Der Einfluss von Social Media auf die deutsche Sprache. Unterrichtsentwurf zur Vorbereitung, Durchführung und Reflexion einer Podiumsdiskussion (Oberstufe, Gymnasium)


Examensarbeit, 2020

11 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

1. Thema des Lehr- und Lernprozesses

Die geplante Unterrichtsstunde steht im Kontext der Unterrichtsreihe „Die deutsche Sprache unter dem Einfluss der neuen Medien“. Im Fokus der Unterrichtssequenz steht die analytische und handlungsorientierte Erarbeitung, Reflexion und Bewertung gegenwärtiger durch neue Kommunikationstechnologien angetriebener sprachlicher Entwicklungstrends der deutschen Sprache.

Im Rahmen einer Podiumsdiskussion zum Thema: „Twitter, WhatsApp und Co.: Droht der Verfall unserer Sprache durch soziale Medien?“ sollen die SuS in verschiedenen Rollen die öffentliche Debatte exemplarisch widerspiegeln, indem sie ihre zugeordneten Positionen argumentativ nachvollziehbar darlegen und eigenes und fremdes Gesprächsverhalten kriteriengeleitet beobachten.

Im Voraus wurden voraussetzungsreiche und sprachkritische pragmatische Texte zunächst ohne Rollenfokus erschlossen, um den SuS einen umfassenden Einblick in die Debatte zu ermöglichen. Die Argumente wurden in einem weiteren Schritt an die jeweiligen Rollen angepasst, sodass sich die gezeigte Unterrichtsstunde auf die gegenseitige Überprüfung und kriteriengeleitete Beobachtung der Argumentationen mit besonderem Blick auf die Gesprächshandlungen der Akteur*innen konzentriert.

Die Stunde soll im Rahmen der Unterrichtsreihe den Aufbau eines breiten Repertoires an Sprecherhandlungen sowie die Formen des aktiven Zuhörens schulen. Die Reihe wird mit der Erstellung eines Lernprodukts abgeschlossen, wofür im Zuge einer vertiefenden medialen Auseinandersetzung mit den gesammelten Erkenntnissen das bei den SuS aktuell beliebteste auditive Medium Podcast genutzt wird.

2. Reihenplanung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. Fachlich-inhaltlicher Schwerpunkt

Es ist unbestritten, dass sich die neuen Medien auf den Sprachwandel, der vonseiten der Sprachpuristen, die sich um das Wohl unserer Sprache sorgen, als Sprachverfall bezeichnet wird, auswirken. Die Befürchtungen, welche diesem Begriff zugrunde liegen, beziehen sich vor allem auf die sprachliche Verknappung, dem „lexikalischen Wandel durch Internationalismen, Anglizismen, einer Reduktion des Wortschatzes, dem rapiden Abbau des Flexionssystems sowie Differenzierungs- und Ausgleichserscheinungen in Phonetik, Rechtschreibung und Morphologie.“1 Die neuen digitalen Medien beschleunigen die gegenwärtigen Tendenzen des Schriftsprachgebrauchs rasant, denn mit dem Ziel grafisch realisierte Spontanität und Unmittelbarkeit in der dialogischen Kommunikation herzustellen, wird auch die Sprache zunehmend ökonomisch gehandhabt. Dabei erfreuen sich besonders soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram, WhatsApp oder Twitter speziell bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen immer größerer Beliebtheit und prägen die Kommunikationsstrukturen, das kommunikative Verhalten und die Sprachgestaltung dieser Generation. Einzelnen Formulierungen, dem Satzbau und der sprachlichen Richtigkeit werde dadurch laut Sprachkritikern, wie Hans Zehetmair, dem ehemaligen Vorsitzenden des Rates für deutsche Rechtschreibung, nicht mehr die erforderliche Aufmerksamkeit gewidmet.2 So zeige sich mit Blick auf die Sprachverwendung nach Ansicht der „Sprachpfleger“ ein Rückschritt der Sprachentwicklung, dem zum Zweck des Erhalts der deutschen Kultursprache entgegenzuwirken sei.3 Während Zehetmair in der „Fetzenliteratur“ ein Vorzeichen des allgemeinen Sprachverlusts sieht, vertreten andere Stimmen in dieser Diskussion, darunter vor allem Linguist*innen, die Ansicht, dass in der gegenwärtigen Sprachentwicklung vielmehr ein Ausdruck der Kreativität und Innovation des menschlichen Umgangs mit der Sprache deutlich werde.4 So werde die Sprache durch den Einfluss sozialer Medien reichhaltiger und das Repertoire an Ausdrucksmöglichkeiten und kommunikativen sowie kognitiven Praktiken erweitert. Sprachwandel gehöre zum Weltwandel und der damit verbundenen Anpassung des Menschen an die mediale Umgebung seit jeher dazu. Die sich dadurch kontinuierlich verändernden kommunikativen Bedürfnisse seien demzufolge nicht als Sprachverfall zu diagnostizieren.5

