Wirtschaftskriminalität und die Bedeutung von Whistleblowing. Definition und Methoden zur Prävention

Wirtschaftsethik als Erfolgsfaktor für Unternehmen


Bachelorarbeit, 2020

70 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Verzeichnis der Anhänge

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung

2 Ethische Grundlagen, Definitionen und Zusammenhänge
2.1 Abgrenzung Ethik und Moral
2.2 Einstufungskriterien der Ethik
2.3 Begriffliche Grundlagen der Wirtschaftsethik
2.4 Unternehmensethische Entscheidungen nach Kohlberg

3 Spannungsverhältnis zwischen Ethik und Ökonomik
3.1 Grundlagen der Ökonomik
3.2 Gesinnung der Wirtschaftsakteure
3.3 Handlungsmodell des Homo oeconomicus
3.4 Beziehung zwischen Ethik und Ökonomik
3.4.1 Ökonomischer Erfolg durch ethische Einflussnahme
3.4.2 Markt und Moral
3.4.3 Dialog zweier Disziplinen

4 Whistleblowing zur Aufdeckung von Wirtschaftskriminalität
4.1 Wirtschaftskriminalität
4.1.1 Fraud Triangle
4.1.2 Arten der Wirtschaftskriminalität
4.1.3 Leipziger Verlaufsmodell wirtschaftskrimineller Handlungen
4.2 Whistleblower als Hinweisgeber zur Fraud-Prävention
4.2.1 Gegenstand des Whistleblowings
4.2.2 Rechtliche Grundlagen
4.2.3 Whistleblower – Denunziant oder Informant
4.2.4 Hinweisgebersysteme als anonyme Kommunikationskanäle
4.2.4.1 Hotlines und Internetplattformen für Whistleblower
4.2.4.2 Ombudsmann und Ethikbeauftragter (Compliance Officer)
4.2.4.3 VW als Musterbeispiel der Systemintegration

5 Instrumente zur Prävention von Wirtschaftskriminalität
5.1 Ethical Leadership – Basis für regelkonformes Führungsverhalten
5.1.1 Unternehmenserfolg durch ethische Mitarbeiterführung
5.1.2 Prinzipienmodell nach Frey
5.1.3 Messung ethischer Führung
5.1.3.1 Corporate Ethical Virtues Model (CEVM)
5.1.3.2 Ethical Leadership Scale (ELS)
5.1.3.3 Ethical Leadership at Work (ELW)
5.2 Compliance Management
5.2.1 Begriffserklärung, Rahmenbedingungen und Wettbewerbsvorteile
5.2.2 Folgen und Kosten von Compliance-Verstößen
5.2.3 CMS als Präventionsmaßnahme
5.2.3.1 Code of Conduct
5.2.3.2 Interne Kontrollsysteme (IKS)
5.2.3.3 Compliance Officer und Compliance Committee
5.2.3.4 Messung von Compliance-Management-Systemen

6 Quo vadis – Fazit und Ausblick

Anhang

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Moralentwicklung nach Kohlberg

Abbildung 2: Hauptkriterien der Kaufentscheidung

Abbildung 3: Wirtschaftsdelikte: Arten und prozentuale Verteilung

Abbildung 4: Risikotypen wirtschaftskrimineller Handlungen

Abbildung 5: Handlungsoptionen bei unternehmerischen Missständen

Abbildung 6: Offenlegung von Wirtschaftsbetrug

Abbildung 7: Verlauf oppositärer Führungsstile

Abbildung 8: Einflussnahme ethischer Führung

Abbildung 9: Durchschnittskosten von Compliance und Non-Compliance

Abbildung 10: Datenanalysen: Jahresvergleich der Einsatzbereiche

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Moral und Ethik im direkten Vergleich

