Depression im Schulalltag. Formen der alltäglichen Intervention für Lehrende


Hausarbeit, 2018

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Depressive Störung bei Kindern und Jugendlichen
2.1 Symptomatik
2.2 Epidemiologie
2.3 Ätiologie

3. Depression im Kontext Schule
3.1 Interventionsformen im Kontext Schule
3.2 Allgemeine Aspekte der pädagogischen Intervention
3.2.1 Sicherheit
3.2.2 Geduld
3.2.3 Somatische Beschwerden
3.2.4 Kontakt
3.2.5 Elternkontakt
3.3 Spezifische Ansätze zum Umgang mit Betroffenen
3.3.1 Aktivierung
3.3.2 Soziale Integration
3.3.3 Denkmuster hinterfragen

4. Résumé

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In ihrem beruflichen Leben haben LehrerInnen täglich Kontakt zu einer Vielzahl von unterschiedlichen Persönlichkeiten. Vor allem die SchülerInnenschaft variiert zuweilen, bedingt durch die verschiedenen sozialen Hintergründe sowie die Altersheterogenität, stark. Über die Jahre sammeln Lehrpersonen somit viele einzigartige Erfahrungen im Umgang mit Kindern und Jugendlichen, die sie befähigen mit den diversen SchülerInnen-Typen pädagogisch umzugehen. Allerdings treten immer wieder Fälle von SchülerInnen auf, die in der unterrichtlichen Praxis durch besondere Auffälligkeiten in Erscheinung treten: sie haben Schwierigkeiten sich zu konzentrieren, sie wirken apathisch und desinteressiert, zeigen keine Freude oder Begeisterung. Zudem beklagen sie sich häufig über Bauchweh oder Kopfschmerzen oder bleiben dem Unterricht völlig fern. Auch ziehen sie sich womöglich aus dem sozialen Leben ihrer Schulklasse zurück. Weiterhin können sie Gereiztheit an den Tag legen, wenn man sich nach ihrem Empfinden erkundigt. All diese Erscheinungen können auf eine geistig-emotionale Beeinträchtigung hinweisen. Eine relativ häufige, jedoch zumeist unerkannte psychische Störung bei Kindern und Jugendlichen ist die Depressive Störung (F32.x (ICD-10)) beziehungsweise die Major Depression (296.xx (DSM-V)). Die geschilderten Auffälligkeiten passen hierbei zu dieser, meist als „Erwachsenenstörung“ bekannten, psychischen Erkrankung. In den letzten Jahren hat sich jedoch gezeigt, dass auch Kinder und Jugendliche unter depressiven Episoden leiden, weshalb die Psychoedukation für LehrerInnen im Bezug auf dieses Störungsbild erweitert werden sollte.

Die vorliegende Arbeit bietet hierfür zunächst einen Überblick über die schülerspezifische Symptomatik des Störungsbildes, zudem sollen kurz die Epidemiologie sowie die Ätiologie der Erkrankung geschildert werden. Anschließend wird der Frage nachgegangen, welche Interventionsmaßnahmen sich für LehrerInnen ergeben, wie diese im schulischen Alltag umsetzbar sind und welche Schwierigkeiten bei der Umsetzung auftreten können. Grundlage hierfür ist eine, im Rahmen des Seminars „ Emotionale und Verhaltensauffälligkeiten - Psychologische Interventionsformen nutzbar machen“ erstellte Projektarbeit. Ziel dieser Projektarbeit war die Erstellung eines Handlungsleitfadens für den Umgang mit depressiven Kindern und Jugendlichen im Schulalltag. Die wesentlichen Inhalte des Leitfadens sollten präventive Maßnahmen und Verhaltensweisen sowie Interventionsformen umfassen, die sich im täglichen Unterricht einsetzen lassen und den Betroffenen bei der Überwindung der depressiven Episode behilflich sein können.

