Erziehungsberatung und Hochbegabung. Die Rolle der Erziehungsberatung im Unterschied zur klassischen Therapie im Kontext von Hochbegabung


Hausarbeit, 2020

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Über die Erziehungsberatung
2.1 Rechtliche Grundlagen

3 Über die Therapie
3.1 Rechtliche Grundlagen

4 Allgemeine Differenzierung von Psychotherapie und Erziehungsberatung

5 Über die Hochbegabung
5.1 Über das Auslassen von Faktoren wie Kreativität, sozialer Intelligenz und andere Konzepte

6 Hochbegabung in der Erziehungsberatung
6.1 Vor- und Nachteile
6.2 Verbesserungsmöglichkeiten und Ausblick

7 Hochbegabung in der (Psycho-)Therapie
7.1 Psychologische Beratung und die Lerntherapie
7.2 Problemaufriss: Etikettierung, Diagnostik und Individualisierung

8 Zusammenfassung und Fazit

9 Literaturverzeichnis

10 Plagiatserklärung

1 Einleitung

In der folgenden Arbeit über die Rolle der Erziehungsberatung in Abgrenzung zur klassischen Therapie1 in Bezug auf Hochbegabung geht es um die Frage, welche Rolle die Erziehungsberatung in Arbeit mit hochbegabten Kindern spielt, welche Aufgaben diese hat und inwiefern man die Erziehungsberatung von der klassischen Therapie und dessen Ziele und Aufgaben abgrenzen kann und vielleicht sogar muss.

Damit das geschehen kann, werden die beiden Arbeitsfelder zunächst kurz erklärt sowie deren gesetzliche Rolle dargelegt, um diese anschließend in einem ersten Schritt vergleichen zu können. Nachdem die Hochbegabung definiert wird, können beide Arbeitsfelder direkt auf die Hochbegabtenhilfe bezogen werden. Der Vergleich dieser beiden bietet dann nicht nur die Möglichkeit für eine Differenzierung, die vor allem professionstheoretisch, aber auch praktisch nötig ist, sondern auch die Möglichkeit die Frage zu beantworten, in welchem Hilfsnetzwerk den hochbegabten Kindern genug geholfen werden2 kann und was das für die (Zusammen-)Arbeit der verschiedenen Institutionen und Fachkräfte bedeutet.

Hochbegabung wird in der heutigen, schnell wachsenden und globalisierten Zeit eine große Bedeutung beigemessen, gerade wenn es um Fachkräftemangel in Wissenschaft und Politik, aber zum großen Teil auch in der Wirtschaft geht (vgl. Rost et al. 1993). Die dazugehörigen Hauptdisziplinen der Wissenschaft (Psychologie, Pädagogik und die Neurowissenschaften) und deren steigende Relevanz tragen dazu bei, dass der Diskurs über die Hochbegabung auch außerwissenschaftlich, z.B. durch populärwissenschaftliche Ratgeber für jedermann, an Bedeutung gewinnt. Die daraus folgenden Konsequenzen betreffen gerade die Fachkräfte und Institutionen, die im Kern mit Kindern- und Jugendlichen arbeiten, also vor allem die Kinder- und Jugendhilfe, die (frühkindliche) Schulbildung und die Lern- und Psychotherapie, weshalb diese in der folgenden Arbeit ihren Platz finden.

Dass die Erziehungsberatung einen wichtigen und zumeist unterschätzten sowie besonderen Platz in dieser Konstellation inne hat, kann durch die folgende Arbeit gezeigt werden.

2 Über die Erziehungsberatung

Um die Ausgangsfrage der Arbeit zu beantworten können, wird im Folgenden die Erziehungsberatung erklärt, sowie deren rechtliche Grundlage beschrieben. Außerdem wird gezeigt, für wen und was die Erziehungsberatung zuständig ist. Dieser allgemeine Überblick bietet Inhalte, die später auf die Praxis mit Hochbegabten übertragen werden kann.

