Welche Kriterien gibt es im Berufsfeld der Unterbringung und Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in stationären Wohngruppen?
Sich der Betreuung und Versorgung dieser besonders verletzlichen Personengruppe anzunehmen ist eine Aufgabe, die mitunter in den Bereich der sozialen Arbeit fällt. Daher ist der Text dem Umgang der deutschen Kinder- und Jugendhilfe mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen (umF) gewidmet. Außerdem soll er den LeserInnen Einblicke in das Berufsfeld der Betreuung ermöglichen.
Der Autor will zudem, mit Blick auf seinen zukünftigen Einstieg in den Arbeitsalltag stationärer umF-Wohngruppen, Chancen und Handlungsempfehlungen für eben dieses Gebiet untersuchen. Während verschiedener Aushilfsjobs wurden außerdem auch schon selbst Erfahrungen mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen gesammelt. Die häufigste Tätigkeit in diesem Bereich war die Haus-aufgaben-Nachhilfe mit umF während des Studiums. Dabei entstand bereits ein bleibender Eindruck von der Lebenswelt, in der sich die Kinder und Jugendlichen befinden, und von dem außerordentlichen Schutz- und Unterstützungsbedarf, der damit einhergeht. Die Nachhilfestunden, die jeweils in den stationären umF-Wohngruppen stattfanden, führten zum Kontakt mit dem dortigen Betreuungspersonal und somit auch zu einem ersten Einblick in das Berufsfeld. Im Zuge dieser Erfahrungen entwickelte sich bei dem Autor dieser Erfahrungen der Wunsch, später selbst in diesem Bereich zu arbeiten. Da das Studium Berufsanfänger nur bis zu einem gewissen Punkt auf die Arbeitswelt vorbereiten kann, sollte diese Bachelor-Thesis als Chance genutzt werden, sich bereits auf den Berufseinstieg vorzubereiten. Die Überlegung zu Beginn war, Besonderheiten des Berufsfeldes der Betreuung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge herauszuarbeiten. Interessant erschienen dabei zunächst die Herausforderungen des Betreuungsalltags. Aus der Nachhilfe-Zeit war dem Autor jedoch bereits bekannt, dass auch das Thema Aufenthaltssicherung kein geringes in den Wohngruppen darstellte. Auch in welchem Ausmaß die gesetzliche Rahmung Vorgaben im Gebiet der stationären Betreuung von umF macht, schien ein relevanter Punkt zu sein.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge
2.1. Begriffsdiskussion
2.2. Besondere Eigenschaften
2.2.1. Fluchterfahrungen
2.2.2. Traumatisierungsprozesse
2.3. Statistische Entwicklungen in Deutschland
3. Relevante Gesetze für die Arbeit mit umF
3.1. Arten der Aufenthaltssicherung in Deutschland
3.2. Kinder- und Jugendhilfe (SGB VIII)
3.2.1. Inobhutnahme und Vormundschaft
3.2.2. Hilfe zur Erziehung
4. Anforderungen an die Unterbringung und Betreuung von umF
4.1. Unterbringung in einer stationären Wohnform in Hessen
4.2. Betreuung durch pädagogische Fachkräfte
5. Empirischer Teil
5.1. Methodische Vorüberlegungen
5.2. Portrait der Einrichtungen
5.3. Hintergrund der Befragten im Kontext der Fragestellung
5.4. Durchführung der Interviews
5.4.1. Kontaktierung der Befragten
5.4.2. Verlauf der Befragungen
5.5. Auswertung mit der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring
5.6. Darstellung der Ergebnisse
5.6.1. Interview 1
5.6.2. Interview 2
5.7. Interpretation der Ergebnisse
6. Zusammenfassung / Fazit / Handlungsempfehlungen
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Kriterien, die im Berufsfeld der Unterbringung und Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in stationären Wohngruppen in Hessen eine zentrale Rolle spielen, wobei die Forschungsfrage darauf abzielt, die Anforderungen an das Betreuungspersonal sowie die rechtlich-organisatorischen Rahmenbedingungen zu beleuchten.
