Tabakkunsum im III. Reich. Die nationalsozialistische Anitraucher Kampagne zwischen Freiheitsbeschränkung und individueller Verwirklichung


Bachelorarbeit, 2017

43 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

Einleitung

I. NS und Rassenideologie
a) Idealtypus
b) Rassenideologie und Reinheitspolitik

II. Rauchen : Entwicklung des Feindbildes
a) Zwischen wissenschaftlicher und ideologischer Begründung
b) Rauchverbot als Bestandteil der „Rassenhygiene: Rauchen als Symbol „jüdischer Rassenverunreinigung
c) Frauen im Visier der NS Antirauchkampagne

III. Zwischen Feindbild und Realität
a) Wirtschaftliche Maßnahmen des NS Regimes
b) Führungsschicht der NS Diktatur
c) Auswirkung auf die Zivilbevölkerung
d) Soldaten an der Front

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Meine Bachelorarbeit wird sich mit der im III. Reich durchgeführten Kampagne zur Bekämpfung des Rauchens sowie deren Auswirkungen auf die Bevölkerung auseinandersetzen. Die Kampagne des NS-Regimes gegen das Rauchen ist nicht nur durch ein Bewusstsein für deutsche Gesundheitsfragen gekennzeichnet, sondern auch Ausdruck der NS- Ideologie. Die Anti-Raucher-Kampagne diente als strategisches Mittel für die ideologischen Zwecke des NS-Regimes. Es sollte ein menschliches Ideal bekräftigt werden, welches den Willen äußert, den deutschen Konsum und das tägliche Verhalten der Konsumenten zu lenken. Im Tabakkonsum spiegeln sich in dieser Hinsicht zwei Aspekte des Massenkonsums. Zum einen die individuelle Äußerung, nämlich die Intimität der Tat des Rauchens und zum anderen die Selbstbehauptung in einem kollektiven Kontext. Darüberhinaus steht der Tabakkonsum in einem Spannungsfeld zwischen Konsumfreiheit und -lenkung, wobei letztere sowohl ideologisch motiviert war, als auch auf die im Kriegskontext verursachte Notlage zurückgeführt werden kann. Der Tabakkonsum geriet mit der Rassenideologie des Naziregimes in Konflikt, da man hier die Ansicht vertrat, dass der Tabakkonsum eine Degeneration der „deutschen Rasse“ verursachen würde. Die Tabakindustrie - ebenso wie der einzelne Tabakkonsument - waren also hin- und hergerissen zwischen der nationalsozialistischen Ideologie und der Demonstration individueller Konsumwünsche der Bürger im Dritten Reich. In diesem Zusammenhang ist es interessant, die Verwendung der Ideologie gegen Raucher zu beobachten, die den Konflikt zwischen Konsumfreiheit und ideologischem Ehrgeiz widerspiegelt und durch eine Politik der Rassenhygiene für eine ideale Gesellschaft eintritt.

In diesem Zusammenhang möchte ich mich auf die Frage konzentrieren, inwiefern der Nationalsozialismus in der Lage war, die deutsche Gesellschaft im Rahmen einer geführten Anti-Raucher-Politik zu erfassen, und möchte gleichzeitig die Methoden und Strategien untersuchen, durch welche es ihr gelang, die nationalsozialistische Ideologie zu kommunizieren. Dazu gehört insbesondere die Frage, wie die individuellen Freiheiten über den Tabakkonsum in einem Kontext des Lobes für die arische Rasse ausgelebt werden konnten. Darüber hinaus soll geklärt werden, wie stark der Einfluss der Antirauchkampagne auf die deutsche Konsumkultur und den Tabakkonsum innerhalb der deutschen Gesellschaft war.