Die Erziehungsberatung ist, so beschreibt es das bayrische Landesjugendamt auf ihrer Website, eine niedrigschwellige Leistung der Kinder- und Jugendhilfe, welche sich an Eltern/Erziehungsberechtigte, Kinder und Jugendliche sowie Fachkräfte richtet, die Hilfe in Bezug auf die Entwicklung von Kindern und Familien oder der Erziehung benötigen. Erziehungsberatung ist daher als familienunterstützende Maßnahme zu verstehen, die hauptsächlich beraterisch-therapeutisch tätig ist, aber auch präventive sowie vernetzende Aufgaben erfüllt. Das Ziel dieser ist die Klärung von individuellen und familienbezogenen Problemen, bei denen das Kind immer im Fokus steht (Erziehungsberatung ist keine Paartherapie!) (vgl. BLja: 2020). Die Fachkräfte stammen vor allem aus der Pädagogik (Sozialpädagogik, Heilpädagogik etc.) und der Psychologie und zum Teil auch aus der Psychotherapie (vgl. Sawatzki & Ruttert 2018).

Zu den Grundsätzen der Erziehungsberatung gehören die (vgl. Menne 2015: 346):

1. Niedrigschwelligkeit, was bedeutet, dass das Aufsuchen der Erziehungsberatung und die Inanspruchnahme sehr einfach vonstattengehen.
2. Kostenfreiheit, da die Erziehungsberatung im Gegensatz zur Psychotherapie völlig kostenfrei ist.
3. Freiwilligkeit, sodass jede KlientInnen selbst entscheiden können, ob diese Hilfe wollen oder nicht.
4. Verschwiegenheit, da die allgemeine Schweigepflicht gilt. Das stärkt das Vertrauen und senkt die Hemmschwelle. Um über Probleme zu reden.
5. Arbeit in multidisziplinaren Teams, da vielfältige Problemlagen bewältigt werden müssen.

Da es sehr heterogene und vielfältige Massen an Familien und KlientInnen gibt, die sich an die Erziehungsberatungsstelle wenden, gibt es ebenso viele Hilfegründe. Grundsätzlich unterscheidet man von Belastungen jeglicher Art, (mögliche) Einschränkungen in der Erziehungskompetenz (z.B. Unsicherheit, Mangel an Wissen/Können) sowie schulische/berufliche Probleme des jungen Menschen. Zu erwähnen ist, dass die Fachkräfte flexibel und offen mit verschiedensten Anforderungen umgehen müssen. Die Fachkräfte sind keine Ärzte, die gezielt immer dieselbe Methoden anwenden können, um einen Menschen zu heilen. Stattdessen muss hier auch explizit das Klientel mitarbeiten, um Probleme zu bewältigen oder zu überwinden. Dabei orientieren sich Fachkräfte zumeist an der Lebenswelt der Ratsuchenden und den Ressourcen der jeweiligen KlientInnen (vgl. BLja 2020).

Rechtlich verankert und (sozial-)staatlich legitimiert ist die Erziehungsberatung durch das SGB VII.

2.1 Rechtliche Grundlagen

Die Erziehungsberatung wird durch das achte Sozialgesetzbuch (SGB VIII) nicht nur rechtlich legitimiert, sondern auch sozialstaatlich anerkannt, was diese stützt und zum Handeln ermächtigt. Besonders hervorzuheben sind dabei die Paragraphen §17, §18 und §28. Während §28 direkt die Erziehungsberatung und deren Auftrag klärt, beziehen sich §17 und §18 auf spezifische Maßnahmen in den Hilfen zur Erziehung. Auch §65 und die damit angesprochene Verschwiegenheit ist für die Arbeit mit den Ratsuchenden unerlässlich und stärkt so die autonome Rolle der Erziehungsberatung, die unabhängig vom Jugendamt arbeitet.

Anders als die Psychotherapie dürfen bei diesen legitimierten Angeboten jedoch keine psychischen Störungen mit „Krankheitswert“ behandelt werden, weshalb die Kosten der Erziehungsberatung auch nicht von den Krankenkassen übernommen werden. Allerdings ist bei der Erziehungsberatung dafür die Selbstbeschaffung möglich, da keine Überweisung durch den Psychotherapeuten etc. nötig ist, was auch bedeutet, dass die Krankenkassen aus dem Spiel gelassen werden.

Jedoch ist die Erziehungsberatung, so schreibt es die WHO, keine reine Pädagogik, die Ratschläge erteilt, sondern sie besteht aus multidisziplinären Teams, die an vielfältigen Problemen arbeiten und verschiedene Disziplinen abdeckt (vgl. Menne 2015: 348).

3 Über die Therapie

Im Folgenden werden kurz gesetzliche Grundlagen der Psychotherapie die Psychotherapie an sich erklärt, um in Kapitel 3 einen ersten Vergleich zwischen der Erziehungsberatung und der Psychotherapie zu starten, der erste wichtige Anhaltspunkte gibt, die auch im Kontext von Hochbegabung eine große Rolle spielen werden.

