Verlust von Metaphysik, Existenzverneinung und Konventionsbruch

Untersuchung zentraler Merkmale in Gottfried Benns Frühwerk in "Unter der Großhirnrinde. Briefe vom Meer" und "Schöne Jugend"


Hausarbeit, 2018

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vom Urschlamm zum erkennenden Menschen - Das Dilemma des Verschuldungsprozess: Unter der Großhirnrinde. Briefe vom Meer
2.1 Geschichtsdeutung und Gegenwartsdiagnose
2.2 Nihilistische Weltanschauung

3. Zwischen zynischer Destruktion und ästhetischer Komposition: Schöne Jugend
3.1 Zurschaustellung medizinischen Wissens oder Ausdruck von ästhetischem Anspruch?
3.2 Was ist der Mensch? - Dehumanisierung und Destruktion des christlichen Menschenbildes

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis
5.1 Textgrundlage
5.2 Forschungsliteratur

1. Einleitung

„Kälte des Denkens, Nüchternheit, letzte Schärfe des Begriffs, Bereithalten von Belegen für jedes Urteil, unerbittliche Kritik, Selbstkritik, mit einem Wort die schöpferische Seite des Objektiven“1

Mit diesen Worten beschreibt Gottfried Benn die Auswirkungen des Medizin­studiums an der Kaiser Wilhelms-Akademie auf seine Denkweise und betont somit die essentielle Rolle der Wissenschaften für seine Entwicklung und seine Existenz. Die Zuordnung einer erschaffenden Kraft zu dem Objektivis­mus der Medizin kann als „ästhetische Überformung von Prinzipien positivis­tischer Wissenschaft“2 gedeutet werden. Demnach verdeutlicht die Phrase die innovative Kombination von künstlerischer Ästhetik und objektiver Wis­senschaft, die Gottfried Benns Werk ausmacht.

Ein weiterer Aspekt, der in diese Kombination mit hinein spielt, ist der Ein­fluss des protestantischen Glaubens, auf Grund dessen Benn sich bereits in jungen Jahren mit spirituellen Dimensionen und schließlich mit dem Nihilis­mus auseinandersetzte.3 Die Verbindung jenes Einflusses mit der medizinis­chen Ausbildung führen dazu, dass Benns Frühwerk sich durch eine anthro­pologische Reflexion vor dem Hintergrund der Wissenschaft auszeichnet.

Die Bereiche Ästhetik, Medizin und Religion erscheinen dennoch gegenteilig, weshalb sich die Frage stellt, inwiefern sie sich in Benns Schaffen vereinen lassen, und, ob jenes komplexe Zusammenspiel ungleicher Pole das Werk dominiert. Um diesen Aspekten nachzugehen soll im folgenden Gottfried Benns Frühwerk hinsichtlich seiner zentralen Merkmale untersucht werden. In Unter der Großhirnrinde. Briefe vom Meer lässt sich vor allem Benns ni­hilistische Weltanschauung erkennen, die sich durch eine Analyse der detail­lierten Geschichts- und Gegenwartsdiagnose herauskristallisieren lässt. An­schließend soll anhand des Gedichts Schöne Jugend herausgearbeitet wer­den, ob es sich bei den Morgue- Gedichten vorrangig um eine ästhetisierende Komposition oder um eine zynische Abbildung der pathologischen Realität handelt. Schließlich soll die destruktive Darstellung des Menschen auf ihre Details untersucht werden, woraufhin eine Zusammenfassung der Ergeb­nisse folgt.

2. Vom Urschlamm zum erkennenden Menschen - Das Dilemma des Ver­schuldungsprozesses: Unter der Großhirnrinde. Briefe vom Meer

„Hast du mal gesehen, wie Affen Aepfel fressen? So knabbernd, so schlüpfrig - lutschend. So hatte ich zuletzt immer das Gefühl, als fräße mein Intellekt mein Gehirn auf; [...] “4 Mit dieser Metapher beschreibt ein Arzt, der sich in einer Sinnkrise zu befinden scheint, in dem 1911 entstandenen Werk Unter der Großhirnrinde. Briefe vom Meer seinen von der Wissenschaft bedingten erschöpfenden geistigen Zustand. Das vom Erzähler beschriebene Gefühl ist der Grund für einen Fluchtversuch in ein am Meer gelegenes Kloster in Ital­ien, in welchem er in einem tagebuchartigem Brief über seine individuelle Ex­istenz, die Voraussetzungen des Erkennens, die menschliche Seele und die Grenzen der Wissenschaft reflektiert.4 5 Entsprechend des Zeitraums der Entstehung des Werkes, in welchem erhebliche Fortschritte in der Hirnphysi­ologie erzielt wurden, ist es dieses Gebiet der Wissenschaft, welches den Briefeschreiber am intensivsten beschäftigt.

