Frauen der Liebe? Der Roman "Die Liebhaberinnen" von Elfriede Jelinek in der Türkei

Eine Analyse der türkischen Übersetzung


Seminararbeit, 2018

33 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Die Entwicklung der Frauenliteratur in der Türkei
1.1 Die Frauenliteratur in der Türkei zum Zeitpunkt der Rezeption
1.2 Frauenbewegungen in der Türkei von den 1970er Jahren bis Ende der 90er

2 Die Liebhaberinnen (1975) / Sevda Kadınları (2000)
2.1 Zum Inhalt
2.2 Eine „Reizfigur ersten Ranges“ - Elfriede Jelinek

3 Jelinek in der Türkei – eine „unerbittliche Moralistin“?
3.1 Das Bild von Sevda Kadınları in der Türkei
3.2 Die Stellung der Frau bei Sevda Kadınları in den Printmedien

4 Paratextanalyse nach Gérard Genette
4.1 Paratexte im Original
4.1.1 Cover
4.1.2 Rückseite
4.2 Paratexte im Türkischen
4.2.1 Cover
4.2.2 Rückseite
4.3 Vergleich und Analyse der Paratexte

5 Textanalysemethode - focalization
5.1 Sara Mills‘ Ansatz der feministischen Textanalyse
5.2. Ausgewählte Textstellen

6 Analyse und Überprüfung der Forschungsfragen

Schlussbemerkungen

Bibliographie

Einleitung

„[…] Meine Methode zielt darauf ab, zu zeigen, dass es gar nicht anders kommen kann, wenn diese Frauen ihr Leben nicht selber bestimmen, sondern es von einem Mann machen lassen.“ (Jelinek/Hoffmeister 1987:112) Dieses Zitat von Elfriede Jelinek war inspirierend und ausschlaggebend dafür, ihren Roman Die Liebhaberinnen (1975) aus der Perspektive der Frau genauer zu untersuchen.

In der vorliegenden Seminararbeit wird der im Jahre 1975 erschienene Roman Die Liebhaberinnen von Elfriede Jelinek und dessen türkische Übersetzung Sevda Kadınları (2000) untersucht. Dabei wird von der Hypothese ausgegangen, dass die türkische Übersetzung von Die Liebhaberinnen zur Zeit ihrer Rezeption in Bezug auf die feministischen Aspekte des Werkes unter dem Einfluss der politischen und soziokulturellen Bedingungen in der Türkei stand. Es soll nachgewiesen werden, dass dadurch bedingt wesentliche Elemente des Ausgangstexts wie sexuelle Anspielungen oder Provokationen an das türkische Zielpublikum angepasst oder überhaupt weggelassen wurden, um das ausgangssprachliche Spiel mit der Obszönität weitgehend zu kaschieren. In diesem Zusammenhang wird auch der Entwicklung von Frauenbewegungen und Frauenliteratur in der Türkei zum Zeitpunkt der Übersetzung ein hoher Stellenwert beigemessen, weil hierbei angenommen wird, dass die Übersetzerin der türkischen Fassung kulturspezifische Zensuren vorgenommen hat.

Es wird davon ausgegangen, dass das politische und soziokulturelle Klima in der Türkei der 2000er Jahre die Rezensionen der Übersetzung in den türkischen Printmedien insofern beeinflusst hat, als der feministische Diskurs - und damit auch die Position der Frau - in den Hintergrund gerückt ist. Hierzu werden auch die Paratexte der türkischen Fassung nach den Ansätzen von Gérard Genette unter Berücksichtigung der oben genannten Aspekte untersucht. Ausgehend von der Annahme, dass das Frauenbild in der türkischen Gesellschaft stark männerdominiert ist, wird eine feministische Analyse ausgewählter Textstellen nach der Analysemethode der focalization mit den Ansätzen von Sara Mills durchgeführt, um aufzuzeigen, aus welcher Perspektive die jeweiligen Textstellen in der türkischen Fassung dargestellt werden.