Als Therapie beschreibt man eine Art von Behandlung von Problemen und Krankheiten mit Störungswerten, die mit speziell psychologischen Handlungsmethoden gelindert oder geheilt werden. Die Psychotherapie grenzt sich in ihren Methoden von der klassischen Medizin ab, weshalb heute auch zumeist von psychischer Störung und nicht mehr von Krankheit gesprochen wird. Die Mischform Psychiatrie spielt dabei eine Sonderrolle, da diese nur von Ärzten (Psychiatern) ausgeübt werden darf und hier klassische Psychotherapie und eine medikamentöse Behandlung eine Rolle spielt.

In Deutschland gibt es drei (vier, wenn man systemische Therapie mitzählt) Therapieformen, die anerkannt sind und von der Krankenkasse bezahlt werden. Das betrifft die Kognitive Verhaltenstherapie, die analytische Psychotherapie und die tiefenpsychologische Psychotherapie. Die spezifische Psychotherapie wird wie im Psychotherapeutengesetz (PsychThG) folgendermaßen definiert: Ausübung von Psychotherapie im Sinne dieses Gesetzes ist jede mittels wissenschaftlich anerkannter psychotherapeutischer Verfahren vorgenommene Tätigkeit zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Störungen mit Krankheitswert, bei denen Psychotherapie indiziert ist. 2. Im Rahmen einer psychotherapeutischen Behandlung ist eine somatische Abklärung herbeizuführen. 3. Zur Ausübung von Psychotherapie gehören nicht psychologische Tätigkeiten, die die Aufarbeitung und Überwindung sozialer Konflikte oder sonstige Zwecke außerhalb der Heilkunde zum Gegenstand haben (§1.3 PsychThG)

Die Fachkräfte werden dabei in zwei Kategorien unterteilt: Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut. Ersterer ist ein Psychologe/in (M.Sc.) mit entsprechender Zusatzausbildung und letzterer kann Fachkraft der Psychologie, aber auch (Sozial-)Pädagogik (und verwandte Fächer) sowie mit Einschränkungen Lehrkraft sein. Während die psychologischen PsychotherapeutInnen Personen ab einem Alter von 18 Jahren therapieren, ist der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut auf die bis zu 21 Jahre alten Patienten beschränkt (§1a und b sowie 1.2 + §5 PsychThG)

Im Gegensatz zur Erziehungsberatung sollen hier keine „einfachen“ Beratungen durchgeführt werden. Bei Patienten ohne Problem mit Störungswert wird auf andere Hilfestellen verwiesen, da für die Genehmigung eine durch die TherapeutInnen diagnostizierte psychische Störung vorliegen muss.

3.1 Rechtliche Grundlagen

Die klassische Psychotherapie hat viele rechtliche Grundlagen, die es von anderen Formen der Therapie und Beratung unterscheidet. Am wichtigsten zu erwähnen ist das Psychotherapeutengesetz, welches die Zuständigkeit, die Ausbildung, die Approbation sowie die Schweigepflicht und weitere Besonderheiten regelt.

Psychotherapeuten schließen nach ihrem fünfjährigen Studium (mind. Masterabschluss) eine drei- bis fünfjährige Zusatzausbildung ab, mit dessen Abschluss diese die Approbation erlangen und in das Ärzteregister eingetragen werden (PsychThG). Das berechtigt diese, die Möglichkeit zu haben, von der gesetzlichen und privaten Krankenkasse abzurechnen, da diese zu den Krankenkassenleistungen gehören und somit nicht niedrigschwellig sind. Außerdem werden diese an die ärztliche Schweigepflicht gebunden. Anders als in anderen Beratungsformen sind die Begriffe des Psychologischen Psychotherapeuten und des Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten gesetzlich geschützt und deren missbräuchliche Verwendung wird strafrechtlich sanktioniert (§ 132 a Abs. 1 Nr. 2 StGB).

In Deutschland sind PsychotherapeutInnen und Krankenkassen an den ICD103 gebunden, welches als notwendiges Klassifikationssystem fungiert und die Zuständigkeiten zwischen den TherapeutInnen und den BeraterInnen regelt. Die Diagnose, die die psychotherapeutische Behandlung erst ermöglicht, geschieht anhand der Klassifikationen des ICD10, an die sich die PsychotherpeutInnen halten müssen und legitimiert somit die Arbeit der TherapeutInnen.

