„Sie wissen wie es geht, können es aber nicht“ (DÖRNER 1989, S. 304). Dieses Zitat ist gefallen in der neueren wirtschaftsdidaktischen Diskussion um das so genannte "träge Wissen". Scheinbar vorhandenes Wissen wird bei anstehenden Problemen oftmals nicht eingesetzt. Jugendlichen fällt es ungemein schwer, das im Unterricht erarbeitete Wissen auf Lebens- und Berufssituationen zu übertragen. In der Literatur wird die Meinung vertreten, die Ursache liege in einer Wissensvermittlung, die sich auf eine didaktische Reduktion von bezugswissenschaftlichen Inhalten konzentriert. Methodisch werden diese Inhalte vor allem durch fragend-entwickelnde Lehrverfahren erarbeitet, deren Aufgabenstellungen sich nicht an aktuellen Problemen aus dem Berufsalltag orientieren (vgl. REETZ 1984a, S. 192). Diese "wenig anwendungsbezogene, abstrakte und künstlich systematisierte Wissensvermittlung" (DEISSIN-GER/RUF 2006, S. 39) führt nach Erkenntnissen der modernen Lernpsychologie zu "trägem Wissen".
Die kognitive Lernpsychologie hingegen verweist darauf, dass zwischen Denken und Tun eine Wechselwirkung besteht, die im Prozess des Lernens berücksichtigt werden muss. Als Ursache wird angegeben, dass die Anhäufung rein deklarativer Wissensbestände, ohne Bezug zum "Tun" in der Arbeitswelt von heute nicht ausreiche, um Jugendlichen den Erwerb beruflicher Handlungskompetenz zu ermöglichen. Lernende finden sich heute in einer Berufswelt wieder, die geprägt ist durch prozessorientierte Handlungsvollzüge. Daraus zieht die handlungsorientierte Position die Konsequenz, dass Jugendliche ein handlungsorientiertes Wissen zu erarbeiten haben, das sich an fachlichen, sozialen und personalen Kriterien orientiert. In einer solchen Lernkultur rückt der Lernende in den Mittelpunkt des Lernprozesses. Unterricht soll so gestaltet werden, dass methodisch nicht mehr lehrerzentriert und fachsystematisch Wissen erarbeitet wird, sondern der Lernende selbstorganisiert und ganzheitlich anhand konkreter Lebens- und Arbeitssituationen lernt. In der Fachterminologie hat sich hierfür der Begriff der handlungsorientierten Didaktik etabliert. Schüler sollen durch den Unterricht zu einer umfassenden Sach-, Sozial- und Selbstkompetenz geführt werden, die es Ihnen ermöglicht in beruflichen und privaten Handlungssituationen kompetent zu agieren.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung und Problemstellung
2 Die Herausbildung eines Dualismus zwischen bezugswissenschaftlicher und handlungsorientierter Didaktik mit einem Lösungsversuch über komplexe Lehr-Lern-Arrangements
2.1 Die bezugswissenschaftliche Didaktik
2.1.1 Entstehungsgeschichte und didaktische Orientierung
2.1.2 Tradiertes methodisches Vorgehen in der Diskussion
2.1.3 Schwächen des tradierten Unterrichts
2.2 Die handlungsorientierte Didaktik
2.2.1 Entstehung der handlungsorientierten Didaktik aus theoretischer und berufspraktischer Perspektive
2.2.2 Handlungskompetenz als Ergebnis
2.2.3 Grundsätze handlungsorientierter Unterrichtsgestaltung im Kontext der Methodenwahl
2.2.4 Handlungsorientierung und die Herausbildung eines "trägen prozessbezogenen Wissens“
2.3 Komplexe Lehr-Lern-Arrangements zur Lösung des entstandenen Dualismus
3 Die Übungsfirma als komplexes Lehr-Lern-Arrangement und der Einfluss integrierter Unternehmenssoftware
3.1 Historische Entwicklung der Übungsfirma im Kontext des Dualismus
3.2 Beitrag der Übungsfirma zum Ausgleich des Dualismus
3.2.1 Merkmale der Übungsfirma
3.2.2 Die Übungsfirma als "übende Anwendung" im Kontext bisheriger Erkenntnisse
3.2.3 Die Übungsfirma als "Praxisersatz" im Kontext bisheriger Erkenntnisse
3.2.4 Die Übungsfirma als "Lernort eigener Prägung" - ein komplexes Lehr-Lern-Arrangement zum Ausgleich des Dualismus
3.3 Die Übungsfirma am Berufskolleg in Baden-Württemberg
3.3.1 Konzeption und Lehrplan des Berufskollegs mit Übungsfirma
3.3.2 Der Einfluss integrierter Unternehmenssoftware auf den Unterricht in der Übungsfirma
3.3.2.1 Berufspraktische Relevanz
3.3.2.2 Didaktischer Anspruch und Wirklichkeit des Einsatzes integrierter Unternehmenssoftware im Unterricht der Übungsfirma
4 Entscheidungsmodell zur Anregung von Variation der Lehr-Lern-Formen im Unterricht nach DUBS