Viele Historiker haben dieses Thema aufgegriffen und es von verschiedenen Seiten beleuchtet. Der Historiker Christoph Maria Merki studierte Tabakpolitik im Lichte der Gesundheitspflicht des Dritten Reiches. Die Forschung von Proctor bietet einen guten Zugang zur Krebskontrolle und setzt sie damit in erheblichem Maße mit den, seit den 1920er Jahren bekannten gesundheitlichen Auswirkungen von Nikotin in Beziehung. Nicole Petrick-Felber hingegen hat eine Analyse auf der Grundlage der Verbraucherpolitik des Dritten Reiches durchgeführt.

In meinem Fall wird sich die Forschung auf den ideologischen Aspekt dieser Kampagne und den offensichtlichen Willen zur Gestaltung einer idealen Gesellschaft unter Einforderung der individuellen Verantwortung gegenüber dem Regime stützen. Meine Forschung basiert auf dem theoretischen Aspekt der Nazi-Ideologie, in der Rassenhygiene einen großen Stellenwert einnahm. Ich werde zunächst meine Forschung auf der Kommunikationskampagne aufbauen, die vom NS-Regime zur Bekämpfung des Rauchens durchgeführt wurde, und sie dann mit den Wahrnehmungen der Menschen vergleichen und schließlich beides miteinander in Beziehung setzen, um zu verstehen, wie sich die Politik auf die Menschen auswirkte.

Zuerst möchte ich mich auf die ideologische Konstruktion eines menschlichen Ideals konzentrieren, das durch das Nazi-Regime vermittelt wurde. Dieses menschliche Ideal war eine der tragenden Säulen der nationalsozialistischen Ideologie, deren Ziel es war, den Fortbestand der arischen Rasse auf Dauer zu sichern, auch durch die Befolgung von Regeln und die Begrenzung der individuellen Freiheit jedes Einzelnen im täglichen Leben. Der Kampf gegen den Tabak steht im Zeichen dieses messianischen Strebens des Nationalsozialismus. Dieser brachte die Idee hervor, dass das NS-Regime im Rahmen des Kampfes gegen den Tabak eine Rassenhygienepolitik betreiben sollte, was eine ideologische Einladung einerseits darstellt und auf einer wissenschaftlichen Beobachtung der Auswirkungen des Tabaks auf der anderen Seite beruht. Um den Einsatz der NS-Ideologie im Kampf gegen den Tabak mit ihren Auswirkungen auf die Bevölkerung und deren Wahrnehmung zu vergleichen, untersuche ich die gesellschaftlichen Gruppen im Hinblick auf die vom III. Reich initiierte Anti-Raucher-Kampagne, indem ich Quellen der damaligen Zeit, einschließlich der Ideologen des Nationalsozialismus von Hitler bis Goebbels, heranziehe. Um die Auswirkungen der Kampagnen gegen das Rauchen besser zu verstehen werde ich meine Forschung im zweiten Teil auf die herrschende Klasse, die Soldaten sowie die Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung konzentrieren.

I. NS und Rassenideologie

a) Idealtypus

Das menschliche Ideal spiegelt die Vorstellung eines idealen Verhaltens eines Individuums innerhalb einer Gesellschaft wider und kann sich innerhalb dieser einem kollektiven Ideal annähern. Die Konstruktion eines menschlichen Ideals - also eines „idealen Menschen“ - verkörpert wiederum einen kollektiven Geist, indem die individuelle Verantwortung betont wird, um dieses Ideal zu verwirklichen. Die Suche nach einem menschlichen Ideal führt zur Aufwertung eines menschlichen Charakters und der Definition des „Ichs“ im Sinne dieser Perfektion, die von einer Gruppe von Menschen oder von Institutionen als solche wahrgenommen wird.

