Der Versöhnungsprozess in Ruanda

Die Auswirkungen von Traumata und PTDS Symptomen in Ruanda


Essay, 2010
17 Seiten

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung
1.1. Genozid zum Frühstück
1.2. Ruanda heute, Ruanda vor dem Genozid
1.3. Voraussetzung für den Völkermord: Konstruierte Ethnien
1.4. Gestern: Der Genozid von
1.5. Der Versöhnungsprozess in Ruanda heute

2. Hauptteil Die Darstellung und Analyse der Studie
2.1. Definition Traumata / PTDS
2.2. Aufbau der Erhebung
2.3. Ergebnisse

3. Der aktuelle Versöhnungsprozess
3.1. Sühne und Aussöhnung
3.2. Schweigen und Reden
3.3. Not-Wendiges oder: Das ist im Programm nicht vorgesehen

4. Fazit: kugukorera und kugutura

5. Quellenverzeichnis
5.1. Literaturquellen
5.2. Quellen aus dem Internet

„Und wenn du das, dieses Grauen, einmal erlebt hast, kannst du dir nicht den Luxus leisten, dich zurückzuziehen. Du steckst drin, mittendrin.“ (Belhaddad, Mujawayo, 2007: 23)

1. Einleitung

1.1. Genozid zum Frühstück

Sich mit dem Genozid zu beschäftigen ist bizarr, wenn man es noch nicht gewöhnt ist, geradezu surreal: Etwas unvorstellbar Grausames verbindet sich mit dem ganz normalen Alltag: Ich frühstücke, ich lese und arbeite über den Genozid. Ich tröste ein Kind, ich schreibe die Zahlen der Toten nieder. Ich suche nach einer Verbindung dessen, das ich andererseits gar nicht verbinden will: Meinen friedlichen, gesicherten Alltag und die Hölle vor 14 Jahren, etwas über 10 Flugstunden entfernt.

Die Fragen jedoch sind dann oft die gleichen: Ob beim Streit der Nachbarn, dem Temperamentsausbruch der Zweijährigen, Erbstreitigkeiten, einer Rempelei auf dem Bahnhof: Wie können wir Ausbrüche der Gewalt brechen, die Ketten der Gewalt, der Aggression beenden? Wie lassen sich Gewalterfahrungen der Vergangenheit verarbeiten? Und wie lässt sich ein System, in dem es einmal zu massiver Gewalt kam, so verändern und in dieser Veränderung stabilisieren, dass es „nie wieder“, zumindest aber ein paar Generationen lang nicht zu Gewalt kommt?

Plötzlich ist Ruanda nicht 11 Flugstunden entfernt, sondern ganz nah, in deiner eigenen Wohnung.

1.2. Ruanda heute, Ruanda vor dem Genozid

Ruanda hat heute etwa 8,9 Millionen Einwohner, von denen 42,3 % unter 14 Jahren sind. Es gilt mit durchschnittlich 314 Einwohnern pro Quadratkilometern als das am dichtesten bevölkerte Land Afrika. Amtssprache ist Kinyarwanda. Ruanda ist eine Verfassungsrepublik. Die Lebenserwartung beträgt bei Männern 48,56 Jahre, bei rauen 51 Jahre[1].

Ruanda ist einer der afrikanischen Staaten, deren Ländergrenzen im Wesentlichen relativ früh feststanden, schon Ende des 19. Jahrhunderts – vorkolonial - hatte Ruanda im Wesentlichen die gleichen Grenzen wie heute. Auch der Zentralisierungsprozess wurde relativ früh und nicht erst mit der Kolonialisierungsphase Afrikas angestoßen. Die Kolonialisierungsphase war – verglichen mit anderen afrikanischen Staaten relativ kurz und endete 1962 mit der Unabhängigkeit von der bisherigen Mandatsmacht Belgien, in dieser Phase war es auch von 1884 bis 1916 deutsche Kolonie.

Heute gilt Ruanda als relativ stabiler, wenn auch äußerst armer Staat. Auch wenn die RPF (Ruandische Patriotische Front) immer wieder stark kritisiert wird, ist es doch evident, dass es ihr gelungen ist, ein vergleichsweise stabiles poltisches System zu installieren[2].

