Das Menschenbild der römischen Rechtsgelehrten am Beispiel der Sklaven


Seminararbeit, 2019

13 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Gliederung

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

A. Einleitung

B. Rechtspraxis und Eigentumsbegriff
I. Die Römische Rechtsgelehrsamkeit und Rechtspraxis
II. Der Eigentumsbegriff
III. Eigentum und Sklavenstellung unter der patria potestas

C. Hinweise in den Digesten und Beurteilung durch Rechtsschriften
I. Die rechtliche Lage des Menschen im ius gentium und im ius naturale
II. Rechtliche Erörterungen zur Eigenschaft des Sklaven
1. Sprachliche Unterscheidung
2. Die „Würde des Menschen“ in der Antike
3. Selbstverständnis der Rechtsgelehrten

D. Fazit

Quellenverzeichnis

Cicero, Tobica, hrsg., übers. und kommentiert von Reinhardt, Tobias, Cicero‘s Topica, Oxford 2006.

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Literaturverzeichnis

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A. Einleitung

Diese Arbeit untersucht das Menschenbild römischer Rechtsgelehrter. Im Folgenden werden dazu einige Quellen herangezogen anhand derer die Erläuterung der Ausgangsfrage stattfinden soll. Diese Quellen bestehen hauptsächlich aus verschriftlichten Rechtstexten des codex iuris civiles, das etwa im 6. Jahrhundert n. Chr. zusammengetragen wurde und heute für das heutige Bild der römischen Rechtskultur maßgeblich ist. So war fast tausend Jahre lang das Zwölftafelgesetz einer der wichtigsten und wenigen schriftlichen Rechtsquellen.1

Daher sollen Aussagen getroffen werden, welches Menschenbild sich im 6. Jahrhundert nunmehr niedergeschriebenen Recht entnehmen lässt. Da eine einheitliche Verschriftlichung fehlt, stehen dem eigentlichen Hauptteil einige Erläuterungen über die römische Rechtspraxis vor und nach dem Beginn des römischen Kaiserreichs voran.

Daher ist der Untersuchungszeitraum weit zu fassen. Die betreffenden Rechtsquellen aus codex iuris civiles sind jedoch deutlich früher als die Zusammenstellung entstanden, sodass die am Ende stehende Beschreibung des Menschenbildes römischer Rechtsgelehrter im in das 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. zu verorten ist. Da die maßgeblichen Quellen aus den Digesten von Ulpian und Gaius stammen, die im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. lebten, erscheint diese Annahme sinnvoll. Frühere Quellen, beispielsweise Schriften von Cicero, dienen lediglich zum Vergleich und zur Kontextualisierung.

Die Frage nach dem Menschenbild des römischen Rechtsgelehrten ist auch vor dem Hintergrund zu beurteilen, dass es gewisse Abweichungen zu den Vorstellungen der Sklaverei des 19. Jahrhunderts geben könnte, die unser diesbezügliches Denken stets prägen.

B. Rechtspraxis und Eigentumsbegriff

Rechtspraxis und definitorische Gestaltung der Rechttexte sind ausschlaggebend für die spätere Beurteilung eines Menschenbildes. Aufgrund der Beschränkung auf das Beispiel der Sklaven sollen daher einige Bezugspunkte erläutert werden, die für die Entstehung eines Menschenbildes entscheidend gewesen sein könnten.

I. Die Römische Rechtsgelehrsamkeit und Rechtspraxis

Die Institutionalisierung der römischen Jurisprudenz, die mit moderner juristischer Ausbildung zu vergleichen wäre, gab in der Antike nicht. Römische Juristen waren Privatpersonen, deren Leistungen aufgrund allgemeiner Fachexpertise zwar hohe gesellschaftliche Anerkennung fanden2, die aber nicht als institutionell legitimierte Gesetzgebungs- oder Rechtsprechungsorgane einzuordnen waren.3 Es erscheint daher auch naheliegender, nicht von römischen „Juristen“, sondern von römischen Rechtgelehrten zu sprechen, denn der Begriff „Jurist“ orientiert sich vordergründig an staatlich ausgebildeten Absolventen in Bezug zu einer organisierten Jurisprudenz. Eine solche moderne Organisation ist mit der Rechtsfortbildungs- und Rechtssetzungspraxis in Rom schwer zu vergleichen.

