Die Frage nach der Schuld Iweins


Seminararbeit, 2007

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Darstellung der Sekundärliteratur

3 Grammatische Analyse der Verse 1056 und 1057

4 Untersuchung der Frage nach der Schuld Iweins am Beispiel der „Brunnenaventiure“ und des Terminversäumnisses

5 Zusammenfassung

1 Einleitung

Die Frage, ob Iwein im Verlauf des Romans Schuld auf sich geladen hat, erscheint auf den ersten Blick trivial. Sicherlich kann man an dieser Stelle einwenden, dass man doch einfach nur einen Blick in den Text zu werfen brauche. Genau dieser Blick in den Text verdeutlich aber, dass die Frage nach der Schuld Iweins Schwierigkeiten aufwirft. Zum einen stellt sich die Frage, wie eine eventuelle Schuld im Roman Hartmanns beschrieben wird, ob der Begriff von Schuld mit dem heutigen Begriff übereinstimmt und welche Konsequenzen aus dieser Schuld erwachsen. Für eine Beurteilung des Verhaltens Iweins ist es zum einen unerlässlich, die Voraussetzungen des mittelalterlichen Romans zu verdeutlichen. Hiermit meine ich in erster Linie eine Analyse der Begriffe, welche zum Beurteilen von Protagonisten innerhalb des Romans verwendet werden. Eine besondere Schwierigkeit besteht darin, die Voraussetzungen der Interaktion der Protagonisten innerhalb des mittelalterlichen Artusromans zu erläutern. Hierfür ist es auch notwendig, die Voraussetzungen und Regeln der mittelalterlichen Gesellschaft innerhalb des Artusromans und in der Realität des Mittelalters in die Analyse mit einzubeziehen.

Hierfür werde ich die Werke von Peter Wapnewski, Rudolf Voss und Hubertus Fischer, welche allesamt Hartmann von Aue und seine Werke zum Gegenstand haben, heranziehen. Ergänzend werde ich Harald Haferland heranziehen, welcher in seinem Werk „Höfische Interaktion“ die Begriffe und gesellschaftlichen Voraussetzungen innerhalb des mittelalterlichen Romans beschreibt.

Ich werde in einem ersten Schritt die Thesen von Wapnewski, Fischer und Voss zur Frage nach der Schuld Iweins darstellen. Danach werde ich eine grammatikalische Analyse der Verse 1056 und 1057 durchführen. Daran anschließend werde ich die Thesen von Voss und Wapnewski am Text überprüfen und eine eigene Stellungnahme abgeben.

2 Darstellung der Sekundärliteratur

Der Frage nach der Schuld Iweins wird im Rahmen der Sekundärliteratur im Wesentlichen an zwei Stellen nachgegangen: an der sogenannten Brunnenaventiure, in welcher Ascalon und zuerst Kalogrenant besiegt und später von dessen Vetter Iwein erschlagen wird (Vers 604-762/ Vers 989-1134) und am Terminversäumnis Iweins gegenüber seiner Ehefrau Laudine (Vers 2770 - 3200). Zu beiden Textstellen werde ich die Positionen von Rudolf Voß und Hubertus Fischer darstellen sowie deren Gemeinsamkeiten und Differenzen erläutern.[1] Im Rahmen dessen werde ich auch kurz auf die Positionen von Peter Wapnewski eingehen.[2]

Wapnewski sieht in der „Brunnenaventiure“ ein Fehlverhalten Iweins. Iwein erschlage Ascalon „gegen alle Regeln des ritterlichen Kampfes“.[3] Ascalon habe als Herr der Quelle nur seinen rechtmäßigen Besitz verteidigt und sei darüber hinaus noch durch den angerichteten Flurschaden, welcher durch Iweins Begießen des Steines entstand, mutwillig provoziert worden.[4] Dass er ihm im Verlaufe des Zweikampfes darüber hinaus auch noch âhne zuht (Vers 1056) hinterherjagt, lässt für Wapnewski keinen Zweifel daran, dass Iwein sich „schuldig gemacht hat“.[5] Dass Iwein ohne dieses Jagen keine Trophäe besitzt, mit welcher er seine âventiure bei Hofe beweisen könne, was unweigerlich zum Spott Keies führen würde, ist aus Sicht Wapnewskis zwar „praktisch gedacht, aber ritterlich und rechtlich ist es nicht“.[6]