2.1 Geschichtsdeutung und Gegenwartsdiagnose

Im Verlauf des Briefes sind immer wieder Anmerkungen und Reflexionen über die Menschheitsgeschichte aufzufinden, deren Gesamtheit eine gedankliche Reise von den positiv dargestellten Anfängen irdischen Seins bis hin zu der negativ empfundenen Gegenwart darstellt.

Diese Reise entsteht dem Erzähler zufolge aus seiner „Müdigkeit und Sehn­sucht“6 7 nach einem unbekümmerten, natürlichem Leben und wird in einem Zustand des „pflanzenhaften Dämmer[s]“7 erlebt. Jene Beschreibung des Befindens des Arztes verdeutlicht, dass es der Urzustand der Natur ist, der eine beruhigende Wirkung auf diesen ausübt und ihm eine gedankliche, zeitlich begrenze Flucht vor der erschöpfenden Gegenwart ermöglicht. Der Erzähler scheint sich vor allem nach der Einfachheit der Anfänge irdischen Lebens zu sehnen: „Es ist so schön zu denken, daß wir mal im Laube gewohnt und uns in Erdlöchern gewärmt haben.“8. Diese Sehnsucht scheint durch die Präsenz des Meeres zeitweise gemildert zu werden, da jenes ein Symbol für den Ursprung des Lebens und für die Entstehung der Artenvielfalt ist. Somit assoziiert der Erzähler das Meer, speziell das kambrische Meer, mit den Anfängen irdischen Seins. Demnach ähnelt eine Flucht an das Meer für den durch die Komplikationen der Gegenwart erdrückten Briefeschreiber einer Flucht in ein ursprüngliches und unkompliziertes Leben.

Doch weshalb äußert der Erzähler in einem „resigniert-melancholischem Ton“9 stetig vergebliche Regressionswünsche? Was ist sein Anhaltspunkt für die These, dass das Dasein im Ursprung einfacher und lebenswerter als das heutige sei?

Die Antwort auf diese Frage und damit die Ursache des menschlichen Ver­schuldungsprozesses ist nach dem Briefeschreiber das Ausbrechen eines unersättlichen, die Welt verseuchenden, herrschsüchtigen Tieres.10 Dieses Tier ist der erkennende Mensch, welcher die Wissenschaften und ihre Erkenntnisse nutzt, um alles irdische Sein zu hinterfragen und erklärbar zu machen. Bevor der Mensch sich selbst zum Maßstab allen Wissens erhob, sei es Gott gewesen, der „den Eingang und den Ausgang aller Wis­senschaften segnete.“11 und der Glauben an seine Allmächtigkeit, der ein unbekümmertes Leben ermöglichte. Die damaligen Erkenntnisse wurden somit nur dann akzeptiert und anerkannt, wenn sie mit dem Welt- und Men­schenbild der Gläubigen vereinbar waren, wodurch moralische Konflikte vermieden wurden. Im Gegensatz dazu nimmt der erkennende Mensch keine Rücksicht auf bestehende Ordnungen und Weltanschauungen und streut sein Wissen und seine Skepsis in der gesamten Welt. Aus diesem Grund sieht der Briefeschreiber die Wissenschaft als Seuche und den Naturforscher als Schuldigen an. Auffällig ist, dass der Arzt selbst Protagonist des Ver­schuldungsprozesses der Wissenschaft ist und sich eingesteht, dass er dieser, ohne es zu merken, die meiste Zeit seines Lebens folgte.12 Während seiner Reflexionen über die Schuld der Naturforscher wird ihm bewusst, dass das genauste Analysieren und Hinterfragen der Erde schließlich zu ihrer Er­stickung und ihrem Tod13 führt, wodurch der Vergleich der Wissenschaft mit einer Seuche an Geltung gewinnt.