2. Depressive Störung bei Kindern und Jugendlichen

Noch vor einigen Jahrzehnten wurde davon ausgegangen, dass im Kindesalter keine wirkliche Depression möglich wäre, da bei jungen Menschen hierfür beispielsweise die kognitiven Voraussetzungen nicht vorhanden seien (vgl. Wenglorz & Heinrichs 2018, S. 262). Dies hat sich mittlerweile gewandelt. Eine mögliche Ursache für das Verkennen von Depressionen im Kindes- und Jugendalter können die, zur “Erwachsenendepression“ verschieden ausgeprägten, Symptome sein. Diese weichen insofern ab, als dass sie sich eher in somatischen Beschwerden wie Verdauungsprobleme, Schwindel oder unspezifische Schmerzen sowie allgemeine Unruhe und veränderte Empfindungen zeigen, sodass Fehldiagnosen zugunsten somatischer Erkrankungen möglich sind und damit das Vorliegen einer Depression unerkannt bleiben kann (vgl. Castello 2017, S. 40; Siegemund 2013, S. 70; Baierl 2011, S. 189).

2.1 Symptomatik

Das Störungsbild einer Depression kann nur schwer einheitlich beschrieben werden, da im Einzelfall die Symptomatik und die Erscheinungsformen unter Umständen stark von einer universellen Definition abweichen können (vgl. Groen & Petermann 2013, S. 439). Im Allgemeinen lassen sich jedoch drei Kernsymptome ableiten, die im Wesentlichen auf eine depressive Störung deuten: depressive Verstimmung, Anhedonie, Antriebslosigkeit (Ebd., S. 440). Weitere affektive Beeinträchtigungen sind der Normalfall. In der Regel lassen sich die Symptome in vier Dimensionen unterteilen, die verschiedene Bereiche des Erlebens beschreiben; Anzeichen können sich auf der emotionalen, kognitiven, physiologischen sowie motorischen/behavioralen Ebene zeigen (vgl. Payk 2015, S. 180; Groen & Petermann 2013,S. 440; Beesdo-Baum & Wittchen 2011, S. 880).

Die bei Kindern und Jugendlichen häufiger auftretenden somatische Beschwerden betreffen zumeist das Essverhalten und die Verdauung; oft zeigen Betroffene Appetitveränderungen und daraus resultierende Gewichtsänderungen. Weiterhin häufig treten Schlafstörungen (Insomnie sowie Hypersomnie) auf, wobei der Schlaf zusätzlich meist als nicht erholsam empfunden wird (vgl.Castello 2017,S.40; Baierl 2011,S. 189; Klicpera & Gasteiger-Klicpera 2007,S.57). Überdies treten bei Kindern und Jugendlichen noch psychomotorische Agitiertheit und erhöhte Reizbarkeit als Anzeichen auf, wodurch eine Fehldiagnose zum ADHS nicht ausgeschlossen werden kann (vgl. Castello2017,S.40; Schuster2017, S.146).

Für den schulischen Kontext lassen sich gesonderte Symptome aufzeigen, wodurch die Identifikation einer möglicherweise vorliegenden Depression bei SchülerInnen erleichtert werden könnte. Denkbare, beobachtbare Verhaltensweisen sind beispielsweise generelle Stille oder leises Sprechen und seltene Wortbeiträge sowie eine abgeflachte Mimik und Gestik; bei der Erledigung von Aufgaben gehen sie unordentlich vor, was durch Konzentrationsprobleme und Beeinträchtigung der Merkfähigkeit sowie psychomotorische Unruhe bedingt sein kann (vgl.Castello2017,S. 41f.; Rossmann 2015, S. 22;Baierl 2011, S. 199).

Ein weiteres Feld der depressiven Symptomatik, das in der Schule in Augenschein treten kann, sind kognitive Dysfunktionen, die sich durch verbalisiertes Denken bemerkbar machen können. Diese typischen Denkfallen umfassen grundsätzlich negatives Denken, Verallgemeinerungen und mehrere Attributionsfehler. Bei Letzteren handelt es sich um fehlerhafte Ursachenzuschreibungen, bei denen Erfolg auf externe, glückliche Umstände und Misserfolg auf interne und selbstverschuldete Umstände zurückgeführt wird (vgl. Rossmann 2015, S. 229)