Zudem verankerten römische Rechtstexte im Gegensatz zu griechischen Kodifikationen Rechtsregeln nicht normativ, sondern eher als Produkt von Einzelfällen und das auch nur schwer abstraktionsfähig, da sie überdies extrem detailverliebt waren und keine gemeingültigen, juristischen Leitlinien bereitstellten.4 Anders als die Griechen überließen die Römer die Rechtfortbildung dem jährlich wechselnden Inhaber des Prätorenamtes, der Recht zusammen mit einem Fachgremium (consilium) , bestehend aus mehreren weiteren Rechtsgelehrten, sprach.5

Das lässt den Schluss zu, dass römische Rechtsgelehrte durch eine eigenwillige, vielleicht sogar willkürliche Weise, Recht geprägt haben. Vor dem Hintergrund, dass diese Rechtsgelehrten grundsätzlich durch persönliche Erfahrungen und Ansichten die rechtliche Beurteilung einer Sachlage verfassten, muss ein zu untersuchendes Menschenbild römischer Rechtsgelehrter vor diesem Hintergrund betrachtet werden. Zwar wurde mit dem codex iuris civiles das römische Recht erstmals zum Großteil verschriftlicht, doch basierte dieses Recht auf den durch die römischen Rechtsgelehrten aufgestellten Rechtssätzen und verfassten Schriftstücken.

II. Der Eigentumsbegriff

Der Begriff des Eigentums (properitas) und eine entsprechende Definition des Eigentums kannte das römische Recht nicht, somit gab es zumindest keine formale, gesetzlich niedergeschriebene Definition. Die inhaltliche Begriffsbestimmung basierte folglich lediglich auf nicht kodifiziertem Recht, dem sogenannten Gewohnheitsrecht, dass von den römischen Rechtsgelehrten verfasst wurde beziehungsweise durch ihre Schriften rekonstruiert werden kann. Durch Cicero etwa ist die noch heute geläufige Definition des Eigentums überliefert: Die absolute Verfügungsgewalt über eine Sache.6

In der Einordnung als Eigentum konnten Sklaven Objekte aller Art von Rechtsgeschäften sein. Sie könnten veräußerst, verpfändet, vermietet oder verschenkt werden, per Testament übertragen werden und sie konnten freigelassen werden. Dies soll später näher beschrieben werden.

III. Eigentum und Sklavenstellung unter der patria potestas

Das eigentliche Eigentumsrecht wurde unter den Regelungsrahmen der patria potestas, der Hausgewalt des Familienvaters, gefasst. Danach waren bereits Kinder rechtlich nicht befähigt, Eigentum zu haben oder zu erwerben. Dieses Recht oblag dem Vater, dem pater familias.7 Eine freiwillige Entlassung seitens des pater familias aus der patria potestas zu Lebzeiten des Vaters war nach römischen Recht ursprünglich nicht möglich.8 Dies verdeutlicht die Tragweite und Machtfülle der patria potestas und wie diese zum strukturell prägenden Element der römischen Gesellschaft wurde, das sich daneben auf zahlreiche andere Bereiche auswirkte.9 Daher finden diese gleichsam auf den Sklaven Anwendung, welcher nur für den Herren und nicht für sich selbst Eigentum erwerben konnte.10

Das peculium, eine dem Sklaven zustehender Geldbetrag zur Erledigung täglicher Geschäfte, war ein gesonderter Teil des Vermögens des pater familias, dass dieser dem Sohn oder einem Sklaven zur selbstständigen Verfügungsgewalt überlassen konnte.11 Zwar zwar der Sklave de jure völlig rechts- und vermögenslos, doch zeigt das peculium, dass dem Sklaven ein gewisses Stück finanzieller Eigenständigkeit zugebilligt wurde und er damit auch personale Qualität erlangte.

Obwohl sie also durch die patria potestas keine eigenständigen Rechtssubjekte waren, konnten sie dennoch am Rechtsverkehr teilzunehmen und standen damit nicht gänzlich außerhalb des Rechtssystems. Ob damit eine Rechtsfähigkeit im modernen Sinne zu verstehen ist, ist fraglich. Eine solche würde dem Sklaven eine Rechtsposition zuschreiben, durch die dieser eigenständig Rechte und Pflichten eingehen könnte, das heißt aus eigenem Willen und ohne Fremdbestimmung. Gaius beschreibt zudem den rechtlichen Status der Sklaven derart, indem er sie als „Subjekte fremden Rechtes“ (alieno iuri subiectae) einstuft. Sklaven stehen mithin in der Macht des pater familias, dessen rechtliche Verfügungsgewalt das genannte ius alienius ist.12 Dies umfasst weitergehend auch die nach Gesetz erteilte Macht des pater familias die Gewalt über Leben und Tod des Sklaven auszuüben.13 Damit war der Sklave zwar als Persönlichkeit im Sinne eines menschlichen Wesens anerkannt, war rechtlich lediglich aber ein Objekt.

