Biografiearbeit mit dementiell erkrankten Senioren. Wie gelingt Erinnerungsarbeit trotz fortschreitendem Vergessen?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

19 Seiten, Note: 1,6


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definition „Biografie(-Arbeit)“
2.1 Alltägliche Biografiearbeit
2.2 Angeleitete Biografiearbeit

3 Definition „Demenz“

4 Innere und äußere Biografie

5 Erinnerungspflege
5.1 Gesprächsorientierte Erinnerungspflege
5.1.1 Das Gespräch
5.1.2 Schlüsselwörter
5.1.3 Non-Verbale Kommunikation
5.2 Aktivitätsorientierte Erinnerungspflege
5.2.1 Das Lebensbuch als Schlüssel
5.2.2 Musik als Schlüssel
5.2.3 Objekte als Schlüssel

6 Ziele der Biografiearbeit mit dementiell erkrankten Senioren
6.1 Lebensbilanz
6.2 Lebensbewältigung
6.3 Lebensplanung

7 Fazit

1 Einleitung

In dieser Hausarbeit werde ich mich mit der Bedeutung und den Möglichkeiten der Durchführung von Biografiearbeit mit dementiell erkrankten Senioren in der Pflege auseinandersetzen.

Aktuell sind bis zu 1,6 Millionen Menschen in Deutschland an Demenz erkrankt, bis zum Jahr 2050 wird sich diese Zahl voraussichtlich verdoppelt haben.1

Grund dafür ist die demografische Entwicklung einer immer älter werdenden Gesellschaft. Aufgrund der stark anwachsenden Anzahl der Bevölkerungsgruppe dementieller Kranken ist es wichtig zu wissen, wie man Erinnerungen und das Bewusstsein für die eigene Identität so lange wie möglich bewahrt.

Der Einsatz von Biografiearbeit als Teil der pädagogischen Arbeit ist vielfältig und „(…) auch im Pflegebereich wird die Bedeutung des biographischen Zugangs in wachsender Weise erkannt (…)“, und wird deshalb auch „(…) „biographische Pflege“ (…)“2 genannt.

Meine Überlegung, wie man nun Zugang zu der Lebensgeschichte von einem Menschen mit Demenz erhält, der zunehmend die Kontrolle über sein Denkvermögen verliert, hat mich zu der Fragestellung geführt: Wie gelingt Erinnerungsarbeit trotz fortschreitendem Vergessen?

Im Folgenden werde ich mich zuerst beiden zentralen Begriffen „Biografie“ und „Demenz“ annähern. Dann benenne ich Methoden der Biografiearbeit und werde diese auf die Erinnerungsarbeit festlegen, um die Bedeutung der Vergangenheit für Demenzkranke zu verdeutlichen. Anschließend gehe ich auf die Ziele der Biografiearbeit in der Pflege von dementiellen Kranken ein.

2 Definition „Biografie(-Arbeit)“

„Biografie“ bedeutet übersetzt „Die Lebensbeschreibung“.3 Durch sie erfährt man, wie ein Mensch sein Leben wahrnimmt und erlebt.

Die Erinnerung an die Vergangenheit ist der Grundstein, um eigene Verhaltensweisen, Angewohnheiten oder Ansichten auf das Leben erklären zu können.

Es ist unmöglich, sich an alles zu erinnern, was man im bisherigen Leben erlebt hat, das ist aber auch nicht nötig, denn „(…) Erinnerungen entstehen durch die besondere Bedeutung von Erfahrungen und Gefühlen“4. Das bedeutet, dass der Mensch bewusst und unbewusst diejenigen Erfahrungen und Erlebnisse selektiert, mit denen er eine prägende, emotionale und wichtige Bedeutung verbindet und so „(…) eine subjektive Konstruktion der eigenen Geschichte“5 entsteht.

2.1 Alltägliche Biografiearbeit

Bei der Arbeit mit der Biografie unterscheidet man zwischen der alltäglichen und der angeleiteten Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte. Durch die tägliche Biografiearbeit geben wir Ereignissen reflexiv eine Bedeutung, speichern sie ab oder vergessen sie.6 Indem wir uns regelmäßig aktiv Gedanken über die täglichen Geschehnisse und deren Bedeutung für uns machen, kommen wir uns selber näher und bleiben uns so der eigenen Identität bewusst.

