In der vorliegenden Arbeit wird eingangs ein Überblick über die Entwicklung rumänischer Staatlichkeit bis zur Verabschiedung der 1866er Verfassung dargestellt. Die beiden rumänischen Fürstentümer bzw. Rumänien waren – auch unter Anerkennung der schon vor 1878 reduzierten Vorherrschaft Konstantinopels – abhängige Staaten. Die für eine Modernisierung der Donaufürstentümer bedeutsamen Veränderungen in den regionalen Machtverhältnissen des Balkanraumes waren vor allem das Ergebnis der habsburgischen Expansion und der osmanischen Dekadenz. Überdies konnte nur die Schaffung politischer Tatsachen die Sicherung der Donau als Handelsroute (und damit für ökonomische Prosperität) garantieren: Dazu gehörte die Notwendigkeit einer Verfassung.
Schriftlich verfasstes Recht lässt sich in den Donaufürstentümern mit dem 16./ 17. Jahrhundert nachweisen, wobei sich bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts keine Verfassungen im modernen Sinne ausmachen lassen; daher ist des Weiteren der Werdegang und die Schilderung von Vorläufern der Constituţie für ihr Zustandekommen unerlässlich: erst diese wird als solche anerkannt. Mit ihr wurde die faktische Unabhängigkeit Rumäniens erreicht, die von den Politikern des Landes – die Animositäten der Garantiemächte ausnutzend – zielstrebig angesteuert wurde.
Die Constituţie gehört zu den ausgeprägt liberalen Verfassungen des 19. Jahrhunderts; dennoch gehen Kritiker in ihren Bewertungen sehr weit auseinander. Drei verschiedene Perspektiven einer Interpretation der rumänischen Verfassung von 1866 sind ausgemacht worden und werden im vierten Kapitel skizziert, dem sich eine Bewertung anschließt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung und Forschungsstand
2 Allgemeine Konstellationen
2.1 Die Fürstentümer Moldau und Walachei unter der Suzeränität des Osmanischen Reiches bis 1859
2.2 Von den Vereinigten Fürstentümern zum Staat Rumänien
3 Die Entstehung der 1866er Verfassung
3.1 Vorläufer: Constituie Crvunarilor, Regulamente organice, Convenie und Statutul dezvoltator
3.2 Die Constituie
4 Die Bewertung der Constituie durch die rumänische Geschichtswissenschaft
4.1 Die historisierende Interpretation
4.2 Die traditionalistische Interpretation
4.3 Die textkritische Interpretation
5 Eigene Bewertung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Genese der rumänischen Verfassung von 1866 sowie deren Rezeption innerhalb der rumänischen Geschichtsschreibung. Dabei wird aufgezeigt, wie die Verfassung im Kontext der rumänischen Staatsbildung und im Spannungsfeld zwischen liberalen Importen und traditionellen gesellschaftlichen Strukturen verortet wird.
- Historische Entwicklung der rumänischen Staatlichkeit im 19. Jahrhundert.
- Analyse der verfassungsrechtlichen Vorläufer und Einflüsse.
- Diskussion der unterschiedlichen historiographischen Interpretationsansätze zur Verfassung von 1866.
- Kritische Würdigung des Verhältnisses zwischen liberalem Verfassungstext und der gesellschaftlichen Realität.
Auszug aus dem Buch
Die Constituie
Nach der Absetzung Cuzas übernahm am 23. Februar 1866 die Locotenenta Domnească (Fürstliche Statthalterschaft) die Macht, die sich aus dem moderaten Liberalen N. Golescu, dem konservativen moier (Großgrundbesitzer) L. Catargi sowie dem Oberst N. Haralambie zusammensetzte. Die Statthalter setzten eine Regierung unter I. Ghica als Ministerpräsidenten und Außenminister ein, in der sich die Komplexität der „monströsen Koalition“ wieder fand (MAIER: 312-313). Der noch von Cuza während eingerichtete Staatsrat legte nach kurzer Zeit einen Entwurf zur Beratung vor (ibd.: 313). Diese fand in der im April 1866 als Verfassungsgebende Versammlung gewählten, konservativ dominierten Abgeordnetenkammer statt und wurde in ihrem Verlauf immer mehr zu einer intensiven Konfrontation zwischen Konservativen und Liberalen (CÂNCEA et al.: 153). Die Meinungsunterschiede waren so gravierend, dass am 24. Juni 1866 in geheimer Sitzung mit dem comitet compromisoriu eine Art Schiedskommission gebildet wurde. Es vollbrachte die erstaunliche Leistung, einen Ausgleich zwischen den gegensätzlichen Strömungen zu erreichen (ibd.: 155-156). Die schließlich am 11. Juli 1866 verabschiedete Verfassung war dennoch von bedeutenden Geländegewinnen der Konservativen geprägt (MAIER: 314). Auf sie leistete Carol I. einen Tag später seinen Eid (ibd.).
