Eine Aufgabe der Berufs- und Betriebspädagogik ist das theoriegeleitete und empirisch gestützte Entwickeln betrieblicher und überbetrieblicher Qualifizierungskonzepte. Insbesondere die stark veränderten Anforderungen an Beschäftigte und Betriebe stellen eine große Herausforderung dar. Mit dem Wandel der
Industriegesellschaft zu einer Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft findet eine verstärkte Abkehr von tayloristischen Prinzipien statt, Konsequenz sind eine erhöhte Flexibilisierung des Arbeitsumfeldes,
Enthierarchisierung sowie Deregulierung beruflicher Tätigkeiten
die ein schnelles Anpassen der Beteiligten an neue Gegebenheiten erfordert. Aus ökonomischer Sicht stehen dabei die Verbesserung und Optimierung von Arbeitsstrukturen und Arbeitsergebnissen mit dem Ziel einer gesteigerten Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit im Vordergrund (vgl. Dehnbostel 2001, S.54). Mitarbeiter müssen in der Lage sein, selbstorganisiert wie auch selbstgesteuert zu arbeiten und zu lernen. Insbesondere vor dem Hintergrund der abnehmenden Halbwertszeit einmal erworbenen Wissens gewinnt die Fähigkeit, sich selbständig im Rahmen des lebenslangen Lernens neues Wissen zu erschließen, stetig an Bedeutung.
Qualifizierungskonzepte, die das zielgerichtete Lernen im Prozess der Arbeit ermöglichen, sind zumeist durch informelle Lernprozesse, also Lernen durch Erfahrung, geprägt. Im Rahmen des informellen Lernens hat sich besonders die Reflexion als Schlüsselelement für das bewusste Lernen für Erfahrung herausgestellt. Dementsprechend besteht insbesondere ein Bedarf an der Entwicklung von Qualifizierungskonzepten und Lernformen, die die Entwicklung reflexiver Handlungsfähigkeit ermöglicht. Der Lernende soll in die Lage versetzt werden, nicht nur kompetent die Anforderungen von Arbeit und Gesellschaft zu bewältigen, sondern über sich und seine Umgebung zu reflektieren und so Veränderungen mitzugestalten. Reflexion als Schlüsselelement des Erfahrungslernens soll im Folgenden in seiner Bedeutung für beruflich-betriebliche Lernen untersucht werden. Weiterhin wird das Reflexionsgespräch als unterstützende Lernform betrachtet und konzeptionelle Handlungsempfehlungen für den Einsatz dieser Lernform werden herausgearbeitet.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 REFLEXION UND BETRIEBLICHES LERNEN
2.1 Reflexion: Definition und theoretische Modelle
2.1.1 Reflexion im wissenschaftlichen Diskurs
2.1.2 Reflexion im Kontext von Lernprozessen
2.1.3 Zusammenfassung und Arbeitsdefinition
2.2 Reflexion in betrieblichen Lernprozessen
2.2.1 Erfahrungslernen durch Reflexion
2.2.2 Reflexive Handlungsfähigkeit als Ziel beruflich-betrieblicher Bildung
3 REFLEXIONSGESPRÄCHE ZUR UNTERSTÜTZUNG BETRIEBLICHEN ERFAHRUNGSLERNENS
3.1 Charakteristika eines Reflexionsgesprächs
3.2 Sprache zur Förderung von Reflexion
3.2.1 Die intrakommunikative Funktion der Sprache
3.2.2 Ericssons und Simons Modell der Verbalisierung
3.2.3 Reflexion impliziten Wissens durch Explikation
3.2.4 Effekte der Verbalisierung für Lern- und Reflexionsprozesse
3.3 Förderung von Reflexion in Gesprächen
3.3.1 Die Bedeutung eines Gesprächspartners
3.3.2 Der Einfluss von W-Fragen
3.3.3 Der Einfluss von Feedback
3.4 Einschränkende Faktoren von Reflexionsgesprächen
3.5 Das Reflexionsgespräch als Methode zur Unterstützung des Erfahrungslernens
4 REFLEXIONSGESPRÄCHE IN DER ARBEITSPROZESS ORIENTIERTEN IT-WEITERBILDUNG
4.1 Die arbeitsprozessorientierte Weiterbildung als konzeptioneller Rahmen für das Reflexionsgespräch
4.1.1 Das IT-Weiterbildungssystem
4.1.2 Das Konzept der arbeitsprozessorientierten Weiterbildung