- Analyse der rechtlichen Rahmenbedingungen der Kinder- und Jugendhilfe
- Untersuchung der Anforderungen an die Unterbringung und Betreuung
- Erforschung der Arbeitsbedingungen aus Sicht des Betreuungspersonals
- Identifikation von Herausforderungen bei der Integration und Traumabewältigung
- Ableitung von Handlungsempfehlungen für die stationäre Arbeit
Auszug aus dem Buch
2.2.1. Fluchterfahrungen
Wegen verschiedener Erlebnisse während oder vor der Flucht haben geflüchtete Menschen oft ein besonderes Schutzbedürfnis, auch noch nach ihrer Flucht und der Ankunft im Aufnahmeland. Brigitte Hargasser stellt diesbezüglich die besondere Vulnerabilität, also die Verletzlichkeit und daraus resultierende Schutzbedürftigkeit von unbegleiteten Minderjährigen mit Fluchthintergrund heraus (vgl. Hargasser 2016: 85). Dazu tragen vor allem Erfahrungen im Herkunftsland bei. Häufige Erlebnisse dabei sind nach Hargasser der „Tod von Familienangehörigen, Bedrohung und Verfolgung, direkte und indirekte Kriegserlebnisse, Menschenhandel, [das] Leben im Verborgenen [und das] Erleben oder Zeuge sein von Gewalt, Erfahrungen sexueller Gewalt [oder] Inhaftierung“ (Hargasser 2016: 87). Hauptfluchtursache für Menschen aus den Ländern Syrien und Irak ist beispielsweise der dortige Bürgerkrieg zwischen verschiedenen bewaffneten Gruppierungen (zum Beispiel dem Islamischen Staat) und den dortigen Regierungstruppen (vgl. Wieland 2017 und Rhode 2018). Allgemein sind häufige Fluchtgründe nach Hargasser oftmals die religiöse oder ethnische Zugehörigkeit, das Geschlecht, Missbrauch (in oder außerhalb der Familie), Armutsverhältnisse, Zwangsrekrutierung, -arbeit oder -heirat, Sklaverei, Folter, Krankheit oder das Bedürfnis nach Bildung (vgl. Ayotte 2002: 13, 25f zit. nach Hargasser 2016: 88). Allerdings gebe es auch Minderjährige, die ihre Ausreise bereits vor dem Beginn kriegerischer Handlungen oder anderer Ereignisse antreten und daher zumindest vor diesen Erfahrungen verschont bleiben (vgl. Hargasser 2016: 86). Dennoch kann das Leben in einem Land, in dem eine Bedrohung durch Verfolgung oder Krieg besteht, sowie die Auflösung der gewohnten Strukturen eine große Belastung darstellen (vgl. ebd.). Gemeinhin sei „der Verlust des Gefühls von Sicherheit, Vertrautheit, Vertrauen in sich selbst und andere“ (Hargasser 2016: 86) länderübergreifend für geflüchtete Menschen eine gemeinsame Folge.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert die aktuelle weltweite Fluchtsituation und den spezifischen Schutzbedarf von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen im Kontext der deutschen Kinder- und Jugendhilfe.
2. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge: Dieses Kapitel definiert die Zielgruppe, erörtert Fluchtursachen sowie Traumatisierungsprozesse und analysiert statistische Entwicklungen in Deutschland.
3. Relevante Gesetze für die Arbeit mit umF: Es werden die internationalen sowie nationalen rechtlichen Rahmenbedingungen, inklusive des SGB VIII und des Aufenthaltsrechts, detailliert dargelegt.
4. Anforderungen an die Unterbringung und Betreuung von umF: Hier werden Standards für stationäre Einrichtungen in Hessen sowie notwendige pädagogische Fachkompetenzen für das Betreuungspersonal beschrieben.
5. Empirischer Teil: Der empirische Teil beschreibt die methodische Vorgehensweise, die Durchführung und Auswertung von Experteninterviews mit Fachkräften der Jugendhilfe.
6. Zusammenfassung / Fazit / Handlungsempfehlungen: Abschließend werden die zentralen Ergebnisse der theoretischen und empirischen Forschung synthetisiert und Handlungsempfehlungen für die Praxis abgeleitet.
Schlüsselwörter
Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, Kinder- und Jugendhilfe, SGB VIII, Stationäre Unterbringung, Betreuung, Traumapädagogik, Aufenthaltssicherung, Inobhutnahme, Experteninterview, Qualitative Inhaltsanalyse, Integration, Jugendhilfe, Jugendwohngruppen, Flüchtlingsschutz, Hilfeplan
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Kriterien bei der Unterbringung und pädagogischen Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in stationären Einrichtungen in Hessen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen rechtliche Grundlagen (Aufenthaltsstatus, SGB VIII), pädagogische Standards, Herausforderungen im Betreuungsalltag und die Bedeutung von Traumatisierungsprozessen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit verfolgt die Forschungsfrage: „Welche Kriterien gibt es im Berufsfeld der Unterbringung und Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in stationären Wohngruppen?“
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Zur Beantwortung der Forschungsfrage wurde eine qualitative Sozialforschung durchgeführt, konkret leitfaden-gestützte Experteninterviews, die nach der Methode von Philipp Mayring ausgewertet wurden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung zu gesetzlichen Rahmenbedingungen und Betreuungsanforderungen sowie eine empirische Untersuchung, die Praxiseinblicke in den Alltag der Einrichtungen gewährt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Schlagworte sind unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (umF), Kinder- und Jugendhilfe, stationäre Unterbringung, Aufenthaltssicherung, Traumapädagogik und Hilfeplanung.
Wie unterscheidet sich die Betreuung von der Standard-Jugendhilfe laut den Befragten?
Die Befragten heben insbesondere die Notwendigkeit von Rechtskompetenzen zur Aufenthaltssicherung, den Umgang mit sprachlichen Barrieren und die besondere Sensibilität gegenüber traumatisierten Jugendlichen hervor.
Warum ist die Zusammenarbeit mit externen Instanzen so wichtig?
Die enge Kooperation mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie, dem Jugendamt und anderen Unterstützungsnetzwerken ist essenziell, da die stationären Einrichtungen selbst keine therapeutische Behandlung leisten können.
- Citation du texte
- Jonas Becker (Auteur), 2019, Kriterien bei der Unterbringung und Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/975127