Die Heftigkeit der Debatten in der Konstituante zu einigen Kernpunkten des Verfassungsentwurfs ist als Indiz gewertet worden, wie heftig die beiden führenden Klassen der Fürstentümer, Bürgertum und Großgrundbesitzer, um die künftige Gestalt Rumäniens stritten (CÂNCEA et al.: 162). Annahme und Inkraftsetzung der Verfassung von 1866 bildeten so die Schlussakte eines Konflikts, der ohne den „historischen Kompromiss” womöglich angedauert hätte. Die Liberalen mögen dem enormen Druck der konservativen Parlamentsmehrheit angesichts des historischen Augenblicks bewußt nachgegeben haben, „um das Wesentliche, die Mehrheit demokratischer Freiheiten, zu bewahren” (IORDACHE: 88).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung und Forschungsstand: Gibt einen Überblick über die Entwicklung der rumänischen Staatlichkeit bis 1866 und führt in die Thematik der Verfassungsgeschichte sowie den aktuellen Forschungsstand ein.
2 Allgemeine Konstellationen: Erläutert die politische Ausgangslage der Donaufürstentümer Moldau und Walachei unter osmanischer Suzeränität und den Weg zur nationalen Einigung unter Cuza.
3 Die Entstehung der 1866er Verfassung: Analysiert die verfassungsrechtlichen Vorläufer wie die Regulamente organice und beschreibt den Prozess der Entstehung der Verfassung von 1866.
4 Die Bewertung der Constituie durch die rumänische Geschichtswissenschaft: Untersucht verschiedene historiographische Sichtweisen – historisierend, traditionalistisch und textkritisch – auf die Verfassung von 1866.
5 Eigene Bewertung und Ausblick: Fasst die Ergebnisse der Analyse zusammen und reflektiert über die Bedeutung der Verfassungsentwicklung für das heutige Rumänien.
Schlüsselwörter
Rumänien, Verfassung 1866, Constituie, Donaufürstentümer, Staatsbildung, Liberalismus, Konservatismus, Historiographie, Regulamente organice, Alexandru Ioan Cuza, Carol I., Rechtsgeschichte, Politische Kultur, Reformen, Modernisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entstehung der rumänischen Verfassung von 1866 und untersucht, wie dieses zentrale Dokument der rumänischen Staatswerdung in der Geschichtswissenschaft bewertet wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen der Transformationsprozess vom osmanisch dominierten Fürstentum zum modernen Staat, die verfassungsrechtlichen Vorläufer und die ideologischen Auseinandersetzungen zwischen den gesellschaftlichen Eliten.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, den Entstehungskontext der Verfassung aufzuarbeiten und die unterschiedlichen wissenschaftlichen Interpretationsansätze kritisch gegenüberzustellen, um ein objektives Bild der Verfassungsentwicklung zu gewinnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine historisch-kritische Textanalyse und einen interdisziplinären Vergleich verschiedener historiographischer Quellen, um die Genese und Rezeption des Verfassungstextes zu evaluieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die politische Konstellation des 19. Jahrhunderts, die detaillierte Analyse der Vorläuferdokumente sowie eine umfassende Gegenüberstellung verschiedener geschichtswissenschaftlicher Interpretationsschulen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Rumänien, Verfassung von 1866, Staatsbildung, Liberalismus, Historiographie, Regulamente organice sowie der Wandel politischer Strukturen im 19. Jahrhundert.
Welche Rolle spielt die belgische Verfassung von 1831 in diesem Kontext?
Die belgische Verfassung wird in der Forschung häufig als Hauptvorlage für die rumänische Verfassung genannt, was insbesondere von Traditionalisten als Beweis für eine "fremde" Imitation ohne Bezug zur rumänischen Realität gewertet wurde.
Was zeichnet die textkritische Interpretation nach Filitti aus?
Ioan C. Filitti führte eine Pionierarbeit durch, indem er die Verfassung von 1866 Artikel für Artikel mit 13 verschiedenen Quellen verglich, um nachzuweisen, dass es sich um das Ergebnis einer eigenständigen evolutionären Entwicklung handelt und nicht nur um eine Kopie.
Wie bewertet der Autor den Reformprozess unter Fürst Cuza?
Cuza wird als Herrscher beschrieben, der durch Zentralisierung und ambitionierte Reformen den Weg in die staatliche Selbständigkeit ebnete, dabei jedoch an den Interessen der konservativen Eliten scheiterte, was schließlich zu seinem Sturz führte.
- Citar trabajo
- Joachim Cotaru (Autor), 2009, Zur Entstehung der rumänischen Verfassung von 1866 und ihrer Beurteilung durch die rumänische Geschichtswissenschaft, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151726