4.1.3 Lernprozessbegleitung als zentrales Element des APO-Konzepts
4.2 Konzeption des Reflexionsgesprächs in der arbeitsprozessorientierten IT-Weiterbildung
4.3 Die Anwendung des Reflexionsgesprächs in der arbeitsprozessorientierten Weiterbildung am Beispiel des Projekts ITAQU
4.3.1 Das Projekt ITAQU
4.3.2 Durchführung der Untersuchung
4.3.3 Das Reflexionsgespräch im Projekt ITAQU
4.4 Abschließende Betrachtung des Reflexionsgesprächs in der arbeitsprozessorientierten Weiterbildung
5 KONZEPTIONELLER VORSCHLAG FÜR DIE GESTALTUNG VON REFLEXIONSGESPRÄCHEN ALS NEUE LERNFORM
5.1 Reflexionsgespräche als Lernform
5.2 Der Coach
5.2.1 Die Rolle des Coachs
5.2.2 Kompetenzen des Coachs
5.3 Phasen und Ablauf
5.3.1 Phasen der Lernform Reflexionsgespräch
5.3.2 Die Gestaltung von Reflexionsgesprächen
5.4 Sicherung von Reflexionsergebnissen
5.5 Rahmenbedingungen des Reflexionsgesprächs
6 ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie Reflexionsgespräche als Methode in der arbeitsprozessorientierten IT-Weiterbildung genutzt werden können, um betriebliche Lernprozesse und das Erfahrungslernen der Teilnehmer gezielt zu unterstützen.
- Theoretische Fundierung von Reflexion im Kontext betrieblichen Lernens
- Analyse der sprachlichen und kommunikativen Aspekte in Reflexionsgesprächen
- Untersuchung der Praxisanwendung im Projekt ITAQU
- Entwicklung eines konzeptionellen Vorschlags für Reflexionsgespräche als neue Lernform
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Die intrakommunikative Funktion der Sprache
Der intrakommunikative Einfluss der Sprache auf Denkprozesse und damit auf Reflexionsprozesse wird in der einschlägigen Literatur kontrovers diskutiert (vgl. Wetzstein 2004, S.21). Als Extrempole lassen sich der Sprachinstrumentalismus und der Sprachdeterminismus feststellen. Gemäß dem Sprachdeterminismus übt Sprache keinen Einfluss auf das Denken aus, sondern dient lediglich der Mitteilung von Denkergebnissen. Demgegenüber ist gemäß dem Sprachdeterminismus das Denken untrennbar mit Sprache verbunden. Vorreiter für diese Standpunkt war bereits Platon: „Dasselbe ist Denken und Sprechen, nur dass das Gespräch der Seele mit sich selbst, was ohne Stimme vor sich geht, Denken genannt worden ist“ (zitiert nach Dörner 1979, S.49).
Beide Extrempole sind in ihrer Formulierung vermutlich unzutreffend (vgl. Wetzstein 2004, S.21). Denken findet zwar häufig als eine Art inneres Gespräch statt, jedoch weisen Phänomene wie der plötzliche Einfall oder die `Sprachnot´ bei Dingen, die einem auf der `Zunge liegen´, auf nichtsprachliche Denkprozesse hin (vgl. Dörner 1979, S.49).
„Wenn auch das Denken nicht `inneres Sprechen´ ist, so bestehen doch zwischen Denken und Sprechen innige Beziehungen. Die Elemente der Sprache, die Worte, bilden ein zweites Eingangstor zu den in einer Gedächtnisstruktur gespeicherten Inhalten“ (Dörner 1979, S.49).
Die intrakommunikative Form der Verbalisierung kann sowohl laut wie auch lautlos stattfinden. Untersuchungen beschränken sich aufgrund der Messbarkeit vor allem auf die laut gesprochene Form. Untersuchungen zum Einfluss eines `äußeren Sprechen für sich´ bzw. eines `lauten Denkens´ auf die Leistungs- und Problemlöseleistung von Individuen stehen im Fokus der Kognitiven Psychologie9. Die Untersuchungen beschränken sich auf wis-
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Die Einleitung erläutert den Bedarf an neuen Qualifizierungskonzepten in einer Wissensgesellschaft und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der Unterstützung betrieblichen Lernens durch Reflexionsgespräche.
