Untersuchungsgegenstand dieser Hausarbeit ist das Land Ober Ost und Ziel soll dabei sein, Ober Ost als Unterrichtsthema im Kontext der Kolonien des deutschen Imperialismus während des Endes des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg zu begründen. Als Ergebnis wird eine kleine Unterrichtsreihe als Vorschlag für eine lehrplankonforme Exkursion stehen.
Die Geschichte Deutschlands mit dem europäischen Osten reicht bis in das 12. Jahrhundert hinein. Denn in dieser Zeit begann der Deutsche Orden in mehreren Gegenden, in denen "Altpreußen, Litauer und Letten" lebten, mehrere Bestrebungen zur Ostkolonisation. Die Tatsache, dass Livland bis 1561 zum Deutschen Reich gehört haben soll, deutet auch auf einen relativen Erfolg bei diesen Bestrebungen hin und wurde ebenfalls häufig als eine Legitimationsgrundlage für nachfolgende Annexionsversuche verwendet. Somit scheint es umso verwunderlicher, dass sich der Geschichtsunterricht in Deutschland fast ausschließlich mit der Geschichte Zentral- und Westeuropas beschäftigt und viele wichtige Ereignisse rund um Osteuropa vernachlässigt.
Begonnen wird hier mit einer Überblicksdarstellung zu Ober Ost und seiner Funktion für Deutschland im Ersten Weltkrieg. Besonders im Fokus stehen dabei die militärische Verwaltung Ober Osts und warum deren Handlungen teilweise sehr widersprüchlich waren und ebenso die Sicht der Deutschen auf die Einheimischen in Ober Ost und welcher Umgang daraus resultierte. Aus diesen Aspekten soll sich dann in der Gegenüberstellung zu den anderen Kolonien ergeben, inwiefern Ober Ost als Kolonie angesehen werden kann und warum dieses Thema ein Gegenstand unserer Schulbildung sein sollte. Im Anschluss wird dann anhand des Kerncurriculum für den Geschichtsunterricht der Sekundarstufe II in Hessen diese Begründung auf ihren Bestand geprüft und ein möglicher Zeitpunkt für die Durchführung des Themas vorgeschlagen. Im Anschluss soll aber dennoch ein Vorschlag für eine Unterrichtsreihe im Leistungskurs für die Jahrgangsstufe 11 erfolgen, der mitsamt skizzenhaften Unterrichtsverlaufsplan und Material vorgestellt wird. Über den inhaltlichen Wissenserwerb hinaus hat auch der Erwerb fachlicher Kompetenzen eine große Bedeutung. Diese Kompetenzen werden bei der Vorstellung der Unterrichtreihe ebenso zum Teil vorgestellt.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
1.1 Vorstellung des Themas und der Vorgehensweise
1.2 Aktueller Forschungsstand und verwendete Literatur
II. Die deutsche Militärverwaltung „Ober Ost“
2.1 Vom Bewegungskrieg zur Besetzung
2.2 Die Militärverwaltung und ihre Ziele für Ober Ost
2.3 Die Struktur der Militärverwaltung
III. Drei für den Unterricht interessante Aspekte
3.1 Die Probleme der Militärverwaltung Ober Ost
3.2 Die Sicht auf „Land und Leute“
3.3 Ober Ost – Kolonie oder nicht?
IV. Didaktische Aufbereitung des Themas „Ober Ost“
4.1 Zur Relevanz „Ober Osts“ für den Geschichtsunterricht
4.2 Verortung des Themas im Kerncurriculum
4.3 Eine mögliche Unterrichtsreihe für das Thema Ober Ost
V. Zusammenfassendes Fazit und mögliche Probleme
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das vergessene Besatzungsgebiet „Ober Ost“ im Ersten Weltkrieg als historisches Phänomen und erarbeitet ein didaktisches Konzept für den Geschichtsunterricht der gymnasialen Oberstufe, um das Thema multiperspektivisch und kompetenzorientiert zu erschließen.
- Militärische Verwaltungsstruktur und deren interne Problematik
- Die Wahrnehmung der Einheimischen aus deutscher Besatzungsperspektive
- Klassifizierung von Ober Ost als koloniales Projekt im Vergleich zu anderen deutschen Kolonien
- Didaktische Einbettung in das hessische Kerncurriculum und den Geschichtsunterricht
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Probleme der Militärverwaltung Ober Ost
Dass die Militärverwaltung und ihre Herrschaftsstruktur ein „preußisches Regiment auf fremden Boden“94 seien, bemerkte auch Abba Strazhas, der sich 1993 erstmals in seinem Werk „Deutsche Ostpolitik im Ersten Weltkrieg: der Fall Ober Ost“ mit Ober Ost beschäftigt hat, „nachdem er jahrelang an litauischen, russischen, deutschen und anderen Archivalien gearbeitet hat“95.
