Selbstbestimmung bei Menschen mit geistiger Behinderung. Möglichkeiten der Förderung durch pädagogisches Handeln


Hausarbeit, 2019

19 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Geistige Behinderung
2.1. Medizinische Definition
2.2. Pädagogische Definition
2.3. Etikettierung und Stigmatisierung

3. Selbstbestimmung für Menschen mit geistiger Behinderung
3.1. Begriff Selbstbestimmung
3.2. Realisation von Selbstbestimmung
3.3. Empowerment

4. Pädagogische Handlungsansätze um Menschen mit geistiger Behinderung zur Selbstbestimmung zu begleiten

5. Konsequenzen für professionelles Handeln
5.1. Werte, Einstellungen und Bereitschaft der Mitarbeiter
5.2. Rolle des professionellen Helfers

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese wissenschaftliche Arbeit handelt von dem Thema Menschen mit geistiger Behinderung im Hinblick auf Selbstbestimmung. Menschen mit geistiger Behinderung brauchen eine gewisse Art der Unterstützung, sowie eine entsprechende Hilfe, damit sie trotz der Schwere ihrer Beeinträchtigung, ein selbstbestimmtes Leben führen können. Um dies zu ermöglichen, bedarf es ein erhöhter Hilfebedarf, welcher dazu verleitet, dass man das Leben der Menschen mit geistiger Behinderung als fremdbestimmt bezeichnet, vor allem derjenigen die an einer schweren Behinderung leiden.

Durch die Jahre hinweg mussten die Menschen mit jeglicher Behinderung viel über sich ergehen lassen, sie wurden entweder ausgegrenzt oder vorgeführt. In der römischen Antike wurden diese Menschen in Extremfällen, entweder ausgesetzt oder getötet, somit wurden sie wie uneheliche Kinder behandelt. Im Mittelalter wurde die Armenpflege eingeführt, aber auch in diesem Zeitalter wurde eine Behinderung als Strafe Gottes betitelt. Über die Neuzeit und den Anfang des 20. Jahrhunderts hinaus wurden die Menschen mit Behinderung in die „Krüppelpädagogik“ eingeteilt. Heutzutage setzen sich viele Organisationen dafür ein, dass Menschen mit Behinderung mehr Rechte erfahren, welche als Inklusion definiert wird, um diesen Menschen ein gerechtes und selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.1

Durch meine eignen persönlichen Erfahrungen, welche sich in meiner Familiensituation ereignet haben, habe ich mich öfters mit diesem Thema beschäftigt, somit bot das Seminar im Modul Adressaten der Sozialpädagogik eine Möglichkeit mich näher mit dem Thema Menschen mit geistiger Beeinträchtigung im Hinblick auf ein selbstbestimmtes Leben zu befassen.

Zuerst werde ich, geistige Behinderung im Allgemeinen definieren um danach auf die unterschiedlichen Sichtweisen einzugehen. In diesem Sinn werde ich mich mit der Stigmatisierung und der Etikettierung befassen. Im weiteren Verlauf thematisiert die Hausarbeit den Begriff der Selbstbestimmung sowie die pädagogischen Handlungsansätze um Menschen mit geistiger Behinderung zur Selbstbestimmung zu begleiten. Darüber hinaus werden noch die Konsequenzen für das professionelle Handeln erläutert die sich aus diesem Thema ergeben. Schlussendlich wird im Fazit versucht eine Antwort auf die gestellte Frage, welche lautet: „Wie ist es möglich mit Hilfe pädagogischen Handelns, Menschen mit Behinderung im Hinblick auf Selbstbestimmung zu begleiten?", zu finden.