Tabelle 2: Ethikrelevante Kennzahlen des Share- und Stakeholder-Ansatzes

Tabelle 3: Rangordnung zweier Disziplinen

Tabelle 4: Messinstrumente ethischer Führung

Verzeichnis der Anhänge

Anhang 1: Globale Bestandsaufnahme von Betrugsfällen und -verlusten

Abkürzungsverzeichnis

a.a.O. am angegebenen Orte

ACFE Association of Certified Fraud Examiners

AG Aktiengesellschaft

ArbSchG Arbeitsschutzgesetz

BAG Bundesarbeitsgericht

BetrVG Betriebsverfassungsgesetz

BKA Bundeskriminalamt

bzw. beziehungsweise

CEVM Corporate Ethical Virtues Model

CMS Compliance-Management-Systeme

COSO Committee of Sponsoring Organizations of Treadway Com­mission

DCGK Deutscher Corporate Governance Kodex

DGFP Deutsche Gesellschaft für Personalführung

DIN Deutsches Institut für Normung

DNWE Deutsches Netzwerk Wirtschaftsethik

EGMR Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte

ELS Ethical Leadership Scale

ELS-D Deutsche Adaption der ELS

ELW Ethical Leadership of Work

ELW-D Deutsche Adaption des ELW

EMEIA Europe, Middle East, India, Africa

etc. et cetera

EU Europäische Union

e.V. eingetragener Verein

EY Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

GfK Growth from Knowledge

GmbH Gesellschaft mit beschränkter Haftung

Hrsg. Herausgeber

ID Identity

IKS Internes Kontrollsystem

ISO International Standardization Organization bzw.

Internationale Organisation für Normung

IT Informationstechnik

KPI Key Performance Indicator

KRI Key Risk Indicator

KSchG Kündigungsschutzgesetz

NGO Non Governmental Organization

OWiG Gesetz über Ordnungswidrigkeiten

PwC Pricewaterhouse Coopers (GmbH)

S. Seite

SIS Sustainability Image Score

sog. sogenannten

StGB Strafgesetzbuch

u.a. unter anderem

USD US-Dollar

usw. und so weiter

Vgl. Vergleiche

VW Volkswagen oder Volkswagen AG

z.B. zum Beispiel

1 Einleitung

Regeln, Normen und Konventionen sollen die Verhaltensweisen der einzelnen Ge­meinschaftsmitglieder in eine moralische Richtung lenken und als gesetzlicher, oder gesellschaftlicher Leitfaden ein friedliches Miteinander bedingen. Innerbetrieblich übernimmt in erster Linie die Geschäftsleitung die Steuerungs- sowie Kontrollfunktion, um die Einhaltung der gesetzlichen und betrieblichen Vorgaben zu gewährleisten. Des Weiteren nimmt der Geschäftsinhaber, als Unternehmensgründer, in seiner Leitungs­funktion Einfluss auf die Unternehmenskultur und gilt als moralischer Wegweiser. Als „ role model“ folgt die Belegschaft seinem Beispiel bei der Verinnerlichung morali­scher Grundsätze. Der „Tone from the Top“ soll kein Theoriekonstrukt oder Lippenbe­kenntnis bleiben, sondern gelebt werden, und zwar von der Geschäftsleitung, über den direkten Vorgesetzten bis hin zum einzelnen Mitarbeiter.1 Jede dieser personellen Ebe­nen kann bei regelwidrigem bzw. unmoralischem Handeln ein wirtschaftliches Risiko für das Unternehmen darstellen, und damit zu materiellen sowie immateriellen Scha­den führen.

Geradezu alarmierend in diesem Zusammenhang sind die Ergebnisse der EY Studie, in der jeder vierte Manager, in Deutschland, angibt,2 unethische Praktiken in Betracht zu ziehen, um (persönliche) wirtschaftliche Vorteile zu lukrieren. Die Tatsache, dass nahezu ein Viertel der Befragten sich, für wirtschaftskriminelle Handlungen aus­sprechen, veranschaulicht die Relevanz von Präventivmaßnahmen zur Früherkennung, Eindämmung sowie Vorbeugung von Wirtschaftskriminalität. Bekräftigt werden diese bedeutsamen Ergebnisse durch die PwC Studie aus dem Jahr 2018, darin geben 47 % der Befragten an, Opfer von Wirtschaftskriminalität geworden zu sein.3 Nahezu jedes zweite der befragten Unternehmen gilt somit als betroffen und verdeutlicht den unter­nehmensethischen Handlungsbedarf zur Schadensabwendung. Welche Maßnahmen als Präventivinstrumente im Kampf gegen Wirtschaftskriminalität realisiert werden können und welche Bedeutung Whistleblowern und den damit verbundenen Hinweis­gebersystemen zukommt, soll mit Hilfe der vorliegenden Arbeit vorgestellt werden.