Man teilte wie gesagt in Kreise und Amtsbezirke ein, was auf den ersten Blick nach einer geordneten Struktur aussieht. Die Realität war jedoch zunächst, dass diese Einteilungen auf keiner richtigen Grundlage basierte und die Einheimischen ungewohnte Einteilungen hinnehmen mussten, die für Verwirrungen sorgten.96 Ebenso wurde man in diesen Gebieten stark überwacht, so musste man sich eine Erlaubnis aus dem Kreisamt entgeltpflichtig erwerben, wenn man über die Kreisgrenze musste - auch wenn dort nur eine Kirche stand, die man besuchen wollte.97
Diese Art von strengen Maßnahmen gegenüber den Einheimischen war in Ober Ost keine Ausnahme, sondern war Teil des kompletten Systems. So wurde Mitte 1916 aufgrund von Arbeitskräftemangel ein Gesetz erlassen, das alle erwachsenen Frauen und Männer bei Bedarf zur Arbeit gezwungen werden konnten98. Darüber hinaus mussten die Einheimischen neben den Steuern auch weitere Abgaben leiste. Bauern mussten sowohl Ernte als auch Vieh an die Requisitionen abgeben, da diese als „wichtigster Produktionszweig“ galt.99 Zunächst wurden diese Requisitionen willkürlich und brutal durchgeführt, sodass man als Bauer teilweise unter „vorgehaltenem Gewehr“ seine Güter weggenommen bekam.100 Dies wurde später etwas geordneter durch einen „Statistikwahn“, wie Liulevicius es nennt und dadurch wurden die Soll-Leistungen der Bauern errechnet.101
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Vorstellung des Themas Ober Ost und der Forschungsabsicht sowie Darlegung des aktuellen Forschungsstands und der methodischen Vorgehensweise.
II. Die deutsche Militärverwaltung „Ober Ost“: Analyse der historischen Genese des Gebiets, der Verwaltungsziele sowie der strukturellen Organisation und Abteilungseinteilung der Besatzungsverwaltung.
III. Drei für den Unterricht interessante Aspekte: Detaillierte Untersuchung der administrativen Probleme, der rassistisch geprägten Sichtweise der Besatzer auf die Bevölkerung und der Frage der kolonialen Kategorisierung von Ober Ost.
IV. Didaktische Aufbereitung des Themas „Ober Ost“: Begründung der Relevanz für den Geschichtsunterricht, Verortung im hessischen Kerncurriculum und Präsentation eines konkreten Unterrichtskonzepts.
V. Zusammenfassendes Fazit und mögliche Probleme: Reflexion über die Forschungslage, die praktischen Schwierigkeiten bei der Umsetzung im Schulalltag und das Potenzial des Themas.
Schlüsselwörter
Ober Ost, Erster Weltkrieg, Militärverwaltung, Besatzungspolitik, Geschichtsdidaktik, deutsche Ostpolitik, Kolonialismus, Osteuropaforschung, Zwangsarbeit, Requisitionen, Schulunterricht, Multiperspektivität, Imperialismus, Verwaltungsstruktur, Kompetenzorientierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit dem historischen Besatzungsgebiet „Ober Ost“ während des Ersten Weltkriegs und der Frage, wie dieses komplexe Thema didaktisch für den Geschichtsunterricht aufbereitet werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die deutsche Militärherrschaft, die Wahrnehmung der einheimischen Bevölkerung, die kolonialähnliche Ausbeutungspolitik sowie die Einordnung dieses Gebiets in den historischen Kontext des deutschen Imperialismus.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Relevanz von „Ober Ost“ als Unterrichtsthema zu begründen und eine methodisch fundierte Unterrichtsreihe für die gymnasiale Oberstufe zu entwerfen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor führt eine Literaturanalyse durch, wertet Primärquellen wie Berichte der Militärverwaltung und Kriegserinnerungen aus und verknüpft diese mit geschichtsdidaktischen Theorien zur Unterrichtsplanung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung und Struktur der Militärverwaltung, diskutiert Probleme wie Zwangsarbeit und Requisitionen sowie die rassistisch geprägten Vorurteile der deutschen Besatzer gegenüber den Völkern Osteuropas.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Ober Ost, Militärverwaltung, deutsche Ostpolitik, Kolonialismus, Didaktik, Zwangsarbeit und die Einordnung im Geschichtsunterricht.
Warum wird Ober Ost oft als „vergessene Kolonie“ bezeichnet?
Der Begriff spiegelt das wissenschaftliche und schulische Desinteresse an diesem Gebiet wider, obwohl die deutsche Verwaltung strukturelle und ideologische Ähnlichkeiten zu offiziellen deutschen Kolonialprojekten in Übersee aufwies.
Welche Rolle spielt das Kerncurriculum bei der Planung der Unterrichtsreihe?
Das Kerncurriculum liefert die verbindlichen Bildungsziele und Kompetenzanforderungen, an denen das Unterrichtskonzept ausgerichtet ist, um eine lehrplankonforme, aber inhaltlich ergänzende Exkursion zu ermöglichen.
- Citar trabajo
- Rico Göbel (Autor), 2020, Das Land Ober Ost als vergessene "Kolonie" des Deutschen Reichs im Ersten Weltkrieg. Eine didaktische Aufbereitung mit Unterrichtsentwurf, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/978165