Bei Bialas findet man eine allgemeine Definition kollektiver Identifikationsprozesse: „Dieser Schritt vom Ich zum Wir habe artgleiche Menschen aus der Isolation zur völkischen Gemeinschaft geführt. Nur durch ihr praktisches Bekenntnis zur Gemeinschaft seien die Einzelnen vor der immer drohenden Gefahr des Individualismus geschützt und würden zu der ihnen möglichen Leistungsfähigkeit finden.“1 Das Hervorheben einiger menschlicher Merkmale war schon immer ein integraler Bestandteil jeder Gesellschaft. Mit der Vorstellung des idealen Menschen geht eine kollektive Ausrichtung auf ein vereinheitlichendes Ideal einher, welches innerhalb der Gesellschaft wie ein Magnetismus wirkt. Damit sind Positionen gemeint, die eine Haltung widerspiegeln, welche wiederum ein Ideal definiert. Ob es sich nun um die menschlichen Eigenschaften des perfekten Redners handelt, die von Cicero in der römischen Antike ausgearbeitet wurden, oder um das von der Kirche vertretene menschliche Ideal, sie alle nehmen Bezug auf die Beziehungen zwischen Individuum und Kollektiv sowie auf die Institutionalisierung latent existierender Ideale. „Eine Persönlichkeit verkörpert zugleich Ganzheit und Diversifikation- gesetzt als Bedingung der Möglichkeit der geschichtlich-gesellschaftlichen Erfahrung überhaupt.“2

Die Wahrnehmung der Affirmation eines menschlichen Ideals ist hypothetischen Charakters. Jedoch kann diese prosaisch werden, indem sie den objektiven und konkreten Charakter dieses Ideals hervorhebt. Das filmische Werk von Leni Riefenstahl, das im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch intensiver besprochen werden soll, zeugt von der Zelebration dieses menschlichen Ideals in Bildern, und soll den Einzelnen darin bestärken, das Ideal dieser Zeit im ebenfalls idealen nationalen Kollektiv zu verwirklichen. Ihre Filme verkörpern die Grundidee eines Idealbildes und demonstrieren auf diese Weise die Realisierbarkeit dieses Ideals in der Wirklichkeit. Der Idealtypus, wie Max Weber ihn beschreibt, ist ein Prozess der Objektivierung, das Bestreben, dem Menschen dieses Ideal näher zu bringen. In diesem Sinne kann man sagen, dass das Individuum als Wesen dazu verpflichtet ist, dieses menschliche Ideal auf somatische Weise (mit dem Kult des perfekten Körpers) zu formen, aber auch den Geist und das Verhalten im täglichen Alltag miteinzubeziehen, um zu diesem Ideal beizutragen.

„Wird gewonnen durch einseitige Steigerung eines oder einiger Gesichtspunkte und durch Zusammenschluss einer Fülle von diffus und diskret, hier mehr, dort weniger, stellenweise gar nicht, vorhandenen Einzelerscheinungen, die sich jenen einseitig herausgehobenen Gesichtspunkten fügen, zu einem in sich einheitlichen Gedankengebilde. In seiner Begrifflichen Reinheit ist dieses Gedankenbild nirgends in der Wirklichkeit empirisch vorfindbar. Er ist ein Gedankenbild [...] welches die Bedeutung eines rein idealen Grenzbegriffs hat, an welchem die Wirklichkeit zur Verdeutlichung bestimmter bedeutsamer Bestandteile ihres empirischen Gehaltes gemessen, mit dem sie verglichen wird“3

Die Ideologie des Nationalsozialismus offenbart in diesem Sinne die Konstruktion eines menschlichen Ideals, die vorgibt, der Vorstellung eines solchen Ideals auf rationale und objektive Weise einen Sinn zu verleihen. Hitlers Rede in Nürnberg am 14. September 1935 vor rund 50.000 Hitlerjugendlichen ist Ausdruck des Willens, dieses menschliche Ideal zu gestalten.