2.2 Angeleitete Biografiearbeit

Angeleitete Biografiearbeit, also z.B. von Pflegekräften unterstützt und angeregt, wird eingesetzt, um dem Patienten zu helfen, sich an die eigene Geschichte zu erinnern und Erlebnisse bewusst zu reflektieren. Außerdem hilft es den Pflegern, den Patienten nicht nur als Kranken, sondern als ein Gesamt seiner im Laufe des Lebens gesammelten Erlebnisse und Erfahrungen zu sehen und die gesammelten Erkenntnisse in der Pflege und im Umgang mit dem Menschen zu berücksichtigen.

Speziell in der Arbeit mit Demenzkranken, in der die Aktivierung des Langzeitgedächtnisses angestrebt wird, spricht man bei der Biografiearbeit auch von Erinnerungsarbeit.

3 Definition „Demenz“

Der Begriff „Demenz“ stammt vom lateinischen Wort „dementia“ ab und bedeutet soviel wie „ohne Geist“ bzw. „ohne Verstand“7 und bezeichnet eine „durch Hirnschädigung erworbene Minderung von Intelligenz und Gedächtnis.“8 Demenz ist keine genaue Diagnose, denn sie ist der Oberbegriff von „(…) fortschreitenden Erkrankungen des Gehirns. (…) Alzheimer (…) ist die häufigste und bekannteste aller Demenzen.“9

Im Folgenden werde ich nicht auf die verschiedenen Arten und Ausprägungen der Krankheit eingehen können, daher verwende ich den Oberbegriff Demenz. Ein demenzkranker Mensch verliert nicht vollständig das Bewusstsein über die eigene Identität und seine Umwelt. Vielmehr ist es so, dass „(…) viele der im Laufe des Lebens erworbenen Fähigkeiten und Angewohnheiten bestehen bleiben (…)“10, doch durch „(…) Störungen auf kognitiver, psychischer und motorischer Ebene (…)“11 sind selbstständige Aktivitäten und alltägliche Handlungen oft entweder gar nicht mehr, oder nur noch mit Unterstützung möglich. Menschen mit fortgeschrittener Demenz sind daher meist auf eine ständige Betreuung angewiesen.

Demenz selber ist nicht angeboren und weil „(…) jeder Mensch einzigartig ist, ist die Demenzerfahrung eines jeden Menschen einzigartig“12, das heißt der Verlauf und das Ausmaß von Symptomen sowie der Umgang mit der Beeinträchtigung ist individuell. Angehörige, Familie und Freunde „(…) sind einer enormen psychischen Belastung ausgesetzt (…)“, denn der „(…) ihnen vertraute Mensch verändert sich auf allen Ebenen, verliert bekannte Wesenszüge, Persönlichkeitsmerkmale.“13 Gleichzeitig besteht eine Herausforderung mit Veränderungen durch „(…) befremdendes Verhalten, sozialen Rückzug, eine schwierige Kommunikationsebene u.Ä.“14.

4 Innere und äußere Biografie

Die Biografie eines Menschen kann man in die äußere und die innere Biografie einteilen.

Die äußere Biografie beschreibt den Lebenslauf, das heißt, er enthält objektive Ereignisse und Veränderungen.15 Diese sind festgelegt auf Daten einschneidender Wendungen im Leben, wie z.B. der Geburtstag, die Hochzeit oder der Beruf.

„Eingerahmt“ von der äußeren Biografie ist die innere Seite, die die „Wahrnehmung der verschiedenen Lebensereignisse (…)“ fokussiert, „(…) wie sie bewertet und in das Leben eingeordnet werden.“16

Für die Arbeit mit der Biografie sind beide Seiten mit einzubeziehen. Die Lebensfakten, d.h. die äußere Biografie, gibt einen ersten Einblick über den Lebensverlauf und darüber, was der Mensch wann durchlebt hat. Eine Möglichkeit, das gesammelte Wissen übersichtlich zusammenzutragen, ist ein Biografiebogen.