1.3. Voraussetzung für den Völkermord: Konstruierte Ethnien

Kernpunkt in der Erforschung der Genese des Völkermords in Ruanda bildet die Frage, wie die ethnische Identität – nicht die Ethnien - der Ruander zustande kam und ggf. verstärkt wurde. Ruanda hat drei größere Bevölkerungsgruppen: Die Tutsi, die Hutu und die Twa. Diese haben gewisse unterscheidende phänotypische Merkmale, Tutsi sind etwa meist größer, die Frauen haben breitere Hüften, jedoch sind die Bevölkerungsgruppen nicht zweifelsfrei phänotypisch und von ihren Ritualen her voneinander abzugrenzen, sie haben die gleiche Religion und die gleiche Sprache[3]. Die Tutsi Mujawayo berichtet in ihren Erinnerungen, dass für sie vor dem Völkermord die Klanzugehörigkeit viel wichtiger war als die Zugehörigkeit zu ihrer Ethnie, und dass man oft gar nicht wusste, wer Hutu war und wer Tutsi[4]. In der Zeit vor der Kolonialisierung war diese Gesellschaftsordnung zudem durchlässig – ein Tutsi konnte Hutu werden und umgekehrt[5].

Bei vielen Forschern wird die Volkszählung 1934/35 als Ausgangspunkt für diese verstärkten ethnischen Konstruktionen genommen[6]. Dort wurden neben Merkmalen wie Geschlecht und Alter auch die Zugehörigkeit zur Ethnie erhoben – diese wurde u.a. an der Anzahl der Rinder bestimmt, die jemand besaß: mehr als 10: Tutsi (die damals herrschende Schicht), alle mit weniger: Hutu, die, die keine besaßen: Twa. 1939 wurde die ethnische Zugehörigkeit im Personalausweis vorgeschrieben[7].

Dieser im Ende konstruierte Unterschied „imaginärer Ethnografie“[8] wurde später zum Ausgangspunkt vieler Ruander – ein vergleichsweise unsorgfältig „erhobener“ Unterschied, der gleichzeitig die Vorstellungswelt der Ruander tief beeinflusste[9] - und einer der Voraussetzungen für den Völkermord von 1994 bildete.

1.4. Gestern: Der Genozid von 1994

„[] ein Völkermord ist ein Mord an tausenden von Menschen, ohne einen einzigen Mörder.“ (Belhaddad, Mujawayo, 2007: 102)

Es muss betont werden, dass de Genozid von 1994 Vorläufer hatte – schon ab 1959, etwa 1973 kam es zu ernsthaften Ausschreitungen gegen Tutsi, in der Menschen vertrieben, Tutsi getötet, Vieh geschlachtet wurde[10]. „Tutsi sein hieß im Ruanda der Jahre von 1959 bis 1994, Bürger zweiter Klasse sein.“ (Belhaddad, Mujawayo, 2007: 43) Schon zuvor wurden Tutsi der Zugang zu höheren Bildungseinrichtungen erschwert – und damit natürlich auch die Möglichkeit, sich besser zu stellen[11].

Oft wird als Start des Völkermordes von 1994 der 7. April 1994 genannt, als Habyarimanas (des damaligen ruandischen Staatspräsidenten) Flugzeug abgeschossen wird, doch im Ende wurde der Genozid seit Jahren vorbereitet und bildet den gewaltigen Schlussakkord in der hasserfüllten Atmosphäre, die sich seit Kriegsbeginn vor vier Jahren stetig aufgeheizt hatte.“ (Belhaddad, Mujawayo, 2007: 178)[12]. Radikale Hutus übernehmen die Macht.

Ruanda verlor im Völkermord von 1994 etwa 10% seiner damals 7,7 Millionen Einwohner, man geht von etwa 800.000 Opfern aus, damit starben täglich etwa 10.000 Menschen[13].