2.2 Epidemiologie

Im Gegensatz zur generellen Wahrnehmung treten depressive Störungen bei Kindern und Jugendlichen relativ häufig auf. Mit zunehmenden Alter steigt die Prävalenz von circa 1-2% bei Kindern auf 2 bis 8% Jahresprävalenz und circa 18% Lebenszeitprävalenz im Jugendalter, wobei sich ein Geschlechterverhältnis von 2:1 (♀:♂) ergibt1 (vgl.Groen & Petermann2013, S. 443; Klicpera & Gasteiger-Klicpera 2007, S. 63). Der Verlauf der Erkrankung ist sehr individuell und lässt sich daher kaum sicher vorhersagen, allerdings scheinen die Symptome bei Kindern und Jugendlichen schneller nachzulassen als bei erwachsenen Patienten. Jedoch ist die Rezidivität mit circa 25% (1 Jahr) und bis zu 75% (5 Jahre) relativ hoch, weshalb Depressionen im Jugendalter ein enormes Langzeitrisiko darstellen (vgl.Groen & Petermann 2013,S.444; Klicpera & Gasteiger-Klicpera 2007,S. 65). Insgesamt liegt die Lebenszeitprävalenz in Deutschland bei circa 20% (vgl.Caspar et al. 2018,S.59).

In der Regel treten bei betroffenen Kindern komorbid Störungen wie Trennungsangst, Störungen des Sozialverhaltens und hyperkinetische Störungen auf, weshalb häufig zunächst ADHS diagnostiziert werden kann (siehe ➥Abs. 2.1). Bei Jugendlichen können neben diesen auch noch Störungen durch Substanzmissbrauch sowie Essstörungen auftreten (vgl. Groen & Petermann 2013, S. 443).

2.3 Ätiologie

Zur Entstehung von depressiven Störungen gibt es, aufgrund der differenziellen Ausprägungsformen, verschiedene Theorien, die versuchen aus unterschiedlichen Perspektiven heraus das Auftreten von Depression zu erklären, die in dieser Arbeit nicht in vollem Umfang diskutiert werden können. Im Allgemeinen kann man jedoch davon ausgehen, dass bei diesen Störungen um einen mulitfaktoriellen Geneseprozess handelt, der biologischen und psychologischen sowie sozialen Einflüssen unterliegt (vgl.Rossmann 2015,S.228).

Hierbei spielt insbesondere das sogenannte Diathese-Stress-Modell eine bedeutsame Rolle. Dieses Modell verbindet genetische Anlagen2 sowie das Temperament mit negativen Entwicklungseinflüssen, sozialen Belastungen sowie gesellschaftlichem Druck. Im Sinne einer Anlage-Umwelt-Interaktion wird davon ausgegangen, dass Kinder und Jugendliche durch ihre genetischen Dispositionen und Temperamentsmerkmale sowie unzureichende Zuwendung im frühkindlichen Alter eine Vulnerabilität für depressive Störungen entwickeln, welche im fortschreitenden Lebensverlauf durch die eigenen körperlicher Veränderung in der Pubertät, kritische Lebensereignisse (Scheidung, Tod) und Stress (vor allem schulischer Natur) ausgelöst werden kann (vgl. Schuster 2017, S. 150f.; Groen & Petermann 2013, S. 448).

Ein weiteres, für die schulische Intervention nützliches Modell scheint das kognitive Modell der Depression von Aaron Beck zu sein; in dieser Überlegung spielen kognitive Fehler eine entscheidende Rolle bei einem sich selbstverstärkendem Prozess negativer Gedanken, die in eine progressive Verschlechterung der Symptomatik führen kann (vgl.Rossmann 2015, S. 229; Berking & Radkovsky 2012, S.37f.).

3. Depression im Kontext Schule

Für Kinder und Jugendliche stellt die Schule in vielerlei Hinsicht den Mittelpunkt ihres alltäglichen Lebens dar. Sie verbringen die meiste Zeit ihres Tages in der Schule, sie dient ihnen als social hub und wesentliche Weichenstellungen für das zukünftige Leben geschehen in der und durch die Institution Schule. Die schulischen Erfahrungen prägen die SchülerInnen in beinahe allen Aspekten, außerdem erfahren SchülerInnen Feedback zu ihrer Person, ihren Leistungen und ihrem Verhalten. Dies führt zu Distress, der aber in den meisten Fällen keine längerfristigen Konsequenzen für die Jungendlichen hat; im Sinne des Vulnerabilität-Stress-Modells jedoch für empfängliche SchülerInnen ein erhebliches Risiko für die weitere gesunde Entwicklung darstellen kann (vgl. Bilz 2008, S. 31ff.). Allein aus diesem Sachverhalt heraus lässt sich die Notwendigkeit ableiten, dass LehrerInnen über das Störungsbild aufgeklärt werden, da sie gegenüber den Kindern und Jugendlichen als Bezugsperson zur Institution Schule auftreten. Außerdem können sie als Leitende einer Klassengemeinschaft viel zum sozialen Gefüge im Klassenraum beitragen und somit problematischen Entwicklungen wie Ausgrenzung und Mobbing begegnen und sie gegebenenfalls verhindern.

