In dieser Arbeit soll sich der Filmanalyse eines Rechtsfalles von zweierlei Seiten genähert werden. Einerseits ist der kulturwissenschaftliche Ansatz zum Rechtsverständnis zu beleuchten, insbesondere dahingehend, wie im Medium Film Recht dargestellt wird. Andererseits soll aber dieses auch durch die Spezifizierung auf Rechtsprofessionen und ihrer Darstellung hinsichtlich eines gesamtgesellschaftlichen Verständnisses von Recht eingefangen werden. Professionen werden hier insbesondere als Ausdruck eines Wissenskontingentes, das vorliegt oder eben nicht, und ihrer spezifischen Performanz verstanden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Recht und Kultur
2.1. Narration des Rechts
2.2. Film und Recht
3. Darstellung der Rechtsprofessionen: ‚Putting On The Clothes‘
3.1. Profession und Wissen
3.2. Theatralik
3.3. Öffentlichkeitsherstellung
4. Der Fall und die Verhandlung
4.1. Der Laienversuch von Professionalitätsdarstellung
4.2. Öffentliche und verdeckte Urteile
4.3. Anklage und Verhandlung
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die rechtssoziologische Dimension von Rechtsprofessionen am Beispiel der US-amerikanischen Netflix-Serie "The Society". Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie eine Gruppe Jugendlicher in einer dystopischen, gesetzlosen Umgebung versucht, professionelle rechtsstaatliche Abläufe durch Mimesis und die Aneignung von Expertenrollen zu replizieren, und welche Bedeutung dieser Prozess für die Aufrechterhaltung sozialer Ordnung hat.
- Kulturwissenschaftliche Analyse der Darstellung von Recht im Medium Film.
- Untersuchung der Professionssoziologie im Kontext von Wissen, Macht und Theatralik.
- Analyse der Nachahmung rechtsstaatlicher Prozesse durch Laien (Laienversuch).
- Diskussion der Bedeutung von Öffentlichkeit und Transparenz bei der Konfliktbearbeitung.
- Anwendung theoretischer Ansätze (u.a. Bourdieu, Goffman) auf das Fallbeispiel der Serie "The Society".
Auszug aus dem Buch
3.1. Profession und Wissen
Professionen lassen sich im Vergleich verschiedener Professionstheorien primär auf drei zentrale Merkmale zurückführen. Erstens ist allen Professionen ein besonderes, handlungstheoretisches Wissen inne, welches zweitens innerhalb eines bestimmten Tätigkeitsfeldes ein Monopol, z.B. begrenzt durch eigene Titel und Zertifizierung, hervorbringt und drittens in einem Beruf, meist mit Gemeinwohlorientierung, anwendet (vgl. Pfadenhauer 2010:262; di Luzio 2005:69; Dick 2016:10f.; Bourdieu 2019/1986: 39f.; Kretschmann 2017:91). Als sekundäre Merkmale ließen sich Freiberuflichkeit und Klientenbezug nennen (Pfadenhauer 2010:261). Der Begriff Profession ist etymologisch vom Lateinischen „profiteri“, also sich bekennen oder öffentlich erklären abzuleiten, was die Besonderheit dieser Berufe fundiert.
Als klassische Professionelle gelten Ärzte, Geistliche/Seelsorger, Lehrer und Juristen (vgl. Kurtz 2010:244; Pfadenhauer 2010:261). Dabei sei die rechtspflegerische Profession insbesondere für die Herstellung sozialer, kollektiver Ordnung verantwortlich (vgl. Pfadenhauer 2010:365). Damit ließe sich dieser Profession, wie allen anderen Professionen, durch eine strukturfunktionalistische Gesellschaftstheorie nähern (vgl. Parsons 1954/1939), noch fruchtbarer scheint aber ein mikrosoziologischer Ansatz, der auf Aushandlungsprozessen beruht. Denn durch das grundständige Merkmal der Professionellen als wissende, wissenschaftlich geschulte Individuen lässt sich eine Wissenstheorie anschließen, die solche Aushandlungen, ebenso wie ihr individuelles Handeln erklärbar macht.