4 Allgemeine Differenzierung von Psychotherapie und Erziehungsberatung

Durch die vorher aufgeführten Kurzerklärungen von Erziehungsberatung und Psychotherapie lässt sich nun ein erster Vergleich vornehmen, der zeigen wird, dass sich die beiden Hilfsangebote nicht nur in den rechtlichen Grundlagen, sondern auch im Klientel und Ziel unterscheiden. Auch werden weitere Punkte aufgezählt, die in den beiden vorherigen Kapiteln mangels Platz nicht erwähnt wurden. Diese erste Erkenntnis bietet somit die Grundlage für den weiteren Verlauf der Hausarbeit und spielt somit vor allem für Kapitel 6 bis Kapitel 7 eine Rolle. Außerdem wird ein wichtiger Problemaufriss erhoben, der auch im Kontext von Hochbegabung und der Differenz von Psychotherapie und Erziehungsberatung eine Hauptrolle einnimmt.

Erziehungsberatung und Psychotherapie unterscheiden sich vor allem in der Frage, was mit den Leistungen angegangen und erreicht werden soll. Während sich die Erziehungsberatung auf die Erziehung und Entwicklung fokussiert und sich dabei auch bei psychologischen Mitteln bedient, geht es bei der Psychotherapie um die Bearbeitung und Heilung von Problemen mit Störungswert, die mit dem ICD 10 klassifiziert worden sind. Erziehungsberatung ist ein niedrigschwelliges und kostenfreies Angebot von multidisziplinären Teams in Erziehungsberatungsstellen, welche durch das SGB VIII und den Sozialstaat legitimiert wird. Dieses Team arbeitet mit stark heterogenen KlientInnen und ist nicht an eine Diagnose/Störung gebunden. Die Behandlung dieser ist in Deutschland auch rechtlich nicht erlaubt und darf nur von PsychotherapeutInnen durchgeführt werden.

Psychotherapie hingegen ist ein kostenstarkes4 Angebot der Krankenkassen (Mit Ausnahme der Selbstzahler) und ist an Regeln gebunden, da nicht jeder die Leistungen der Krankenkassen in Anspruch nehmen darf. Nur diejenigen mit diagnostizierter psychischer Störung (nach ICD 10) dürfen an einer Therapie teilnehmen, wenn die Krankenkasse dem Antrag des Psychotherapeuten zustimmt.

Grundsätzlich kann gesagt werden, dass sich die beiden Hilfsangebote in ihrer Legitimation unterscheiden. Interessant ist aber, dass auch Psychotherapeuten Teil des multidisziplinären Teams der Erziehungsberatung sein können, auch wenn diese nur knapp 2% ausmachen (vgl. Sawatzki & Ruttert 2015). Ein äußerster wichtiger Umstand ist auch der, dass viele Fachkräfte in der Erziehungsberatung therapeutische Zusatzqualifikationen absolviert haben, worunter vor allem die systemische Beratung/Therapie fällt, aber auch Zusatzausbildungen wie die Hypnotherapie, Traumtherapie etc. (vgl. BKE 2010). Dies vermischt die Grenzen zwischen Erziehungsberatungsstellen und den Praxen der Psychotherapeuten: Hier stellt sich außerdem die Frage, warum jemand, der keine psychischen Störungen behandeln darf, therapeutische Zusatzqualifikationen braucht. Eine Ausnahme spielt hier die Lerntherapie, die zumeist von pädagogischen Fachkräften und Lerntherapeuten durchgeführt wird und im Ursprung pädagogisch-psychologisch ist.

Um den nachfolgenden Umstand erklären zu können, muss auf einen weitere Gegebenheit hingewiesen werden: Die verschiedenen Disziplinen und ihre Profession.

Die Psychotherapie (und auch Psychologie an sich) ist eine starke Profession, die auch in der nicht-wissenschaftlichen Literatur in Sachen Populärwissenschaft und Ratgeberliteratur großen Anklang findet5 (vgl. Anhorn et al. 2016: 749). Auch durch die starke wissenschaftliche Forschung in Sachen klinischer Psychologie und dem Aufkommen der Neurowissenschaften wird die Psychologie gestärkt (vgl. ebd.). Da das Klientel sehr spezifisch und Klassifikationssysteme international gleich sind, hat die Psychologie wenig Probleme damit, eine eigene Identität zu finden und dadurch, dass die Leistung der Psychotherapeuten durch die Krankenkassen finanziert werden, hat die Profession auch in der Praxis eine starke Legitimierung inne. Die relativ eindeutig definierten Ideologien und Praktiken und begrenzten Rollen und Funktionen stärken nicht nur die professionelle Identität, sondern sind auch schon zu einem Macht- und Herrschaftsverhältnis geworden (vgl. Anhorn et al. 2016: XIX).

