„Schwester Biljana kommt zur Frühschicht auf ihre Altenpflegestation. Nach der Übergabe schaut sie zunächst in alle Zimmer ihres Pflegebereiches. Im Zimmer von Frau Meier und Frau Schmidt bemerkt sie sogleich einen beißenden Geruch. Sie weiß: Frau Meier, eine Bewohnerin mit demenzieller Erkrankung hatte diese Nacht wieder Durchfall. Nachdem sie sich einen ersten Eindruck darüber verschafft hat, welche Bewohner bereits wach sind und welche heute etwas länger schlafen wollen, geht sie erneut zu Frau Meier, um die Bettwäsche und die Einlage zu wechseln. Sie berührt sie sanft am Arm: „Guten Morgen, Frau Meierli. Ich wechsle jetzt den Bettbezug und wasche Sie dann gleich auch. Ist das in Ordnung?“ Frau Meier brummelt fortwährend unflätige Worte vor sich hin, während Schwester Biljana ihre Arbeit verrichtet. „Dankeschön, Meierli, ist gut, ist gut.“ Schwester Biljana verzieht etwas das Gesicht, als sie das Ausmaß des Durchfalls erkennt. Bevor sie mit dem Waschlappen den After wäscht sagt sie: „Aufgepasst, jetzt wird es ein klein bisschen kalt“. Nach dem Waschen gibt Schwester Biljana Frau Meier mit der Schnabeltasse Tee ein. Frau Meier drückt jedoch ihre Lippen zusammen. „Wenn Sie nicht trinken, kriegen Sie eine Infusion - wissen Sie das!?“ Nach etwas Widerstand trinkt Frau Meier einige Schlückchen.“ (BÖHLE, Fritz, GLASER, Jürgen, 2006, S. 59)
Nach einer kurzen Begriffsklärung in dem Kapitel zwei soll in dem dritten Kapitel auf drei verschiedene emotionstheoretische Modelle eingegangen werden. Dabei soll die Theorie von James-Lange, die Theorie von Cannon-Bard und die Theorie von Lazarus-Schachter näher betrachtet werden. Im Hauptteil, dem vierten Kapitel, dieser Arbeit geht es um das Pflegepersonal-Patienten-Verhältnis. Die Erwartungen, die an das Pflegepersonal gestellt werden und die Belastungen die daraus erfolgen, sind enorm und oft unterschätzt. Daraus resultiert bei vielen Pflegenden eine Gefühlsarmut, die sich auf den Patienten überträgt. Welche Gründe das, außer der Überbelastung noch haben kann, soll unter Punkt 4.3 erörtert werden. Zu einem kurzen Exkurs in die Psychotherapie soll aufgrund der Literatur von Claudia Bischoff-Wanner die Übertragbarkeit der psychotherapeutischen Beziehungsmodelle auf die Pflege exemplarisch untersucht werden. In einem letzten Punkt sollen die drei Ebenen der Gefühlsarbeit von Arlie Hochschildt erläutert werden. Die Arbeit schließt mit einem Fazit und einem Ausblick auf die Zukunft dieser Thematik.
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffsklärung
2.1 Emotionen
2.2 Ekel
2.3 Pflegeprozess
3. Drei Emotionstheorien
3.1 Die James-Lange-Theorie
3.2 Die Cannon-Bard-Theorie
3.3 Die Lazarus-Schachter-Theorie
4. Die Arbeit mit Gefühlen in der Pflege
4.1 Die Erwartungen an das Pflegepersonal
4.2 Die Belastungen in der Pflege
4.3 Die Auswirkungen mangelnder Gefühlsarbeit und deren Gründe
4.4 Die Übertragbarkeit von psychotherapeutischen Beziehungsmodellen auf die Pflege nach Bischoff-Wanner
4.5 Drei Ebenen der Gefühlsarbeit
5. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die zentrale Bedeutung der sogenannten Gefühlsarbeit im Pflegealltag, analysiert theoretische Grundlagen zu Emotionen und beleuchtet die Belastungen, die sich aus dem Spannungsfeld zwischen professioneller Distanz und empathischer Zuwendung ergeben.
- Theoretische Fundierung von Emotionen (James-Lange, Cannon-Bard, Lazarus-Schachter).
- Anforderungen und emotionale Belastungen des Pflegepersonals.
- Folgen mangelnder Gefühlsarbeit für Patienten und Personal.
- Kritische Reflexion der Übertragbarkeit psychotherapeutischer Modelle auf die Pflege.
- Die drei Ebenen der Gefühlsarbeit nach Arlie Hochschild.
