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Identitätskonstruktion in der DDR. Proletarier aller Länder?

Title: Identitätskonstruktion in der DDR. Proletarier aller Länder?

Term Paper , 2020 , 12 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Sophie Wetendorf (Author)

History of Germany - Postwar Period, Cold War
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Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage inwiefern DDR-Bürger_innen "das andere" in den Vertragsarbeiter_innen wahrnahmen. Dafür werden Aussagen von DDR-Bürger_innen über ausländische Vertragsarbeiter_innen in Interviews und Eingaben betrachtet. Davon ausgehend, dass Identität sich gegenwärtig "nur durch Abgrenzung von einem anderen bestimm[t]", können daraus Schlüsse auf die Identitätskonstruktion der DDR-Bürger_innen selbst gezogen werden.

Völkerfreundschaft war in der DDR ein Wert mit Verfassungsrang. Im Gründungsmythos der DDR als antifaschistischer, sozialistischer Staat wurden derartige Werte als Identität festgehalten: Mit Gründung der DDR ist das Volk "von dem Willen erfüllt, den Weg des Friedens, der sozialen Gerechtigkeit, der Demokratie, des Sozialismus und der Völkerfreundschaft in freier Entscheidung unbeirrt weiterzugehen." Das Volk der DDR muss diesem Mythos zufolge nicht entnazifiziert werden. Es ist per se antifaschistisch und der Völkerfreundschaft zugewandt. Diese Volksidentität konstruiert die DDR in genauem Gegensatz zur BRD, die als ungebrochene Nachfolgerin der nationalsozialistischen Herrschaft gilt. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass über fremdenfeindliche Einstellungen und Betätigungen in der Bevölkerung keine öffentliche Auseinandersetzung stattfand. Diese hätte nicht weniger als die Legitimität der sozialistischen Republik in Frage gestellt. Zweifelsohne gab es
jedoch derartige Einstellungen und Übergriffe bis hin zu Morden, insbesondere gegen Vertragsarbeiter_innen.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Quellenproblematik

2. Situation der Vertragsarbeiter_innen

3. Die Wahrnehmung ausländischer Vertragsarbeiter_innen durch DDR-Bürger_innen

3.1. Über-/Unterordnungsverhältnis

3.2. Anpassung

3.3. Leistung

4. Rückschlüsse auf die Identitätskonstruktion der DDR-Bürger_innen

Zielsetzung und thematische Schwerpunkte

Die vorliegende Arbeit untersucht, wie DDR-Bürger_innen ausländische Vertragsarbeiter_innen wahrnahmen und inwieweit diese Fremdwahrnehmung zur Konstruktion einer eigenen Identität der DDR-Bürger_innen beitrug, wobei insbesondere das Spannungsfeld zwischen offizieller Völkerfreundschaft und tatsächlichen Ausgrenzungstendenzen im Alltag analysiert wird.

  • Analyse der Quellenlage durch Eingaben und Interviews
  • Untersuchung der Arbeits- und Lebensbedingungen von Vertragsarbeiter_innen
  • Deutung der Wahrnehmungsmuster (Über-/Unterordnung, Anpassung, Leistung)
  • Reflexion der Identitätskonstruktion durch Abgrenzung vom "Anderen"
  • Kritische Einordnung des staatlich propagierten Ideals der Völkerfreundschaft

Auszug aus dem Buch

3.1. Über-/Unterordnungsverhältnis

Doch auch oder gerade die positive Bezugnahme auf Ausländer_innen ist geprägt von einem Über-/Unterordnungsverhältnis: So schildert eine Meisterin, also direkte Vorgesetzte der Spinnerinnen, im VEB Leipziger Baumwollspinnerei im Interview mit Schüle (2003) ihren Einsatz für eine schwangere Vertragsarbeiterin, die wegen Fehlstunden auffällig wurde:

„Und meine Leute aber hatten dann gleich reagiert, […] sind zu mir gekommen […] und haben gesagt, Vera, die Rosia fehlt, kümmere dich mal drum […]. So, und da habe ich mich danach wieder drum gekümmert […]. Da habe ich das erfahren, daß sie […] schwanger geworden ist und daß sie nun nicht weiß, was wird und was sie macht. Und sie ist jedenfalls ganz traurig und möchte wieder nach Hause. Und da habe ich gesagt, ist doch kein Problem. […] Dann ist die nach Mosambik wieder zurück und Sie können ja mal hinten aufs Bild, da hat sie extra mir Bilder geschickt und drauf schrieben. Ja, das ist schon ein Zeichen für die Meisterin, daß sie eben mich dort auch immer anerkannt haben […]. Also für sie war ich eben das Vorbild.“

Reguläre Praxis bei Schwangerschaft war die Rücksendung ins Herkunftsland. Im vorliegenden Fall wollte ebenfalls die Vertragsarbeiterin zurück nach Mosambik. Die Meisterin hat folglich keinen Einfluss auf den Verfahrensablauf genommen, sondern ausschließlich der Arbeitskollegin Sympathie signalisiert, indem sie feststellt „ist doch kein Problem“. In ihrer Selbstdarstellung stilisierte sie sich jedoch als diejenige, die das Problem für die Mosambikanerin gelöst hat und die als Helferin und Vorbild fungierte. Offensichtlich traute sie es der schwangeren Frau nicht zu ihren Wunsch nach Heimreise selbst zu realisieren. Noch deutlicher wird dieses Über-/Unterordnungsverhältnis in der Erzählung derselben Meisterin über Probleme mit

Zusammenfassung der Kapitel

1. Quellenproblematik: Dieses Kapitel erläutert die methodischen Herausforderungen bei der Untersuchung von Einstellungen in der DDR aufgrund der ideologischen Sperrung öffentlicher Diskurse und bewertet Eingaben als historische Quellen.