Des Weiteren steigt die Anzahl der Depressionen im Kindes und Jugendalter in den letzten Jahren, weshalb dieses Störungsbild zunehmend eine wichtige Rolle im schulischen Kontext spielt (vgl. Wenglorz & Heinrichs 2018, S. 262; Beesdo-Baum & Wittchen 2011, S. 880; Pössel& Hautzinger 2009, S. 37).

3.1 Interventionsformen im Kontext Schule

Durch die wachsende Anzahl an betroffenen Kindern und Jugendlichen steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass LehrerInnen in ihrer Klasse oder Kurs auf erkrankte SchülerInnen treffen, weshalb die Intervention immer mehr Teil des pädagogischen Arbeitens werden sollte (vgl. Castello 2017, S. 39; Schuster 2017, S. 153). Hierfür sollen im Folgenden explizit alltägliche Maßnahmen und Verhaltensweisen erläutert werden, die einen konstruktiven Umgang mit depressiven Lernenden und ihrer Störung im Kontext Schule ermöglichen und gleichzeitig nicht nur das Lernen erleichtern, sondern sich vor allem den Leidtragenden als heilungsunterstützend darstellen sollen.

Besteht der Verdacht, dass sich in einer betreuten Klasse ein möglicherweise an Depression erkranktes Kinder oder Jugendlicher befindet, so sollten keinesfalls eigenmächtige Interventionsmaßnahmen ohne Rücksprache mit Eltern und betreuendem Therapierenden vorgenommen werden. Wichtig ist an dieser Stelle hervorzuheben, dass LehrerInnen zu keiner Zeit co-therapeutisch auftreten sollen, sondern als Unterstützer im Schulalltag dienen und somit ihren Beitrag zur Verbesserung des Leides leisten. Daher werden in der vorliegenden Arbeit einige Behandlungsmöglichkeiten wie beispielsweise die Psychopharmakotherapie nicht behandelt, da sie nicht in den pädagogischen, sondern medizinischen Bereich fallen. Statt einer eigenen „Lehrkraft-Therapie“ können LehrerInnen jedoch einen äußeren Rahmen schaffen, in dem diejenigen Faktoren begünstigt werden, die einen positiven Einfluss auf die psychische Gesundheit sowie die affektive Entwicklung der SchülerInnen besitzen (vgl. Schuster 2017, S. 154). Die vorgestellten Maßnahmen gelten hierbei fächerübergreifend und sind daher allgemein gehalten. Aus Platzgründen kann zudem nicht auf fachspezifische Maßnahmen wie Ele-mente aus der Sport- und Bewegungstherapie, die im schulischen Sportunterricht angesetzt werden könnten, eingegangen werden.

3.2 Allgemeine Aspekte der pädagogischen Intervention

Im Umgang mit depressiven SchülerInnen scheint zunächst wichtig, dass bei Lehrkräften ein grundlegendes Verständnis über die Störung vorhanden ist und sie mit den möglichen Ursachen vertraut sind. So kann es beispielsweise von Vorteil sein, wenn Lehrende das Vorhandensein einer genetischen Komponente kennen und somit negatives Auffallen nicht als absichtliches, sondern als pathologisches und unbeabsichtigtes Verhalten verstehen, welches nicht unter willkürlicher Kontrolle steht, sondern durch neurobiologische Prozesse beziehungsweise Umwelt-Gen-Wechselwirkungen hervorgerufen wird (vgl. Castello 2017, S. 42; Schuster 2017, S. 156). Auf Grundlage dieses Verständnisses kann eine vertrauensvolle und positive Beziehung zu dem/der Betroffenen leichter aufgebaut werden, da die persönliche Einstellung des Lehrenden zum Lernenden durch das Hintergrundwissen sich zugunsten des pädagogischen Engagements ändern kann. Des Weiteren ist anzumerken, dass nicht allein die Unterstützung durch die Lehrkraft eine essentielle Rolle im schulbezogenen Umgang mit der Krankheit einnimmt, sondern auch die Beziehung zur Lehrperson an sich schon positive Effekte auf die empfundenen Schwierigkeiten haben kann, da die Qualität der LehrerInnen-SchülerInnen-Beziehung nicht nur einen großen Einfluss auf den schulischen Erfolg besitzt, sondern auch die sozialen und emotionalen Aspekte des Schullebens beeinflusst. Eine gegenseitig als positiv empfundene Beziehung dient ferner als Grundlage für jedwedes weiteres pädagogisches Handeln (vgl.Schuster 2017, S. 156, Eccles & Roeser 2011, S. 229).