2 REFLEXION UND BETRIEBLICHES LERNEN: In diesem Kapitel wird Reflexion als kognitiver Prozess definiert, in betriebliche Lernkontexte eingeordnet und die Bedeutung für das Erfahrungslernen theoretisch hergeleitet.
3 REFLEXIONSGESPRÄCHE ZUR UNTERSTÜTZUNG BETRIEBLICHEN ERFAHRUNGSLERNENS: Das Kapitel untersucht die Charakteristika von Reflexionsgesprächen, die Rolle von Sprache und Feedback sowie limitierende Faktoren dieser Methode.
4 REFLEXIONSGESPRÄCHE IN DER ARBEITSPROZESS ORIENTIERTEN IT-WEITERBILDUNG: Anhand des Projekts ITAQU wird die praktische Umsetzung von Reflexionsgesprächen innerhalb eines arbeitsprozessorientierten IT-Weiterbildungssystems analysiert.
5 KONZEPTIONELLER VORSCHLAG FÜR DIE GESTALTUNG VON REFLEXIONSGESPRÄCHEN ALS NEUE LERNFORM: Dieser Abschnitt bietet einen modellhaften Entwurf für die Implementierung von Reflexionsgesprächen als betriebliche Lernform, inklusive Phasenmodell und Rollenbeschreibung für den Coach.
6 ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und diskutiert den weiteren Forschungsbedarf sowie die Bedeutung der Reflexionsgespräche für informelle Qualifizierungskonzepte.
Schlüsselwörter
Reflexion, Reflexionsgespräch, betriebliches Lernen, Erfahrungslernen, arbeitsprozessorientierte Weiterbildung, IT-Weiterbildung, Verbalisierung, Wissensmanagement, Kompetenzentwicklung, Lernprozessbegleitung, Coaching, Konstruktivismus, Handlungsfähigkeit, berufliche Bildung, ITAQU
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit untersucht die Rolle von Reflexionsgesprächen als Methode zur Unterstützung von betrieblichen Lernprozessen, insbesondere im Kontext von Erfahrungslernen in der IT-Weiterbildung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt die theoretischen Grundlagen der Reflexion, die Analyse von Sprach- und Verbalisierungsprozessen, sowie die praktische Anwendung von Reflexionsgesprächen in der arbeitsprozessorientierten IT-Weiterbildung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, herauszuarbeiten, wie Reflexionsgespräche betriebliches Lernen unterstützen können, und daraus einen konzeptionellen Vorschlag für ihre Gestaltung als Lernform zu entwickeln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer explorativen Untersuchung mit qualitativen Methoden, insbesondere der Auswertung von leitfadengestützten Interviews und Expertenantalysen aus dem Projekt ITAQU.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Auseinandersetzung mit Reflexion und Sprache, eine empirische Fallstudie im IT-Bereich und die Ableitung eines neuen Gestaltungskonzepts.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird vor allem durch Begriffe wie Reflexion, Erfahrungslernen, arbeitsprozessorientierte Weiterbildung und Lernprozessbegleitung charakterisiert.
Welche Rolle nimmt der Coach im Reflexionsgespräch ein?
Der Coach fungiert als Reflexionsbegleiter, der durch Fragen und Feedback den Lernenden bei der Verbalisierung und der Explikation von Wissen unterstützt, ohne dabei die inhaltliche Selbststeuerung des Lernenden zu übernehmen.
Warum sind Schlüsselsituationen für Reflexionsgespräche wichtig?
Schlüsselsituationen sind besonders lehrreiche, oft problematische Arbeitssituationen, deren Reflexion dem Lernenden hilft, sein Handeln bewusst zu hinterfragen und alternative Handlungsoptionen zu entwickeln.
- Citation du texte
- Dirk Mertins (Auteur), 2005, Unterstützung betrieblicher Lernprozesse durch Reflexionsgespräche, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148813