2. Situation der Vertragsarbeiter_innen: Hier wird die historische Entwicklung der Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte dargestellt, die vorrangig zur Deckung des Arbeitskräftemangels in körperlich anspruchsvollen Sektoren eingesetzt wurden.

3. Die Wahrnehmung ausländischer Vertragsarbeiter_innen durch DDR-Bürger_innen: Dieses Kapitel analysiert anhand von Interviews und Eingaben die Alltagsbeziehungen zwischen der DDR-Bevölkerung und den Vertragsarbeiter_innen, unterteilt in die Aspekte Über-/Unterordnung, Anpassung und Leistung.

4. Rückschlüsse auf die Identitätskonstruktion der DDR-Bürger_innen: Abschließend wird dargelegt, wie die Abwertung des "Anderen" zur Festigung einer eigenen, als überlegen empfundenen Identität der DDR-Bürger_innen beitrug und warum das staatliche Ideal der Völkerfreundschaft in der Praxis kaum verankert war.

Schlüsselwörter

DDR, Vertragsarbeiter_innen, Identitätskonstruktion, Völkerfreundschaft, Fremdenfeindlichkeit, Eingabewesen, Alltagsgeschichte, Über-/Unterordnungsverhältnis, Arbeitsleistung, DDR-Bürger_innen, Sozialismus, Migrationsgeschichte, Ostdeutschland, Arbeitskräftemangel, soziale Ausgrenzung.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen dem offiziellen DDR-Ideal der Völkerfreundschaft und der tatsächlichen Wahrnehmung sowie Behandlung ausländischer Vertragsarbeiter_innen durch die einheimische Bevölkerung.

Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?

Zentral sind die Aspekte der Identitätskonstruktion, die Wahrnehmung von Arbeitsleistung und Verhalten, sowie die Machtverhältnisse zwischen DDR-Bürger_innen und ausländischen Arbeitskräften.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Die Forschungsfrage lautet, inwiefern DDR-Bürger_innen das "Andere" in den Vertragsarbeiter_innen wahrnahmen und wie diese Wahrnehmung zur Konstruktion einer eigenen Identität der DDR-Bürger_innen beitrug.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Untersuchung stützt sich auf eine diskursive Analyse von historischen Eingaben (Petitionen) sowie auf eine Auswertung von bereits existierenden Interviewstudien aus der sozialwissenschaftlichen Forschung.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Quellenlage, die historische Einordnung der Vertragsarbeiter_innen-Situation und die detaillierte Analyse der Wahrnehmungsmuster in Bezug auf Über-/Unterordnung, Anpassung und Leistungsfähigkeit.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?

Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Identitätskonstruktion, DDR-Vertragsarbeiter_innen, Völkerfreundschaft, Alltagsgeschichte und soziale Abgrenzung charakterisieren.

Warum spielt das Eingabewesen eine so wichtige Rolle für die Untersuchung?

Da öffentliche Kritik an Fremdenfeindlichkeit in der DDR ideologisch unterdrückt wurde, bieten Eingaben eine der wenigen authentischen Quellen für subjektive Meinungsäußerungen und alltägliche Spannungen der DDR-Bürger_innen.

Wie wurde die Rolle der "europäischen Disziplin" bewertet?

Die Arbeit zeigt auf, dass DDR-Bürger_innen ihre eigene Arbeitsdisziplin oft als "europäisch" und damit überlegen konstruierten, um sich gegenüber den Vertragsarbeiter_innen aus anderen Regionen abzugrenzen.

Warum scheiterte das Ideal der Völkerfreundschaft in der Realität?

Das Ideal scheiterte an der fehlenden staatlichen Integrationspolitik und einer tief verwurzelten Haltung der Überlegenheit bei einem Teil der DDR-Bevölkerung, die durch die Konkurrenz um knappe Güter zusätzlich verstärkt wurde.

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Details

Title
Identitätskonstruktion in der DDR. Proletarier aller Länder?
College
University of Applied Sciences Merseburg
Grade
1,0
Author
Sophie Wetendorf (Author)
Publication Year
2020
Pages
12
Catalog Number
V988212
ISBN (eBook)
9783346347961
ISBN (Book)
9783346347978
Language
German
Tags
identitätskonstruktion proletarier länder
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Sophie Wetendorf (Author), 2020, Identitätskonstruktion in der DDR. Proletarier aller Länder?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/988212
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