Zur Überprüfung der Hypothese gehe ich wie folgt vor: Im ersten Kapitel wird zunächst auf die Entwicklung der Frauenliteratur in der Türkei bis zur Zeit der Rezeption eingegangen und ein Blick auf die Frauenbewegungen in der Türkei ab den 1970er Jahren geworfen. Kapitel 2 wird kurz den Inhalt des Romans und die Autorin selbst behandeln. Darauffolgend wird sich das nächste Hauptkapitel der Rezeption Jelineks in der Türkei widmen, wobei das Hauptaugenmerk hier auf die Stellung der Frau in den Printmedien gerichtet wird. In Kapitel 4 wird eine Paratextanalyse nach Gérard Genette durchgeführt, wobei die Cover und Rückseiten der Originalfassung und der türkischen Übersetzung verglichen und analysiert werden. Im Hauptkapitel 5 wird eine Textanalyse ausgewählter Textpassagen durchgeführt. Dafür wird die Textanalysemethode focalization mit den feministischen Ansätzen von Sara Mills angewendet.

Abschließend werden im letzten Kapitel dieser Arbeit die Analyse und Überprüfung der Forschungsfragen durchgeführt und ein Resümee gezogen.

1 Die Entwicklung der Frauenliteratur in der Türkei

Die türkische Literatur entwickelte sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts weitgehend unter dem Einfluss der Männerdominanz. Erst mit den Tanzimat-Reformen1 spürte man allmählich eine Veränderung in der türkischen Literatur, da mit der neuen Bildungsreform und dem Schulsystem junge türkische Intellektuelle immer mehr hervortraten. Dies führte dazu, dass jungen Literaten neben politischen und intellektuellen Persönlichkeiten eine wichtige Stellung beigemessen wurde und die Wendung hin zu neuen Gattungen wie Romanen, Erzählungen oder Dramen einleitete (vgl. Saykin 2013:47f.). Vor allem entstand mit diesen Tanzimat- Reformen ein osmanisch-türkisches Bürgertum, das für die Freiheit des Individuums plädierte (vgl. Göbenli 1999:44). Ein weiterer wichtiger Aspekt dieser Reformen war, dass die osmanischen Frauen aus der Oberschicht eine intellektuelle Bildung in unterschiedlichen europäischen Sprachen und Literatur genießen durften, sodass sie sich innerhalb der Gesellschaft sichtbar machen und mit ersten Zeitschriften bzw. Zeitungen, die frauenspezifische Themen behandelten, hervortreten konnten (ibid.:45).

Die feministische Frauenliteratur trat zum ersten Mal öffentlich mit der Schriftstellerin Fatma Aliye (1862-1936) in Erscheinung, die gleichzeitig auch die erste Frauenorganisation dieser Zeit gründete. Insbesondere ging es in ihren Werken um Themen wie die Stellung der Frau und deren Streben nach Unabhängigkeit und Freiheit in der Gesellschaft. Die Protagonistinnen in ihren Romanen wurden ausschließlich als rebellische und selbstbewusste Frauen dargestellt (ibid.:47). Für viele Literaten im Osmanischen Reich stand die Position und Rolle der Frau in der Gesellschaft im Fokus ihrer Werke, sodass „sie arrangierte Ehen bzw. Brautschau, die Polygamie, das islamische Scheidungsrecht und die Verschleierung der Frau“ (Göbenli 1999:47) thematisierten. Erwähnenswert ist hierzu, dass in den Werken, die zwischen 1889 und 1896 erschienen sind, die Frau im Allgemeinen als Opfer, als gehorsame Person oder auch nur als naiv und unschuldig vorkommt; sie idealisiert die Liebe und erscheint sogar als eine verhängnisvolle und verführerische Protagonistin (ibid.:48).

Als eine der Galionsfiguren dieser Zeit gilt die Feministin und Schriftstellerin Halide Edib Adıvar. Obwohl Adıvar als progressive Frauenrechtlerin galt und Themen wie Frauenbildung, Teilnahme der Frauen am öffentlichen Leben und rechtliche Gleichberechtigung ansprach (ibid.:51), blieb sie noch sehr in gesellschaftlichen und traditionellen Wertvorstellungen verhaftet (vgl. Altınay 2016).

