Zur Entstehung der rumänischen Verfassung von 1866 und ihrer Beurteilung durch die rumänische Geschichtswissenschaft


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
23 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung und Forschungsstand

2 Allgemeine Konstellationen
2.1 Die Fürstentümer Moldau und Walachei unter der Suzeränität des Osmanischen Reiches bis 1859
2.2 Von den Vereinigten Fürstentümern zum Staat Rumänien

3 Die Entstehung der 1866er Verfassung
3.1 Vorläufer: Constituţie Cărvunarilor, Regulamente organice, Convenţie und Statutul dezvoltator
3.2 Die Constituţie

4 Die Bewertung der Constituţie durch die rumänische Geschichtswissenschaft
4.1 Die historisierende Interpretation
4.2 Die traditionalistische Interpretation
4.3 Die textkritische Interpretation

5 Eigene Bewertung und Ausblick

6 Anhang: Literaturverzeichnis

1 Einleitung und Forschungsstand

In der vorliegenden Arbeit wird eingangs ein Überblick über die Entwicklung rumänischer Staatlichkeit bis zur Verabschiedung der 1866er Verfassung dargestellt. Die beiden rumänischen Fürstentümer bzw. Rumänien waren – auch unter Anerkennung der schon vor 1878 reduzierten Vorherrschaft Konstantinopels – abhängige Staaten, welche „völkerrechtlich entweder absolut oder hauptsächlich vom Suzeränstaat vertreten“ wurden (BERBER: 147-148). Die für eine Modernisierung der Donaufürstentümer bedeutsamen Veränderungen in den regionalen Machtverhältnissen des Balkanraumes waren vor allem das Ergebnis der habsburgischen Expansion und der osmanischen Dekadenz (MAIER: 27). Überdies konnte nur die Schaffung politischer Tatsachen die Sicherung der Donau als Handelsroute (und damit für ökonomische Prosperität) garantieren: Dazu gehörte die Notwendigkeit einer Verfassung (UNGUREANU: 243).

Fürsten und Oberschichten der Moldau und der Walachei hatten oft in Westeuropa ihre Ausbildung erhalten und waren in Verwaltungsdingen durchaus kompetent (ibd.: 244). Im für die Landesökonomie bestimmenden Agrarsektor unterblieben allerdings jegliche Formen von Modernisierung. Es handelt sich um einen typischen Fall nachholender Entwicklung, die nicht nur von äußerem Druck, sondern auch durch innere Faktoren bestimmt wird (KASER: 139).

Schriftlich verfasstes Recht lässt sich in den Donaufürstentümern mit dem 16./ 17. Jahrhundert nachweisen (METZELTIN 2006: 713), wobei sich bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts keine Verfassungen im modernen Sinne ausmachen lassen (MURGESCU/ MÜLLER: 1156); daher ist des Weiteren der Werdegang und die Schilderung von Vorläufern der Constituţie für ihr Zustandekommen unerlässlich: erst diese wird als solche anerkannt (METZELTIN 2006: 721). Mit ihr wurde die faktische Unabhängigkeit Rumäniens erreicht, die von den Politikern des Landes – die Animositäten der Garantiemächte ausnutzend – zielstrebig angesteuert wurde (HITCHINS 2002: 286).

Die Constituţie gehört zu den ausgeprägt liberalen Verfassungen des 19. Jahrhunderts; dennoch gehen Kritiker in ihren Bewertungen sehr weit auseinander. Drei verschiedene Perspektiven einer Interpretation der rumänischen Verfassung von 1866 sind ausgemacht worden (vgl. UNGUREANU: 248-249) und werden im vierten Kapitel skizziert, dem sich eine Bewertung anschließt.