C. Hinweise in den Digesten und Beurteilung durch Rechtsschriften

Die folgende Darstellung ausgewählter Rechtsquellen zum römischen Sklavenrecht soll dazu beitragen ein genaueres Bild der römischen Rechtgelehrten zu zeichnen. Die Rechtsquellen und entsprechende einschlägige Textstellen sollen zur Beantwortung der Ausgangsfrage dienen.

Gaius teilt im ersten Buch der Institutionen die Anwendungsmöglichkeiten des Rechts derart ein, dass er die Aussage trifft, dass alles Recht, dass die Römer gebrauchen entweder auf Personen oder Sachen [oder auf Klagen] angewendet wird.14 So teil Gaius personenbezogenes Recht in zwei Denkkategorien ein. Eine Unterordnung des Sklaven unter einen der Begriffe erfolgt hier noch nicht, doch ergibt sich daraus schon das Faktum, dass der Unterschied zwischen Mensch und Sache durchaus auf einer theoretischen Ebene fußt. Unter römischem Recht war der Mensch also nicht mit einer Sache gleichzusetzen.

I. Die rechtliche Lage des Menschen im ius gentium und im ius naturale

Dig.15 1.5 legt das Subjekt „Mensch“ definitorisch durch Unterscheidung zwischen Freien und Sklaven fest.16 Damit erfolgt einer weitere Unterscheidung des Menschen in zwei Kategorien. Sklaven sind danach als personae alieno iuri subiectae fremden Recht unterworfen, unterstehen der Hausgewalt des dominus 17 und waren als Rechtsobjekte Unfreie.

Hier wird jedoch eine Unterscheidung im Seinszustand des Menschen gemacht, die mit dem ius naturale belegt wird und die aufzeigt, dass die Position als Sklave oder freier Mensch die römische Gesellschaft grundsätzlich definiert und im grundsätzlichen Verständnis des Menschseins eine Rolle gespielt haben muss, denn alles Recht orientierte sich am rechtlichen Status des einzelnen Menschen.

Nach dem ius natuale ist der Mensch von Geburt an frei und wird auch frei geboren. Dies ist in diesem Zusammenhang die grundsätzliche Aussage des ius naturale. Von Geburt an frei war auch der ungeborene Mensch, der naciturus.18 Ulpian spricht in Anschluss des Eigangstextes der Digesten über die Geburt des Menschen als Freie und nennt die Sklaverei „eine Einrichtung nicht des von der Natur allen Lebewesen vorgegebenen Rechts, sondern des ius gentium “ und macht damit eine Unterscheidung zum ius naturale. Als ius gentium wurde eine als auf der natürlichen Vernunft beruhende Normgewalt verstanden, die allen Völkern zugrunde liege.

Die römischen Rechtsgelehrten gingen davon aus, dass das Institut der Sklaverei durch das ius gentium als übergreifendes „Völkerrecht“19 allen Völkern bekannt und gemein ist und nach dem ius gentium auf dem ius naturale beruhe. Nach den Aussagen des Rechtsgelehrten Florentinus begründet sich diese Unterscheidung in der „Sklaverei [als] eine Einrichtung des ius gentium “, denn erst durch dieses wandelt sich der ursprünglich freie Zustand des Menschen in fremdes Eigentum.20 Für eine solche Herangehensweise spricht zusätzlich, dass Sklaven ursprünglich nur Kriegsgefangene waren und dazu auch etymologischer Ursprung festgestellt werden kann. Dies wird im Folgenden noch näher beschrieben.

II. Rechtliche Erörterungen zur Eigenschaft des Sklaven

Im Vorfeld sei gesagt, dass römische Rechtsgelehrte Schriften formulierten, in denen des Öfteren zur Humanität gegenüber Sklaven ermahnt wird.21 Im Fortgang dieser Arbeit soll nun näher beschrieben werden, welche Beweggründe diese Behauptungen zugrunde lagen. Dem vorangehend soll eine kurze sprachliche Analyse des Sklavenbegriffes die problematische Abgrenzung von Sklaven als Mensch und Sklaven als Sache deutlicher machen.