Frauenliteratur in der Zeit des Osmanischen Reichs war noch kaum verbreitet. Dies kann mehrere Gründe haben. Zum einen könnte dies nach Göbenli auf die hohe Analphabetenrate insbesondere der Frauen zurückzuführen sein, zum anderen könnten die streng patriarchalischen Strukturen in der osmanischen Gesellschaft ihre Verbreitung verhindert haben (vgl. Göbenli 1999:71).

Göbenli hat in ihrer Dissertation, in der sie sich mit der zeitgenössischen türkischen Frauenliteratur befasst hat, eine umfassende Analyse ausgewählter Werke einiger wichtiger Autorinnen durchgeführt, in denen explizit das Thema Frau aufgegriffen wurde. Im Folgenden wird ein kurzer Überblick über diese Analyse gegeben.

Zu den bedeutendsten Akteurinnen der türkischen Frauenliteratur der 1950er und 60er Jahre zählt Leylâ Erbil (1931-2013). In ihren Werken, die zwischen den 60er und 80er Jahren erschienen sind, thematisierte sie die weibliche Selbstbestimmung (vgl. Altınay 2016); Jungfräulichkeit spielte keine Rolle, Frauen wurden von Männern sexuell nicht ausgenutzt, und die Sexualität wurde in Erbils Werken aus der Sicht ihrer Protagonistinnen als etwas Positives aufgenommen. Trotzdem stach die Rolle der Mütter, die stark in ihren traditionellen Werten verhaftet waren, hervor. Für sie war und bleibt die Jungfräulichkeit ein Tabuthema und diente somit auch als ein Druckmittel gegen ihre Töchter (vgl. Göbenli 1999:192). Die meisten Protagonistinnen Erbils betrachteten die Sexualität anfangs als etwas Ekelerregendes und Verabscheuungswürdiges. Das ist vor allem auf ihre Erziehung in der Familie zurückzuführen. Jedoch brachen alle Frauen in Erbils Werken das Tabu der Sexualität auf ihre eigene Art und Weise. Obwohl auch einige Frauen in Erbils Romanen ihre Sexualität positiv ausleben konnten, litten sie immer noch unter den gesellschaftlichen Normen in Bezug auf die durchgehende sexuelle Verfügbarkeit, was von Göbenli als „Doppelmoral der türkischen Gesellschaft“ (ibid.:1999) bezeichnet wird. Erbils Leitgedanken in Bezug auf die Frauenliteratur in der Türkei werden aus folgendem Zitat ersichtlich: Yazarlık gövdeyle değil beyinle gerçekleştiriliyor; dolayısıyle kadınlık durumunu saplantı haline getirmeden aşıp, öncelikle içine adım attığımız ve bizden önce tek taraflı erkeklerce örülmüş bulunan edebiyat düzeninde yerimizi almamızı gerektiriyor2 (Kurultay 1993:24).

Eine weitere Autorin, die in der türkischen Frauenliteratur eine wichtige Position eingenommen hat, ist Pınar Kür. Für ihre ersten vier Romane, die zwischen den Jahren 1976 und 1986 erschienen sind, gab es wegen sexueller Freizügigkeit ihrer Werke einen Gerichtsbeschluss über ein Verbot und die Beschlagnahmung dieser Werke, von dem sie jedoch schließlich freigesprochen wurde (vgl. Türk Dili ve Edebiyatı 2007).