2. Geistige Behinderung

Eine allgemeine Definition für geistige Behinderung gestaltet sich schwierig, denn dadurch müsste man sich eindeutig festlegen, was man bei diesem Begriff nicht erfüllen kann. Im Bundesteilhabegesetz (BTHG) wurde der Begriff der Behinderung im §2 Abs.1 SGB IX neu definiert und lautet:

„Menschen mit Behinderungen sind Menschen, die körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, die sie in Wechselwirkung mit einstellungs- und umweltbedingten Barrieren an der gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate hindern können“ (§2 Abs. 1 SGB IX).2

Eine geistige Behinderung kann also eine Lernbehinderung sein, sowie eine seelische Behinderung um nur einige Beispiele dafür zu nennen.

Speck ist der Meinung, dass geistige Behinderung aus unterschiedlichen Teilbegriffen besteht, diese Teilbereiche müssen zu einem Ganzen zusammengeführt werden um den Begriff geistige Behinderung erfassen zu können. Für Speck besteht eine Behinderung aus einer Schädigung der Organe im Zentralnervensystem, sowie aus individuellen Persönlichkeitsfaktoren aber auch aus sozialen Einwirkungen (Speck 1999, S. 39).

Oft wird der Begriff nur aus der medizinischen Sichtweise definiert, es müssen aber auch andere Faktoren beachtet werden, wie die Pädagogische Definition um individueller und konkreter auf die Art der Förderung eingehen zu können. Diese Aspekte werden in den nächsten zwei Kapitel behandelt.

2.1. Medizinische Definition

Wie oben schon erwähnt ist Speck der Meinung, dass Behinderung aus verschiedenen Teilbereichen zusammengestellt ist, somit ist es schwierig eine klare Diagnose der schwere der Behinderung zu ermitteln. Die Konsequenz davon ist wissenschaftlich bewiesen, indem nur bei der Hälfte der geistig Beeinträchtigten eine genaue Festlegung der Behinderung erfolgte (Speck 1999, S.45).

Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) unterteilt geistige Behinderung in unterschiedliche Formen der Ausprägung ein, somit wird sie definiert als leichte, mittlere, schwere und schwerste Form der Beeinträchtigung. Die Weltgesundheitsorganisation hat zudem den ICD (International Classification of Diseases and Related Health Problems.) gegründet, dieser klassifiziert alle relevanten Krankheiten und durch ihren Diagnoseschlüssel können die Diagnosen weltweit einheitlich benannt werden.

Die Definition der geistigen Behinderung im ICD 10 lautet:

Geistige Behinderung ist eine sich in der Entwicklung manifestierende, stehen gebliebene oder unvollständige Entwicklung der geistigen Fähigkeiten, mit besonderer Beeinträchtigung von Fertigkeiten, die zum Intelligenzniveau beitragen, wie z.B. Kognition, Sprache, motorische und soziale Fähigkeiten“ (ICD 10, S.238).3

Speck unterteilt die Ursachen der Beeinträchtigung noch in Entstehungsphasen wie pränatale, sogenannte vorgeburtliche entstandene Beeinträchtigungsursachen, perinatale, sogenannte Beeinträchtigungsursachen, die durch Geburtskomplikationen entstanden sind und postnatale Beeinträchtigungsursachen (Speck 1999, S. 46).

Somit ist die medizinische Sichtweise eine der wichtigsten Sichtweise, denn sie versucht die Entstehung der Beeinträchtigung herauszufinden um danach die angemessenen Maßnahmen zu ermitteln, welche angewendet werden sollen. Um diese Maßnahmen zu verwirklichen spielt die pädagogische Sichtweise eine entscheidende Rolle.