Anders sieht es bei der Sozialen Arbeit und somit auch bei der Erziehungsberatung aus: Soziale Arbeit versteht sich durchaus als kritische Profession, die nicht nur individuumszentrierte Überlegungen, sondern auch vor allem soziale und gesellschaftliche Probleme und Umstände in den Vordergrund rückt und somit auch durchaus politisch ist. Doch der ständige gesellschaftliche Wandel, die starke Nutzung von therapeutischen Maßnahmen in der Praxis und das erhöht-mikrosoziale Denken führen zu einer „latenten Therapeutisierung“ ,die die Profession instabil werden lässt und deren Zuständigkeit in der Praxis in Frage stellt (vgl. Anhorn 2016: 738).

Hier muss ein erster Problemaufriss stattfinden, der nicht nur die Disziplinen in ihrer Praxis betrifft, sondern auch in ihrer Profession. Während sich Erziehungsberatung und die Psychotherapie hinsichtlich ihrer Profession unterscheiden und sich voneinander abgrenzen lassen und wollen, lässt sich dieser Umstand in der Praxis nicht so einfach und differenziert betrachten. Durch die Therapeutisierung der Beratungsstellen im Hinblick auf die Kompetenzen der Fachkräfte und deren Zusatzausbildungen scheint es so, als ob die Profession hinter der Erziehungsberatung (hier: Soziale Arbeit als Profession) keine große praktische Relevanz hat und von der praktischen Verwertbarkeit der psychologischen Methoden und Qualifikationen eingeholt wird (vgl. ebd.: 752). Durch das einerseits starke Verschwimmen von Grenzen in der Praxis wird die Profession der Sozialen Arbeit nicht nur relativiert, sondern kann auch nachhaltig geschwächt werden.

Warum dies problematisch für die Arbeit mit Hochbegabten ist (diesen Umstand kann man durchaus auch auf Erziehungsberatung und Soziale Arbeit allgemein übertragen), wird in Kapitel 6 und 7 erklärt.

5 Über die Hochbegabung

Die folgende Konzeption, aber auch die praktisch relevante Verwertbarkeit des Konstrukts Hochbegabung werden im weiteren Verlauf nur eine kleine Rolle spielen, da gerade die Erziehungsberatung (und selbst die Psychotherapie) nicht unbedingt von diesem Konstrukt Gebrauch machen müssen, um hochbegabte Kindern zu helfen, zu fördern oder zu therapieren. Trotzdem ist es wichtig, denn Begriff zu konzeptionieren und kurz zu kritisieren, um mit der Arbeit fortsetzen zu können. In einem ersten Teil wird der Begriff definiert und näher erläutert, während er im zweiten Teil von anderen Konzeptionen abgegrenzt wird. Dass die Kritik durch die Eindimensionalität des Begriffs teilweise abgewiesen werden kann, liegt an dem Auftrag/Ziel der Erziehungsberatung und wird auch in Kapitel 6 näher erklärt.

Eine der bekanntesten Definitionen ist die psychometrische Definition per Konvention, die einen gemessenen IQ von > 130 (oder Prozentrang > 98) als Grenzwert für das Vorliegen einer Hochbegabung definiert (vgl. ebd. & BMBF6 o.D.: 18 & Hartl et al. 2013: 9). Diese Definition hat den Vorteil, dass in der Wissenschaft rund um die Hochbegabung leichter mit diesem geraden Wert gearbeitet werden kann. Außerdem bietet der Mittelwert 100 und die dazugehörigen Standardabweichungen7 trennscharfe Linien hinein, mit der leicht geforscht, aber auch differenziert werden kann.