Laut Göbenli kann man die Protagonistinnen von Kür im Allgemeinen in zwei Kategorien unterteilen. Auf der einen Seite wurden Frauen in ihren Werken als passive und fügsame Charaktere dargestellt, und auf der anderen Seite sah man sie als emanzipatorische Figuren, die zumeist aus dem künstlerischen Bereich kamen und für ihre Selbstbestimmung kämpften. Letzteres konnten sie schließlich durchsetzen (vgl. Göbenli 1999:180). In Kürs Werken spielten Sexualität und Liebe eine große Rolle. Vor allem wollte die Autorin den Fokus auf die Doppelmoral der türkischen Gesellschaft legen. Sie wählte ihre Protagonistinnen aus dem künstlerischen Bereich, weil diese, so Göbenli, ihre sexuellen Freiheiten im Vergleich zu Akademikerinnen besser ausleben würden (ibid.:203). Göbenli interpretiert diese Annahme in ihrer Arbeit folgendermaßen: Der Kampfgeist der künstlerisch tätigen Frau trägt zu ihrer literarischen, künstlerischen, philosophischen, politischen und kulturellen Antriebskraft bei und ermöglicht ihr eine Vorreiterstellung in ihrer Gesellschaft und Epoche (Göbenli 1999:203).

Auch Aysel Özakın zählt zu den wichtigen Akteurinnen der zeitgenössischen türkischen Frauenliteratur. Die Hauptthemen ihrer Werke, die sie zwischen den 80er und 90er Jahren veröffentlichte, waren Tradition und Moderne. Inzwischen ist die Schriftstellerin „zur westdeutschen Feministin geworden“ (Soltau 2012:3). Özakın thematisierte die Ausbruchsversuche junger türkischer Frauen, Beziehungskonflikte innerhalb der traditionellen Wertvorstellungen und Rollenverteilungen sowie den Kulturkonflikt zwischen ländlichen und städtischen Milieus. Aber auch die patriarchalischen Strukturen in den 80er Jahren, mit denen sie selbst immer wieder konfrontiert war, standen im Zentrum von Özakıns Erzählungen (vgl. Laurien 2018). Zu den Werken der Autorin kann generell gesagt werden, dass ihre Protagonistinnen nicht als leidende Frauen in der Opferrolle erscheinen. Ihre Enttäuschungen und persönlichen Erfahrungen bringen sie dazu, stärker an Intellektualität, Selbstbestimmung und Freiheit festzuhalten. Dieser Drang lässt sie die Geschlechterrollen innerhalb der patriarchalischen Strukturen hinterfragen und damit abrechnen (vgl. Göbenli 1999:182). Das Thema Sexualität tritt bei Özakın vielmehr in unterdrückter Form in Erscheinung. So kommen in ihren Erzählungen junge türkische Mädchen vor, die noch zu sehr unter ihrer traditionellen Erziehung und Sozialisation leiden und sich schwer tun, Jungfräulichkeit nicht als Tabuthema zu sehen. Vor allem zeigt die Autorin, dass Unterschiede im Bildungsgrad der Protagonistinnen keine Auswirkungen auf deren Einstellung zur Sexualität haben. Auch die gebildete und fortschrittlich erscheinende Frau kann in Özakıns Werken nicht mit den traditionellen Werten brechen (ibid.: 208f.).

Im folgenden Unterkapitel wird ein Blick auf die Frauenliteratur zum Zeitpunkt der Rezeption von Jelineks Die Liebhaberinnen in der Türkei geworfen. Dies ist insofern von Bedeutung, als später in den Kapiteln 4 und 5 eine Analyse der türkischen Übersetzung des Romans durchgeführt wird und der Einfluss der Frauenliteratur dieser Zeit auf die Übersetzung hinterfragt wird.

1.1 Die Frauenliteratur in der Türkei zum Zeitpunkt der Rezeption

Da die türkische Übersetzung von Die Liebhaberinnen (türk. Sevda Kadınları) im Jahre 2000 veröffentlicht wurde, schien die Frage, wie es um die Frauenliteratur zu dieser Zeit in der Türkei bestellt war, von besonderem Interesse.

