Identitätsbildung bei Jugendlichen durch Literatur. Identität nach George Herbert Mead und Identitätsbegriff nach Krappmann


Hausarbeit, 2021

14 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Identifikation von und durch Literatur

2. Identität nach George Herbert Mead
2.1 Symbole und Signifikante Symbole
2.2 Phasen des Selbst
2.3 Symbolischer Interaktionismus

3. Der Identitätsbegriff nach Krappmann
3.1 Grundlegendes
3.2 Aktuelle Einordnung

4. Erziehungswissenschaftliche Diskussion; Literatur & Identität

5. Fazit

Literaturliste

Einleitung

Wer bin ich - und wenn ja, wie viele? Dies ist die absurde Frage, die Richard David Precht als den Titel seines 2007 erschienenen Bestsellers auserkoren hatte. Wenngleich das Buch sehr kontrovers besprochen wurde, ist der Stellenwert von Literatur für den Identitätsprozess nicht von der Hand zu weisen.

In diesem Sinne gehen wir in dieser Hausarbeit weder auf eine Analyse des Buches von Precht ein, noch gehen wir der Frage nach, wie die kantischen Fragen zu beantworten seien. Viel mehr interessiert uns die Frage; inwiefern kann Literatur identitätsstiftend sein und was ist mit Identität überhaupt gemeint? Weiter beschäftigt uns; wenn Literatur eine identitätsstiftende Funktion einnehmen sollte, wie bettet sich dieses Faktum in den Prozess der Erziehung, der Bildung oder der adoleszenten Sozialisation ein? Wir werden im ersten Kapitel eine Zusammenfassung des Themas darlegen, indem wir z. B. ein Meinungsbild exerzieren und erste Anhaltspunkte für die Theorien in den Folgekapiteln erörtern. Im zweiten Kapitel befassen wir uns mit dem Symbolischen Interaktionismus von George Herbert Mead und im dritten Kapitel gehen wir auf die Grundqualifikationen des Rollenhandels von Lothar Krappmann ein. Diese zusammengetragenen Erkenntnisse münden ins vierte Kapitel, in dem wir Erziehungswissenschaftler zu Wort kommen lassen. Als Resümee werden wir im fünften Kapitel ein Fazit ziehen, sowie eine Antwort auf die Frage finden, welchen Stellenwert Literatur innerhalb des Identitätsprozesses einnimmt.

1. Identifikation von und durch Literatur

Identifikation kommt von den lateinischen Wörtern identitas (Wesenheit) und facere (machen). Damit wird also die Symbiose aus tatsächlichem Sein und entwerfenden Ding beschrieben. In diesem ersten Kapitel gehen wir der Frage nach; was ist Literatur? In den Folgekapiteln wird dann die Frage nach der Identität geklärt. Wie lässt sich Literatur fassen? Die Beantwortung scheint schwierig, aber man könnte sich den landläufigen Meinungen anschließen und Literatur als mehrfach kodierte Sprache, als Fiktion, als ästhetischen Gegenstand und als intertextuelles oder autoreflexives Konstrukt ansehen. Aber diese Punkte erläutern nicht, wie Literatur Identität gestalten kann. Richten wir unseren Blick daher auf die Leseerfahrung an sich. Schutte schreibt in seiner Einführung dazu folgendes:

„Das Lesen kommt einem „ Dialog “ zwischen Autor und Leser gleich und steht im direkten Zusammenhang mit der Entwicklung des Produktionsverhältnis einer Gesellschaft, welche durch seine ideologischen Institutionen und soziale Träger geprägt ist (...) Lesen ist eine sinngebende Tätigkeit, (...) eine spezifische Form der Aneignung der Realität, der Welt und des eigenen Selbst, auf dem Weg der ästhetischen Erfahrung“ (Schutte 2005, 7f.).

Schutte verweist hier auf den aktiven Akt des Lesens und auf die Sozialisation der Gesellschaft. Lesen kann demnach nicht als einsame Tätigkeit mit sich selber verstanden werden, sondern ist immer in einem gesellschaftlichen Kontext zu begreifen.

Auch das Meinungsbild1, das ich unter meinen Kommilitonen erstellt habe, zeigt diese Tendenz. Vorangestellt ist zu betonen, dass diese Umfrage selbstverständlich keine repräsentative Studie darstellt, sondern lediglich als Tendenz zu verstehen ist.

