Seit den 90er Jahren ist der Anteil der Armen an der Bevölkerung in Deutschland um knapp 50 Prozent gestiegen. Der dritte Armutsbericht der Bundesregierung zeigt ähnlich alarmierende Tendenzen: Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hat sich die Armutsquote in den Jahren 2000 bis 2006 von 11,8% auf 18,3 % erhöht. Ein knappes Viertel der Bevölkerung müsste als arm gelten, würden alle staatlichen Transferleistungen wie Arbeitslosengeld, Wohngeld und ähnliches wegfallen. Eine Studie zur Einkommensentwicklung in den Industrieländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), kam zu dem Ergebnis, dass in keinem anderen Industrieland die Zunahme von Armut und ungleicher Verteilung von Einkommen in den Jahren 2000 bis 2005 so stark war wie in der BRD.
Eine drastische, aber keineswegs neue Entwicklung, die seit den 80er Jahren mit der Einführung des Begriffs „neue Armut“ sowohl in den Fokus der Sozialwissenschaften, wie auch der öffentlichen Debatte gerückt ist. Probleme, wie massenhafte, strukturelle Erwerbslosigkeit und Armut, die zu Zeiten der Industrialisierung bereits überwunden geglaubt schienen, tauchen wieder auf, verstärken und verfestigen sich sogar. Seit Mitte der 90er Jahre haben die unterschiedlichsten Probleme, die sich als Konsequenzen dieser Entwicklung ergeben, den Obertitel „soziale Exklusion“ (soziale Ausgrenzung) zugeschrieben bekommen.
Zunehmende Verunsicherung, bis hin zur Perspektivlosigkeit, seien nicht nur in den untersten Schichten, sondern auch insbesondere in den Mittelschichten festzustellen.
Die französischen Sozialwissenschaftler Francois Dubet und Didier Lapeyronnie sehen mittlerweile gar keine soziale Frage mehr, sondern nur noch viele unterschiedliche soziale Probleme. Ausgrenzung habe Ausbeutung ersetzt; was bedeuten würde, dass das Problem der Ausbeutung durch Arbeit und damit einhergehende soziale Ungleichheit und prekäre Lebenslagen, nicht mehr so stark im Vordergrund stehen würden, wie die schon vollzogene oder drohende neue Spaltung in der Gesellschaft. Hat Ausgrenzung Ausbeutung als drängende soziale Frage ersetzt? Befindet sich die Gesellschaft der BRD in einem neuartigen Spaltungsprozess, jenseits „alter Ungleichheiten“ und herkömmlicher Armutsstrukturen?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Eine gesellschaftspolitische und wissenschaftliche Problemstellung