Die Metapher der Seuche mag dennoch zunächst befremdlich erscheinen, lässt sich aber ebenfalls durch Aussagen des Erzählers über die Auswirkun­gen der Forschung auf seinen seelischen Zustand erklären. Er ist der Mein­ung, dass es vor den Diskursen der Wissenschaft kein Entkommen, „keine Rettung vor diesen hungrigen Wölfen“14, gibt und wird dadurch „Tag und Nacht“15 von Fragen gequält. Die Wissenschaft übt auf ihn einen gewissen Zwang zum Denken und zur Rationalität16 aus und wirkt sich negativ auf seine seelische Verfassung aus. Die direkten Folgen des intensiven Nach­denkens über Diskurse der Hirnforschung, mit denen er sich „eingeschmutzt“17 und „durchseucht“18 hat, sind einerseits ein Krankheits­und Erstickungsgefühl und andererseits das Gefangensein im ewigen Kreis­lauf der erschöpfenden und ermüdenden Erkenntnissuche.

Dieses Festhalten an den wissenschaftlichen Reflexionen wird mit der Meta­pher „Ich habe das ganze Zeug ausspeien wollen, aber es blieb mir am Gaumen kleben.“19 verdeutlicht und zeigt sich ebenfalls in dem gedanklichen Experiment, welches der Arzt in seinem Brief aufführt. Es handelt sich hierbei um ein Experiment am menschlichen Gehirn, welchem Verletzungen, die sich auf die Motorik des Probanden auswirken, zugeführt werden. Diese Aus­führung des Erzählers zeigt, dass das Werk vor dem Hintergrund der damals aktuellen Hirnforschung entstand, welche zu jenem Zeitpunkt neue Erkennt­nisse über den schichtartigen Aufbau der Großhirnrinde und die Lokalisation von Funktionszentren20 hervorbrachte. Auch die Kritik an den Experimenten an lebenden Hunden, welche zu Anfang des 20. Jahrhunderts im Rahmen der Hirnforschung stattfanden,21 zeigen den direkten Bezug des Werkes zu dem neusten Stand der Wissenschaft.

Die Reflexion über die Verbindung von Gehirn und Körper zeigt zum einen eine gewisse „Faszination für die anatomische Erforschung lokaler Hirnareale“22 seitens des Erzählers und des Autors und offenbart anderer­seits negative Auswirkungen, die die Wissenschaft auf den Erzähler hat.

Das Gedankenexperiment veranschaulicht die organische Abhängigkeit und Determination des Menschen durch sein Gehirn,23 dessen leichte Verletzung drastische Folgen für den Körper und die Seele haben kann. Die Verwen­dung einer Gabel anstelle eines Sektionsinstruments verdeutlicht wie einfach verwundbar der Mensch in seiner Existenz ist.24 Auch thematisiert das Gedankenexperiment nach Schonlau das Leib-Seele-Problem,25 welches die seit der Antike untersuchte Beziehung zwischen der Seele und dem Gehirn analysiert. Im 18. Jahrhundert gelangte man zu der Erkenntnis, dass geistig­seelische Fähigkeiten durch das Gehirn bedingt sind und ordnete die Seele daher dem Bereich der Naturwissenschaft zu.26 Folglich wurde am Anfang des 20. Jahrhunderts das Gehirn als Organ der Persönlichkeit in Frage gestellt und nicht mehr als Verkörperung der Individualität gesehen. Auch wächst aus dieser Komplexität ein Krisenverhältnis zwischen Gehirn und In­tellekt,27 deren Konkurrenz der Erzähler mit der Affen-Metapher darzustellen versucht. Deutlich wird an dieser Stelle, dass der Intellekt, welcher sich fort­laufend mit den Fragen der Wissenschaft beschäftigt, als Zerstörer des Gehirns und damit der Seele des Briefeschreibers fungiert. Auch beschreibt der Erzähler jenen Vorgang mit den Worten „So hatte ich zuletzt immer das Gefühl, als fräße mein Intellekt mein Gehirn auf; von unten rauf, sachte es aushölend; ich sah manchmal förmlich die äußerste Rinde sich nach oben biegen, weil unten schon alles wort­geschaufelt war.“28.