2 Allgemeine Konstellationen

2.1 Die Fürstentümer Moldau und Walachei unter der Suzeränität des Osmanischen Reiches bis 1859

Die Geschichte der Donaufürstentümer Moldau und Walachei reicht ins 14. Jahrhundert zurück (MURGESCU/ MÜLLER: 1153). Beide standen anfänglich unter dem Einfluss Ungarns und mit dem 16. Jahrhundert unter dem des Osmanischen Reiches. Moldau und Walachei erhielten sich jedoch trotz dieses juristischen Status eine praktische Selbständigkeit. Gemeinsam war ihnen jedoch (wie auch Siebenbürgen), dass sie zu keiner Zeit unter die direkte Herrschaft der Hohen Pforte gelangten und ihre jeweiligen Eliten die wirtschaftlichen wie politischen Zügel stets in der Hand behielten (MAIER: 27). Der verstärkte Einfluss der Hohen Pforte in den beiden rumänischen Fürstentümern drückte sich in wirtschaftlicher Sicht aus durch die Erhöhung der Tributzahlungen und in politischer Sicht durch die Rolle Kon-stantinopels bei quasi inneren Angelegenheiten der Länder. Dennoch blieb ihr Status im Osmanischen Reich immer ein besonderer: Von der Verwaltung bis zum Fürsten konnte keine Position mit Muslimen besetzt werden, die Finanzhoheit verblieb in den Fürstentümern ebenso wie das angewandte Recht autochthonen Ursprungs war (MUGURESCU/ MÜLLER: 1154).

Im Jahre 1774 gelang es Russland im Frieden von Küçük erstmals, seine Ansprüche auf die Moldau und die Walachei gegenüber der Pforte vertraglich durchzusetzen und sich künftig Einflussnahme auf deren Geschicke zu sichern (MAIER: 37). Zur osmanischen Suzeränität gesellte sich nunmehr der russische „Schutz“ (BOIA 2005: 74). Russland unterstrich sein Interesse an den Donaufürstentümern, die praktisch am Weg nach Konstantinopel lagen, im 18. und 19. Jahrhundert mit zahlreichen kürzeren und längeren Besatzungszeiten. Das Zarenreich förderte in einer paradoxen Konstellation das Entstehen der rumänischen Nationalbewegung: „Although usually the Russian actions were beneficial to the national development, they did represent foreign interference“ (JELAVICH: 85).

Im Zeitraum zwischen der Revolution unter T. Vladimirescu 1821 (vgl. METZELTIN 2008: 69-72) und der bürgerlichen Revolution 1848/ 49 wurde Rumänien – dank einer neuen Elite aus den Reihen der Bojaren und des Bürgertums sowie des Eingreifens der Großmächte – als moderner Staat erkennbar (HITCHINS 2002: 286). Beide Länder waren zu jener Zeit geprägt vom Bauerntum und kleinen Städten sowie einer rasanten Zunahme der Bevölkerung und des Ackerlandes (MURGESCU/ MÜLLER: 1153). 1821 gelang es, die Frage nach dem zukünfti-gen Status der rumänischen Fürstentümer auf die internationalen Agenden zu bringen. Die Ära der Phanarioten ging zu Ende und mit Ioniţa S. Sturdza und Grigore D. Ghica wurden Fürsten aus den Reihen der regionalen Eliten, so genannte „Hospodaren“ (STERNBERGER/ VOGEL: 1031), zu Herrschern der beiden Ländern ernannt (METZELTIN 2008: 71-72). Die veränderte Lage machte deutlich, dass eine Modernisierung nun auch für die beiden Staats-wesen unbedingt bevorstand (ibd.). Vorboten parlamentarischer Strukturen wurden ab 1826 in Form der Diwane (Versammlungen) sichtbar (STERNBERGER/ VOGEL: 1031).