Die medial schriftlichen und zugleich konzeptionell mündlich realisierten Texte zeichnen sich über die an den mündlichen Sprachgebrauch erinnernde Syntax hinaus vor allem auch durch den Gebrauch nicht-sprachlicher Elemente aus. Diese kontrovers betrachteten graphostilistischen Zeichen wie Emoticons erfüllen vor allem die Funktion, den Rezipienten Interpretationshinweise sowie Kontextualisierungshinweise zu geben, wodurch Intonation, Mimik und Gestik ersetzt werden.6 Neben der Verständnissicherung dienen sie vor allem auch der emotionalen Kommentierung der Nachricht.7 Weitere Charakteristika, die von Befürwortern als funktional eingeschätzt werden, von Sprachkritikern hingegen als rudimentär, sind Rechtschreibreduktionen wie Abkürzungen sowie die konsequent durchgesetzte Kleinschreibung.

4. Standard und Kompetenzförderung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

5. Individuelle Kompetenzentwicklung der Lernenden

Minimalstandard (Florian):

- Er hat Schwierigkeiten, sich auf den Rollenwechsel einzulassen und seinen Standpunkt argumentativ nachvollziehbar darzulegen.
- Es fällt ihm schwer, Statements zur Verdeutlichung der eigenen Position sinnvoll zu gewichten.
- Er hat Schwierigkeiten, Gegenargumente zu antizipieren.
- Es fällt ihm schwer, Argumente sprachlich sinnvoll einzuleiten und Gegenargumente im Gespräch zu widerlegen.
- Er kann nur unter der Nutzung von Hilfestellungen eine Gesprächsstrategie entwickeln.
- Er kann fremdes Gesprächsverhalten während der Diskussion beobachten und Teilaspekte reflektiert bewerten.
- Es fällt ihm jedoch schwer, seine Begründungen kriteriengeleitet und geordnet wiederzugeben.

Regelstandard (Natalie):

- Sie kann ihre Argumentation in Vorbereitung auf die Diskussion kriteriengeleitet überarbeiten und das Gesprächsverhalten planen, ist dabei aber z.T. noch auf die Hilfe der Gruppe angewiesen.
- Sie kann Diskussionsbeiträge überzeugend gestalten und sprachlich umsetzen.
- Sie kann sich auf den Rollenwechsel einlassen und über eigenes und fremdes Gesprächsverhalten reflektieren.
- Sie kann ihren eigenen Standpunkt zur Problematik benennen und schlüssig begründen.
- Sie kann eigenes und fremdes Gesprächs- und Argumentationsverhalten mithilfe aufgestellter Kriterien reflektieren.

Maximalstandard (Ronja):

- Sie kann ihren Standpunkt überzeugend in der Diskussion vertreten.
- Sie kann eigenes und fremdes Gesprächs- und Argumentationsverhalten differenziert reflektieren.
- Sie kann die Podiumsdiskussion selbstständig moderieren.
- Sie kann ihren Standpunkt zur Stundenproblematik differenziert benennen und ihre Positionierung innerhalb der Kontroverse nachvollziehbar begründen.
- Sie hat ausgeprägte kommunikative Kompetenzen und wendet Gesprächsstrategien gezielt an (z.B. betont sie gemeinsame Interessen und entkräftet Argumente).
- Sie kann Sprechhandlungen z.T. unter bewusster Berücksichtigung von Mimik, Gestik, Betonung und Artikulation gestalten.