Diese Beschreibung des geistigen Zustandes des Arztes ähnelt medizinis­chen Vorgängen der Hirnsektion und zeigt somit, dass der Erzähler sich nicht nur von seinem Intellekt, sondern ebenfalls von der Vorgehensweise seiner eigenen Wissenschaft,29 der Medizin, bedroht und hintergangen fühlt und sich somit in einem Konflikt mit sich selbst befindet. Dieser Konflikt geht so weit, dass er den Generationen von Wissenschaftlern, denen er angehört, die „Feindschaft“30 erklärt und sich schließlich von ihnen und somit von einer seiner Identitäten abkehrt.

Folglich lässt sich festhalten, dass durch das Konkurrenzgefühl von Gehirn und Intellekt sowie der Nichtidentifikation von Persönlichkeit und Gehirn ein unaufhaltsamer Prozess der Selbstverfremdung eintritt. Diese Selbstver­fremdung wird ebenfalls in dem Gedankenexperiment beschrieben, in welchem die Motorik des Probanden so stark beeinflusst wird, dass er nicht mehr Herr über seine eigenen Handlungen ist. Auch an dieser Stelle ist ein Bezug zu der zeitgenössischen Hirnforschung, welche eine Differenzierung der sensomotorischen Störungen31 hervorbrachte, festzustellen.

Die Selbstverfremdung und die Bewusstseinskrise des Erzählers zeigen sich nicht nur in seiner lebhaften und detaillierten Beschreibung der Intellekt­Gehirn-Konkurrenz, sondern auch in seiner Selbstwahrnehmung. Resigniert stellt er fest, er sei „etwas Mürbes, Verteiltes, Zusammenhangloses. Ohne das Gefühl irgend einer Kontinuität.“32 und zeigt damit die Auswirkungen der Wissenschaft auf seinen seelischen Zustand und auf seine Weltanschauung.

[...]


1 Benn: Sämtliche Werke, 162.

2 Hanna / Reents: Benn Handbuch, 9.

3 Vgl. ebd., 5.

4 Benn: Sämtliche Werke, 355.

5 Vgl. Kapraun: Literatur und Wissen, 85.

6 Benn: Sämtliche Werke, 356.

7 Ebd.

8 Benn: Sämtliche Werke, 356.

9 Gann: Gehirn und Züchtung, 50

10 Vgl. Benn: Sämtliche Werke, 359.

11 Ebd.

12 Vgl. ebd., 360.

13 Vgl. Benn: Sämtliche Werke, 360.

14 Ebd., 356.

15 Ebd.

16 Vgl. Gann: Gehirn und Züchtung, 50.

17 Benn: Sämtliche Werke, 357.

18 Ebd.

19 Ebd.

20 Vgl. Schonlau: Das (Groß-)Hirn in der Krise, 59.

21 Vgl. ebd.

22 Hanna / Reents: Benn Handbuch, 60.

23 Vgl. Schonlau: Das (Groß-)Hirn in der Krise, 59.

24 Vgl. ebd., 59.

25 Vgl. ebd., 52.

26 Vgl. ebd.

27 Vgl. ebd., 58.

28 Benn: Sämtliche Werke, 355.

29 Vgl. Schonlau: Das (Groß-)Hirn in der Krise, 59.

30 Benn: Sämtliche Werke, 359.

31 Vgl. Schonlau: Das (Groß-)Hirn in der Krise, 60.

32 Benn: Sämtliche Werke, 360.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Verlust von Metaphysik, Existenzverneinung und Konventionsbruch
Untertitel
Untersuchung zentraler Merkmale in Gottfried Benns Frühwerk in "Unter der Großhirnrinde. Briefe vom Meer" und "Schöne Jugend"
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
18
Katalognummer
V975148
ISBN (eBook)
9783346320001
ISBN (Buch)
9783346320018
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gottfried Benn, Gedichte, Literaturwissenschaft, 20. Jahrhundert, Benn
Arbeit zitieren
Miriam Kohl (Autor), 2018, Verlust von Metaphysik, Existenzverneinung und Konventionsbruch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/975148

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Verlust von Metaphysik, Existenzverneinung und Konventionsbruch



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden