Sexuelle Vielfalt im Jugendalter

Welche Auswirkungen können klassische Geschlechterzuschreibungen auf LGBT Jugendliche haben?


Bachelorarbeit, 2020

59 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Ausgangslage
1.2 Erkenntnisinteresse und zentrale Fragestellung
1.3 Methode
1.4 Vorgehen

2. Sexuelle Vielfalt im Jugendalter
2.1 LGBT(IQ)
2.2 Diversity & Managing Diversity
2.3 Biologisches (Sex) und soziales Geschlecht (Gender)
2.4 Transsexualität, Transgender/Transgeschlechtlichkeit, Transidentität
2.5 Intersexualität

3. Inhaltlicher Rahmen
3.1 Gender Studies
3.2 Gender Mainstream
3.3 Doing Gender
3.4 Undoing Gender
3.5 Queer Studies
3.6 Rechtlicher Rahmen

4. Entwicklungspsychologie
4.1 Persönlichkeitsentwicklung
4.2 Identitätsentwicklung
4.3 Zusammenfassung
4.4 Geschlechtsidentitätsentwicklung

5. Geschlechterstereotypen – Typisch Mann, Typisch Frau
5.1 Historischer Verlauf – Von Zweigeschlechtlichkeit zu Mehrgeschlechtlichkeit
5.2 Zusammenfassung

6. Auswirkungen klassischer Geschlechterstereotype
6.1 Schulischer Kontext
6.2 Suizidalität und psychische Probleme
6.3 Coming-out

7. Fazit
7.1 Ausblick

1. Einleitung

1.1 Ausgangslage

„Wenn der erste Schritt zur Befreiung in der Freiheit besteht, nicht das zu sein, was man nach der Ansicht anderer sein muß, das heißt, frei zu sein, eine selbst gewählte Form für das, was man ist, zu finden, […]“ (Erikson 1975, S. 133; Auslassung J.W.).

Das Thema Mehrgeschlechtlichkeit sorgt in vielen Kulturen für Verwirrung. Viele Menschen vertreten nach wie vor die Annahme, dass es nur zwei Ge­schlechter gibt. Insofern erwarten sie von ihrem Gegenüber angemessene Verhaltensformen. Doch woher kommen diese Typisierungen (vgl. Wetterer 2010, S. 126)?

In jeder Gesellschaft herrschen geschlechtstypische Erwartungen an die sich die Menschen anpassen sollen. Doch jene Individuen, die sich nicht mit die­sem typisch „männlichen“ oder typisch „weiblichen“ Verhalten identifizieren können, stehen oftmals unter immensem Sozialisationsdruck (vgl. Schmitz, Vierhaus et al. 2012, S. 183). Selbst in der heutigen Zeit obliegt die Kinderer­ziehung in der Regel dem weiblichen Geschlecht (vgl. Beck-Gernsheim 2008, S. 22). Darüber hinaus werden weibliche Eigenschaften mit Expressivi­tät und männliche Eigenschaften mit Instrumentalität verbunden. Frauen sind somit gefühlvoll, leidenschaftlich und zeigen bedenkenlos ihre (gesundheitli­chen-) Schwächen. Männer hingegen sind selbstbewusst und eigenständig (vgl. Schmitz, Vierhaus et al. 2012, S. 183), reagieren aber bei Belastungen wie Stress oder Streit häufiger mit aggressivem Verhalten (vgl. Fischer 2010, S. 149).

Doch auch die soziale Schicht spielt eine Rolle. Aspekte wie Bildung, Alter und Wohnverhältnisse haben Einfluss auf die Art und Weise wie mit Diversi­tät umgegangen wird (vgl. Böh­nisch 2017, S. 27).

Besonders Männer sind seit ihrer frühen Kindheit auf der Suche nach gleichgeschlechtlichen Vorbil­dern. Hinzu kommen auch noch Problematiken wie beispielsweise die Trennung von der Mutter oder auch die Anforderung zu einem richtigen Mann heranzuwachsen. Mädchen hingegen sind hauptsächlich Entwicklungspro­blemen ausgesetzt, wenn sie aus sozial benachteiligten Familien mit engen Geschlechterrollen stammen und gelernt haben, dass sie die typischen Weiblichkeitsformen annehmen sollen. Darüber hinaus suchen sie oftmals die Fehler bei sich selbst (ebd. S. 28f.).

Schlussfolgernd bedeutet dies, dass die Gesellschaft der Grund für Ge­schlechtstypisierungen ist. Sie hat letztendlich die Macht das Geschlecht zu gestalten und zu kategorisieren. Dadurch entstehen ganz zwangsläufig ge­schlechtsbezogene Grenzen, Möglichkeiten, Typisierungen und Rollenerwar­tungen (Wetterer 2010, S. 126). Jugendliche befinden sich grundsätzlich schon in einer schwierigen Lebensphase. Ein Kennzeichen ihrer Entwicklung ist unter anderem die Suche nach der eigenen Identität oder auch die soziale Entwick­lung (vgl. Cloos und Schulz 2011, S. 250).

Somit stellt sich die Frage welche Bedeutung diese Geschlechterstereotypisie­rungen vor allem für LGBT Jugendliche darstellen (vgl. Hannover und Wolter 2017, S. 8).

Unsere Welt ist stetig im Wandel und macht infolge dessen auch vor Individu­en nicht halt. Thiersch zufolge hat sich der Vielfältigkeitsaspekt generell weiterentwickelt und bezieht sich insofern auch auf die verschiedensten Di­mensionen. Darunter fallen einerseits diverse Glaubensrichtungen oder Na­tionalitäten, andererseits spielt auch die sexuelle Vielfalt eine Rolle (vgl. Thiersch 2015a, S. 387ff.).

Aufgrund dessen obliegt es zum einen der Gesellschaft als ganzer und zum anderen auch jeder/jedem Einzelnen sich auf Veränderungen einzulassen. Jede/r muss bereit sein sich als ein Teil dieser Vielfältigkeit zu erkennen und zudem außergewöhnliche Lebenswelten annehmen und tolerieren (vgl. ebd. S. 390).

1.2 Erkenntnisinteresse und zentrale Fragestellung

Ziel dieser Bachelorarbeit ist das Thema sexuelle Vielfalt im Jugendalter nä­her zu beleuchten, wobei der Fokus dabei auf den klassischen Geschlechter­rollen und Geschlechterstereotypen liegt und der Frage nachgegangen wird welche Auswirkungen diese für LGBT Jugendliche darstellen. Somit soll ein Überblick über den Lebensalltag eines LGBT Jugendlichen geschaffen wer­den.

Um das zu analysieren wird der Blick auf die alltäglichen Kontexte gerichtet in denen sich die Jugendlichen aufhalten, wie beispielsweise in Schulen oder auch in ihrem jeweiligen sozialen Umfeld.

1.3 Methode

Die vorliegende Bachelorarbeit ist eine theoretische Arbeit. Im ersten Schritt wurde zu dem Themenbereich „sexuelle Vielfalt im Jugendalter“ potentielle Literatur gesucht. Um einen allgemeinen Überblick über die Daten zu erhal­ten wurde zum einen auf die literarischen Bestände der Hochschule Mün­chen in Pasing zurückgegriffen, sowie Literaturrecherchen über das DBIS (Datenbank-Infosystem) angestellt. Zu den verwendeten Datenbanken zählten vor allem PsyJornals, PubPsych und SpringerLink. Zusätzlich wurde für die allgemeine Literaturrecherche nach wissenschaftlichen Dokumenten die Internetsuchmaschine Google Scholar verwendet. Darüber hinaus wurden auch Onlinezei­tungsartikel hinzugezogen, in denen die aktuelle Situation von LGBT Jugendlichen in Bezug auf das oben genannte Thema genauer beschrieben wurde. Zum Teil fand auch das heuristisches Verfahren Anwendung. Somit wurde in bereits analysierten literarischen Werken nach weiteren passenden Quellen gesucht.

Um einige Aspekte, wie beispielsweise die Geschlechterforschung oder die Doing/Undoing Gender Konzepte bestmöglich zuzuordnen, fand unter anderem auch Primärliteratur Verwendung. Somit stammen einige Informationen aus erster Hand.

Grundsätzlich wurden, gerade für den Hauptteil, aktuelle Erkenntnisse und Zahlen aus Studien und online Artikeln analysiert um den Forschungsstand bestmöglich zu erfassen, miteinander zu vergleichen und im Anschluss daran auszuwerten. Sowohl qualitative als auch quantitative Ergebnisse aus den verschiedenen Forschungen stellen den Lebensalltag von LGBT Jugend­lichen dar. Zudem wurden in dieser Arbeit psychologische Gebiete analysiert, wie beispielsweise die Entwicklungspsychologie oder auch Aspekte der klini­schen Psychologie. Schlussendlich konnte die Fragestellung aufgrund der gesammelten Daten beantwortet werden.

1.4 Vorgehen

Zu Beginn dieser Bachelorarbeit werden erst einmal die wichtigsten Begriff­lichkeiten definiert. Darauffolgend wird der inhaltliche Rahmen dargestellt. Dieser befasst sich mit bereits erhobenen Studien und Konzepten sexueller Vielfalt, wie den Gender- und Queer-Studies, Doing- und Undoing-Gender und darüber hinaus auch dem Gender Mainstreaming. Des Weiteren wird auch ein Blick auf die rechtliche Lage von LGBT Personen geworfen. Diese sechs Punkte sind ein wichtiger Bestandteil des Themas und legen somit den Grundstein für den weiteren Verlauf der Arbeit.

Als nächstes werden in Kapitel vier einige wichtige Aspekte der Entwick­lungspsychologie näher beleuchtet. Hier wird einerseits die Frage geklärt, wie sich grundsätzlich die individuelle Persönlichkeit und Identität entwickeln. Andererseits geht es ganz spezifisch um die Geschlechtsidentitätsentwick­lung und inwiefern der Entwicklungsverlauf die sexuelle Orientierung be­einflusst bzw. prägt.

Anschließend wird in dem fünften Kapitel auf den historischen Verlauf von Geschlechterrollen und Geschlechterstereotypen eingegangen, sowie auf den Wandel von Zweigeschlechtlichkeit zu Mehrgeschlechtlichkeit.

Im Anschluss daran folgt der Hauptteil, in dem verschiedene Forschungen aus verschiedenen Ländern dargestellt und deren Ergebnisse miteinander verglichen werden. Alle diese Studien hatten das Thema sexuelle Vielfalt als Gemeinsamkeit und konzentrierten sich dabei auf unterschiedliche negative Auswirkungen, mit denen LGBT(IQ) Jugendliche zu kämpfen haben. Nina Perger untersuchte beispielsweise die Diskriminierungserfahrungen von Ju­gendlichen während ihrer Schulzeit (vgl. Perger 2018, S. 88), wohingegen Timmermanns sich auf gemachte Erfahrungen bezüglich des Coming-outs bezog (vgl. Timmermanns 2017, S. 131). Einen weiteren Unterpunkt erhalten Suizid(versuche) und psychische Erkrankungen als Auswirkungen negativer Erfahrungen von LGBT Jugendlichen (vgl. Spahn 2018a, S. 80).

Zuletzt folgt ein Fazit zu dem vorgestellten Forschungsstand. Darüber hinaus wird das Thema kritisch reflektiert und Möglichkeiten offenbart, wie einzelne Berufsfelder, insbesondere die Soziale Arbeit, das Thema in ihrer Arbeit mit Jugendlichen bestmöglich umsetzen können um dadurch, dass Leben von LGBT Jugendlichen zu erleichtern.

2. Sexuelle Vielfalt im Jugendalter

In diesem Kapitel werden die wichtigsten Begrifflichkeiten definiert, die zum besseren Verständnis der Arbeit dienen sollen. Unabdingbar sind dabei zum einen LGBT(IQ), Diversity und das daraus resultierende Managing Diversity. Zudem wird noch ein Blick auf die Unterscheidung des biologischen und so­zialen Geschlechtes, sowie die Gemeinsamkeiten von Transsexualität, Transgeschlechtlichkeit und Transidentität gelegt. Im Anschluss daran wird ergänzend der Begriff Intersexualität erklärt.

2.1 LGBT(IQ)

Die englische Abkürzung LGBTIQ steht für lesbisch, schwul, bisexuell, trans­sexuell, intersexuell und queer (vgl. Kugler 2012, S. 28). Dieser Begriff um­fasst eine Gruppe verschiedenster Menschen mit der Gemeinsamkeit nicht heteronormativ zu sein (vgl. Degele 2005, S. 15).

Um die sexuelle Vielfalt einzugrenzen wird im Folgenden von LGBT Jugendli­chen gesprochen.

2.2 Diversity & Managing Diversity

Diversity oder auf deutsch Diversität bezieht sich in der Regel auf das Ge­schlecht, das Alter, die Abstammung, die religiöse Zugehörigkeit, aber auch auf die sexuelle Orientierung eines jeden Menschen (vgl. Hönig 2011, S. 130). Daraus entwickelte sich das Amerikanisches Konzept „Managing Diver­sity“. Der Hintergrund davon war Diskriminierungen aller Art aufzulösen, um so den optimalen wirtschaftlichen Nutzen zu erzielen. Wenn also eben jenes Konzept in einem Unternehmen Anwendung findet, besitzen die Angestellten eine größere Chance sich frei und ohne Einschränkungen entwickeln zu kön­nen, um so ihr volles Potenzial zu entfalten. Infolge dessen wurde der Ver­such unternommen unterschiedliche politische Bewegungen in die wirtschaft­lichen Bereiche oder auch in Bildungsbereiche zu integrieren (vgl. Bruchha­gen und Koall 2010, S. 939f.).

2.3 Biologisches (Sex) und soziales Geschlecht (Gender)

West und Zimmermann zufolge waren die Bedeutungen von Sex und Ge­schlecht schon immer klar voneinander getrennt und differenziert. Sex be­zieht sich auf die biologische Betrachtungsweise, worunter hormonelle, ana­tomische, chromosomale und auch physiologische Merkmale fallen. Zudem galt es als unveränderbar. Dagegen ist das soziale Geschlecht der soge­nannte erworbene Status eines jeden Individuums. Infolge dessen spielen beispielsweise das kulturelle und soziale Umfeld, aber auch psychische Aspekte eine Rolle (vgl. West und Zimmerman 1987, S. 125f.).

Der Begriff „Gender“, beschreibt demzufolge die Geschlechtseigenschaften einer Person, die nicht an biologische Merkmale gebundenen sind (vgl. Kus­ter 2017, S. 9). Etabliert wurde dieser Begriff von dem Sexualwissenschaftler John Money im Jahr 1955. Gender war bedeutungsgleich mit der für jeden Menschen individuellen Geschlechtsidentität (vgl. Money 1987, S. 12).

2.4 Transsexualität, Transgender/Transgeschlechtlichkeit, Transidentität

Die Bedeutung von Transsexualität wandelte sich im Laufe der Jahre in den Krankheitsklassifikationen des ICD (International Classification of Diseases). 1975 galt es noch als sexuelle Verhaltensabweichung und Störung (vgl. Rauchfleisch 2018, S. 1), wohingegen in der neusten Form des ICD-10 bei transidenten Individuen von Störungen der Geschlechtsidentität gesprochen wird (vgl. Meyenburg, Kröger et al. 2015, S. 48). Darüber hinaus ergänzt Warnecke, dass Transsexualität ab 2022 im ICD-11 nicht weiter als psychi­sche Krankheit klassifiziert, sondern als sexueller Gesundheitszustand ange­sehen wird. Ausgangspunkt dessen ist der Versuch, Stigmatisierungen zu verhindern (vgl. Warnecke 2018, S. 1).

Transsexualität, Transgender/Transgeschlechtlichkeit und Transidentiät sind allesamt Synonyme mit ähnlicher Bedeutung, weswegen im weiteren Verlauf dieser Arbeit von trans* gesprochen wird. Das Sternchen dient als inkludie­render Platzhalter, der alle Begriffe miteinbezieht.

Zielgruppe sind Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die sich ihrem eigenen biologischen Geschlecht nicht zugehörig fühlen. Darüber hinaus stellen auch oftmals die von der Gesellschaft festgelegten stereotypische Geschlechter­rollen und deren Verhaltensmuster eine Hürde dar. Sowohl bei trans* Er­wachsenen, als auch bei Kindern und Jugendlichen kann der Leidensdruck so immens sein, dass von Geschlechtsidentitätsstörung bzw. einer Ge­schlechtsdysphorie gesprochen wird (vgl. Meyenburg, Kröger et al. 2015, S. 48). Mögliche Methoden zur Behandlung einer solchen Geschlechtsdyspho­rie sind beispielsweise pubertätshemmende oder gegengeschlechtliche hor­monelle Therapien, sowie klinische Eingriffe um das biologische Geschlecht anzupassen (ebd. S. 49).

2.5 Intersexualität

"Intersexualität bedeutet, dass die Summe der körperlichen Geschlechts­merkmale eines Menschen nicht eindeutig den Kategorien Mann oder Frau zuzuordnen sind.“ (Schröter 2020, S. 1).

Intersexuelle Personengruppen spielen in einigen Studien eine große Rolle. Der Fokus liegt dabei darauf, dass durch geschlechtsangleichende Operatio­nen das Geschlecht bestimmt wird. Infolge dessen wird eine binäre Ge­schlechterordnung zunehmend als soziale Norm postuliert. Wobei es gerade hier auch Mittel und Wege gäbe, dass aus Zweigeschlechtlichkeit Mehrge­schlechtlichkeit wird und somit das Geschlecht vielfältig betrachtet werden könnte (vgl. Bührmann und Mehlmann 2010, S. 620f.).

Doch dies ist eher selten der Fall. Oftmals hat die Gesellschaft ein hohes In­teresse an einer klaren Geschlechtlichkeit (vgl. Obermeyer 2012, S. 23). In der Regel obliegt die Entscheidung den leiblichen Eltern, die meist in Ab­sprache mit dem behandelnden Arzt oder Ärztin getroffen wird, ob und wann das Geschlechtsteil ihres Kindes angeglichen wird. Problematisch ist dabei allerdings, dass keine/r der Beteiligten weiß, welchem Geschlecht das Kind sich in seinem späteren Lebensverlauf zugehörig fühlen wird (vgl. Schröter 2020, S. 1). Obermeyer (2012, S. 23) zufolge zeigt sich dieses Dilemma fol­gendermaßen:

„Welche gesellschaftliche Kontrolle und Normierungsgewalt in dem alltäglichen personenstandsrechtlichen Vorgang der Ge­schlechtszuweisung liegt, zeigt sich unmittelbar bei intersexuellen Menschen, die bereits bei ihrer Geburt morphologisch das norma­le Bild der Zweigeschlechtlichkeit sprengen, nicht erweitern, und dem sie folgerichtig zwangsweise qua Operationen wieder einge­ordnet werden.“

3. Inhaltlicher Rahmen

Anknüpfend an die wesentlichen Begrifflichkeiten werden im weiteren Verlauf die dazugehörigen Studien und Konzepte vorgestellt, die sich alle mit dem Thema „Geschlecht“ und „sexuelle Vielfalt“ auseinandersetzen und dabei un­terschiedlich ihren Fokus legen.

Nähere Betrachtung finden dabei die Geschlechter- und Queerforschung, so­wie die Doing- und Undoing Gender Konzepte, als auch das sogenannte Gender Mainstreaming. Im Anschluss daran wird noch ein Blick auf die recht­liche Lage von LGBT Personen geworfen.

3.1 Gender Studies

Die interdisziplinäre Geschlechterforschung, auch bekannt unter dem Namen Gender Studies, erhielt ihre Impulse von der feministische Frauenforschung. Der Ausgangspunkt der Gender Studies ist die Vorstellung einer mehrge­schlechtlichen Gesellschaft, in der die klassischen Geschlechterrollen und -zuschreibungen wenig bis gar nicht relevant sind. Grundsätzlich gehen die ForscherInnen der Frage nach, welche Bedeutung Geschlecht in unter­schiedlichen Kontexten hat, wie es beeinflusst wird und darüber hinaus auch wie es sich selbst reproduziert und von seiner Umwelt produziert wird (vgl. Braun und Stephan 2006, S. 3ff.).

Die Basis für jede Genderforschung liefert die Differenzierung der Begriffe Sex und Gender. Nur so kann das Ge­schlecht unabhängig von genitalen Merkmalen betrachtet und der Fokus auf das geschlechtliche Empfinden bzw. die Zugehörigkeit gelegt werden (vgl. Wetterer 2010, S. 126).

Dannecker berichtet überdies, dass die Globalisierungsprozesse einen Wert für die Gender Studies hatten. Der Begriff Globalisierung wurde bereits seit ein paar Jahrzehnten in vielfältigen Zusammenhängen gebraucht und spielt auch in Bezug auf Geschlechterverhältnisse eine Rolle. Zu Beginn ging es hauptsächlich darum das Konzept des männlichen Familienversorgers oder auch die ungleiche Entlohnung von Männern und Frauen zu offenbaren, zu überdenken und im besten Fall zu verändern. Doch im Laufe der Zeit spielte auch die Mehrgeschlechtlichkeit eine Rolle. Somit wirkt sich nicht nur die Globalisierung auf das Geschlecht aus, sondern auch das Geschlecht auf die Globalisierungsprozesse (vgl. Dannecker 2017, S. 2ff.). Oder mit anderen Worten: „In vielschichtigen Vermittlungszusammenhängen wirken sich Globa­lisierungsprozesse als bereits vergeschlechtlichte transformierend auf die je­weiligen nationalen, regionalen und lokalen Geschlechterordnungen aus. Diese gehen als veränderte dann wiederum in Globalisierungsprozesse ein. Der Zusammenhang von Globalisierung und Gender kann also nicht als ein einseitiges Ursache-Wirkung-Verhältnis, sondern muß als eine hochkomple­xe Wechselbeziehung begriffen werden.“ (Frank 1999, S. 1).