Allgemein kann festgehalten werden, dass ab Anfang der 1990er Jahre die Bedeutung des Individuums und dessen Erwartungen immer mehr in den Vordergrund traten. Von nun an war das Ziel, auf das Individuum und seine Probleme einzugehen und diese offener auszudrücken. In diesem Rahmen konnte man in den Werken weiblicher Autorinnen immer öfter rebellischen und kontrastierenden Frauenfiguren begegnen, die wie Heldinnen dargestellt wurden. Sie begannen die Institution Ehe und ihre Rolle darin zu hinterfragen. Es wurde häufig betont, dass unglückliche Ehen unglückliche Frauen erschaffen würden, und die Ehe wurde oft als Gefängnis für Frauen gesehen. Hierzu wurden Themen wie Scheidung, Fremdgehen, psychische und physische Gewalt und die Kommunikationsproblematik zwischen Paaren aufgegriffen. Zudem störte es viele Literatinnen, dass der Begriff „Ehre“ ausschließlich in Zusammenhang mit Frauen ins Spiel gebracht wurde. Insbesondere waren sie der Auffassung, dass der Begriff rein auf die Sexualität reduziert wurde, was zu einem Kritikpunkt vieler Schriftstellerinnen wurde. Sie begannen die Sexualität immer mehr aus der Sicht der Frau zu diskutieren und zu hinterfragen. Viele Autorinnen kritisierten in ihren Werken, dass Frauen allgemein als ein Sexualobjekt betrachtet und ausgebeutet wurden. So entstanden zu dieser Zeit mehrheitlich Werke, die die Frauenfiguren emanzipierter darzustellen versuchten (vgl. Karataş 2009:1669f.).

Im Folgenden wird ein Einblick in die Frauenbewegungen in der Türkei gegeben. Als Zeitspanne wurden die 70er bis 2000er Jahre gewählt, da die Originalfassung Die Liebhaberinnen im Jahre 1975 und die türkische Übersetzung Sevda Kadınları im Jahre 2000 veröffentlicht wurden. Um die gesellschaftlich-politischen Hintergründe und deren Einfluss auf die türkische Rezeption analysieren zu können, war diese Recherche unumgänglich.

1.2 Frauenbewegungen in der Türkei von den 1970er Jahren bis Ende der 90er

Obwohl Atatürk nach dem Zerfall des osmanischen Reiches einen für die damalige Zeit wichtigen Beitrag zur Freiheit und Emanzipation der Frauen geleistet hatte, entwickelte sich die Frauenbewegung erst im Laufe der Zeit im Zuge der soziopolitischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in der Türkei.

Şirin Tekeli hat hierzu einen wesentlichen Aufsatz veröffentlicht, in dem sie die Frauenbewegungen vom 19. Jahrhundert bis zur Mitte der 1990er Jahre erforscht hat. Einige wichtige Aspekte ihrer Forschung werden im Folgenden ab den 1970er Jahren aufgelistet:

- 1970er Jahre: Gründung der Organisation Frauenbund für den Fortschritt durch zwei Feministinnen aus der kommunistischen Szene (die jedoch später gezwungen wurden, nach dem Militärputsch 1980 ins Exil zu gehen); Organisation eines internationalen Kongresses zum Status der Frauen, womit der Anreiz für viele neue feministische Forschungsprojekte gegeben wurde; Veröffentlichung eines Frauenmagazins durch die Autorin Duygu Asena, das Themen wie z.B. sexuelle Unterdrückung der Frauen thematisierte.
- 1980er Jahre: Gründung eines feministischen Verlags und Bildung eines Buchklubs mit vielen Seminaren, Diskussionsrunden etc.; erste öffentliche Aktion seitens der Feministinnen im Jahre 1986, die sich für die Umsetzung eines Abkommens einsetzte, das im Jahre 1985 von der türkischen Regierung unterzeichnet wurde. Dessen Ziel war es, alle Arten der Diskriminierung von Frauen abzuschaffen; erste legale feministische Straßendemonstrationen gegen häusliche Gewalt; erste Veröffentlichungen feministischer Journale; Verabschiedung eines feministischen Manifestes im Jahre 1988 auf dem ersten feministischen Kongress in Ankara.
- 1990er Jahre: Gründung feministisch orientierter Organisationen wie Mor Çatı, die sich für misshandelte Frauen einsetzten, Frauenbibliotheken und -informationszentren; das erste Frauenforschungszentrum an der Universität Istanbul; Gründung des Amtes für den Status und die Probleme der Frauen; Entstehung des ersten Ministeriums für Frauenfragen; Aufhebung des Artikels 159 des Zivilrechts, welches für die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit von Frauen eine entsprechende Autorisierung durch ihre Ehegatten vorschrieb; erste Premierministerin der Türkei - Tansu Çiller; erste große Unterschriftensammlung von Frauenorganisationen, die zu einer Revision des patriarchalisch strukturierten Familiengesetzes führte; Entstehung eines bekannten Frauenmagazins Pazartesi (Montag) (vgl. Tekeli 1997:77ff.). Seit dem Jahr 1997 haben türkische Frauen das Recht, ihren Mädchennamen weiterzutragen, wenn sie heiraten. Auch wurden die Bezeichnungen zum Familienstand aus den Personalausweisen gestrichen (vgl. Al-Rebholz 2010:82).