4.1 Unterrichtsgeschehen aus der Perspektive von DUBS
4.2 Begriffsdefinitionen zum Verständnis des Modells
4.2.1 Unterrichtsverfahren
4.2.2 Lehrmethoden und Lernformen
4.2.3 Unterrichtsverhalten
4.3 Das Entscheidungsmodell
5 Entwicklung eines Phasenmodells mit Methodenvariation für den Unterricht in der Übungsfirma mit integrierter Unternehmenssoftware zum Ausgleich des Dualismus
5.1 Vorgehensweise zur Entwicklung und Beurteilung des Modells
5.2 Phase 1: Erarbeitung von Grundlagenwissen für die Arbeit in der Übungsfirma mit integrierter Unternehmenssoftware
5.3 Phase 2: Anwendung von Wissen und Können in der Übungsfirma mit integrierter Unternehmenssoftware
5.4 Phase 3: Eigenkonstruktion von Wissen und Können in der Übungsfirma mit integrierter Unternehmenssoftware
5.5 Anknüpfungspunkte innerhalb der Phasen zu Merkmalen der bezugswissenschaftlichen und handlungsorientierten Didaktik
6 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie durch eine gezielte Variation von Lehr-Lern-Methoden im Unterricht der Übungsfirma, der unter Einsatz integrierter Unternehmenssoftware stattfindet, ein Ausgleich zwischen dem Erwerb von strukturiertem fachsystematischem Wissen und der Entwicklung prozeduraler beruflicher Handlungskompetenz erreicht werden kann.
- Dualismus zwischen bezugswissenschaftlicher und handlungsorientierter Didaktik
- Herausforderungen durch integrierte Unternehmenssoftware in der Übungsfirma
- Entscheidungsmodell zur Methodenvariation nach DUBS
- Entwicklung eines Phasenmodells für den Unterricht in der Übungsfirma
Auszug aus dem Buch
1 Einleitung und Problemstellung
„Sie wissen wie es geht, können es aber nicht“ (DÖRNER 1989, S. 304). Dieses Zitat ist gefallen in der neueren wirtschaftsdidaktischen Diskussion um das so genannte "träge Wissen". Scheinbar vorhandenes Wissen wird bei anstehenden Problemen oftmals nicht eingesetzt. Jugendlichen fällt es ungemein schwer, das im Unterricht erarbeitete Wissen auf Lebens- und Berufssituationen zu übertragen. In der Literatur wird die Meinung vertreten, die Ursache liege in einer Wissensvermittlung, die sich auf eine didaktische Reduktion von bezugswissenschaftlichen Inhalten konzentriert. Methodisch werden diese Inhalte vor allem durch fragend-entwickelnde Lehrverfahren erarbeitet, deren Aufgabenstellungen sich nicht an aktuellen Problemen aus dem Berufsalltag orientieren (vgl. REETZ 1984a, S. 192). Diese "wenig anwendungsbezogene, abstrakte und künstlich systematisierte Wissensvermittlung" (DEISSINGER/RUF 2006, S. 39) führt nach Erkenntnissen der modernen Lernpsychologie zu "trägem Wissen".
Die kognitive Lernpsychologie hingegen verweist darauf, dass zwischen Denken und Tun eine Wechselwirkung besteht, die im Prozess des Lernens berücksichtigt werden muss. Als Ursache wird angegeben, dass die Anhäufung rein deklarativer Wissensbestände, ohne Bezug zum "Tun" in der Arbeitswelt von heute nicht ausreiche, um Jugendlichen den Erwerb beruflicher Handlungskompetenz zu ermöglichen. Lernende finden sich heute in einer Berufswelt wieder, die geprägt ist durch prozessorientierte Handlungsvollzüge. Daraus zieht die handlungsorientierte Position die Konsequenz, dass Jugendliche ein handlungsorientiertes Wissen zu erarbeiten haben, das sich an fachlichen, sozialen und personalen Kriterien orientiert. In einer solchen Lernkultur rückt der Lernende in den Mittelpunkt des Lernprozesses. Unterricht soll so gestaltet werden, dass methodisch nicht mehr lehrerzentriert und fachsystematisch Wissen erarbeitet wird, sondern der Lernende selbstorganisiert und ganzheitlich anhand konkreter Lebens- und Arbeitssituationen lernt. In der Fachterminologie hat sich hierfür der Begriff der handlungsorientierten Didaktik etabliert. Schüler sollen durch den Unterricht zu einer umfassenden Sach-, Sozial- und Selbstkompetenz geführt werden, die es Ihnen ermöglicht in beruflichen und privaten Handlungssituationen kompetent zu agieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung und Problemstellung: Die Arbeit thematisiert die Problematik des sogenannten „trägen Wissens“ im wirtschaftsdidaktischen Kontext und hinterfragt die einseitige Ausrichtung auf handlungsorientierte Konzepte.