2 Ethische Grundlagen, Definitionen und Zusammenhänge

2.1 Abgrenzung Ethik und Moral

Die Begriffe Ethik und Moral werden fälschlicherweise oft synonym verwendet, obschon ihre Bedeutung differiert. Hinsichtlich der etymologischen und semantischen Definition von Moral und Ethik, bestehen folgende Unterschiede.

Moral stammt von dem Lateinischem mos, mores = die Sitte (n) ab, und befasst sich mit dem „guten“ oder „schlechten“ Handeln des Einzelnen, gemessen an den Werte­vorstellungen innerhalb einer Gesellschaft.4 Ethik leitet sich ab aus dem Griechischen ta ethika = das, was die Sittlichkeit betrifft, Sittenlehre, und hinterfragt das Handeln durch Reflexion der Wertevorstellungen.5

Moral umfasst das Tun des Individuums und inwieweit dieses den Regeln und Normen der Gesellschaft entspricht. Dabei muss das Verhalten nicht zwangsläufig dem Gesetz entsprechen, wohl aber der gesellschaftlichen Konvention. In diesem Sinne wäre Mo­ral wohl am ehesten mit Anstand gleichzusetzen. So ist Ehebruch keine Straftat, stellt allerdings ein gesellschaftliches Tabu dar. Abhängig ist die moralische Kategorisie­rung in „gut“ oder „schlecht“ von der Zugehörigkeit, da die sozialen Normen, Vorga­ben und Werte innerhalb von Kommunen, Religionen und Kulturkreisen variieren können.

Während sich die Moral deskriptiv-empirisch mit den Verhaltensweisen innerhalb ei­ner Gesellschaft auseinandersetzt, bewertet und überprüft die reflexiv-theoretische Ethik diese Handlungen mittels Reflexion von Normen und Sitten6, wie sich – zur genaueren Differenzierung der beiden Begriffe – aus Tabelle 1 ergibt.

Tabelle 1: Moral und Ethik im direkten Vergleich7

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2 Einstufungskriterien der Ethik

Die oben erwähnte moralische Kategorisierung in „gut“ und „schlecht“, dient der Ethik als Bewertungsgrundlage. Zur genauen Analyse bedarf es Kriterien als ethisches Equipment. Hierzu sollen vor allem die deontologische, sowie die teleologische Ethik genauere Betrachtung finden. Dabei liegt das Hauptunterscheidungsmerkmal der Ethiktypen in der unterschiedlichen Fokussierung.

Während bei der deontologischen Ethik das Augenmerk auf der Handlung an sich liegt, konzentriert sich die teleologische Ethik auf die Folgen der Handlung. Die deontolo­gische Ethik lässt sich nach ihrem Leitgedanken weiter unterteilen nach Vernunft, Na­tur und Motiv. Wobei in der folgenden Ausführung nur die Vernunft näher betrachtet wird. Repräsentant des auf Vernunft basierenden kategorischen Imperativ ist Kant. Nach seiner Ansicht ist es selbst dann nicht gestattet zu lügen, wenn ein Mörder nach dem Aufenthaltsort seines Feindes fragt. Die Folgen der Handlung sind nach Kants Ermessen, der Wahrheit untergeordnet. Das gilt jedoch nicht für die teleologische Ethik, welche die Konsequenzen des Handelns in den Vordergrund stellt, und mögli­che Folgen abwägt.8

2.3 Begriffliche Grundlagen der Wirtschaftsethik

Wirtschaftsethik ergründet die Kausalität zwischen ökonomischen Schaffen und menschlichen Handeln unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Richtschnur.9

Eine der Herausforderungen, mit der sich Unternehmer konfrontiert sehen, ist das ge­winnmaximierende Wirtschaften innerhalb moralisch vertretbarer Grenzen. Dabei können Faktoren wie Umweltschutz, Überbezahlung und Nachhaltigkeit ein Thema sein. Hierbei ist ein Geschäftsgebaren, das den gesellschaftlichen Interessen entspricht, wünschenswert und im Sinne der Wirtschaftsethik.

