Der Erziehungsbegriff nach Prange. Das operative Zeigen als kleinster gemeinsamer Nenner der Pädagogik


Essay, 2021

5 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Auf der Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner

2. Erziehungsbegriff nach Prange
2.1. Pädagogische Differenz
2.2. Theorie des Zeigens

3. Systematische Einordnung des Erziehungsbergriffs

4. Grenzen des Erziehungsbegriffs

5. Literaturverzeichnis

1. Auf der Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner

Es ist die Suche nach dem verbindenden Element zwischen Bildung, Erziehung, Lehren und Lernen, die die Formulierung einer Allgemeinen Pädagogik als Antwort einfordert und die Erwartung an ein Bindestück stellt, das die verschiedenen, vielfältigen Teilbereiche der Pädagogik im Kern miteinander verbindet, ohne dabei ihre Eigenheit zu überdecken (Fuhr, 1999). Prange stellt mit seiner Theorie des Zeigens eine These auf, die als eine Art „kleinster gemeinsamer Nenner“ der pädagogischen Teildisziplinen gesehen werden kann: die sog. Operation des Zeigens, die alle in sich miteinander verbindet (Koerrenz & Winkler 2013). Im Folgenden soll aufgezeigt werden, wie Pranges Erziehungsbegriff gegründet und ausgestaltet ist und welche Bereiche er in seinem Konstrukt außenvorlässt.

2. Erziehungsbegriff nach Prange

2.1. Pädagogische Differenz

Pranges Zweck der Erziehung liegt in der Modulation von Übergängen, in denen der Mensch vom Kind zum Erwachsenen wird, der Unmündige zur Mündigkeit gelangt, der Nichtwissende zum Wissenden wird, der Nichtkönnende zum Könnenden und der Nichtwollende zum Willigen wird (Fuhr, 1999). Seinen spezifischen Erziehungsbegriff zeichnet Prange (2012) über das Verhältnis zwischen Lernen und Erziehen und differenziert wie folgt: Erziehen meint die Operation, die autonom und unabhängig vom Lernen geschieht. Erziehung dagegen liegt vor, wenn ein Zusammen- und Gegenspiel mit dem Lernen vorliegt (Prange, 2012). In seiner Theorie des Lernens definiert er Erziehung als Lernhilfe (Fuhr, 1999, S.117). Er betont, dass sowohl Lernen als auch Erziehen Operationen darstellen, sich aber darin unterscheiden, dass Lernen unausweichlich stattfindet, Erziehen hingegen einer Handlungsentscheidung bedarf (Prange, 2012). Diese unterschiedliche Ausgangsvoraussetzung definiert er als pädagogische Differenz und nimmt sie zum Anlass zu hinterfragen, welches Handeln das Erziehen prägt: also was getan wird und wie es getan wird (Prange, 2012, S.59). Prange geht dabei nicht auf die normativen Absichten des Erziehens ein, sondern fragt nach der „Grundgebärde des Erziehens“, einer Operation (Prange, 2012, S.59). Seine Theorie beschäftigt sich mit dem Gehalt unterschiedlicher pädagogischer Aktivitäten, die unter anderem rein definitorisch nicht im klassischen Erziehungsbegriff erfasst werden.

2.2. Theorie des Zeigens

Pranges These lautet: „Wenn pädagogisch gehandelt wird, wird immer etwas gezeigt, und wenn nichts gezeigt wird, wird nicht pädagogisch gehandelt.“ (Fuhr, 1999, S.110). Das Zeigen wird zur Grundoperation jeglichen pädagogischen Handelns definiert. Hinter dem Zeigen verbirgt sich jedoch weit mehr als ein bloßes Richten des Zeigefingers. Der Pädagoge richtet die Aufmerksamkeit des Lernenden auf unterschiedliche Weise: wenn etwas angedeutet wird, wenn die Schüler Erfahrungen machen, die der Lehrer vorbereitet hat oder wenn ein Problem durch den Lehrer gestellt wird, und die Schüler aufgefordert werden, die Lösung zu finden (Fuhr, 1999, S.118). Dies kann sowohl im Unterricht geschehen als auch im Alltag, wenn die Mutter ihrem Kind Verkehrsregeln aufzeigt, der Schwimmlehrer eine Übung vormacht oder die Familie gemeinsam Karten spielt und dem jüngsten Kind die Spielregeln erklärt. Die Handlungsformel des Zeigens enthält in jeder Operation drei Dimensionen (Ricken,2006): den Gehalt des Zeigens, den Akt des Zeigens und den Zeigenden. Beim Zeigen geht es also nicht nur um die Intention als Voraussetzung für die Erziehungshandlung, sondern auch die Beachtung der Rezeption, wie der Lernende das Zeigen erfasst (Fuhr, 1999, S.119). Ein Zeigen, das nicht wahrgenommen wird, hat keine pädagogische Auswirkung. Aufgabe des Zeigenden ist es deshalb auch die Sichtweise des Empfangenden einnehmen zu können.