3.2 Gender Mainstream

Stiegler zufolge ist Gender Mainstream ein Konzept, dessen Mittelpunkt sich ausschließlich auf die Gleichstellung beider Geschlechter bezieht (vgl. Stieg­ler 2010, S. 933): „GM bedeutet konkret, dass eine Genderanalyse erstellt wird, mit der die Auswirkungen geplanter Maßnahmen auf die Lebenssituati­on von Männern und Frauen geprüft werden. [...] Dabei sind die geschlechts­bezogenen Lebensbedingungen und Rollenerwartungen in den Blick zu neh­men.“ (Stiegler 2012, S. 2; Auslassungen J.W.).

Der Wegbereiter für diese Strategie war die Frauenpolitik. Doch anders als bei dieser, lag der Fokus nicht nur auf dem weiblichen Geschlecht. Männer und Frauen sollten gleichberechtigt die Möglichkeit besitzen ein eigenständi­ges Leben ohne diverse Einschränkungen zu führen (vgl. Stiegler 2010, S. 933f.)

Klammer (2018, S. 2) definiert den Begriff „Gleichstellung“ folgendermaßen:

„Unter der Bezeichnung „Gleichstellung der Geschlechter“ ist der Prozess tatsächlicher Gleichstellung von Mann und Frau – umfas­sender: aller Geschlechter – sowohl in rechtlicher Hinsicht wie auch im Hinblick auf ihr persönliches und berufliches Entfaltungs­potenzial in der Gesellschaft zu verstehen. Gleichstellung führt zu gleicher Teilhabe an persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten und damit auch zur Freiheit, individuelle Lebensentwürfe zu realisieren.“

Angestrebt wird somit ein politischer und sozialer Wandel (vgl. Stiegler 2010, S. 933f.): „Gender Mainstreaming als Konzept und gleichstellungspolitische Strategie auf die Forschungsförderung und Forschungspolitik der EU zu be­ziehen bedeutet, ein Politikfeld zu untersuchen, in dem die Akteure und Insti­tutionen bislang weitgehend „geschlechtsblind“ agierten – anders als etwa in der Sozial- oder Arbeitsmarktpolitik.“ (Zimmermann und Metz-Göckel 2007, S. 10). In Deutschland ist das Konzept beispielsweise im Hochschulrahmen­gesetz oder auch in diversen Gewerkschaften verankert (vgl. Stiegler 2010, S. 935f.). Doch es erzeugt auch viele gegnerische Ansichten. Ein Kritikpunkt bezieht sich beispielsweise auf die unflexible Annahme einer zweigeschlecht­lichen Gesellschaft. Somit wird der Aspekt der Intersexualität gänzlich ver­nachlässigt. Im schlimmsten Fall könnten dadurch Vorurteile und Diskriminie­rung verstärkt werden (vgl. Stiegler 2012, S. 1f.). Letztendlich ist Gender Mainstream kein Werkzeug um Gleichstellung zu ermöglichen oder Stereoty­pe zu vermindern. Es dient lediglich als Stütze und zeichnet sich in dem Ver­such aus Benachteiligungen abzubauen und Partizipationsmöglichkeiten herzustellen (vgl. Stiegler 2010, S. 937).

3.3 Doing Gender

„We contend that the "doing" of gender is undertaken by women and men whose competence as members of society is hostage to its production. Doing gender involves a complex of socially guided perceptual, interactional, and micropolitical activities that cast particular pur- suits as expressions of mas­culine and feminine "natures."“ (West und Zimmerman 1987, S. 126).

Das Doing Gender Konzept fand Hirschauer zufolge seinen Ursprung in der sogenannten Ethnomethodologie, die bereits in den 60er Jahren entstand. Begründer dieser waren Harold Garfinkel und Harvey Sacks (vgl. Hirschauer 2016, S. 115). Die beiden studierten Methoden, die ein Individuum anwendet um alltägliche Interaktionen zu bewältigen. Umgangen wird hierbei die sozia­le Wirklichkeit, was bedeutet, dass Handlungen psychologisiert noch prognostiziert werden. Darüber hinaus stellten sie Untersuchungen über eine transsexuelle Person namens Agnes, bezüglich der Zwei-Geschlechtlichkeit an (Agnes–Study). Agnes wurde im Körper eines Jungen geboren, identifi­zierte sich aber mit dem weiblichen Geschlecht. Während ihrer Geschlechts­umwandlung wurde sie von Garfinkel begleitet und beobachtet. Der Fokus seiner Untersuchung lag hierbei auf der täglichen interaktiven Generierung ihres Geschlechts (vgl. Bergmann 2004, S. 72ff.). Aus dieser Studie konnten unter anderem folgende Erkenntnisse in Erfahrung gebracht werden: „We learned from Agnes, who treated sexed persons as cultural events that mem­bers make happen, that members’ practices alone produce the observa­ble-tellable normal sexuality of persons, and do so only, entirely, exclusively in actual, singular, particular occasions through actual witnessed displays of common talk and conduct“ (Garfinkel 1967, S. 181 zit. nach Hirschauer 2016, S. 115).