1.2 Begriffsbestimmungen und Literaturüberblick
2 Armut
2.1 Armutskonzepte
2.2 Armut im historischen Kontext
2.2.1 Historische Entwicklung der Ausgrenzungsproblematik: Robert Castel
2.2.2 Der Umgang mit Armut in Europa: Serge Paugam
2.2.3 Entwicklung von Armut und Wohlfahrtsstaat in Deutschland:
3 Soziale Exklusion: Literaturüberblick
3.1 USA / angelsächsische Länder: Konzept der „urban underclass“
3.2 Entstehung des Exlusionsbegriffs in der französischen Soziologie
3.3 Der Exklusionsdiskurs in Deutschland: Literaturüberblick
3.3.1 Modi und Dimensionen der gesellschaftlichen Zugehörigkeit: Martin Kronauer
3.3.2 Exklusion in der Systemtheorie
3.3.3 Soziale Exklusion und andere Armuts- und Ungleichheitskonzepte: Petra Böhnke
3.4 Zusammenfassung des Forschungsstandes über soziale Exklusion
3.5 Aufbau der Untersuchung
4 Empirische Untersuchung von Armut in der BRD seit 1980
4.1 Arbeitslosigkeit und Armut
4.1.1 Armutsgefährdung und Erwerbsbeteiligung
4.1.2 Arbeitsmarktentwicklung
4.1.3 Dauer von Arbeitslosigkeit, Häufigkeit, und Langzeitarbeitslosigkeit
4.1.4 Struktur der Arbeitslosigkeit im Zeitverlauf: Die am stärksten betroffenen Gruppen
4.1.5 Gründe für Anstieg und Verfestigung von Arbeitslosigkeit
4.1.6 Folgen von (Langzeit-) Arbeitslosigkeit
4.1.6.1 Persönliche Konsequenzen von Langzeitarbeitslosigkeit
4.1.6.2 Gesamtgesellschaftliche Auswirkungen von Arbeitslosigkeit
4.1.6.3 Verunsicherungen auch in der Mitte der Gesellschaft ?
4.1.7 Soziale Rechte und Absicherung Arbeitsloser: Paradigmenwechsel des Sozialstaats
4.1.7.1 Die Transformation von einer Versicherungsleistung in eine Fürsorgeleistung.
4.1.7.2 Verschärfung der Zumutbarkeitsregeln und Doktrin der Beweislastumkehr
4.1.7.3 Kontrolle und Sanktionierung Arbeitsloser
4.2 Armut und Geschlecht: Rechtliche Angleichung ohne Beseitigung der Ungleichheiten
4.2.1 Arbeitsmarktsituation und Arbeitslosigkeit
4.2.2 Einkommensarmut von Frauen und Männern im Vergleich
4.2.3 Risikogruppe Alleinerziehende
4.2.4 Armutslagen und soziale Sicherung: Abbau der Familiensubsidarität vs. Re-Familiarisierung und Traditionalisierung
4.3 Die Variable Alter im Bezug auf das Armutsrisiko: Kinderarmut
4.3.1 Kinder- und Jugendarmut: „Infantilisierung“ von Armut
4.3.2. Dauer und Dynamik von Kinderarmut
4.3.3 Folgen von Kinderarmut
4.4. Jugendliche und Armut: Die Risikogruppe der Jugendlichen ohne Ausbildung
4.4.1 Veränderungen bei Arbeitsnachfrage und Arbeitsangebot
4.4.2 Veränderung der Zusammensetzung der Gruppe ausbildungsloser Jugendlicher
4.4.3 Platzierung Jugendlicher mit Migrationshintergrund im Bildungssystem
4.5 Altersarmut: „Eine einmalige historische Konstellation(...)“
4.5.1 Ältere Arbeitnehmer
4.5.2 Rentner
4.5.3 Ausblick in die Zukunft
4.6 Armut und Familie
4.6.1 Die Entwicklung von Armut und Familienstand im Zeitverlauf
4.6.2 Soziodemografische Zusammensetzung von Familien
4.6.3 Armutsdynamik unterschiedlicher Haushaltstypen
4.7 Armut und Migrationshintergrund
4.7.1 Historische Entwicklung der Migration in Deutschland
4.7.2 Struktur der Menschen mit Migrationshintergrund
4.7.3 Arbeitslosigkeit und Armut
4.7.4 Die Einkommenssituation von Migranten
4.7.5 Migrationshintergrund als Armutsfaktor, oder eine generelle Schichtproblematik?
5 Zusammenfassung der empirischen Ergebnisse
5.1 Ergebnisse: Arbeitslosigkeit und Armut
5.2 Ergebnisse: Armut und Geschlecht
5.3 Ergebnisse: Jugendliche und Ausbildungslosigkeit
5.4 Ergebnisse: Kinderarmut
5.5 Ergebnisse: Altersarmut
5.6 Ergebnisse: Familie und Armut
5.7 Ergebnisse: Migrationshintergrund und Armut
6 Fazit
7 Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Veränderungen von Armuts- und Ausgrenzungsprozessen in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1980 und 2006. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert dabei darauf, ob sich eine soziale Spaltung neuer Qualität abzeichnet, die über traditionelle Schicht- und Klassenunterschiede hinausgeht und ob der Begriff der sozialen Exklusion geeignet ist, diese Phänomene präziser zu erfassen als klassische Armutskonzepte.
- Wandel des Armutsbegriffs und historische Einordnung
- Diskurs um soziale Exklusion (internationale und deutsche Perspektive)
- Arbeitslosigkeit als zentrale Schlüsselvariable für Armut
- Gender-spezifische Armutsrisiken und Folgen der Familienpolitik
- Armutsgefährdung von Kindern, Jugendlichen und Menschen mit Migrationshintergrund
Auszug aus dem Buch
2.1 Armutskonzepte
Was ist nun Armut, wann beginnt Armut und wo sind die Grenzen zwischen arm und „nicht-arm“ anzusiedeln? So nahe liegend diese Fragen sind, so komplex ist ihre Beantwortung. Es handelt sich hier nicht um rein technische Fragen, sondern um Fragestellungen normativer wie auch politischer Natur, die abhängig sind vom Entwicklungsstand einer Gesellschaft, davon, wie viel Ungleichheit eine Gesellschaft zu akzeptieren bereit ist und nicht zuletzt auch abhängig von der Perspektive unter der man sie betrachtet.