1. Sprachliche Unterscheidungen

Im 2. Buch des Gaius beschreibt dieser die Sache zunächst schlicht als körperlich („körperlich sind die Sachen, die man anfassen kann“)22. Unter anderen wird hier der Sklave genannt. Es fällt hier jedoch auf, dass anstatt des üblichen Terminus „ servus“ der Begriff „homo“ benutzt wird. Es mag hier möglicherweise lediglich des Kontexts bedürfen, dass hier Sklave zu verstehen ist, doch könnte die Quelle einen Hinweis darauf liefern, dass die Unterscheidung der Menschen zwischen Freien und Sklaven doch mehr auf rechtlichen Erwägungen als auf würdeloser Rechtlosmachung gefußt haben könnte.23 Ein weiterer sprachlicher Hinweis ergibt sich aus der ursprünglichen Errichtung des Sklavenzustandes. Im Ergebnis eines militärischen Erfolges wurden die besiegten Feinde als Sklaven genommen. Dies war eine übliche Praxis nicht nur bei den Römern. Keine unwesentliche Unterscheidung im Umgang mit den Sklaven zu Freien zeigt sich schon im Zwölftafelgesetz: Im Falle eines Knochenbruches fanden ähnliche strafrechtliche Sanktionsnormen für Freie wie auch für Sklaven Anwendung.24

Eine etymologische Untersuchung dieser beiden Begriffe würde den Umfang der Arbeit zwar sprengen, doch kann unter diesen Gesichtspunkt zumindest festgestellt werden, dass eine gewisse Bedeutungsverschränkung beider Begriffe existierte. Dies wiederrum könnte dafür sprechen, dass die Eigentumseigenschaft das Menschsein nach den naturrechtlichen Voraussetzungen auch unter sprachlichen Aspekten nicht ausschloss.

2. Die „Würde des Menschen“ in der Antike

Es wurde bereits erwähnt, dass römische Rechtsgelehrte in ihren Schriften des Öfteren zur Humanität gegenüber Sklaven ermahnt haben.

Dies führt zu der Frage, inwiefern das Menschsein insgesamt bewertet wurde und ob diesem ein gewisser Wert zugeschrieben wurde. Vor dem Hintergrund, ob die Existenz eines einzelnen Menschen eine gewisse Achtung erfahren hat, ist also fraglich, ob es in der Antike eine Form der Menschenwürde gab, so wie wir sie heute verstehen.

Im Rahmen der Erörterung des Menschenbildes römischer Rechtsgelehrter sei diese höchst umstrittene Frage mit einigen Beispielen erläutert: Die Begriffe dignitas und dignus tauchen öfters in juristischen Texten auf, doch geht es hier vorwiegend um die Würde des Amts oder eines bestimmten Standes. Aber es findet sich bei Paulus 25 eine Begründung, in der mit dem Worten des frühklassischen Juristen Pedius den Wortlaut „ propter dignitatem hominum“ („wegen der Würde der Menschen“) benutzt, doch muss diese Aussage in Bezug auf die zugrundliegende Behandlung eines Problems beim Sklavenkauf betrachtet werden.

Ausgangspunkt des Problems ist ein ädilizisches Edikt, das von den zuständigen Ädilen erlassen wurde und den Verkäufern von Sklaven die Verpflichtung auferlegte, am Verkaufstand dem Käufer Informationen zu Krankheiten oder Gebrechen der Sklaven mitzuteilen und ordnet für die Missachtung dieser Informationspflichten Rechtsfolgen an (Recht auf Rücktritt vom Kauf und Minderung des Kaufpreises). Konkret steht in der vorliegenden Beispielquelle ein Grundstückskauf im Mittelpunkt und der Sklave soll als Bestandteil bzw. Zubehör des Grundstücks mitverkauft werden. Würde man dem zustimmen, müsse man dies auch bei anderen Sachen annehmen, dies sei aber „lächerlich“ (ridiculum), denn sonst wäre beispielsweise ein Grundstück als Zubehör einer Tunika anzusehen. Und wäre dies möglich, könnte das zugrundliegende Edikt, dass die Sachmängelhaftung der Sklaven (die nicht für Zubehör gilt) regelt, umgangen werden, was von den Ädilen „völlig zurecht“ (iustissime) auch verneint wird. Der bearbeitende Autor Gaius bestätigt dies, indem er sagt, dass dies zurecht abzulehnen sei, da es der Würde der Menschen des Sklaven (sic) widersprechen würde.26 Aus diesem Grund sei der Sklave nicht als Zubehör im Sinne eines minderwertigen Gegenstands zu betrachten. Zwar beweist die Quelle, dass es Momente gab, in denen Sklaven personale Qualität zugesprochen wurde, doch ist dies eher als argumentum ad absurdum einzustufen, das lediglich dazu dient, eine juristische Streitfrage zu entscheiden, doch es zeigt, dass römische Rechtsgelehrte durchaus eine Vorstellung von einer „Würde des Sklaven“ hatten. Setzt man dieses Argument in den Kontext des Streitentscheids, wird aber offensichtlich, dass es lediglich ein Mittel zum Zweck darstellte und damit wäre auch die Interpretation einer „Menschenwürde“ nach neuzeitlichen Theorien weit hergeholt.27

[...]