Es haben insgesamt 81 Student*Innen teilgenommen, von denen sich 61,7 % als weiblich und 33,3 % als männlich lesen. Der überwiegende Teil stimmte (mit über 60 %) der Aussage zu, dass popkulturelle Medien wie Literatur ihre Identität geprägt haben. Bei der genaueren Frage, welches Medium sie am meisten geprägt hat, stimmten die meisten (38,1 %) jedoch für den zwischenmenschlichen Kontakt, dicht gefolgt von Literatur (22,3 %). Bei der letzten Frage, wie hoch sie den Stellenwert von Literatur im Kontext der Identitätsbildung einschätzen, gab der überwiegende Teil an, dass dieser sehr hoch ist (72,8 %) und nur sehr wenige schätzten ihn niedrig ein (12,3 %). Wenn wir die Erkenntnisse von Schutte dazu addieren, geht es bei der Prägung durch Literatur also mehr um einen gesellschaftlichen Identitätsprozess, als um die individuelle Identitätsausbildung. Dazu genaueres im Diskussionskapitel (Kapitel vier).

2. Identität nach George Herbert Mead

Im Folgenden gehen wir auf die Erkenntnisse von George Herbert Mead, bezogen auf seine Identitätstheorie, ein. In seinem Werk “Mind, self and society“ geht er auf seine Begriffsdefinitionen näher ein. Für das Thema ist vor allem das self relevant. Daher gehen wir darauf tiefgründiger ein.

2.1 SYMBOLE UND SIGNIFIKANTE SYMBOLE

Das Mind entsteht, nach Mead, in einem sozialen Prozess, dem social act, des Miteinanders (Mead 1972, 130). Durch Kommunikation mit seinen Mitmenschen kann ein Individuum erst seine Identität entwickeln. Um dies zu erläutern erklärt Mead, dass der Kommunikationsprozess in zwei Phasen unterteilt werden kann. Zunächst gibt es Gesten. Hierfür nennt er das Beispiel von zwei Hunden. Dabei wirkt die Geste, die von einem Hund gezeigt wird als Stimuli auf den anderen Hund und führt zu einer Reaktion (ebd., 42f.) In einer Konversation mit Gesten entsteht hierbei eine Kommunikation. Anhand dessen leitet Mead ab, dass durch diesen Umgang mit Gesten Sprache bzw. eine vokale Geste entsteht. Daher gilt Sprache als eine Art der Kommunikation und als signifikantes Symbol, was als zweite Phase beschrieben werden kann. In dem social act liegt die Bedeutung der signifikanten Symbole. Solche signifikanten Symbole drücken klar etwas aus und erzielen daraus ein klares Verständnis von dem was ausgedrückt wird. Hierbei denken die Individuen identisch (ebd. 47, 76). Aufgrund dieses Verständnisses ist ein Individuum in der Lage Reaktionen zu antizipieren.

2.2 PHASEN DES SELBST

In einem sozialen Konstrukt hat das Selbst zwei Phasen durch welches es seine Identität definieren kann. Die erste Phase ist das I (Ich), in dem das Individuum den Kommunikationspartner darstellt und dessen Taten reflektiert. Die zweite Phase ist das Me (Mich), in dem das Individuum auf sich selbst reagiert. Somit fungiert das Individuum gleichzeitig als Reiz und Reaktion (ebd. 178). Mead stellt das Me, welches ein Teil des symbolischen Prozesses ist, auch als die internalisierte Rolle dar. Dem I wohnt dementsprechend die antizipierende Reaktion auf die Gesten und die signifikanten Symbole des Me inne. Was hierbei erkannt werden kann ist, dass das Individuum gleichzeitig das Subjekt und Objekt einer Kommunikation darstellt. Durch den Erfahrungswert, den das Individuum in einem solchen Prozess sammelt, kann es seine eigene Identität entwickeln. Interessant dabei ist, dass das Ich und Mich unterschiedliche Bedeutungen für die Individuen haben können. Dementsprechend entstehen unterschiedliche Rollen der Dominanz von Ich und Mich, welche zu unterschiedlichen sozialen Rollenverteilungen führen. Kinder können sich vergleichsweise gut in andere Rollen hineinversetzen (game), sowie andere Kinder darin miteinbeziehen (play) und verschiedene Rollendarstellungen miteinander verknüpfen (Mead 1972, 153f.). Dadurch lernen sie unterschiedliche Erwartungshaltungen zu identifizieren und dementsprechend diese nachzuvollziehen.