Lütge und Uhl definieren Wirtschaftsethik als Bindestrich-Ethik, und sprechen dabei von einer Zusammensetzung der beiden Begriffe Ethik und Ökonomik. Während Öko­nomik sich mit der Theorie von Ökonomie beschäftigt, widmet sich Ethik der Theorie von Moral. Durch die Kombination der beiden Theorien entsteht eine „Ethik für die Wirtschaft“.10

Diese Symbiose lässt sich unter philosophischen Gesichtspunkten in eine dualistische und monistische Ethik einteilen. Der dualistische Ansatz stellt Ethik und Ökonomik einander gegenüber. Daraus resultieren Zielkonflikte, die die Entscheidungsfindung erschweren. Die monistische Annahme erleichtert diese Entscheidungsfindung, indem das ethische Prinzip: „Sollen setzt Können voraus“ Anwendung findet. Danach sind moralische Handlungen verpflichtend, wenn die technischen, finanziellen Möglichkei­ten gegeben sind.11

2.4 Unternehmensethische Entscheidungen nach Kohlberg

Unternehmer, als Arbeitgeber und Produzenten, sehen sich mit moralischen Fragestel­lungen konfrontiert. Diese können Personal-, Umwelt- oder Qualitätsfragen betreffen. All diese Thematiken liefern ein breites Spektrum an Handlungsspielräumen. Welcher ökonomische Weg gewählt wird, und wie der Entscheidungsträger im Dschungel der Möglichkeiten navigiert, ist abhängig von der moralischen Einstellung bzw. Moralent­wicklung des Einzelnen.

Die moralische Entwicklung von Individuen basiert nach Kohlberg auf einem Stufen­modell und wird in drei Ebenen zu jeweils zwei Stufen eingeteilt. Grundlage der Forschung Kohlbergs ist die Entwicklungstheorie nach Piaget. Darauf aufbauend defi­nierte Kohlberg eine präkonventionelle, eine konventionelle sowie eine postkon­ventionelle Ebene, siehe Abbildung 1.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Moralentwicklung nach Kohlberg12

Innerhalb der präkonventionellen Ebene orientieren sich die ersten beiden Stufen an dem Verhältnis zwischen dem Selbst und dem gesellschaftlichen Verhaltenskodex. Dabei beginnt das Stufenmodell mit der Sanktionsprävention, in der, wie der Name schon vermuten lässt, Kinder darauf ausgerichtet sind, Bestrafungen durch Gehorsam zu vermeiden. Die zweite darauffolgende Stufe widmet sich dem reziproken Verhalten der Kinder. Diese versuchen, ihren eigenen Interessen nachzugehen und imitieren da­bei das Verhalten anderer. Die konventionelle Ebene beschreibt das Verhältnis zwi­schen dem Selbst und den gesellschaftlichen Verhaltenskodex anderer. Unter dem good boy/nice girl -Begriff verbirgt sich der Wille, den Erwartungen der anderen Ge­sellschaftsmitglieder zu entsprechen, während bei der vierten Stufe dem Gesetz und der Ordnung entsprochen wird. Die letzte Ebene befasst sich mit dem verhaltenskode­xunabhängigen, eigenen ethischen Grundsätzen. Diese korrelieren innerhalb der fünf­ten Stufe mit dem Sozialvertrag und betreffen z.B. die Menschenrechte. Die abschlie­ßende – kaum zu erreichende – sechste Stufe definiert individuelle, universale Prinzi­pien mit globaler Gültigkeit.13

Aus dem Stufenmodell Kohlbergs lässt sich ableiten, dass innerhalb des moralischen Entscheidungsfindungsprozesses ausschlaggebend ist, welche Stufe der Unternehmer erreicht. Dabei sind die fünfte, sowie die sechste Stufe besonders erstrebenswert, weil der Unternehmer auf der postkonventionellen Ebene moralische Prinzipien verinner­licht hat, und aufgrund der intrinsischen Motivation moralischen Werten folgt. Dies geschieht unabhängig von Gesetzen und Ordnungen. Der Unternehmer strebt nach dem Guten aufgrund eines innerlichen Bedürfnisses. Die Differenzierung zwischen der vierten und fünften Stufe kann innerhalb des unternehmerischen Handelns eine große Rolle spielen, wie am folgenden Beispiel dargestellt wird.