Auch West und Zimmerman befassten sich ausgiebig mit dem Doing Gender Thema und verfassten diesbezüglich einen Artikel (vgl. Hirschauer 2016, S. 115). Ihr Vorhaben war, dass die Gesellschaft Geschlecht nicht mehr nur als angeborene persönliche Kennzeichnung ansieht, sondern als vielseitiges Konstrukt versteht. Denn obwohl die genitale Charakterisierung das Ge­schlecht vorerst bestimmt, passt sie nicht zwangsläufig mit dem individuellen Geschlechtsempfinden zusammen. Fühlt sich also beispielsweise ein biologi­scher Mann dem weiblichen Geschlecht zugehörig modifiziert er seine Ge­schlechtskategorie um und das, obwohl ihm die weiblichen Geschlechtskrite­rien fehlen. Die beiden Autoren unterscheiden dementsprechend folgende Begriffe: Sex, sex category und gender (vgl. West und Zimmerman 1987, S. 125ff.)

Sex bezieht sich, wie in Kapitel 2.3 bereits beschrieben, auf die körperlichen Geschlechtsmerkmale (ebd. S. 131f.). Sex category lässt sich auf die soziale Zuordnung des eigenen Geschlechts zurückführen, die seitens der Gesell­schaft gefordert wird. Also das Einordnen eines Individuums in eine weibliche oder männliche Kategorie, wobei diese Klassifizierung unabhängig von biolo­gischen Merkmalen ist (ebd. S. 132ff.). Der Begriff Gender orientiert sich indessen an sozialen Situationen eines Menschen, da sich das Geschlecht aufgrund alltäglicher Handlungen und Interaktionen selbst konstituiert. Infol­gedessen bedeutet Gender in diesem Kontext sein Geschlecht, sowie die da­mit einhergehenden geschlechtstypischen Verhaltensmerkmale, der Norm entsprechend adäquat zu präsentieren (ebd. S. 135ff.).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Geschlecht ein soziales Konstrukt ist. Folglich bedeutet dies, dass ein Individuum sein Geschlecht „tun“ muss, um es zu haben. Oder mit anderen Worten: Die Geschlechtszugehörigkeit ist das Ergebnis komplexer Prozesse (ebd. S. 145ff.).

3.4 Undoing Gender

Undoing Gender dient als Gegenbegriff zum eben erläuterten Doing Gender und ist ein Konzept des Soziologen Stefan Hirschauer. Sein Vorhaben war, die zugewiesenen Geschlechterrollen außer Kraft zu setzen, indem die Ebe­nen des Geschlechts betrachtet werden, welche je nach Kontext unterschied­lich sein können (vgl. Geimer 2013, S.1). Da nicht das Geschlecht die Eigen­schaften eines Individuums ausmacht, gibt es eine Methode, die uns ermög­licht das Geschlecht zu neutralisieren. Dies gelingt, wenn ein Individuum, während eines Interaktionsprozesses sich von dem eigenen Geschlecht ab­grenzt und sich darüber hinaus auch nicht darüber definieren lässt (vgl. Böcker-Giannini 2017, S. 51ff.). Oder um es mit Hirschauers Worten zu be­schreiben: „Beobachtbar ist nur eine Phase der Unterscheidungsnegation, des undoing, also des Ungeschehen-Machens einer Differenz." (Hirschauer 2014, S. 183).