6. Didaktisch-methodische Begründung

Die geplante Unterrichtsstunde ist legitimiert durch den verbindlichen Rahmenlehrplan für den Unterricht der gymnasialen Oberstufe Berlin, der für das erste Kurshalbjahr 2020/21 das Themenfeld „Entwicklung und Entwicklungstendenzen der deutschen Sprache“8 vorsieht. Mit der strittigen Leitfrage „ Twitter, WhatsApp und Co.: Droht der Verfall unserer Sprache durch soziale Medien?“, die den Anstoß für eine Podiumsdiskussion geben soll, wird ein Themenbereich eröffnet, der im direkten Erfahrungsbereich der SuS liegt. Dies zeigt sich nicht zuletzt durch die JIM-Studie von 2019, nach der 93% der Jugendlichen WhatsApp täglich oder mehrmals die Woche nutzen.9 Ähnliche Ergebnisse zeigten sich auch in einer zu Beginn der Unterrichtsreihe durchgeführten kursinternen Umfrage, in der die SuS dazu angehalten waren, ihr eigenes Medienverhalten zu reflektieren. Als die meistgenutzten Medien kristallisierten sich Streaming-Dienste und dabei insbesondere Podcasts10 heraus. Mit dem Ziel, direkt an die Lebenswelt der SuS anzuknüpfen, wurde der situative Rahmen der Podcast-Aufnahme gewählt und damit zugleich ein motivierender Einstieg entwickelt. Authentische Bild- und Tonaufnahmen sollen dabei eine möglichst hohe Identifikation mit dem Lerngegenstand schaffen und eine positive Erwartungshaltung bei den SuS erzeugen. Die Erläuterung des Vorgehens der Stunde in der Rollenübernahme der Journalistin schafft Zieltransparenz.

Die gezeigte Unterrichtsstunde wurde inhaltlich vorentlastet, da zuvor auf Grundlage kontroverser Texte zur leitenden Fragestellung Argumente für ausgewählte sprachkritische Positionen, die exemplarisch die öffentliche Debatte widerspiegeln sollen, erarbeitet wurden. Dafür wurden Texte ausgewählt, welche die gegensätzlichen Positionen repräsentieren und für die SuS verständlich sind. Die Herangehensweise der frühzeitigen und vertieften Vorbereitungszeit wurde aus zweierlei Gründen gewählt. Zum einen wurde der Durchführung der Podiumsdiskussion eine „Expertenberatung“ vorgeschaltet, um ein möglichst ertragreiches Gespräch zu gewährleisten. Die Erarbeitung der Rollen innerhalb der Stunde hätte zu einer Abflachung der intensiven Auseinandersetzung mit den konträren Positionen und damit zu Oberflächlichkeit in der Diskussion geführt. Zum anderen wurde durch die Auswertung der im Rahmen der letzten Unterrichtssequenz durchgeführten Podiumsdiskussion diagnostiziert, dass die SuS noch Optimierungsbedarf hinsichtlich ihres Sprechverhaltens in dialogischen Gesprächsformen aufweisen. Zum Teil fällt es ihnen noch schwer, Gesprächsstrategien explizit und zielführend auf andere zu beziehen und sprachliche Interaktionen zu beobachten und zu reflektieren. Aus diesem Grund soll in Anknüpfung an die letzte Unterrichtsstunde, in welcher vor allem inhaltlich gearbeitet wurde, in den heterogen zusammengesetzten Lerngruppen nun gezielt an den Sprachfertigkeiten gearbeitet werden. Darüber hinaus sollen die Argumentationen als Gruppenergebnis abgesichert werden und Fehler durch die Überarbeitung schon vor dem Sprechen vermieden werden.11

Im Sinne der Optimierung der Gesprächsstrategien wird den SuS Differenzierungsmaterial bereitgestellt, welches sie für die Überarbeitung ihrer vorgefertigten „Strategiekarte“ nutzen können. Dieses unterstützt insbesondere die schwächeren SuS dabei, ein breiteres Repertoire an Sprechhandlungen aufzubauen.