Im Jahr 2014 führte Bolivien eine Richtlinie ein, die es Kindern und Jugendlichen gestattet zu arbeiten. Danach dürfen Kinder ab 10 Jahren selbstständig oder im Ange­stelltenverhältnis tätig werden, sofern sie parallel dazu die Schule besuchen, und es gesundheitlich unbedenklich ist.14 Die Legalisierung der Kinderarbeit entspricht zwar dem bolivianischem Gesetz, ist aber moralisch fragwürdig. Ein deutscher Unterneh­mer, der mit bolivianischen Zulieferern, die Kinder beschäftigen, kooperiert, begeht keine gesetzliche Straftat, wohl aber eine moralische. Unternehmer, welche die fünfte Stufe erreicht haben, gehen solch eine Kooperation nicht ein, weil es ihren ethischen Prinzipien widerspräche. Während sich auf der Stufe vier auch schwarze Schafe tum­meln, die den gesetzlichen Rahmen ausdehnen und sich Gesetzeslücken für unmorali­sche Machenschaften und wirtschaftskriminelle Handlungen zu Nutze machen, finden sich auf Stufe fünf, Unternehmer mit moralischer Integrität und Blick auf das Gemein­wohl ein.

Kohlbergs Moralforschung fand in den 1970er Jahren großen Anklang. Sowohl in der Entwicklungspsychologie als auch in der Pädagogik, Philosophie und Soziologie wurde seine Forschung adoptiert. Etwa 10 Jahre nach der Vorstellung seiner Moralana­lyse ertönten allerdings erste kritische Stimmen. Grund dafür ist unter anderem, die unterstellte universelle Allgemeingültigkeit seiner auf lokalen, geschlechtsbezogenen empirischen Untersuchungen beruhenden Forschung. Das Oxymoron ergibt sich aus dem globalen Konzept, das lediglich auf den Stellungnahmen von männlichen in den USA ansässigen Probanden fußt.15

3 Spannungsverhältnis zwischen Ethik und Ökonomik

3.1 Grundlagen der Ökonomik

Ökonomik - als Wirtschaftswissenschaft - dient, wie eingehend erwähnt, als Verfahren zur wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung innerhalb der Ökonomie. Zahlreiche Wirtschaftsvisionäre haben den Begriff definiert und dementsprechend viele verschie­dene Interpretationen finden sich in der vorherrschenden Literatur.

Homann und Suchanek beschreiben drei ausgewählte Definitionen: „Ökonomik ist, was Ökonomen tun.“, „Ökonomik ist die Wissenschaft von der Wirtschaft.“ und „Öko­nomik ist die Wissenschaft, die menschliches Verhalten untersucht als eine Beziehung zwischen knappen Mitteln, die unterschiedliche Verwendung finden können.“ Diese verbesserungswürdigen Auslegungen des Ökonomikbegriffes erweitern Homann und Suchanek um ihre eigene: „Die Ökonomie befasst sich mit Möglichkeiten und Proble­men der gesellschaftlichen Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil.“ Dabei findet vor allem die gegenseitige Vorteilhaftigkeit besondere Erwähnung. Das Vorteilsstre­ben leiten sie von John Rawls „A Theory of Justice“ ab. Dort wird die Gesellschaft als „ein Unternehmen der Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil“ verstanden.16

Homann und Suchanek halten in ihrer Definition des Ökonomikbegriffes auch zu mo­ralischen Verhalten an. Die Formulierung einer gesellschaftlichen Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil beinhaltet keinerlei Nachteile für eine Partei. Das exkludiert jegliche Verhaltensweisen, die negative Auswirkungen auf die Gesellschaft haben können, wie z.B. Steuerhinterziehung, Umweltbelastungen etc. Interessant ist diese Definition auch im Hinblick auf das Gewinnmaximierungsprinzip. Hierbei wird dem Unternehmer das Streben nach der Maximierung seiner Gewinne unterstellt. Verfolgt ein Unternehmer strikt sein Maximierungsziel, so kann dies unter Umständen zu (ge­samt-) gesellschaftlichen Nachteilen führen, und widerspricht somit dem Ökonomie­begriff von Homann und Suchanek.