Dass diese Definition nicht nur einen theoretisch-statistischen Wert hat, sondern auch praktisch wichtig ist, zeigen u.a. Ergebnisse des Marburger Hochbegabtenprojekts8, als auch das Bildungsministerium für Bildung und Forschung: So steht in dem MHP, dass der IQ signifikant mit weiteren externen Kriterien wie Erfolg (in Schule und Beruf), als auch Einkommen und kreativ-schöpferischen Leistungen korreliert (vgl. Rost et al. 1993: 3). Dieser Umstand hat somit auch Relevanz, wenn es um die Vorhersage von Bildungschancen, -niveau als auch Erfolg geht (vgl. ebd.). Und auch in Begabungen „nicht kognitiver Bereiche“ lassen sich überdurchschnittliche Werte in IQ Tests feststellen (vgl. ebd.: 4). Zu unterscheiden ist allerdings, dass das der IQ nur ein Konstrukt für die Darstellung von Intelligenz ist und nicht gleichbedeutend mit dem Begriff der Intelligenz an sich ist. So könnte man auch folgende Definition nehmen, ohne von der genannten völlig abzuweichen, da Hochbegabung die hohe Ausprägung der genannten Fähigkeiten darstellt: „Intelligenz ist eine sehr allgemeine geistige Kapazität, die unter anderem die Fähigkeit zum schlussfolgernden Denken, zum Planen, zur Problemlösungen, zum abstrakten Denken, zum Verständnis komplexer Ideen, zum schnellen Lernen und zum Lernen aus Erfahrung umfasst“ (Gottfredson in, BMBF o.D.: 16).

Ebenso wenig steht das Konzept der Hochbegabung dem Begriff der Höchstleistung als synonym gegenüber. So schreibt das BMBF, dass Begabung nicht das gleiche wie Leistung ist, da Begabung nur „im Zusammenspiel mit anderen Faktoren wie Selbstvertrauen und einer positiv eingestellten sozialen Umgebung“ zu hohen Leistungen / Leistungen auf hohem Niveau führt (BMBF o.D.: 8). Ein Beispiel dafür sind sogenannte Underachiever, die das theoretische Potential der Hochbegabung besitzen, welches sich aber nicht in der Leistung wiederspiegeln lässt, da diese auf einem unterdurchschnittlichen (oder durchschnittlichen) Niveau sind (vgl. ebd.: 9).

Wichtig zu erwähnen ist auch, dass sich hochbegabte Kinder nicht von anderen „normal begabten“ Kindern unterscheiden lassen (vgl. ebd.: 8). Dies ist vor allem in der medialen Darstellung von Hochbegabung ein Problem, wo suggeriert wird, dass Hochbegabung eine direkte Ursache für Probleme sei (vgl. Bautson 2015, In: MinD9 -Magazin 104 2015: 8). Dies fördere Klischees, die in Jahren von wissenschaftlicher Forschung und Studien nicht belegt werden konnten, aber den Umgang mit Hochbegabten in der Praxis durch Etikettierungsprobleme stört (vgl. BMBF o.D.: 8).

[...]


1 Gemeint ist Psychotherapie jeglicher Art, aber auch klinisch-psychologische Beratung

2 Der Begriff Hilfe umfasst hier Beratung, Förderung und Therapie.

3 International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems

4 Eine Therapiestunde (50min., kognitive Verhaltenstherapie) kostet 100,55€. Dies ist in der Gebührenordnung für Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten festgelegt (Siehe Literaturverzeichnis).

5 So hat der Begriff „Soziale Arbeit“ bei Google 113tsd. Ergebnisse, während es bei der „Psychologie“ 108 mio. und bei der „Psychotherapie“ 23mio. sind.

6 Bundesministerium für Bildung und Forschung

7 Standardabweichung = 15: Zwei Standardabweichungen nach oben legen die Hochbegabung, zwei nach unten die Minderbegabung (intellektuelle Behinderung) fest.

8 Eine der weltweit größten Studien zum Thema Hochbegabung. Auch als MHP abgekürzt.

9 MinD = Mensa in Deutschland. Ist die größte Hochbegabtenvereinigung in Deutschland

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Erziehungsberatung und Hochbegabung. Die Rolle der Erziehungsberatung im Unterschied zur klassischen Therapie im Kontext von Hochbegabung
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Erziehungswissenschaft)
Veranstaltung
Einführung in die Sozialpädagogische Familienberatung
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
26
Katalognummer
V992756
ISBN (eBook)
9783346373359
ISBN (Buch)
9783346373366
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hochbegabung, Erziehungsberatung, IQ, Intelligenz, Erziehungswissenschaft, Sozialpädagogik, Therapie
Arbeit zitieren
Yoshua Lasthoff (Autor), 2020, Erziehungsberatung und Hochbegabung. Die Rolle der Erziehungsberatung im Unterschied zur klassischen Therapie im Kontext von Hochbegabung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/992756

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