Der Biografiebogen ist ein immer wieder veränderbares Dokument. Angehörige können dazu ein Formular ausfüllen. Hier werden Angaben zur Ausbildung, zum Beruf, zur Familie, zur Persönlichkeit und auch zur Krankheitsgeschichte des Betroffen gemacht. Die Pflegekraft oder die betreffende Kontaktperson kann diesen Einblick als Ausgangspunkt für Gespräche oder die Alltagsgestaltung nehmen, in denen er den Erkrankten besser kennen lernen wird und den Biografiebogen sel-ber weiterführt, denn „Ständige Ergänzung, um Aktualität zu gewährleisten, ist wichtig!“17 Auf diese Weise gibt die äußere Biografie eine erste Orientierung über die Vorgeschichte, Gewohnheiten und die Eigenschaften eines Menschen, mit der zu der inneren Seite vorgearbeitet werden kann.

5 Erinnerungspflege

Erinnerungspflege ist Biografiearbeit, die sich, wie der Name bereits verrät, auf die Lebensgeschichte in der Vergangenheit bezieht und sich mit Erinnerungen auseinandersetzt/sie „pflegt“. Dadurch, dass Demenzkranke im hohen Alter bereits viel Lebenszeit hinter sich und so viele Erfahrungen gesammelt und durchlebt haben, spielt die Zeit eine große Rolle.

Indem man die Vergangenheit wieder aufleben lässt, kann der alltägliche Umgang mit den alters- und krankheitsbedingten psychischen und physischen Einschränkungen erleichtert werden. Denn je mehr Probleme das neu Erlebte bereitet und sich die motorischen Fähigkeiten wie Gehen und Beweglichkeit verschlechtern, sich also der „Aktivitätsradius der alten Menschen verringert, desto wichtiger wird für sie die Vergangenheit. Sie ist oftmals zentraler Gesprächsstoff und bietet die Möglichkeit, in Kontakt zu treten“.18

Ziel der Methoden von der Erinnerungspflege „(…) ist die individualisierte Ansprache und Zuwendung über die Sinne - möglichst mit einer Vielfalt von Reizen, die geeignet sind, verbliebene Erinnerungsfähigkeiten spielerisch und ohne Leistungsdruck zu aktivieren und aufzugreifen.“19

Im Folgenden werde ich Methoden im Rahmen der Erinnerungspflege vorstellen.

5.1 Gesprächsorientierte Erinnerungspflege

Um mit dem Demenzkranken in Kontakt zu kommen und um Vertrauen aufbauen zu können, ist es sinnvoll, die Biografiearbeit mit einem Gespräch zu beginnen. Selbstverständlich muss dem Pfleger oder dem Angehörigen bewusst sein, dass sich die Kommunikation von der mit geistig gesunden Menschen unterscheidet.

Um die verschiedenen Ebenen der Kommunikation differenziert darstellen zu können, unterscheide ich im Folgenden zwischen der verbalen und der non-verbalen Sprache.

Bevor man das Gespräch beginnt, sollte ein Basiswissen über den Menschen vorliegen, beginnend bei dem sozialen,- geschichtlichen,- und politischen Hintergrund, der miterlebt wurde. Außerdem liefert der Biografiebogen (s.o.) persönliche Informationen und erste Ideen für Gesprächsthemen.

5.1.1 Das Gespräch

Sofern der Patient bereit ist, von seinem Leben zu berichten, ist vor allem die Fähigkeit des aktiven Zuhörens wichtig.

Um Aufmerksamkeit zu zeigen und um Interesse an der Person zu signalisieren, ist der Blickkontakt von großer Bedeutung, damit der Demenzkranke „(…) über die Augen eine Situation emotional erfassen und die Haltung der Kontakt aufnehmenden Person spüren kann. Dieses „Erspüren“ (…) wird den weiteren Verlauf der Kommunikation stark beeinflussen.“20 Auf diese Weise fühlt sich der Erzählende in seiner Position ernst genommen und erfährt Wertschätzung. Ein aufmunterndes Nicken oder ein Lächeln sowie Humor, d.h. Mitlachen über lustige Geschichten, können die Situation entspannen.

Der Erzählende sollte in seinem Redefluss auf keinen Fall unterbrochen werden, weil sein Kurzzeitgedächtnis den Gedanken nicht festhalten kann. Wenn er ihn nicht sofort aussprechen kann, geht er verloren.21

Außerdem ist zu beachten, dass sich der Gegenüber nicht durch zu komplizierte und anspruchsvolle Themen überfordert fühlen soll. Auch bei der Sprache ist zu bedenken, dass „Wenn die kognitiven Fähigkeiten verloren gehen, (…) die Kontaktpersonen eine einfache Sprache sprechen (…)“22 müssen. Kurze und inhaltlich einfache und klar strukturierte Sätze werden am ehesten verstanden und er-möglichen einen Dialog.