„In unseren Augen, da muss der deutsche Junge der Zukunft schlank und rank sein, flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl. Wir müssen einen neuen Menschen erziehen, auf dass unser Volk nicht an den Degenerationserscheinungen der Zeit zugrunde geht."4

Die Nazi-Ideologie behauptet ergo, eine ideale Gesellschaft auf der Grundlage der rassischen Ideologie aufbauen zu können, die im Stande wäre eine Weltsicht zu formen. Die Konstruktion einer solchen Wirklichkeit erfordert die Institutionalisierung eines spezifischen sozialen Verhaltens, eines Typus, welche unter anderem mittels Kontrollstrukturen, d.h. mithilfe gesellschaftlicher Sanktionierung, errichtet werden kann: Damit wird aus Ideal Unterwerfung. Laut Foucault führt eine solche Institutionalisierung zu einer Einschränkung des Sagbaren und damit des „Machbaren“. Diese indirekte Machtausübung zwingt dem Individuum ein spezifisches Verhalten auf, durch welche es erst am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann. Eine bereits beschriebene, gesellschaftliche Position, die man einnehmen muss um gehört und nicht ausgegrenzt zu werden.5 Dadurch entsteht ein Kontrast zwischen der verkörperten Definition von Gut und Böse und Ausgrenzung und Eingliederung in die Gesellschaft. Das nationalsozialistische Regime machte das menschliche Ideal zu einem integralen Bestandteil seiner Rassenideologie, sowie seiner Politik, und damit zum Ausdruck einer von der Nazi-Ideologie diktierten gesellschaftlichen Anschauung. Unter diesem Gesichtspunkt der Rassenideologie hat das NS-Regime eine Politik gegen Raucher eingeleitet, die den Akt des Rauchens als eine Handlung gegen dieses ideologische Nazi-Ideal betrachtet. Der Vorgang des Rauchens stellt in diesem Sinne nicht nur eine individuell typische Handlunge dar, sondern verweist gleichzeitig auf deren Stellung in einer bereits vorgeschriebenen Gesellschaftsordnung, wie auf deren Ritualisierung im Alltagsleben als Ausdruck eines Lebensstils.

Einer der wichtigsten Pfeiler der Konstruktion eines menschlichen Ideals ist die Etablierung einer dominanten Moral. Zugleich veranschaulicht sie eine Ethik-Konstruktion, in der der Platz des Individuums von einer Wertehierarchie in Abhängigkeit des Idealkonstrukts bestimmt wird. „In der Krise der moralischen Werteordnung sei statt des völkischen Wir das liberalistische Ich zum moralischen Subjekt geworden.“6 Der Idealtypus verkörpert die Beziehung zwischen dem Sein und der Seele, in dem Sinne, dass das Ideal als Verkörperung der Vollkommenheit und auch als eine Form des moralischen Leitbildes wahrgenommen wird. Dieses Merkmal der Moralisierung kann als Aufdecken einer sozialen Struktur betrachtet werden, was zu einem Gegensatz zwischen Moral und Unmoral, zwischen Akzeptanz oder Ausgrenzung führt. Der Archetypus des menschlichen Ideals drückt sich in einem ethischen Merkmal aus, das die Werte priorisiert, die das individuelle Alltagsverhalten betonen.

Im politischen Kontext stellt das menschliche Ideal das Markenzeichen eines gesellschaftlichen Engagements dar. Das verwendete Ideal des Menschen mit politischen Zielen zeichnet sich durch eine institutionelle Festschreibung der Verhaltensregeln eines Menschenmodells aus, die zu einer Wertordnung führt und die Gesellschaft so strukturiert, dass sie den Regeln des herrschenden Diskurses folgt.

„Der Nationalsozialismus bildet gleichsam die Konstitutionsbedingung des Heiligen, das jeweils aufs Neue gedeutet und in seiner Distanz zum Nationalsozialismus kollektiv bekräftigt werden muss. Zum Anderen erscheint es sinnvoll, an die Stelle einer Heterogenität der Kulturen, die dort, wo man auf lebensweltliche Bereiche zugreift, ihre Berechtigung finden mag, eine Vielzahl diskursiver System zu setzen, die von Kulturellen Ordnung umspannt werden, welche ihrerseits kollektiv geteilt und interessegeleitet genutzt wird“7