2 Die Herausbildung eines Dualismus zwischen bezugswissenschaftlicher und handlungsorientierter Didaktik mit einem Lösungsversuch über komplexe Lehr-Lern-Arrangements: Dieses Kapitel erörtert die theoretischen Grundlagen des Spannungsfeldes zwischen fachsystematischer Wissensvermittlung und handlungsorientiertem Lernen.
3 Die Übungsfirma als komplexes Lehr-Lern-Arrangement und der Einfluss integrierter Unternehmenssoftware: Die Rolle der Übungsfirma wird analysiert, insbesondere in Bezug auf die Herausforderungen, die der Einsatz moderner Unternehmenssoftware für das Lernmodell mit sich bringt.
4 Entscheidungsmodell zur Anregung von Variation der Lehr-Lern-Formen im Unterricht nach DUBS: Hier wird das Modell von ROLF DUBS vorgestellt, das als systematischer Rahmen für die gezielte Methodenwahl im Unterricht dient.
5 Entwicklung eines Phasenmodells mit Methodenvariation für den Unterricht in der Übungsfirma mit integrierter Unternehmenssoftware zum Ausgleich des Dualismus: Das Kernstück der Arbeit, in dem ein Phasenmodell entworfen wird, das theoriegeleitet verschiedene Unterrichtsphasen mit adäquaten Methoden verknüpft.
6 Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Bewertung, wie das entwickelte Phasenmodell dazu beitragen kann, den Dualismus aufzulösen und nachhaltige Handlungskompetenz bei Schülern zu fördern.
Schlüsselwörter
Wirtschaftsdidaktik, Träges Wissen, Handlungsorientierung, Handlungskompetenz, Übungsfirma, Integrierte Unternehmenssoftware, ERP-Systeme, Lehr-Lern-Arrangements, Methodenvariation, DUBS, Phasenmodell, Berufskolleg, Bezugswissenschaftliche Didaktik, Wissensvermittlung, Transferforschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der didaktischen Herausforderung, im kaufmännischen Unterricht der Übungsfirma einen Ausgleich zwischen fachwissenschaftlichem Grundlagenwissen und anwendungsorientierter Handlungskompetenz zu schaffen, insbesondere unter dem Einfluss komplexer ERP-Software.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die didaktische Diskussion um bezugswissenschaftliche versus handlungsorientierte Didaktik, die Rolle der Übungsfirma als Lernumgebung sowie der Einsatz von integrierter Unternehmenssoftware.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Entwicklung eines Phasenmodells, das Lehrkräften erlaubt, durch methodische Variation die Nachteile einer einseitigen Wissensvermittlung zu vermeiden und Schüler gezielt zu beruflicher Handlungskompetenz zu führen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine theoretische Analyse der wirtschaftsdidaktischen Literatur und greift auf das Entscheidungsmodell von ROLF DUBS zur Unterrichtsplanung zurück, um dieses auf die spezifische Lernumgebung der Übungsfirma zu übertragen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert den theoretischen Dualismus in der Didaktik, die historische und aktuelle Entwicklung der Übungsfirma, die Auswirkungen von ERP-Software auf den Lernprozess und die Konstruktion eines neuen, phasenbasierten Unterrichtsmodells.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe umfassen „Träges Wissen“, „Handlungskompetenz“, „Übungsfirma“, „Methodenvariation“ und „integrierte Unternehmenssoftware“.
Wie wirkt sich ERP-Software auf das Lernen in der Übungsfirma aus?
Der Autor argumentiert, dass ERP-Systeme zwar einen hohen Praxisbezug bieten, aber auch eine „cognitive overload“-Gefahr bergen, da die prozessualen Abläufe im Hintergrund ablaufen und das Verständnis der betriebswirtschaftlichen Zusammenhänge erschweren können.
Was bedeutet in der Arbeit der „Lernort eigener Prägung“?
Dieser Begriff, abgeleitet von REETZ, beschreibt eine Übungsfirmenkonzeption, die über das reine Üben von Routinetätigkeiten hinausgeht und eine kritische Reflexion sowie die Verknüpfung von theoretischem Wissen und praktischem Handeln ermöglicht.
- Citar trabajo
- Dipl.oec/ Dipl. Hdl. Frank Mueller (Autor), 2007, Methodenvariation beim Einsatz integrierter Unternehmenssoftware in der Übungsfirma als didaktische Herausforderung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/117943