2.2. Pädagogische Definition

Die pädagogische Sichtweise, beinhaltet somit die pädagogische Förderung, welche in Erziehung und Therapie gegliedert ist. Die Hilfe in der Geistigbehindertenpädagogik erfolgt im Bezug auf die Lernmöglichkeiten und Lernbedürfnissen der Betroffen, denn die Konsequenz die sich aus der Beeinträchtigung des Lernens ziehen lässt, wird als Einschränkung eines selbstständiges und selbstbestimmtes Leben gesehen. Speck bezeichnet die pädagogische Hilfeart als eine dauerhafte Hilfebedürftigkeit, die sich auf die Lernbedürfnissen bezieht (Speck 1999, S.44). Wie auch in der medizinischen Definition von geistiger Behinderung spielt auch in der pädagogischen Definition der Schweregrad der Betroffenen eine wichtige Rolle. Je nachdem, wie beeinträchtig das Individuum ist werden auch die Betreuungs- und Erziehungsmaßnahmen angepasst. Im Mittelpunkt steht die „Person", somit werden die Bedürfnisse und individuellen Ressourcen abgestimmt und durch dieses Wissen wird versucht, ihnen eine selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. In diesem Sinne werden Unterforderung und Überforderung des geistig Beeinträchtigten, aber auch des professionellen Betreuers, versucht zu verhindern. Die pädagogische Sichtweise handelt nach dem Begriff, Hilfe zur Selbsthilfe, auf den Speck in seinen Veröffentlichungen einen Schwerpunkt setzt. Die pädagogische Sichtweise weist darauf hin, dass eine Beeinträchtigung nicht nur aus organischen und genetischen Schädigungen besteht, sondern das Verhalten und die Persönlichkeit werden auch durch soziale Prozesse geprägt. Somit gilt es diesen Aspekt in der pädagogischen Definition auch zu berücksichtigen (Speck 1999).

Durch die medizinische Definition und die pädagogische Definition wird sichtbar, dass es kompliziert ist eine exakte Definition von geistiger Behinderung zu erstellen. Es müssen unterschiedliche Aspekte analysiert werden um zu versuchen die Beeinträchtigung zu klassifizieren.

Welche Konsequenzen die geistige Behinderung mit sich trägt, wird im nächsten Kapitel deutlich. Die Etikettierung und Stigmatisierung der Betroffenen, kann auch als Beispiel genommen werden, warum es nicht so einfach ist Menschen mit geistiger Behinderung zu klassifizieren.

2.3. Etikettierung und Stigmatisierung

Der Begriff „geistig behindert" oder „behindert" wird heutzutage in der Öffentlichkeit oft verwendet auch wenn diese Menschen gar keine Behinderung haben, dennoch gilt es als „normal" diese Begriffe zu verwenden, wenn man jemand als „dumm" darstellen möchte.

Die Menschen die jedoch eine geistige Beeinträchtigung haben, werden oft in einen „Topf" geworfen, dabei haben diese Personen eigentlich nur eine Gemeinsamkeit und zwar den Stempel als geistig behindert zu gelten. In den vorgesehenen Einrichtungen befinden sich aber Menschen mit ganz unterschiedlichen Beeinträchtigungen, die einen haben eine Lernbehinderung, die anderen eine psychische Störung oder eine Mehrfachbehinderung. Es gibt Individuen denen man die Beeinträchtigung ansieht, bei anderen aber merkt man nicht sofort warum sie diese Einrichtung besuchen. Dieser Stempel von geistig behindert sorgt dafür, dass diese Menschen noch mit anderen Auswirkungen zu kämpfen haben, als nur mit ihrer Beeinträchtigung. Sobald feststeht, dass ein Mensch eine geistige Beeinträchtigung hat, wird dieser in der Gesellschaft auch so behandelt und man geht meistens „anders" mit ihnen um. Durch die Festlegung einer geistigen Beeinträchtigung und das darauffolgende Handeln der Gesellschaft wird der Mensch mit geistiger Beeinträchtigung im Laufe seines Lebens „behinderter". Denn die Gesellschaft reagiert oft im negativen Sinne auf die Beeinträchtigung auch wenn diese Reaktion meistens unbewusst stattfindet. Der geistig Beeinträchtigte. wird dann öfters mal mit Aussagen konfrontiert wie, er könne viele Sachen nicht machen wegen seiner Behinderung oder er wäre sein Leben lang auf Hilfe angewiesen (Pörtner 2003, S.17 ff).