Die Politisierung des Begriffs des menschlichen Ideals stellt in diesem Zusammenhang ein Mittel zur Unterwerfung und Kontrolle der Bevölkerung dar, das ein Regelwerk modelliert und die Rolle des Individuums in der täglichen Gesellschaft strukturiert. Der Idealtypus erzeugt somit individuelles Bewusstsein, welches als Wegweiser für die Gesellschaft fungiert. Die individuelle Emanzipation ist in diesem Sinne mit dem kollektiven Geist verbunden und impliziert, dass jeder Akt des individuellen Alltagslebens dem kollektiven Anspruch unterliegt. "Du bist nichts, dein Volk ist alles"8 drückt den Anspruch der nationalsozialistischen Ideologie aus, auf das Verhältnis zwischen Individuums und Kollektivs einzuwirken.

Der interessante Aspekt der Kampagne gegen den Tabak ist die Verwendung des ideologischen Diskurses des III. Reiches, der die Politik der Einmischung in die Freiheit der Verbraucher rechtfertigt.

b) Rassenideologie und Reinheitspolitik

Wenn wir uns mit Rassenfragen auseinandersetzen, müssen wir uns Darwins Evolutionstheorie ansehen. Charles Darwins Evolutionstheorie beinhaltet eine natürliche Selektion zwischen lebenden Formen. Dies führt zu einer ungezügelten biologischen Konkurrenz, welche die genetische Dominanz einer Art über alle anderen Arten zum Ergebnis hat. Sie ist diejenige Art, welche ihre eigenes Überleben sichern kann. Diese Theorie der Evolution führte eine große Anzahl von Theoretikern dieser Zeit zu der Überzeugung, dass Rassenhygiene notwendig sei, um die Rasse zu fördern und gleichzeitig die Fortpflanzung hin zu einer „perfekten Rasse“ zu gewährleisten. Gleichzeitig drückt sich darin die Vorstellung aus, dass die Welt dem Gesetz des Stärkeren unterworfen ist. Auf dieser Vorstellung entwickelte Houston Stewart Chamberlain die Grundlagen des arischen Rassenbegriffs und die Vorstellung von der Vormachtstellung der arischen Rasse, wovon die Nazi-Ideologie inspiriert wurde.9 Diese Rassentheorie geht von der Erkenntnis aus, dass Hygiene eine direkte Auswirkung auf die Gesundheit der Bevölkerung hat, insofern als die Theorie des III. Reiches auf rassischen Gründen beruht und abgeleitet wird. Gesundheit wiederum ist wichtig, weil mit ihr der Schutz der arischen Rasse gewährleistet wird. „The term ‘Sozialhygiene’ was introduced into German by Von Pettenkofer, and originally referred to the implementation of public health legislation and social welfare measures. After 1900, Grotjahn redefined social hygiene as the science of the factors affecting the health of population groups, and of the measures necessary to spread hygienic values among individuals and their offspring. The benefits of social hygiene were to society as a whole, and this is what made it easy for social hygiene to develop into racial hygiene.“10

Aus dieser Sicht heraus wurden vom NS-Regime Maßnahmen ergriffen, um die arische Rasse vor jeder Gefahr, die sie schwächen könnte, zu beschützen. Das nationalsozialistische Regime entwickelte daher isolationistische Maßnahmen, indem es Gesetze umsetzte, um Gemeinschaften zu unterdrücken, die als "parasitär" galten und eine Gefahr für die "Reinheit" der arischen Rasse darstellten, die letztendlich zu Massenvernichtungen führten. Die Nürnberger Gesetze vom 15. September 1935, aber auch die „Gesetze zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom Juli 1933 zeigen den Willen des NS-Regimes, die Grundlagen der Rassenideologie zu institutionalisieren und eine Hierarchie der Gesellschaft auf der Grundlage der Rassenreinheit zu etablieren.11