Wenn eine Pause entsteht oder zum Erzählen animiert werden soll, macht man dies nicht mit Fragen, die eine präzise Antwort verlangen. Denn dies kann zur Folge haben, dass der Gegenüber in Verlegenheit gebracht wird aus Angst, die „richtige“ Antwort nicht zu kennen und zu scheitern. Deshalb sind offene Fragen, die nach Meinungen und Interessen fragen sinnvoller, denn subjektive Wahrnehmungen können nicht falsch sein und garantieren Erfolg.23 Mögliche Fragestellungen sind zum Beispiel: Welche Gefühle haben Sie, wenn Sie an Ihre Kindheit denken? Haben Sie so etwas schon einmal gemacht? Was gefällt Ihnen am Sommer besonders gut?

[...]


1 Vgl. Bundesministerium für Gesundheit: Zukunftswerkstatt Demenz, 03.08.2015 URL https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/pflege/demenz/zukunftswerkstatt-demenz.html (aufgerufen am 27.09.2015).

2 Klingenberger, Hubert: Handbuch Altenpädagogik, 1996, S. 126.

3 Der Brock Haus, 2005, S. 99.

4 Schneberger, Margarete/ Jahn, Sonja/ Mariono, Elfriede: „Mutti lässt grüßen“, 2010, S. 44.

5 Ebd., S. 44.

6 Vgl. Ebd., S. 45.

7 Wehner, Lore/ Schwinghammer, Alva: Sensorische Aktivierung, 2009, S. 14.

8 Der Brock Haus, 2005, S. 177.

9 Stechl, Elisabeth/ Steinhagen-Thiessen, Elisabeth/ Knüvener, Catarina: Demenz- mit dem Vergessen leben, 2008, S. 22.

10 Bowlby Stifton, Carol: Das Demenz-Buch, 2011, S. 117.

11 Wehner, Lore/ Schwinghammer, Alva: Sensorische Aktivierung, 2009, S. 14.

12 Bowlby Stifton, Carol: Das Demenz-Buch, 2011, 2. Aufl., S. 117.

13 Wehner, Lore/ Schwinghammer, Alva: Sensorische Aktivierung, 2009, S. 15.

14 Ebd., S. 15

15 Vgl. Schneberger, Margarete/ Jahn, Sonja/ Mariono, Elfriede: „Mutti lässt grüßen…“,2010, S. 45.

16 Ebd., S. 46.

17 Wehner, Lore/ Schwinghammer, Alva: Sensorische Aktivierung, 2009, S. 138.

18 Osborn, Caroline/Schweitzer, Pam/Trilling, Angelika: Erinnern,1997, S. 18.

19 Kompetenznetz Demenz e.V., Mannheim, URL http://www.kompetenznetz-demenzen.de/betroffene/therapien/weitere-therapien/ (aufgerufen am 28.09.2015).

20 Schneberger, Margarete/ Jahn, Sonja/ Mariono, Elfriede: „Mutti lässt grüßen, 2010, S. 94.

21 Haberstroh, Dr. Julia/ Pantel, Prof. Dr. Johannes/ Neumeyer, Katharina: Kommunikation bei Demenz, 2011, S. 42.

22 Schneberger, Margarete/ Jahn, Sonja/ Mariono, Elfriede: „Mutti lässt grüßen…“, 2010, S. 94.

23 Vgl. Bowlby Stifton, Carol: Das Demenz-Buch, 2011, S. 290.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Biografiearbeit mit dementiell erkrankten Senioren. Wie gelingt Erinnerungsarbeit trotz fortschreitendem Vergessen?
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Pädagogik)
Veranstaltung
Biografie und Pädagogik
Note
1,6
Autor
Jahr
2015
Seiten
19
Katalognummer
V979618
ISBN (eBook)
9783346329967
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Biografie, demenz, erinnerung, Senioren, dementiell, vergessen, biografiearbeit, sensorisch, begleitung
Arbeit zitieren
Linda Schmoll (Autor), 2015, Biografiearbeit mit dementiell erkrankten Senioren. Wie gelingt Erinnerungsarbeit trotz fortschreitendem Vergessen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/979618

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