1 Liv. 3, 34, 6; vgl. Spengler, 2011, 1024.

2 So zählt schon Cicero in seiner rhetorisch-juristisch-philosophischen Abhandlung „ Topica" die „Autorität der Rechtsgelehrten" (iuris peritorum auctoritas) zu den offiziellen Rechtsquellen; siehe Cic. Top. 5, 28; vgl. Kaser/Knütel/Lohsse, 2017, 180 und Dig. 1.2.2.49 „ sed qui fiduciam studiorum suorum habebant“.

3 Aus der römischen Republik sind lediglich 30 privatrechtliche Texte überliefert, siehe Spengler, 2008, 103f.; Kunkel/Schermaier, 2010, 4.

4 Spengler, 2011, S. 1024.

5 Waldstein/Rainer/Dulckeit/Schwarz, 2014, 69; Kunkel/Schermaier, 2010, 20f, 106f.; Rainer, 2006, 73.

6 Chiusi, 2005, 59f.

7 Vgl. dazu Kaser/Knütel/Lohsse, 2017, 68.

8 Später konnte unter bestimmten Situation eine Freilassung beispielsweise aus erbrechtlichen Streitigkeiten erfolgen, siehe dazu den überlieferten Fall des Gaius Licinius Solo (366 v. Chr.) bei Liv. 7, 16, 9.

9 Spengler, 2011, 1023.

10 Kehoe, 2011, 144–163.

11 Kehoe, 2011, 144–163.

12 Gauis Inst. 1.48 „ Nam quaedam personae sui iuris sunt, quaedam alieno iuri subiectae sunt".

13 Gaius Inst. 1.48 52 „ dominis in servos vitae necisque poestestam esse“

14 Gaius Inst. 1.8 „ Omne ius, quo utimur, vel ad personas pertinet vel ad res vel ad actione".

15 Siehe dazu ausführlich Bruns, 2019, 349-368.

16 Gaius Inst. 1.9 „ Et quidem summa divisio de iure personarum haec est, quod omnes homines aut liberi sunt aut servi".

17 Gaius Inst. 1.52 „ In potestate itaque sunt servi dominorum".

18 Spengler, 2011, 1022.

19 Der Begriff ist hier untechnisch zu verstehen, denn Völkerrecht im modernen Sinne erfordert ein zugrundeliegendes Vertragswerk zwischen anerkannten Völkerrechtssubjekten.

20 Dig. 1.5.4.1 „ Servitus est constitutio iuris gentium, qua quis dominio alieno contra naturam subicitur “ - der Text wurde von Kaiser Justinian im Jahre 533 n. Chr. gleichsam in die Institutionen übernommen; siehe Inst. 1.3.2.

21 Sen. De beneficiis 3, 22 „ Inter se contraria sunt beneficium et iniuria; potest dare beneficium domino“. vgl. auch Kaser/Knütel/Lohsse, 2017, S. 284.

22 Dig. 1.8.1.1 („Corporales hae sunt, quae tangi possunt, veluti […] homo […]“.

23 Siehe zu homo bei Dänzer, Der neue Georges, 1, 2013, 2362-2363, s. v. homo; zu servus Dänzer, Der neue Georges, 2, 2013, 4376, s.v. servus

24 Zwölftafelgesetz, Tab. 8, 3.

25 Dig. 21.1.44 pr. „Iustissime aediles noluerunt hominem ei rei quae minoris esset accede re, ne qua fraus aut edicto aut iure civili fieret: ut ait Pedius, propter dignitatem hominum: alioquin eandem rationem fuisse et in ceteris rebus: ridiculum namque esse tunicae fundum accedere“, siehe auch Wacke 2002, 811 ff.

26 Siehe Fn. 24.

27 Siehe auch Giradet, 2007, 17f, der von „antiken Grundlagen der Menschenrechte“ spricht.

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Details

Titel
Das Menschenbild der römischen Rechtsgelehrten am Beispiel der Sklaven
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Räuber, Sklaven und Soldaten – Leben im Imperium Romanum jenseits der Eliten
Note
2,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
13
Katalognummer
V1030168
ISBN (eBook)
9783346429445
ISBN (Buch)
9783346429452
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rom, Sklaven, Recht, Codes Iuris Civilis, Menschenbild, Römisches Recht
Arbeit zitieren
Fritz Grosch (Autor:in), 2019, Das Menschenbild der römischen Rechtsgelehrten am Beispiel der Sklaven, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1030168

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