Während des Krieges mit dem Osmanischen Reich beauftragte Zar Nikolai 1828 den General P. Kiseleff (1788-1872) mit dem Vorsitz einer paritätisch mit moldauischen und walachischen Gesandten besetzten „Reformkommission“ zur Beratung eines Verfassungsentwurfes, der 1831 unter der Bezeichnung Regulamente organice „ohne große Änderungen“ die Zustimmung der Diwane fand (ibd.). Als „bevollmächtigte[r] Vorsitzende[r]“, quasi aber Herrscher der Fürstentümer (HITCHINS 2004: 201), hatte Kiseleff von November 1829 bis zum Ende seiner Tätigkeit im April 1834 „puteri aproape nelimitate în reorganizarea vieţii politice şi economice din Principate“ , die er in den Augen vieler Zeitgenossen revolutionär zu nutzen verstand (HITCHINS 2002: 290). Kiseleff fand die Fürstentümer bei seiner Ankunft in einer „situaţie aproape disperată în urma ocupaţiei militare“ : Krankheiten und Hunger grassierten, die Verwaltungs- und Steuersysteme waren zusammengebrochen (HITCHINS 2004: 202). Dem General lag aber nicht an einer Neugestaltung der bestehenden Ordnung, vielmehr bestand seine Aufgabe in ihrer Erhaltung mittels der Festlegung von Rechten und Pflichten sowie deren Verteidigung durch einen harmonisierten Rechts- und Verwaltungsappa-rat in beiden Ländern (MAIER: 41). Die größte Errungenschaft der Ära Kiseleff liegt somit im Zustandekommen der Regulamente organice als Ergebnis der Zusammenarbeit von russischen Behörden und der rumänischen Bojarenschaft (HITCHINS 2002: 290). Jedoch verhinderte die russische Dominanz eine umfassende Modernisierung der Länder, da die Regulamente nur im Sinne der politischen Ziele Russlands konsequent verwirklicht wurden (UNGUREANU: 247).

Die Umwälzungen in den Donaufürstentümern vor und nach 1848 sind als historisch einmalig bezeichnet worden. Sie drückten sich vor allem in einer Neuorientierung an Westeuropa aus, beschleunigt durch die Integration der Landwirtschaft in internationale Wirtschaftsbeziehungen, die zwar zu Lasten der ländlichen Bevölkerung ausfiel, aber perspektivisch ausschlaggebend für Rumäniens Entwicklung war (MAIER: 108-109). Die Vorherrschaft Russlands hatte zwar der Entwicklung der Städte die nötige Sicherheit geboten, jedoch die Entwicklung des Bürgertums so begrenzt, dass die Bojarensöhne die Wortführer der Revolution von 1848 wurden (ibd.: 109). Sie, die zumeist Universitäten Westeuropas besucht hatten, standen mit ihren Forderungen ganz im Zeichen der Zeit: allgemeines Wahl-recht, Presse- und Meinungsfreiheit, Ministerverantwortlichkeit. Die Revolutionäre der Moldau wurden des Landes verwiesen; in der Walachei konnten sie unter I. Brătianu und C.-A. Rosetti eine provisorische Regierung bilden, die bald von Truppen der Pforte gestürzt wurde (STERNBERGER/ VOGEL: 1032). Vorrangiges Ziel der rumänischen 1848er Revolutionäre war die Bekämpfung der „russischen“ Regulamente noch vor der Bekämpfung der osmanischen Vorherrschaft (MAIER: 56). Sie erreichten dieses Ziel, da im Anschluss an die militärische Intervention Russland und die Hohe Pforte wesentliche Bestimmungen der Regulamente organice aufhoben und anstelle der bisherigen Diwane so genannte ad-hoc-Diwane mit auf wenige Finanzfragen begrenzter Verantwortung einsetzten. Diese am 1. Mai 1849 beschlossene Ordnung galt bis zum Ausbruch des Krimkrieges 1853 (STERNBERGER/ VOGEL: 1032).

Es waren infolge vor allem die so genannten Radikalen unter den Revolutionären, die das Interesse Napoleon III. – einem „Pate[n] des Rumänischen Staates“ (DJUVARA: 179) – auf die rumänischen Fürstentümer zu lenken wussten. Die politischen Emigranten warben auch im Vereinigten Königreich für die Vorstellung von einem „Belgien an der unteren Donau“ unter dem Schutz westlicher Mächte. Allerdings genoss für Großbritannien das Fortbestehen des Osmanischen Reiches Priorität; London verwahrte sich sogar gegen einen möglichen Zusam-menschluss der Donaufürstentümer (MAIER: 59-60).