Auffallend bei diesen Daten ist, dass der erste spürbare Aufschwung von Frauenbewegungen in den 1970ern, erst in den 1980er Jahren deutlich zur Geltung kam. Dies kann man selbstverständlich auf die Militärputsche in den Jahren 1971 und 1980 zurückführen, welche einen großen gesellschaftlichen Umbruch und sozialen Wandel in der Türkei hervorgerufen haben. Die alltäglichen staatlichen Unterdrückungsmechanismen riefen eine Gegenreaktion in der Gesellschaft und insbesondere unter den Frauenbewegungen hervor. Es gab starke Eingriffe, die nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wissenschaft, Forschung, Literatur und in vielen anderen Bereichen im Land zu spüren waren. Die Verbote auf jeglicher Ebene der Gesellschaft, Politik, Kunst und Kultur ließen rasch eine oppositionelle Frauenbewegung entstehen. Frauen erhoben immer stärker ihre Stimme gegen die Maßnahmen der neuen Regierung und begannen ein neues Bewusstsein innerhalb der türkischen Frauenbewegung zu schaffen (vgl. Al-Rebholz 2008:323). Die neunziger Jahre werden von Al-Rebholz als „die Phase der Institutionalisierung“ (ibid.) bezeichnet, in der die Frauen und damit auch die feministische Bewegung eine andere Position bekamen. Unterschiedliche ideologische Strömungen kamen ans Tageslicht, und es entwickelten sich durch neue politische Positionierungen „verschiedene Definitionen von Frauenidentitäten und -interessen“ (ibid.). Die in den achtziger Jahren entwickelten feministischen Ideen wurden in den Neunzigern wiederaufgegriffen, sodass die Verbreitung und Organisation der Frauen-NGO’s untereinander und miteinander einen neuen Aufschwung erfuhr. Al-Rebholz bezeichnet diese Zeit als „einen Umbruch für die Feministinnen“ (ibid.:326).

Nach dem Überblick über die Entwicklung der Frauenbewegungen in der Türkei werden im nächsten Hauptkapitel als Grundlage zum besseren Verständnis der darauffolgenden Kapitel der Roman Die Liebhaberinnen und dessen Autorin Elfriede Jelinek vorgestellt.

2 Die Liebhaberinnen (1975) / Sevda Kadınları (2000)

2.1 Zum Inhalt

„Wenn einer ein Schicksal hat, dann ist es ein mann, wenn einer ein schicksal bekommt, dann ist es eine frau.“ (Jelinek 1975:6)

Im Roman von Elfriede Jelinek geht es um zwei Hauptcharaktere, deren Leben parallel zueinander beschrieben wird: Brigitte und Paula. Brigitte wohnt in einer Kreisstadt und Paula auf dem Land. Beide Protagonistinnen haben das Ziel, eine glückliche Ehe mit einem Mann zu führen.