[...]


1 Vgl. Noll, Bernd: Wirtschaftskriminalität: Eine wirtschaftsethische Herausforderung, Stuttgart 2020, S. 134.

2 Vgl. Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft (Hrsg.) (2020): EMEIA Fraud Survey: Ergebnisse für Deutschland: April 2017, S. 28. URL: https://acfe.de/wp-content/uploads/0073f201­71006_012_Studie_2017_EY_EMEIA-Fraud-Survey-Ergebnisse-fuer-Deutschland.pdf [Stand: 25.‌05.2020].

3 Vgl. PricewaterhouseCoopers GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft (Hrsg.) (2020): Wirt­schaftskriminalität: Deutsche Unternehmen unzureichend abgesichert. URL: https://www.pwc.de/­de/pressemitteilungen/2020/wirtschaftskriminalitaet-deutsche-unternehmen-unzureichend-abgesi­chert.html [Stand: 03.03.2020].

4 Vgl. Dietzelfelbinger, Daniel: Praxisleitfaden Unternehmensethik: Kennzahlen, Instrumente, Handlungsempfehlungen, 2. Auflage, Wiesbaden 2015, S. 42.

5 Vgl. ebenda, S. 43.

6 Vgl. Knischek, Stefan: Grundlagen der Wirtschaftsmoral: Eine problemorientierte Einführung, Kempten 2019, S. 76.

7 Darstellung in enger Anlehnung an Knischek, Stefan, a.a.O., S. 79, dort als Tabelle 2.3.

8 Vgl. Homann, Karl/Lütge, Christoph: Einführung in die Wirtschaftsethik, 2., korrigierte Auflage, Münster 2005, S. 14-15.

9 Vgl. Dietzelfelbinger Daniel, a.a.O., S. 209.

10 Vgl. Lütge, Christop/Uhl, Matthias: Wirtschaftsethik, München 2018, S. 7.

11 Vgl. ebenda, S. 11.

12 Darstellung in Anlehnung an Althof Wolfgang (Hrsg.): Lawrence Kohlberg: Die Psychologie der Moralentwicklung, 8., Auflage, Frankfurt am Main 2017, S. 128–132, dort als Tabelle 1.

13 Vgl. Althof, Wolfgang (Hrsg.), a.a.O., S. 126-132.

14 Vgl. Nickoleit, Katharina: Bolivien: Ein Länderporträt, Berlin 2019, S. 78-79.

15 Vgl. Becker, Günter: Kohlberg und seine Kritiker: Aktualität von Kohlbergs Moralpsychologie, Wiesbaden 2011, S. 25-26.

16 Vgl. Homann, Karl/Suchanek, Andreas: Ökonomik: Eine Einführung, 2., überarbeitete Auflage, Tübingen 2005, S. 1-5.

Ende der Leseprobe aus 70 Seiten

Details

Titel
Wirtschaftskriminalität und die Bedeutung von Whistleblowing. Definition und Methoden zur Prävention
Untertitel
Wirtschaftsethik als Erfolgsfaktor für Unternehmen
Hochschule
Hamburger Fern-Hochschule
Note
1,5
Autor
Jahr
2020
Seiten
70
Katalognummer
V991603
ISBN (eBook)
9783346354044
ISBN (Buch)
9783346354051
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wirtschaftskriminalität, bedeutung, whistleblowing, definition, methoden, prävention, wirtschaftsethik, erfolgsfaktor, unternehmen
Arbeit zitieren
Anita Jurkosek (Autor), 2020, Wirtschaftskriminalität und die Bedeutung von Whistleblowing. Definition und Methoden zur Prävention, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/991603

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