3. Systematische Einordnung des Erziehungsbergriffs

Das besondere an Pranges Erziehungsbegriffs liegt in der Akzentuierung der Perspektive der Operation des Erziehens und nicht wie klassisch geläufig auf dem Ziel bzw. dem Erfolg. Dies wird auch deutlich, wenn man Pranges Bergifflichkeit nach Brezinkas Kriterien einer Systematik von Erziehungsbegriffen untersucht (Brezinka, 1975, zitiert nach Weber, 1999, S.221). Demnach handelt es sich in erster Linie um einen Prozessbegriff, da er nicht das Produkt der Erziehung, sondern die Operation in den Mittelpunkt stellt. Er ist zudem als Deskriptionsbegriff einzuordnen, da die Operationen wertneutral, frei von äußeren Einflüssen und durch beschreibende Tatsachen definiert werden. Beim operativen Zeigen ist nicht das Ergebnis definierend, sondern die Intentionalität das zentrale Merkmal. Es wird deshalb auch als Absichtsbegriff eingeordnet. Zuletzt ist die Zuordnung und Unterscheidung zwischen dem Handlungs- und dem Geschehensbegriff zweideutig: einerseits spricht die Absicht des Zeigens, das den Lernprozess fördern soll für ersteres, andererseits das Zeigen auch beiläufig funktional wirksam wird für zweiteres. Auch bei der Frage, ob es sich in Pranges Fall um direkte oder indirekte Erziehung handelt, ist sowohl als auch die Antwort.

4. Grenzen des Erziehungsbegriffs

Mit seinem Erziehungsbegriff schafft Prange nicht nur eine Erziehungswissenschaft über die Praxis, sondern auch für die Praxis (Fuhr, 1999). Loch (1979), Fuhr (1999) und Ricken (2006) attestieren Pranges Theorie, dass das Zeigen der zentrale Gegenstand der Erziehungswissenschaft ist, aber nicht der allumfassende. Das Zeigen als zentraler Kern ist notwendig, aber nicht hinreichend für die ganzheitliche erziehungswissenschaftliche Betrachtung. Die drei Bestimmungskontexte des Allgemeinen nach Koerrenz und Winkler (2013) zeigen auf, welche Rahmung es dazu bräuchte. Das ist zum einen der Bezug zum weltanschaulichen Rahmen, wie dem historischen Kontext, aber auch der Bezug zum Individuum, seines Charakters und seiner Moralität, und zuletzt der kulturelle Aspekt, wie der Sozialisation und Wechselwirkung mit dieser. Auch Fuhr (1999) weist auf die Begrenztheit von Pranges Erziehungsbegriffs hin, wenn dieser für sich allein steht, ohne Generationskontextualisierung, wie sie beispielsweise Schleiermacher einfordert. Das Zeigen an sich könne kein Sozialisationswirkung oder Lebensläufe aufzeichnen. Denn an sich ist es nur das Erziehen und die Erziehung, steht aber nicht für die Erziehungswissenschaft.

Pranges Begriff liefert einen erheblichen, grundlegenden Kern, der aber erst in Bezug zu äußeren Ramen allumfassend wird.

[...]

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Der Erziehungsbegriff nach Prange. Das operative Zeigen als kleinster gemeinsamer Nenner der Pädagogik
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Allgemeine Pädagogik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
5
Katalognummer
V997798
ISBN (eBook)
9783346369987
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Prange, Allgemeine Pädagogik, operatives Zeigen, pädagogische Differenz, Erziehungsbegriff, Theorie des Zeigens, Pädagogische Klassiker
Arbeit zitieren
Laurie Fitz (Autor:in), 2021, Der Erziehungsbegriff nach Prange. Das operative Zeigen als kleinster gemeinsamer Nenner der Pädagogik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/997798

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