ausgeprägten motorischen Leistungsminderung ab 85 Jahren, gilt die Gesundheit als wichtigstes Entwicklungsthema des Menschen (vgl. Tab. 1 & Tab. 2).

4. Grundzüge der Sportgeragogik

„Das Leben im Alter ist vielmehr Ergebnis eines lebenslangen, komplexen, äußerst individuellen und durch die handelnden Menschen selbst mitgestalteten Prozesses, dem man durch allgemeine Empfehlungen, wie z. B. dem Ratschlag regelmäßige Bewegungsaktivitäten aufzunehmen, keinesfalls gerecht werden kann.“ (Kolb, 1999, S. 259). Dies verdeutlicht die Grundannahme der Sportgeragogik, i. S. eines anthropologischen Menschenbilds, dass der Mensch lebenslang für sich selbst verantwortlich ist, sich weiterzuentwickeln, neues zu lernen und bestehende Fähigkeiten zu erhalten. Die Sportgeragogik stellt sich deshalb die Frage, was eine Bewegungsbildung für eine erfolgreiche Gestaltung des weiteren Lebens beisteuern kann. Um nicht nur einfache Empfehlungen an die Menschen richten zu müssen (Pache, 2009).

4.1 Ansätze

Grundlegend werden in der Sportgeragogik zwei Ansätze unterschieden: der kompensatorisch-gerontologische Ansatz und der bildungsorientierte-pädagogischer Ansatz. Der erste Ansatz zielt darauf ab, Ältere durch körperliches Training zu unterstützen, in dem der Leistungsabfall durch Inaktivität vermieden wird und ein bestimmtes Leistungsniveau erhalten werden soll. Der bildungsbezogene und pädagogisch orientierte Ansatz dagegen, soll Bildungs- und Öffnungsprozesse anstoßen, damit sich die Älteren mit ihrem Altern auseinandersetzen, lernen mit unvermeidlichen Defiziten umzugehen, sich der Herausforderung ihres alternden Körpers stellen und diesen akzeptieren lernen (Kolb, 1999).

4.2 Aufgaben

Sport und Alter werden häufig nicht miteinander in Verbindung gebracht. So wird das Alter „mit Verfall, Krankheit, Einschränkung der Leistungsfähigkeit, Einsamkeit und Unselbstständigkeit“ (Kolb, 1999, S. 156), sowie mit „Ruhe und Inaktivität assoziiert“ (Pache, 2009, S. 296). Sport dagegen werden die Attribute Leistung, Erfolg, Konkurrenz und Jugendlichkeit zugeschrieben. Primäre Aufgabe der Sportgeragogik ist somit, den Sport und das Alter miteinander zu vereinen und Kompromisse zu schaffen (Kolb, 1999, S. 156f). Dabei sollen die Älteren entscheiden, welche Ziele sie bei der Teilnahme an Bewegungsprogrammen verfolgen wollen (Pache, 2009, S. 401). Bestimmte Bewegungsaktivitäten sollen helfen, Öffnungs- und Bildungsprozesse anzustoßen (Kolb, 1999, S. 260 & Kolb, 2001, S. 199). Zu den weiteren Aufgaben zählen: über Sport und Bewegung informieren, Angebote schaffen, versuchen Abbauprozesse die der Inaktivität zugrunde liegen zu vermeiden, helfen altersbedingte Einschränkungen zu akzeptieren und Ältere dabei zu unterstützen mögliche Effekte von Aktivität auf die Leistungsfähigkeit realistisch einzuschätzen (Pache, 2009).

5. Erfolgreiches Altern

5.1 Theorien

Erfolgreiches Altern wird bereits 1963 von Havighurst als „Zustand der inneren Zufriedenheit und des Glücks sowohl rückblickend als auch aktuell [beschrieben]. Soziale Kontakte, Gesundheit und positive Verarbeitung von Lebensereignissen stellen wichtige Einflussfaktoren dar“ (LandesSportBund Nordrhein-Westfalen e.V. et al., 2004, S.20). Während Havighurst auf die subjektive Beurteilung des Alterns eingeht, wird er später ergänzt durch die Funktionsfähigkeit, also die physische und psychische Gesundheit und die Selbstständigkeit (LandesSportBund Nordrhein-Westfalen e.V. et al., 2004).