Das Undoing Gender Konzept hat nicht das Ziel das Geschlecht komplett zu ignorieren, sondern vielmehr die Absicht eine Person nicht auf ihr oder sein Geschlecht zu reduzieren. Er unterteilt diesen Vorgang in drei Abschnitte (vgl. Westheuser 2015, S. 111f.). Ein Punkt bezieht sich auf das Verhältnis von gesellschaftlichen Strukturen zur Praxis. Hierbei geht es um alltägliche Dinge, wie die Verwendung des richtigen Personalpronomens, geschlechtss­pezifische Kleidung, aber auch das gesellschaftliche Miteinander. Ge­schlechtsstereotype sollen außer Kraft gesetzt werden und Alternativen möglich machen (ebd. S. 113ff.). Der zweite Aspekt legt seinen Fokus auf die institutionelle Perspektive. Hirschauer fordert mit Undoing Gender die unter­schiedlichen Arbeitsfelder auf, sich bei der Verteilung von Arbeit, Aufgaben und Positionen, nicht mehr auf Geschlechterunterschiede zu konzentrieren (ebd. S. 115f.). Zuletzt bezieht er sich auf die sogenannte Historizität. Das Geschlecht ist von historischen Merkmalen bestimmt, darunter fallen die be­kannten stigmatisierenden Rollenerwartungen, Verhaltensmuster oder Hand­lungen, aber auch das klassische Familienbild, die Berufswahl oder die Ar­beitsaufteilung innerhalb einer Partnerschaft (ebd. S. 113). Undoing Gender soll diese historische „Vergeschlechtlichung“ opponieren und die Gesellschaft modernisieren, damit Regenbogenfamilien mit Vater, Vater, Kind oder Mutter, Mutter, Kind, oder generell trans* Personen toleriert werden. Sie sollen einfach als Mensch angesehen werden und das ganz unabhängig von ihrer Geschlechtervielfalt (ebd. S. 115f.).

3.5 Queer Studies

„Im Allgemeinen wird davon ausgegangen, dass der queere Anteil der Ge­samtbevölkerung bei ca. 5–10 % liegt.“ (Kugler 2017, S. 365).

Die Queer Studies gelten als wichtiger Aspekt, wenn es um sexuelle Vielfalt geht. Grundsätzlich befasst sich diese Studie mit normabweichenden sexuel­len Identitäten, wie beispielsweise homosexuellen Personen, aber auch mit Themen wie Cross-Dressing, geschlechtsangleichenden Operationen und Hermaphroditismus (vgl. Jagose 1996, S. 1ff.).

„Als Adjektiv meint queer ‚seltsam, komisch, unwohl‘, ‚gefälscht, fragwürdig‘ und ist damit negativ konnotiert.“ (Degele 2005, S. 15). Tatsächlich galt es ur­sprünglich als Beleidigung jemanden „queer“ zu schimpfen (vgl. Jagose 1996, S. 1).

„Als Verb schließlich heißt to queer jemanden ‚irreführen‘, etwas ‚verderben‘ oder ‚verpfuschen‘.“ (Degele 2005, S. 16). Doch mit der Zeit bezeichneten sich queere Personengruppen selbst so und verwendeten es darüber hinaus oftmals als Provokation (vgl. Jagose 1996, S. 1).

Die Queer Studies entstanden, wie so viele andere Bewegungen auch, auf­grund gesellschaftlicher Missstände. Religiöse Ansichten oder auch homo­phobe Einstellungen stellten schon immer eine gewaltige Hürde für sexuelle Vielfalt dar. Aufgrund dieser entwickelte sich ein politischer Aktivismus mit dem Ziel Homosexuelle sowohl rechtlich als auch gesellschaftlich anzuerken­nen (vgl. Hark 2005, S. 291ff.).

Ein überaus wichtiger Begriff der Queer Studies ist Heteronormativität. Hete­ronormativität stellt Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit in Frage. Es geht dabei um kritische Betrachtungen gefestigter Vorstellungen. Darunter fällt beispielsweise die Annahme, es gäbe ausschließlich zwei Geschlechter nämlich männlich und weiblich oder auch wie Frauen und Männer von Natur aus sind und wie sie sich verhalten sollen. Zudem werden auch auch die in­stitutionellen und gesellschaftlichen Strukturen und Praktiken beanstandet (Degele 2005, S. 19-22).

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Ende der Leseprobe aus 59 Seiten

Details

Titel
Sexuelle Vielfalt im Jugendalter
Untertitel
Welche Auswirkungen können klassische Geschlechterzuschreibungen auf LGBT Jugendliche haben?
Hochschule
Hochschule München
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
59
Katalognummer
V981663
ISBN (eBook)
9783346327307
Sprache
Deutsch
Schlagworte
LGBTIQ, Gender, Sexuelle Vielfalt, LGBT, Jugendalter
Arbeit zitieren
Jessica Wulkesch (Autor), 2020, Sexuelle Vielfalt im Jugendalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/981663

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