3.2.1 Sicherheit

Bei der Arbeit mit depressiven Kindern und Jugendlichen ist es wichtig, dass sie das Gefühl von Sicherheit durch Bezugspersonen in ihrem Kampf gegen die Depression erfahren. Diese Notwendigkeit betrifft natürlich auch die schulische Komponente, weshalb von den Lehrenden eine empathische Teilnahme an der Erkrankung der Betroffenen zu zeigen ist und deshalb aktiv Beziehungsangebote unterbreitet werden sollten (vgl.Schuster 2017, S. 156). Insbesondere sollte den Kindern und Jugendlichen deutlich gemacht werden, dass man ihr Leid nicht als „nur psychisch“ oder gar als „nur traurig“ wahrnimmt, sondern um die Ernsthaftigkeit der Erkrankung weiß und ihnen bei der Überwindung dieser Problematik behilflich sein möchte. Die innere Einstellung der Lehrenden spielt hierbei eine wesentliche Rolle, da depressiv Erkrankte von einer positiven Grundeinstellung der Lehrkraft, welche selbst nicht explizit verbalisiert werden muss, profitieren und diese in ihr eigenes Denken integrieren können (vgl. Finke 2017, S. 98;Baierl 2011, S. 193f.). Die positive und wertschätzende Grundhaltung der LehrerIn stellt die Grundlage für die Intervention dar und sollte daher dem Betroffenen möglichst häufig vergegenwärtigt werden. Dies kann beispielsweise durch Anerkennung der negativen Gefühle, durch ermutigende Reaktionen auf depressive Verhaltensweisen („Es ist schön, dass du trotz deiner Traurigkeit noch zur Schule kommst“) oder durch Solidarisierung mit den Leidtragenden („Auch ich habe in der Schule öfter das Gefühl gehabt, dass ich den Ansprüchen nicht gerecht werden könne“) geschehen (vgl. Finke 2017, S. 104). Hierdurch wird nicht nur Sicherheit und Empathie vermittelt, sondern ferner auch kognitiven Dysfunktionalitäten entgegengewirkt (vgl. Radkovsky & Berking 2012, S. 48; siehe hierzu ➥Abs. 3.3.3). Überdies sollte eine schülerbezogene Pädagogik eine angstfreie und emotional positive und vor allem vertrauensvolle Atmosphäre in der Schule etablieren, sodass sich Betroffene gegenüber den Lehrpersonen mit ihren Gefühlen und Sorgen öffnen und somit ihrerseits die Intervention unterstützen können (vgl. Nevermann & Reicher 2009, S. 144f.).

[...]


1 Dieses Verhältnis gilt zwar weitestgehend als gesichert, scheint jedoch nicht für bipolare Störungen zu gelten (vgl. Töller & Windgassen 2009, S. 237).

2 Biologische Ursachen, wie genetische Prädispositionen (SNP in der 5-HTTLPR auf SLC6A4) und neurobiologische Anomalien scheinen eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von Depressionen zu spielen und daher ist eine hereditäre Komponente für depressive Störungen möglich, was durch Geschwister- und Zwillingsstudien weiterhin unterstützt wird (vgl.Graw2015, S. 603 / 693ff.). Dieser unveränderliche Umstand sollte sich bei dem Umgang mit Betroffenen vergegenwärtigt werden, da diese Komponente durch keine Therapieform ursächlich behandelt werden kann.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Depression im Schulalltag. Formen der alltäglichen Intervention für Lehrende
Hochschule
Universität Kassel  (Institut für Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
Emotionale und Verhaltensauffälligkeiten - Psychologische Interventionsformen nutzbar machen
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
19
Katalognummer
V1274458
ISBN (Buch)
9783346719591
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Depressionen, Intervention, Kinder- und Jugendpsychologie, Verhaltensauffälligkeiten, Depressive Störungen, Interventionspädagogik
Arbeit zitieren
Tim Szczygiel (Autor:in), 2018, Depression im Schulalltag. Formen der alltäglichen Intervention für Lehrende, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1274458

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