Schon in den 1920er Jahren, plädierte Fritz Lenz dafür, eine Rassenhygiene zu betreiben, die es der Rasse erlaubt, sich im Angesicht der biologischen Evolution fortzupflanzen und andere Rassen zu dominieren. In seinem Buch „Menschliche Auslese und Rassenhygiene" (1932) nimmt er in seine Rassentheorie die Gefahren des Tabakrauchens für die Gesundheit auf, hebt die Schäden hervor, die der Rasse zugefügt werden und reflektiert den ideologischen Aspekt. Rassenhygiene umfasst nicht nur den genetischen Aspekt, sondern auch das tägliche Leben. Sie zeichnet sich durch die Entgiftung von Körper und Seele aus, die nach der nationalsozialistischen Ideologie maßgeblich für die Aufrechterhaltung der arischen Rasse waren. Wolfgang Bialas schreibt hierzu: „Durch Rassenhygiene und „Planwirtschaft des Blutes“ sollten rassische Fehlentwicklungen korrigiert werden. Die Übernahme des Zuchtgedankens und der Erbhygiene für die eigene Lebensführung verpflichte jedoch nicht nur zur Qualität, sondern auch zur Quantität, denn am Ende entscheide die Zahl gesunder, rassisch wertvoller Kinder über die Zukunft Deutschlands.“12

Um dieses Rassenideal zu erreichen, muss es durch Blut gereinigt werden. Für die NS- Ideologie ist Blut ein zentrales Element zur Erhaltung der Rasse. Der Schutz des Blutes symbolisiert die kollektive Bindung und die Einbeziehung der Individualität in den Entgiftungsprozess. Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti formulierte das Ziel, dem Gemeinwohl Vorrang vor der Befriedigung persönlicher Bedürfnisse zu gewähren.13 Für Hitler war es wichtig, dass der Einzelne die Verantwortung für die kollektive Seele übernimmt und Lebenshaltung beibehält, um die Rasse zu schützen.

„Er (d.h. der völkische Staat, die Verfasserin) hat die Rasse in den Mittelpunkt des allgemeinen Lebens zu setzen. Er hat für ihre Reinerhaltung zu sorgen. Er hat das Kind zum kostbarsten Gut eines Volkes zu erklären. Er muß dafür Sorge tragen, dass nur, der gesund ist, Kinder zeugt, dass es nur eine Schande gibt: bei eigener Krankheit und eigenen Mängeln dennoch Kinder in der Welt zu setzen, doch eine höchste Ehre: darauf zu verzichten. Umgekehrt aber muß es als verwerflich gelten: gesunde Kinder der Nation vorzuenthalten.“14

Die Aufforderung des III. Reiches, nämlich die Politik der Aufrechterhaltung der arischen Rasse, bedeutet, den Einzelnen in seinem täglichen Leben verantwortlich zu machen, damit er diese Verpflichtungen gegenüber der NS-Ideologie respektiert. „Der Weg dorthin sollte zunächst über die ,rassische Entmischung’ des ,arischen’ Volkes von ,rassisch fremden’ und ,minderwertigen’ Menschen führen. Hierzu sollte ein rassisch orientiertes Staatsbürgerrecht dienen.“15 Die Suche nach der Reinheit der Rasse und der Kampf gegen die Degeneration waren in diesem Sinne eine der wichtigsten tragenden Elemente der Kampagne gegen den Tabak.