Es wird oft kritisiert, dass die Weltöffentlichkeit nicht darauf reagierte und nichts tat, obwohl Blauhelmsoldaten dort stationiert waren[14]. Dabei wurden nicht nur Menschen getötet, sondern auch Tiere, Bäume und die Infrastruktur des Landes[15], etwa 4 Millionen Menschen flohen, davon 2 Millionen außer Landes[16]. Die Tötungen geschahen mit besonderer Grausamkeit, meist mit Macheten und Knüppeln[17] : „Hiebwaffen waren die wichtigsten Tatwaffen während des Völkermordes. Nach der offiziellen Statistik der ruandischen Regierung über den Völkermord von 1994 sind 37,9 Prozent der Opfer mit Macheten getötet worden. 16,8 Prozent wurden mit Keulen erschlagen.“(wikipedia, 2008: o.P.)

Mujawayo von der Witwenvereinigung Avega[18] berichtet, dass 80% der Frauen, die überlebten, vergewaltigt wurden, über die Hälfte der Frauen, die den Genozid überlebt haben, sind heute HIV-infiziert und sterben langsam an der Infektion (während sie im Westen dank der Verfügbarkeit besserer Medikamente zumindest ein paar Jahre hätten, um ihre Kinder großzuziehen)[19]. Dies ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass auch nach dem Genozid die Zerstörung nicht zu Ende ist, auch nicht das Sterben – dies ist sicher einer der großen Schwierigkeiten beim Versöhnungsprozess in Ruanda heute[20]. Mit dem Sieg der RPF im August 94 ging zwar der Genozid zu Ende, Menschenrechtsverletzungen dauerten und dauern allerdings an, auch das Sterben hat kein Ende: Durch Vergewaltigungen infizierte Opfer sterben an AIDS, Zeugen werden bedroht und teilweise getötet[21], in den Gefängnissen kommt es zu gravierenden Menschenrechtsverletzungen[22]. Gleichzeitig gibt es vielfältige Anstrengungen, die „nationale Aussöhnung“ voranzutreiben:

[...]


[1] Vgl. Index mundi, 2008: o.P.

[2] Vgl. Thomson, Wilson, 2005:

[3] Vgl. Belhaddad, Mujawayo, 2007: 141, Godard in Belhaddad, Mujawayo, 2007: 329ff, Paul, 2006:

[4] Vgl. Belhaddad, Mujawayo, 2007: 115ff

[5] Vgl. Godard in Belhaddad, Mujawayo, 2007:

[6] Vgl. Lerhe in Thomson, Wilson, 2005:

[7] Vgl. Meillassoux in wikipedia, 2008. o.P.

[8] Vgl. Meillassoux in wikipedia, 2008. o.P., Paul, 2006:

[9] Vgl. Phan, Weinstein, Longman, 2004:

[10] Vgl. Belhaddad, Mujawayo, 2007: 90ff, Lerhe in Thomson, Wilson, 2005: 59, Paul, 2006: 35ff, wikipedia, 2008: o.P.

[11] Vgl. Belhaddad, Mujawayo, 2007: 135ff, Paul, 2006:

[12] Vgl. Belhaddad, Mujawayo, 2007: 177ff, Paul, 2006: 36, Thomson, Wilson, 2005:

[13] Vgl. Lerhe in Thomson, Wilson, 2005: 51, Paul, 2006:

[14] Vgl. Paul, 2006: 42, Thomson, Wilson, 2005:

[15] Vgl. Belhaddad, Mujawayo, 2007:

[16] Vgl. Phan, Weinstein, Longman, 2004: 602ff

[17] Vgl. Belhaddad, Mujawayo, 2007: 108, Paul, 2006:

[18] einer Vereinigung von derzeit über 25.000 Mitgliedern, vgl. Belhaddad, Mujawayo, 2007:

[19] Vgl. Belhaddad, Mujawayo, 2007: 17,

[20] Vgl. Belhaddad, Mujawayo, 2007:

[21] Vgl. Paul, 2006:

[22] Vgl. Paul, 2006:

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der Versöhnungsprozess in Ruanda
Untertitel
Die Auswirkungen von Traumata und PTDS Symptomen in Ruanda
Autor
Jahr
2010
Seiten
17
Katalognummer
V150500
ISBN (eBook)
9783640730780
ISBN (Buch)
9783640731060
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Versöhnungsprozess, Ruanda, Auswirkungen, Traumata, PTDS, Symptomen
Arbeit zitieren
Kathrin Kiss-Elder (Autor), 2010, Der Versöhnungsprozess in Ruanda, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150500

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