2.3 SYMBOLISCHER INTERAKTIONISMUS

Letztendlich nehmen wir Bezug auf den symbolischen Interaktionismus. Dieser bezeichnet wie Menschen ihre soziale Umwelt gestalten und durch die aktive Interaktion mit anderen sich selbst verstehen. Zunächst müssen dazu die drei Prämissen der Interaktion nach Herbert Blumer betrachtet werden. Die erste Prämisse besagt, dass Menschen gegenüber Dingen handeln, abhängig davon welche Bedeutungen diese für sie haben. Die zweite Prämisse befasst sich mit dem Stamm der Bedeutung. Die Bedeutungen entstehen durch die soziale Interaktion eines Individuums mit seinen Mitmenschen. Laut der dritten Prämisse werden die Bedeutungen durch die Kommunikation in einem interpretativen Prozess behandelt. (Blumer 2011, 24-41)

Mead spricht von der Interaktion des Individuums bzw. des Organismus mit seiner natürlichen und sozialen Umwelt. Dabei spielen die Anpassung und Akkommodation des Organismus auf seine Umwelt und andere eine wichtige Rolle. Mead schränkt sich rein auf face-to-face Beziehungen von Menschen ein. Der Mensch ist ein gesellschaftliches Wesen der nur in den Handlungen mit seinen Mitmenschen bestehen kann. Durch die Interaktion mit seinen Mitmenschen, wird das Individuum selbst und sein Verhalten geschaffen bzw. geformt. Dieses Individuum steht in sozialer Interaktion mit sich selbst (Subjekt und Objekt) und mit anderen. Dabei setzt sich der Mensch mit Objekten seiner Umgebung auseinander und interpretiert, durch das Mitwirken anderer auf die Objekte, deren Bedeutung. Zudem ist es auch wichtig zu erwähnen, dass im Vergleich zu anderen soziologischen Theorien für Mead die Menschen handeln, weil sie durch die Bedeutungsgebung von Bedingungen diese selbst schaffen. Damit möchte Mead darauf hinaus, dass Menschen nicht durch das funktionale Verhalten zu Strukturbedingungen gezwungen werden (Systemtheorie). Der Prozess der Bedeutung steht im Fokus seiner Theorie und diese Bedeutungen werden als „soziale Produkte“ im symbolischen Interaktionismus bezeichnet. Soziale Produkte werden im Wechsel zwischen Definition und Bedeutung geschaffen. Die Bedeutungen werden im Interpretationsprozess durch den Handelnden brauchbar gemacht.

3. Der Identitätsbegriff nach Krappmann

Lothar Krappmann war ein Soziologe, der stark vom amerikanischen, symbolischen Interaktionismus beeinflusst wurde. Nach dieser Theorie sind es unsere Rollen und die Symbole, innerhalb ihres speziellen Rollensatzes, mit denen wir in Interaktionen mit anderen Menschen treten. Ich werde auf die tieferen Bedeutungsebenen der Begriffe Rolle und Symbol nicht eingehen, sehr wohl aber auf den Stellenwert der Rolle und ihre Grundqualifikationen im Rollenhandeln, sowie auf die identitätsstiftende Funktion dieser Rollentheorie.

3.1 GRUNDLEGENDES

Zur kurzen historischen Einordnung ist zu sagen, dass der Vorläufer des symbolischen Interaktionismus die struktur-funktionale Theorie (Systemtheorie) war. Diese ging von einer Gemeinschaft als System aus, das als zwischenmenschliches Verhaltensgefüge fungiert und dessen einzelne Teile in wechselseitiger Abhängigkeit zueinander stehen (vgl. Zippelius 2012, 51-70). Hier ging es vor allem um die Aufrechterhaltung des Systems, also der Gesellschaftsanspruch durch Rollenzusprechungen, der erfüllt werden musste. Da dieser Ansatz der aufkommenden Individualisierungstendenz innerhalb der Gesellschaft nicht entsprach, also der individuellen Persönlichkeit keinen Raum gab, kamen neue Ideen auf, wie die Rollenerwartungen in der Gesellschaft geregelt sein mussten. Hier setzte also der symbolische Interaktionismus an, der durch Lothar Krappmann die Dimension einer dualen Identität bzw. einer balancierenden Ich-Identität erfuhr und so auch die aktive Identitätsbildung beschreiben konnte.

[...]


1 Das Meinungsbild ist mit der Hilfe der Website survio@com erstellt worden. Aus Kostengründen werden wir die Ergebnisse nicht in einem PDF-Dokument der Hausarbeit beilegen

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Identitätsbildung bei Jugendlichen durch Literatur. Identität nach George Herbert Mead und Identitätsbegriff nach Krappmann
Hochschule
Universität zu Köln  (Humanwissenschaftliche Fakultät)
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
14
Katalognummer
V1037464
ISBN (eBook)
9783346423221
ISBN (Buch)
9783346423238
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pädagogik, Literatur, Kinder, Jugendliche, Identitätsbildung, Identität, Erziehungswissenschaftliche Diskussion
Arbeit zitieren
Thilo Kierdorf (Autor), 2021, Identitätsbildung bei Jugendlichen durch Literatur. Identität nach George Herbert Mead und Identitätsbegriff nach Krappmann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1037464

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