Diese Aussagen machen deutlich, dass nicht nur die geistige Behinderung eine Herausforderung für den Betroffenen darstellt, sondern auch das soziale und persönliche Umfeld. Oftmals wird die Beeinträchtigung erst zur Problematik durch die Gesellschaft, auch die unterschiedlichen Kulturen tragen zur Problematik bei, denn was in den einen Kulturen als „normal" eingeordnet wird, wird in anderen Kulturen als eine geistige Beeinträchtigung angesehen (Pörtner 2003, S.19 ff).

Durch diesen Aspekt, unteranderem, entwickelte sich eine Selbstbestimmungsdebatte, damit Menschen mit geistiger Behinderung diesen Stempel in gewisser Weise ablegen können. Aber auch um zu beweisen, dass sie auch mit ihrer Beeinträchtigung ein Recht und die Möglichkeit auf ein selbstbestimmtes Leben haben.

3. Selbstbestimmung für Menschen mit geistiger Behinderung

3.1. Begriff Selbstbestimmung

Allgemein bedeutet Selbstbestimmung, selbst über das eigene Leben entscheiden zu können, wie zum Beispiel wie man aussehen will oder mit wem man sein Leben verbringen will. Somit besteht die Freiheit die eigene Persönlichkeit zu entfalten, solange man damit keinem anderen Menschen schadet, aber auch die Gesetze und Rechte von anderen müssen respektiert und eingehalten werden (Rohrer 2016).1

In der Behindertenpädagogik besteht Selbstbestimmung aus Autonomie, Unabhängigkeit und Kompetenz. Autonomie wird als Leben nach den eignen Gesetzen bezeichnet, sozusagen stellt sie das Recht auf Selbstbestimmung dar. Darüber hinaus wird Unabhängigkeit in der Selbstbestimmung als freier Wille der Entscheidungen in der gesellschaftlichen Interaktion erklärt und zeigt sich im Gegenzug zur Autonomie im Handeln der Zielvorstellungen des Betroffenen. Die letzte Begriffserklärung der Kompetenz wird als Fertigkeiten und Fähigkeiten dargestellt (Gerhardt 1999, S.38ff.).

Somit kann man sagen, dass Selbstbestimmung in der Behindertenpädagogik durch eine freie Entscheidungsäußerung über das individuelle Handeln, durch kognitive Fähigkeiten des Betroffenen, bestimmt wird.

Der Begriff Selbstbestimmung wird oft allgemein als Grundrecht für alle Individuen definiert und nicht im Bezug auf das bestimmte Thema der Behinderung. Die Selbstbestimmung wurde konkreter in der Heil- und Sonderpädagogik thematisiert, aufgrund dessen geschichtlichen Wandel. Denn aus den Epochen kristallisierte sich immer wieder heraus, dass Menschen mit jeglicher Behinderung kein Recht auf ein Selbstbestimmtes Leben hatten (Waldschmidt 2012, S.50).

3.2. Realisation von Selbstbestimmung

Durch den Duisburger Kongress der Lebenshilfe im Jahre 1994, der als Aufbruchstimmung mutierte, wurde als Startschuss einer Verbesserung der Lebensverhältnisse von Menschen mit Behinderung, außerhalb der Lebenshilfe betitelt.

[...]


1 Rohrer, Jörg (2001): 1x1 des Bewusst-Seins: Persönliche Entwicklung als Lebenssinn. UTD Media: Oberurnen, Hamburg

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Selbstbestimmung bei Menschen mit geistiger Behinderung. Möglichkeiten der Förderung durch pädagogisches Handeln
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Adressaten; Menschen mit einer Behinderung
Note
2,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
19
Katalognummer
V991924
ISBN (eBook)
9783346355492
ISBN (Buch)
9783346355508
Sprache
Deutsch
Schlagworte
selbstbestimmung, menschen, behinderung, möglichkeiten, förderung, handeln
Arbeit zitieren
Tammy Recht (Autor), 2019, Selbstbestimmung bei Menschen mit geistiger Behinderung. Möglichkeiten der Förderung durch pädagogisches Handeln, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/991924

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