Auszug aus dem Buch
4.5 Drei Ebenen der Gefühlsarbeit
„Die amerikanische Soziologin Arlie Hochschildt hat in ihrer berufssoziologischen Studie „The managed heart“ sehr anschaulich drei Ebenen der Gefühlsarbeit beschrieben. Ihre Untersuchung in Dienstleistungsberufen macht deutlich, dass von den dort Beschäftigten ein hohes Maß an Gefühlskontrolle und professioneller Außendarstellung gefordert wird.“ (OVERLANDER, 2002, S. 20) Hochschild spricht davon, dass bei der Fülle von tabubesetzten Gefühlen, die in der Pflege erlebt und verarbeitet werden müssen, es nicht selten zu einer Deformation des Selbst, mit deutlichen Auswirkungen auf beruflicher aber auch persönlicher Ebene kommt (vgl. OVERLANDER, 2002, S. 20). Diese Deformation kann bis hin zum Burnout-Symptomen führen und Aggressionen können in Autoaggressionen umschlagen.
Ein noch größeres Ausmaß nimmt die Gefühlsspirale an, wenn die Aggression an die Schutzbefohlene Person, den Patienten, in Form von physischer oder psychischer Gewalt weitergegeben wird. Die drei Ebenen der Gefühlsarbeit die Hochschild beschreibt, sind die körperliche Ebene, die expressive Ebene und die kognitive Ebene. Im Folgenden möchte ich kurz auf die genannten Ebenen eingehen. Auf der körperlichen Ebene heißt das für die Betreffenden, sich alle Mühe zu geben, die Gefühle so gut wie möglich zu kontrollieren oder zu unterdrücken. In Pflegesituationen würde das für das Personal in verschiedenen Situationen zutreffen. Z.B. in Stresssituationen Ruhe und Gelassenheit zu vermitteln oder bei unangenehmen Gerüchen unbemerkt die Luft anzuhalten oder Übelkeit zu unterdrücken und Ekelsituationen den Patienten nicht spüren lassen (vgl. OVERLANDER, 2002, S. 21).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des Pflegealltags anhand eines Praxisbeispiels ein und skizziert den Aufbau der Untersuchung.
2. Begriffsklärung: Hier werden die zentralen Fachbegriffe Emotionen, Ekel und der Pflegeprozess definiert und theoretisch eingeordnet.
3. Drei Emotionstheorien: Dieser Abschnitt erläutert die psychologischen Modelle von James-Lange, Cannon-Bard und Lazarus-Schachter hinsichtlich der Entstehung von Emotionen.
4. Die Arbeit mit Gefühlen in der Pflege: Dieser Hauptteil analysiert die emotionalen Belastungen der Pflegekräfte, die Auswirkungen auf die Patientenqualität und die Anwendung verschiedener Gefühlsarbeit-Ebenen.
5. Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst die Notwendigkeit einer besseren Vorbereitung auf emotionale Belastungen in der Pflegeausbildung zusammen und mahnt einen bewussteren Umgang mit Gefühlen an.
Schlüsselwörter
Gefühlsarbeit, Pflege, Emotionen, Empathie, Burnout, Pflegeprozess, Patienten, Belastung, Psychotherapie, Professionelle Distanz, Körperarbeit, Gefühlskontrolle, Selbstreflexion, Ekel, Arbeitsqualität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit thematisiert die psychischen Anforderungen in Pflegeberufen und wie Pflegekräfte mit den Gefühlen der Patienten sowie ihren eigenen Emotionen umgehen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die Emotionstheorien, die emotionalen Belastungen am Arbeitsplatz, der Umgang mit Intimpflege und die professionelle Distanz gegenüber dem Patienten.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, Missstände in der Gefühlsarbeit aufzudecken und den Nachholbedarf hinsichtlich emotionaler Kompetenz in der Pflegeausbildung aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine Literaturanalyse, um bestehende Theorien, Studien und Beziehungsmodelle auf ihre Anwendbarkeit in der praktischen Pflege zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich den Erwartungen an das Personal, den Ursachen von Depersonalisation, der psychotherapeutischen Perspektive und den drei Ebenen der Gefühlsarbeit nach Hochschild.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich vor allem über Begriffe wie Gefühlsarbeit, Empathie, Pflege, emotionale Belastung und Burnout definieren.
Warum spielt das Thema "Ekel" eine wichtige Rolle in der Arbeit?
Ekel wird als eine der größten Herausforderungen bei körpernahen Pflegetätigkeiten identifiziert, da die Pflegekraft ihre Abneigung unterdrücken muss, um professionell zu bleiben.
Was versteht man laut Text unter "Gefühlsspirale"?
Der Begriff beschreibt den Prozess, bei dem unverarbeitete emotionale Belastungen beim Pflegepersonal zu Aggressionen führen, die im schlimmsten Fall an Patienten weitergegeben werden.
Inwieweit sind psychotherapeutische Modelle auf die Pflege anwendbar?
Der Autor führt an, dass diese Modelle nur begrenzt übertragbar sind, da in der Pflege keine Freiwilligkeit des Patienten besteht und der zeitliche Rahmen sowie der Körperkontakt die Beziehung stark verändern.
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- Daniel Werner (Author), 2009, Gefühlsarbeit in der Pflege, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/125061