Zum Prozess des erfolgreichen Alterns gibt es verschiedene Theorien, um einen Endzustand, wie von Havighurst beschrieben, zu erreichen. Lange Zeit wurde das Altern durch die Defizittheorie beschrieben, kurz gesagt, bedeutet Alter hierbei Abbau und Verlust. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelang es diese Theorie abzulösen und sich an Fragestellungen nach „Grundlagen und Möglichkeiten eines erfolgreichen (optimalen) Alterns mit einem hohen Maß an (subjektiver) Lebenszufriedenheit“ (Denk, 2003a, S.60) zu orientieren. Bekannte Theorien dieser Vorgehensweise sind zum einen die Aktivitätstheorie, als auch die Engagement-Theorie. Die Aktivitätstheorie nach Tartler aus dem Jahr 1961 sieht als Voraussetzung für ein erfolgreiches Altern ein ungemindertes Aktivitätsniveau. Gerade soziale Kontakte sollen also auch nach dem Austritt aus dem Berufsleben gepflegt werden und bisherige Aktivitäten aufrechterhalten werden, um einer „Inaktivitäts-Atrophie“ (Denk, 2003a, S.60), aus der letztendlich Unzufriedenheit resultieren würde, vorzubeugen. Dieses Modell ähnelt sehr dem Disuse-Modell, was den Abbau nicht belasteter Organe beschreibt und funktioniert analog auf das Leben bezogen. Gegensätzlich dazu beschreiben Cumming und Henning, auch 1961, in ihrer Disengagement-Theorie, dass ein Rückzug von den sozialen Kontakten unvermeidbar und von Seiten der Älteren auch gewünscht sei, dementsprechend also wichtig für die Zufriedenheit. Allerdings erfasst keines dieser oder anderer Modelle das erfolgreiche Altern zufriedenstellend, da Aspekte der Zufriedenheit in der Realität individuell stark variieren. So ist eine kurzzeitige Aktivität oder Inaktivität beispielsweise durch biographische Einflüsse nicht vermeidbar und willentlich nicht beeinflussbar oder entscheidend für Zufriedenheit. Dementsprechend sollten generalisierende theoretische Konzepte kritisch betrachtet werden und stattdessen interindividuelle Differenzen berücksichtigt werden. Eine subjektivere Theorie ist die „kognitive Theorie der Anpassung“ (Denk, 2003a, S. 61) nach Thomae aus den Jahren 1970 und 1996. Thomae sieht Kognitionen als das Entscheidende Kriterium für Wohlbefinden. „Unter Kognitionen werden alle Denk- und Wahrnehmungsvorgänge und deren mentale Ergebnisse (Wissen, Einstellungen, Überzeugungen, Erwartungen) verstanden“ (psychomeda.de, 2017). Motivation und Verhalten sind also mehr von subjektiv erlebten Veränderungen geprägt als von der objektiven Realität. Der Mensch ist dann zufrieden, wenn ein Gleichgewicht zwischen den Bedürfnissen und der Motivation des Individuums und der erlebten Realität besteht. Ein anderes eher subjektiv anwendbares Modell ist das SOK-Modell von Baltes und Baltes, die das erfolgreiche Altern als einen „Vorgang selektiver Optimierung und Kompensation“ (Denk, 2003a, S. 61) beschreiben. Trotz möglicher Anfälligkeiten im Alter oder verringerten Kapazitätsreserven kann man sich selbst entfalten, indem man sich auf wichtige Bereiche konzentriert und nicht so Wichtige aufgibt (Selektion). Damit werden verbliebene Fähigkeiten und Kompetenzen verbessert (Optimierung) und letztendlich gilt es die verlorengegangenen Ressourcen und Möglichkeiten zu kompensieren, ohne das eigentliche Ziel aufzugeben (Kompensation). Laut Baltes und Baltes ist also ein „dynamisches Zusammenspiel von Ressourcen und Kompetenzen (…) sowie externen und internen Anforderungen“ (Denk, 2003a, S.62) der Schlüssel für erfolgreiches Altern. Vorteilhaft an diesem Modell ist, dass die Merkmale des Modells theoretisch universell sind, in der Umsetzung aber individuell und variabel. Allerdings kann man an allen Theorien und Modellen immer noch kritisieren, dass sie nur schwer operationalisierbare Begriffe verwenden, wie Lebenszufriedenheit und Wohlbefinden, und außerdem ein überzogen optimistisches Altersbild verbreiten, denn ein vollkommen zufriedenes Dasein ist wohl in allen Altersstufen schwierig zu erreichen.

Um wieder zurück zu Havighursts Definition zu kommen und die dort genannten Aspekte zu erreichen oder sie als Ziel zu sehen, sollten im Allgemeinen folgende 4 Kompetenzen im Alter beherrscht werden. Die kognitive und motorische Kompetenz sollte trainiert werden, da sie wichtig für die Befindlichkeit, Alltagskompetenz und die selbstständige Lebensführung sind. Ergänzend dazu gibt es die soziale und emotionale Komponente für den sicheren Umgang mit globalen und situationsspezifischen Belastungen und zusätzlich bei der Emotion die Herstellung eines inneren Gleichgewichts. Bei diesen Komponenten kann man den Ansatzpunkt des Alterssports sehen, der vor allem die motorische Kompetenz schult, aber durchaus auch im sozialen, kognitiven und emotionalen Bereich wirksam wird (Denk, 2003a).

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Was ist Sportgeragogik? Aspekte, Ziele sowie verschiedene Modelle
Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)  (Institut für Sport und Sportwissenschaften)
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
26
Katalognummer
V975100
ISBN (eBook)
9783346320025
ISBN (Buch)
9783346320032
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sportgeragogik, aspekte, ziele, modelle
Arbeit zitieren
Michèle Arndt (Autor:in), 2020, Was ist Sportgeragogik? Aspekte, Ziele sowie verschiedene Modelle, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/975100

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