Der Krimkrieg (1853-1856) führte zu einer grundlegenden Änderung des politischen Kräfteverhältnisses in Europa und schuf eine neue Mächtekonstellation, durch welche der Status der rumänischen Fürstentümer auf die Agenda der internationalen Politik gerückt wur-de (CONSTANTINIU: 217). Die russische Vorherrschaft endete mit dem Vertrag von Paris am 30. März 1856 (MAIER: 62).

Die folgende Pariser Konferenz entschied 1858, dass die Fürstentümer weiterhin politisch ge-trennt bestehen sollten, wenn auch unter dem Namen der „Vereinigten Fürstentümer“ (GIRAULT: 154) und mit identischen Verfassungsorganen in beiden Ländern, dem Kassationshof (Curtea de Casaţie) sowie der für die Harmonisierung der Gesetzgebung verantwortlichen Zentralkommission mit Sitz in Focşani (MAIER: 65). Dabei hatten es die Vertreter der Großmächte allerdings versäumt, die Wahl ein und derselben Person für das Fürstenamt zu untersagen. Am 5. Januar 1859 wurde Alexandru Ioan Cuza (1820–1873) zum Fürsten der Moldau und am 24. Januar 1859 zum Fürsten der Walachei gewählt (CON-STANTINIU: 218). Die Personalunion war geschaffen. Als die Großmächte die neu entstandene Situation analysierten, kamen sie zu dem Schluss, dass die „rumänische Frage“ nicht erneut aufgerollt werden sollte und bestätigten am 7. September 1859 die doppelte Wahl Cuzas (HITCHINS 2002: 306) mit der Einschränkung, dass die Personalunion nur für die Dauer seiner Herrschaft Bestand habe und mit deren Ende wieder aufzulösen sei (STERNBERGER/ VOGEL: 1034). Darüber hinaus hatte die Pariser Konferenz den Rückgang des russischen Einflusses und (unter Beibehaltung der osmanischen Vorherrschaft) den Schutz durch weitere Großmächte zum Ergebnis. Den rumänischen Politikern und Diplo-maten war es gegeben, aus den divergierenden Interessenslagen der Schutzmächte geschickt Kapital zu schlagen (MAIER: 62) und das Land für fast hundert Jahre auf den Weg staat-licher Selbständigkeit zu bringen (CRAIG: 133).

2.2 Von den Vereinigten Fürstentümern zum Staat Rumänien

Mit der – auch aufgrund der Konflikte zwischen den Schutzmächten (JELAVICH: 117) – erfolgreich durchgesetzten Personalunion war nicht nur ein neuer Staat, sondern vor allem der Raum für die anstehende staatliche und gesellschaftliche Entwicklung entstanden (UNGUREANU: 247).
Die offizielle Anerkennung der Vereinigten Donaufürstentümer durch die Schutzmächte erfolgte am 4. Dezember 1861 (HITCHINS 2002: 306). Am 24. Januar 1862 verkündete Fürst Cuza den Vollzug der nationalen Vereinigung und etablierte den Begriff „Rumänien“ als Staatsbezeichnung (VÖLKL: 29). Am 3. Februar 1862 wurde die erste gemeinsame Regierung gebildet, am 5. Februar 1862 das gemeinsame Parlament eröffnet und Bukarest zur Hauptstadt erklärt (CONSTANTINIU: 220). Abschließend folgte am 21. Februar 1862 das Gesetz zur Auflösung der Zentralkommission von Focşani (HITCHINS 2002: 306).

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Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Zur Entstehung der rumänischen Verfassung von 1866 und ihrer Beurteilung durch die rumänische Geschichtswissenschaft
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
23
Katalognummer
V151726
ISBN (eBook)
9783640634187
ISBN (Buch)
9783640634385
Dateigröße
641 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rumänien, Verfassung, Unabhängigkeit, Südosteuropa, Verfassungsgeschichte, Demokratie, Donaufürstentümer, Recht, 19. Jahrhundert, 1866
Arbeit zitieren
Joachim Cotaru (Autor), 2009, Zur Entstehung der rumänischen Verfassung von 1866 und ihrer Beurteilung durch die rumänische Geschichtswissenschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151726

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