Während Wissen an sich in seiner Neutralität als „überall gleichermaßen wahr“ angenommen werden kann, besteht die Macht des Wissenden, in diesem Fall des Professionellen, in seiner Auslegung in der praktischen Situation. Dabei ist schon die (einseitig) vereinfachende Darstellung von komplexen Themen, die sogenannte „Rahmung der Wirklichkeit“ eine Strategie, die von Professionellen angewendet werden kann und muss, da nur so umfassendes theoretisches Wissen, das ihre Klienten nicht besitzen, praktisch anwendbar wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die rechtssoziologische Filmanalyse der Serie "The Society" ein und definiert den theoretischen Rahmen sowie das Verständnis von Dystopie.
2. Recht und Kultur: Dieses Kapitel erörtert das Verhältnis von Recht, Literatur und Film sowie die Bedeutung der Narration des Rechts innerhalb kultureller Kontexte.
3. Darstellung der Rechtsprofessionen: ‚Putting On The Clothes‘: Hier werden die professionssoziologischen Grundlagen sowie die theatralische Dimension von Rechtsprofessionellen und die Rolle der Öffentlichkeit analysiert.
4. Der Fall und die Verhandlung: Dieses Hauptkapitel wendet die theoretischen Konzepte auf das Fallbeispiel der Serie an, indem es den Versuch der Jugendlichen untersucht, Rechts- und Gerichtsstrukturen zu imitieren.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert, wie die performative Darstellung von Rechtsprofessionen auch bei Laien zur Stabilisierung sozialer Ordnung in einer dystopischen Gesellschaft beiträgt.
Schlüsselwörter
Rechtssoziologie, Filmanalyse, The Society, Profession, Wissen, Theatralik, Laienversuch, Jugendstrafrecht, Goffman, Bourdieu, Dystopie, Performanz, Recht, Öffentlichkeit, Macht.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht rechtssoziologisch, wie Laien – im konkreten Fall Jugendliche in einer dystopischen Serienwelt – versuchen, rechtsstaatliche Verfahren und professionelles juristisches Handeln nachzuahmen und dadurch soziale Ordnung herzustellen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder sind die Professionssoziologie, die Theatralik rechtlicher Interaktionen (insbesondere im Gerichtssaal), die Bedeutung von Wissen als Machtressource sowie die Verschränkung von Recht und Kultur im Medium Film.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Es wird erforscht, ob und wie der Mangel an formaler juristischer Ausbildung durch "soziale Mimese" und die Aneignung spezifischer Requisiten und Rollenbilder kompensiert wird, um ein quasi-professionelles Rechtssystem zu simulieren.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Die Arbeit nutzt eine rechtssoziologische Filmanalyse, wobei theoretische Ansätze unter anderem von Erving Goffman (Bühnentheorie), Pierre Bourdieu (juridisches Kapital) und verschiedenen professionstheoretischen Diskursen integriert werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Vorbereitungen der Jugendlichen auf den Prozess, die Rollenverteilung zwischen Anklage und Verteidigung sowie die verschiedenen Ebenen der Wahrheitsfindung und Urteilsbildung im Kontext der Serie "The Society".
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Rechtssoziologie, Filmanalyse, Professionssoziologie, Theatralik, Mimesis, Dystopie, Jugendstrafrecht, Laienhafte Rechtsdarstellung.
Warum wählte die Autorin gerade die Netflix-Serie "The Society" als Fallbeispiel?
Die Serie eignet sich als dystopisches Gedankenexperiment, da sie eine Welt ohne Erwachsene zeigt, in der die Protagonisten gezwungen sind, kulturelle Prägungen (wie unser Rechtssystem) in einem völlig neuen, gesetzlosen Kontext anzuwenden.
Welche Rolle spielt die "Theatralik" für das Verständnis der Arbeit?
Die Theatralik ist laut Arbeit essenziell, da sie zeigt, dass professionelles Handeln im Recht oft eine "Fassade" erfordert, um Überlegenheit und Autorität zu inszenieren – eine Inszenierung, die von den Laien in der Serie aktiv nachgeahmt wird.
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- Jasmin Dierkes (Author), 2019, Über die Darstellung von Rechtsprofessionen am Beispiel der Serie "The Society", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/983907