II. Rauchen: Entwicklung des Feindbildes

a) Zwischen wissenschaftlicher und ideologischer Begründung

Der Zusammenhang zwischen dem Rauchen und schädlichen Auswirkungen auf die Gesundheit ist seit ende der 1920er Jahre bekannt, nachdem zahlreiche wissenschaftliche Studien hierzu durchgeführt wurden. Fritz Lickint gilt als einer der Pioniere, die an detaillierten wissenschaftlichen Studien über die Auswirkungen des Tabaks auf den menschlichen Körper mitgewirkt haben. In seiner 1929 erschienenen Arbeit „Tabak und Organismus“ erläutert er die Wirkung des aktiven und passiven Tabakkonsums.16

„Die Nationalsozialisten konnten bei ihrer tabakfeindlichen Politik an die Vorarbeiten anknüpfen, die der Bund der deutschen Tabakgegner seit 1912 geleistet hatte. Kulturkritischmoralisch motiviert, bewegte sich der Bund im Dunstkreis der Temperenz- und Lebensreformbewegung. Waren es in den zwanziger Jahren moralische Unternehmer, die das Profil der Antitabakbewegung geprägt hatten, traten seit der Mitte der dreißiger Jahre medizinisch geschulte Experten in den Vordergrund, die nun mit professionellen Methoden daran gingen, das Rauchen überhaupt erst zu einem die gesamte Öffentlichkeit beschäftigenden Problem zu machen, das von der Medizin bereitgestellte Wissen zu popularisieren und damit den Tabak gezielt zu diskreditieren.“17

Mit Bezug auf diese Studien beginnt das NS-Regime eine Politik, die darauf ab zielt, den Bürgern die Möglichkeit zu geben, den Schaden des Konsums zu bekämpfen. Die Verbindung zwischen Lungenkrebs und Tabakkonsum hat das III. Reich zur Förderung der Forschung zur Bekämpfung dieser Krankheit veranlasst. Der Appell des Reichsjugendführers Baldur von Schirach von 1939 an die deutsche Jugend, "Ihr habt die Pflicht, gesund zu sein"18, kann insofern als Schlüsselbegriff der Gesundheitskampagne des NS-Regimes angesehen werden, dass die individuelle Verantwortung gegenüber der Autorität des Regimes aufgehoben wird. Bis zu einem gewissen Punkt spiegeln sich hierin die Gesundheitsfragen wider, die das ideologische Konzept des Idealmenschen widerspiegeln, das von der nationalsozialistischen Ideologie diktiert wird. Gesundheit dürfe deshalb nicht mehr als eine Frage der individuellen Zuständigkeiten, sondern als eine Frage der individuellen Verpflichtung verstanden werden. Die Tabakindustrie versuchte ihrerseits den Diskurs über das Rauchen zu beeinflussen, indem sie Zigaretten beispielweise mit Filtern entwickelte und somit den Eindruck erwecken wollten, dass diese gesünder seien.

„Nachdem sich schadstoffabsorbierende Mundstücke und Zigarettenhalter schon seit langem eingebürgert hatten, kam 1934 die erste richtige Filterzigarette auf den Markt, die F 58 der Firma Kosmos in Dresden. Das Laboratorium des Hauses Reemtsma arbeitete acht Jahre an der Entwicklung eines Zigarettenfilters, der schließlich 80 Prozent des Nikotins zurückbehielt.“19

Abgesehen davon, dass die Tabakindustrie an der Qualitätsverbesserung beteiligt war und Maßnahmen ergriff, um die Schädlichkeit des Tabaks zu verringern, konnte die Industrie es nicht vermeiden, ins Visier der Nazi-Regierung zu geraten.

Unter der Leitung von Karl Aster, Rektor der Universität Jena und enger Anhänger der nationalsozialistischen Rassenideologie, wurden 1939 Forschungen zu den gesundheitlichen Auswirkungen des Rauchens vorgenommen.20 Er stellte die Universität Jena in den Mittelpunkt und forderte sie auf den Kampf gegen den Tabak zum Forschungsschwerpunkt im zu machen, den er persönlich als Aufgabe des Nationalsozialismus sah.

b) Rauchverbot als Bestandteil der „Rassenhygiene: Rauchen als Symbol „jüdischer Rassenverunreinigung