Für schnelle Gruppen liegen jeweils individualisierte und authentische Zusatzimpulse bereit, die das Diskussionsgeschehen zusätzlich anregen sollen. Als Additum wird die Aufgabe bereitgehalten, sich diskussionanregende Fragen aus dem Publikum aus der Perspektive eines/einer Schüler*in, eines/einer Lehrer*in oder eines Elternteils zu überlegen. Dadurch können alle SuS aktiv mit eingebunden werden. Um eine bessere Orientierung und Übersichtlichkeit zu schaffen, wurde das Differenzierungsmaterial durch die Technik des „Color-Codings“ jeweils farblich an die jeweiligen Rollen angepasst.

Die Diskussionsteilnehmer*innen der jeweiligen Gruppen werden kurz vor der Durchführung durch die Lehrkraft ausgewählt. In der kommunikativen Aushandlung der Diskussionsfrage wird dann die kommunikative Fähigkeit der SuS gefördert.

Da der Ablauf der Podiumsdiskussion den SuS bekannt ist, muss er nicht erneut erläutert werden und die Lernzeit kann effektiv genutzt werden. Die rollengebundene Diskussion wurde an dieser Stelle anderen Diskussions- und Debattiermethoden vorgezogen, da die SuS „im Schutz der Rolle“ Selbstsicherheit aufbauen können. Durch die vorgegebene Perspektivierung generieren Sie darüber hinaus vielseitige Argumente und können das Sprechen somit effektiv schulen.

[...]


1 vgl. Holly, W. (2009): Sprache, Medien, Verfall? In: Sprachverfall? Der Deutschunterricht, H. 5/2009, S.44.

2 vgl. Dahmen, M., Fehr, W., Lindzus, H. (2018): Finale Prüfungstraining. Zentrale Klausur am Ende der Einführungsphase 2019. Deutsch. Nordrhein-Westfalen. Westermann.

3 vgl. Verein Deutsche Sprache e.V. (2020): Leitlinien. Abrufbar unter: https://vds-ev.de/leitlinien/ [23.11.2020].

4 vgl. Stefanowitsch, A. (2016): Tweeten, faven und entfolgen. wie der Umgang mit sozialen Medien unsere Sprache verändert. Abrufbar unter: https://www.fu-berlin.de/presse/publikationen/fundiert/2016_01/07-sprachwandel/index.html [20.11.2020].

5 vgl. Holly, Werner (2009): Sprache, Medien, Verfall? In: Sprachverfall? Der Deutschunterricht, H. 5/2009, S.51.

6 vgl. Fladrich, M., Imo, W. (2019): Mobile Messenger-Kommunikation als Gegenstand des Deutschunterrichts. In: Der Deutschunterricht H. 1/2019, S.59.

7 vgl. Beißwenger, M. (2013): Soziale Medien bereichern unsere Sprache. Abrufbar unter: http://www.michael-beisswenger.de/pub/heute_de_interview.pdf [23.11.2020].

8 Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft (2014): Rahmenlehrplan für den Unterricht in der gymnasialen Oberstufe. Gymnasien, Integrierte Sekundarschulen, Berufliche Gymnasien, Kollegs, Abendgymnasien. Deutsch. Berlin/Potsdam, S.24.

9 vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (2019): JIM-Studie 2019. Jugend, Information, medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19- Jähriger. Abrufbar unter: https://www.mpfs.de/fileadmin/files/Studien/JIM/2019/JIM_2019.pdf [28.11.2020], S.26.

10 Anm.: EinPodcastist eine Serie von meist abonnierbaren Mediendateien (Audio oder Video) im Internet.

11 Anm.: Die zur Überprüfung bereitgestellten Checklisten basieren auf von SuS gesammelten Kriterien für eine stichhaltige Argumentation, genauso wie die Checkliste zur Beobachtung des/der Diskussionsleiter*in.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss von Social Media auf die deutsche Sprache. Unterrichtsentwurf zur Vorbereitung, Durchführung und Reflexion einer Podiumsdiskussion (Oberstufe, Gymnasium)
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
11
Katalognummer
V993322
ISBN (eBook)
9783346364715
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Examensarbeit Examensentwurf neue Medien Kommunikation Digitalität Entwicklungstendenzen der deutschen Sprache
Arbeit zitieren
Lilli Lamcken (Autor), 2020, Der Einfluss von Social Media auf die deutsche Sprache. Unterrichtsentwurf zur Vorbereitung, Durchführung und Reflexion einer Podiumsdiskussion (Oberstufe, Gymnasium), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/993322

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