Brigitte arbeitet und lebt in der Stadt; über ihr Alter und ihre Familienverhältnisse ist nur wenig bekannt. Sie hat keine Berufsausbildung, arbeitet als Hilfsarbeiterin in einer Fabrik und näht Büstenhalter. Brigitte wird im Roman als besitzergreifende Figur dargestellt. Sie möchte einen Mann „besitzen“ und durch ihn „Erlösung“ in ihrem Leben finden. Dieser Mann ist Heinz, ein Elektroinstallateur. Durch Heinz hofft Brigitte, zu sozialem Aufstieg zu gelangen, und sie setzt dafür unterschiedliche Mittel ein. Eines dieser Mittel ist ihr Körper. Sie nutzt ihren Körper, lässt ihn von Heinz sexuell ausbeuten, nur um ihr Ziel zu erreichen. In Wahrheit empfindet Brigitte für ihn weder Liebe noch sexuelles Verlangen. Die Autorin beschreibt Brigittes Verhältnis zu Heinz und die sexuellen Ereignisse mit ihm so, als ob es sich um eine Arbeit handeln würde: „denn wieder liegt ein harter arbeitstag vor ihr“ (ibid.:93). In späterer Folge wird Brigitte von Heinz schwanger und erreicht somit ihr Ziel. Ihr gelingt der soziale Aufstieg als zufriedene Mutter, Haus- und Geschäftsfrau.

Paula hingegen, die als „das schlechte Beispiel“ (ibid.:26) im Roman bezeichnet wird, stammt vom Land und ist erst 15 Jahre alt. Sie wird als eine naive Figur dargestellt, die von der großen Liebe träumt. Paula wird zuhause regelmäßig von ihrem Vater und Bruder verprügelt. Das Mädchen wird von ihrer Mutter vor die Wahl gestellt, sich zwischen Verkäuferin und Hausfrau zu entscheiden. Sie will jedoch einen Beruf erlernen und setzt sich gegen ihre Eltern durch, indem sie mit einer Schneidereilehre beginnt. Später bricht sie die Lehre ab und verliebt sich in Erich, der Alkoholiker ist und zu Gewalt neigt. In weiterer Folge wird Paula schwanger, heiratet Erich und bekommt noch ein zweites Kind. Als sie im Nachbarort mit einem fremden Mann schläft, dies wiederholt und sich dafür bezahlen lässt, wird sie eines Tages von einem Bekannten Erichs erwischt. Die Konsequenzen sind für sie die Scheidung von Erich und, aufgrund des großen gesellschaftlichen Drucks, das Verlassen ihres Dorfes. Sie ergibt sich in ihr Schicksal und endet allein und einsam als ungelernte Näherin am Fließband.

[...]


1 Mit den Tanzimat-Reformen sind die politischen und wirtschaftlichen Reformen im Osmanischen Reich (1839-1876) gemeint, die weitgehend wichtige soziale und kulturelle Veränderungen für die damalige osmanisch-türkische Gesellschaft brachten und eine Westorientierung erzielten (vgl. Dogan 2005:36f.).

2 „Literatur wird nicht mit dem Körper, sondern mit dem Kopf geschaffen; folglich müssen wir unser Frauensein überwinden, ohne dabei auf einen Irrweg zu geraten und unseren Platz auf der Literaturebene, die bisher von Männern dominiert wurde, einnehmen“ (übers. von Göbenli 1999:87).

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Frauen der Liebe? Der Roman "Die Liebhaberinnen" von Elfriede Jelinek in der Türkei
Untertitel
Eine Analyse der türkischen Übersetzung
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz  (Institut für Theoretische und Angewandte Translationswissenschaft)
Note
1
Autor
Jahr
2018
Seiten
33
Katalognummer
V994692
ISBN (eBook)
9783346364258
ISBN (Buch)
9783346364265
Sprache
Deutsch
Schlagworte
frauen, liebe, roman, liebhaberinnen, elfriede, jelinek, türkei, eine, analyse, übersetzung
Arbeit zitieren
Günes Dag (Autor), 2018, Frauen der Liebe? Der Roman "Die Liebhaberinnen" von Elfriede Jelinek in der Türkei, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/994692

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