Bevor sich mit dem rassischen Gebrauch der Tabakbekämpfung auseinandergesetzt wird, sollte zuerst klargestellt werden, dass Assimilationen mit rassischen Konnotationen damals in der Gesellschaft üblich waren. Dem liegt die Vorstellung zugrunde, dass es unterschiedliche Rassen gibt, die unterschiedliche Wertigkeiten besitzen und die deutsche Gesellschaft hierarchisieren. Dies war ein konstruierendes Element der nationalsozialistischen Ideologie. „Neben den bereits genannten Gründen für diesen zeitlichen Einsatz kam hier mit dem 1884/85 erfolgten Erwerb der Kolonien und dem damit verbundenen Eintritt des Deutschen Reiches in die Reihe der imperialistischen Großmächte ein weiterer Ursachenkomplex hinzu.“21 Diejenigen Praktiken, welche Rassen bestimmte Eigenschaften zuschrieben, die ihre Minderwertigkeit gegenüber den anderen begründen sollten, stellten kein Novum dar. Tabak wurde als Gift des deutschen Volkes, aber auch als Parasit dargestellt. Der Tabak verkörperte eine Versuchung des Teufels, der durch den Akt des Rauchens, die Menschen durch die Sucht, die Nikotin bei Rauchern auslöst, einsperrt. (ABB II. 1 und ABB II.2) Der Kampf gegen das Rauchen wurde daher als ein Mittel genutzt, um die rassistische Botschaft gegen die jüdische Gemeinde zu vermitteln, indem Tabak als ein als "jüdisch" angesehenes Element verteufelt wird. Zeitungen und Zeitschriften wie "Reine Luft", "Auf der Wacht" oder "die Genußgifte" verbreiteten die Rassenideologie, indem sie die jüdische Gemeinde mit der Nikotinsucht in Verbindung brachten. Die Verwendung der jüdischen Gemeinde die als jüdisch geltende Lebensweise als Element im Kampf gegen das Rauchen veranschaulicht eine Form der Popularisierung des Antisemitismus.

[...]


1 Bialas, Wolfgang, (2014) 56.

2 Uta, Gerhardt (2001) 113.

3 Weber, Max (1988),191/194.

4 Rede Hitler in Verenna Zimmermann,Den neuen Menschen schaffen: Die Umerziehung von schwererziehbaren und straffälligen Jugendlichen in der DDR (1945 - 1990) 52.

5 Landwehr, Achim, (2008) 73.

6 Bialas, Wolfgang, (2014) 55.

7 Schwarb-Trapp, Michael (1996) 50.

8 Schäfer, Hans Dieter (1981) 115.

9 Boutin, Christophe, (2005) L'élite raciale chezHouston Stewart Chamberlain, Revue Franqaise d'Histoire des Idées Politiques (n°22), Editions Picard, Paris. 95-119.

10 Mackenbach, Johan P (2005) Odol, Autobahne and a non-smoking Führer: Reflections on the innocence of public health, International Journal of Epidemiology, 538.

11 Bralas, Wolfgang, (2014) 207.

12 Ebd. 210.

13 Proctor (2002) 37.

14 Vgl. Hitler (1943) 446.

15 Mackensen, Rainer (2006) 289.

16 Maria Merki Christoph (1998) 23.

17 Ebd. 25.

18 Petrick- Felber, Nicole (2015) 64.

19 Maria Merki Christoph (1998) 31.

20 Petrick- Felber, Nicole (2015) 165.

21 Reinhardt, Dick (1993) 412.

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Tabakkunsum im III. Reich. Die nationalsozialistische Anitraucher Kampagne zwischen Freiheitsbeschränkung und individueller Verwirklichung
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
43
Katalognummer
V988747
ISBN (eBook)
9783346351319
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tabak, Nationalsozialismus, Wirtschaftsgeschichte, Antiraucher kampagne, Marketing, Propaganda, Gesellschaftsgeschichte
Arbeit zitieren
David Courtin (Autor), 2017, Tabakkunsum im III. Reich. Die nationalsozialistische Anitraucher Kampagne zwischen Freiheitsbeschränkung und individueller Verwirklichung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/988747

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