„Die eigene Armutserfahrung und die öffentliche Meinung darüber klaffen häufig weit auseinander – das gilt auch für die Differenz von Armutserfahrung und dem tatsächlich gegebenen Ausmaß der Armut.“
Oder um es mit Simmel zu sagen: „ Arm ist derjenige, dessen Mittel zu seinen Zweck nicht zureichen“
Die Bestimmung von Armut als Mangelbegriff liefert also eine erste Annährung. Mangel bezieht sich in erster Linie ganz allgemein auf die wirtschaftliche Lage einer Person oder Gruppe und beinhaltet, dass die Betroffenen den für sie notwendigen Lebensunterhalt nicht alleine zu erreichen in der Lage sind. Hier kann unterschieden werden in eine absolute und eine relative Dimension, sowie in eine objektive und eine subjektive Dimension.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Zunahme von Armut in Deutschland seit den 90er Jahren ein und stellt die forschungsleitende Frage nach dem Charakter einer „neuen Armut“.
2 Armut: Das Kapitel definiert den Armutsbegriff durch verschiedene theoretische Konzepte (absolut, relativ, subjektiv) und gibt einen historischen Überblick über die Entwicklung der Armut in Deutschland.
3 Soziale Exklusion: Literaturüberblick: Hier werden internationale und deutsche Debatten um soziale Exklusion beleuchtet, wobei Ansätze von Castel, Paugam und Kronauer im Zentrum stehen.
4 Empirische Untersuchung von Armut in der BRD seit 1980: Dieser empirische Teil analysiert anhand von Daten zu Arbeitslosigkeit, Geschlecht, Alter, Familie und Migrationshintergrund die tatsächliche Entwicklung der Armutslagen.
5 Zusammenfassung der empirischen Ergebnisse: Dieses Kapitel fasst die in Teil 4 gewonnenen Erkenntnisse zu den einzelnen Risikogruppen zusammen.
6 Fazit: Das Fazit diskutiert die Ergebnisse anhand der aufgestellten Hypothesen und bewertet, ob der Exklusionsbegriff eine notwendige Erweiterung des Armutsverständnisses darstellt.
7 Literaturverzeichnis: Umfassende Auflistung der verwendeten Quellen.
Schlüsselwörter
Armut, neue Armut, soziale Exklusion, Arbeitslosigkeit, Langzeitarbeitslosigkeit, soziale Ungleichheit, Wohlfahrtsstaat, Hartz-Gesetze, Kinderarmut, Migrationshintergrund, Altersarmut, Alleinerziehende, soziale Sicherung, Armutsforschung, Beschäftigungssituation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit primär?
Die Arbeit analysiert, wie sich Armut in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1980 und 2006 verändert hat und ob das Konzept der sozialen Exklusion hilft, aktuelle soziale Spaltungsprozesse besser zu verstehen.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung von Arbeitslosigkeit, der rechtlichen und sozialen Situation von Frauen und Alleinerziehenden, der Kinderarmut, Altersarmut sowie der spezifischen Lage von Menschen mit Migrationshintergrund.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu überprüfen, ob sich Armut von einem Randphänomen zu einem Risiko für breite Teile der Gesellschaft entwickelt hat und wie institutionelle Veränderungen wie die Hartz-Gesetze diese Dynamik beeinflusst haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer sekundärempirischen Untersuchung, die vorhandene statistische Daten und Literaturergebnisse aus dem Zeitraum 1980 bis 2009 analysiert und zueinander in Bezug setzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Literaturüberblick zu Armut und Exklusion sowie eine umfangreiche empirische Analyse der verschiedenen Armutsrisikogruppen in Deutschland.
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind soziale Exklusion, „neue Armut“, Hartz-Reformen, Langzeitarbeitslosigkeit und der Wandel des deutschen Sozialstaats.
Welche Bedeutung hat das „Zonenmodell“ von Robert Castel in diesem Kontext?
Castels Zonenmodell dient zur Illustration der gesellschaftlichen Spaltung in Integrationszonen, Verwundbarkeitszonen und Entkopplungszonen, was den Prozesscharakter von Armut verdeutlicht.
Wie bewertet die Arbeit die Einführung der Hartz-Gesetze?
Die Autorin sieht in den Hartz-Gesetzen einen fundamentalen Paradigmenwechsel von einer versicherungsbasierten zu einer fürsorgeorientierten Sozialpolitik, die mit einer Zunahme institutioneller Stigmatisierung einhergeht.
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- Juliana Kuemmel (Author), 2009, Armut, neue Armut oder soziale Exklusion? Armut in Deutschland im Zeitvergleich zwischen 1980 und 2005, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/137822