Fischer und Voss teilen Wapnewskis Position diesbezüglich nicht. Im Vers 1056 her Iwein jaget in âne zuht sehen beide keine moralische Verurteilung Iweins.[7] Beide sehen in den Worten âhne zuht keine Beschreibung des Charakters oder der Gesinnung Iweins. Sie sehen sie als Beschreibung der Art und Weise der Jagd. Beide verweisen dabei auf die Verse der aber den sige gewan/ der was ein hövesch man. Beide sehen in der Beschreibung Iweins als höfischen Menschen einen Widerspruch zu der von Wapnewski postulierten moralischen Verurteilung Iweins durch die Erzählinstanz.[8] Voss führt hierbei an, dass die Beschaffung einer Trophäe notwendig für den Beweis seiner Âventiure bei Hofe sei. Er habe somit keine andere Wahl, wenn er nicht seines Ansehens verlustig gehen will, als „seines Gegners außerhalb der idealen Konvention des ritterlichen Zweikampfs – so etwa wäre „âhne zuht“ zu paraphrasieren – habhaft zu werden“.[9] Dies wiederum sei der Fall, „weil dieser, wenngleich im Todesschrecken, jene Regel, die den Kampf bis zum Tode oder die Kapitulation vor dem Siegreichen gebietet, durchbrochen hat“.[10] Somit entspringe die Art und Weise der Jagd keinem ungestümen Temperament, sondern rationalen Erwägungen.[11] Iwein begehe sogar eine „gemeinschaftsfördernde Tat“, indem er „die Schmach seines Vorgängers“ revidiere.[12]

Eine ähnliche Position vertritt auch Fischer, der ausführt, dass die Regeln des ritterlichen Zweikampfs eine gewisse formale Sicherheit geben, dass aber dort, „wo diese Regeln nicht eingehalten werden, [die Regeln der êre ] [ihnen] in anderer Form Genüge getan werden muss“.[13] Iwein „würde Ascalon, wenn möglich, auch gefangen nehmen“.[14] Die Jagd nach einem Beweis sei deswegen notwendig, da Iwein den Selbstruhm verschmähe, was eine positive Eigenschaft des Ritters des Artushofes sei. Dies unterstreiche jedoch nur die positive Eigenschaft Iweins und verurteile ihn moralisch keineswegs.[15]

Da die êre sich nicht in der Tapferkeit beim Verteidigen eines Allgemeinguts zeige, so führt Fischer weiter aus, sondern vielmehr als Ziel die Anerkennung des einzelnen Subjekts habe, habe sich nicht Iwein, sondern Ascalon eines Vergehens schuldig gemacht. Die êre der feudalen Gesellschaft sei als Form des Selbstbewusstseins und der wechselseitigen Anerkennung auf wechselseitige Bestätigung angewiesen. Indem er Iweins Vetter Kalogrenant nicht einmal eines Blickes würdige, versage Ascalon genau diese Bestätigung. Er zeige ihm deutlich, dass er kein Mann von êre sei.[16]

In Bezug auf das Terminversäumnis Iweins sind sich Voss und Fischer einig, dass Iweins Schuld rein objektiv, das bedeutet im Ansehen der reinen Tat, ohne Berücksichtigung der Gesinnung vorliegt. Wichtig hierbei ist, dass „wir es bis ins Hochmittelalter hinein immer noch vorwiegend mit dem Prinzip der Erfolgshaftung und nicht mit der Schuldhaftung zu tun haben“.[17] Es zählt allein „die tatsächliche Folge von Iweins Handlungsweise“.[18] So bemerkt Fischer: „Was als Schuld des Helden bleibt, ist allein die Terminversäumnis, und auch die hat mit Moral nicht das Geringste zu tun“.[19] Und auch Voss bemerkt, wobei er sich auf die Verse zewâre gesah ez ê nie/ ez geschach doch im, und sage iu wie (Vers 3035, 3036) beruft, dass sich die Schuld „wider alles Erwarten und wider die Absicht, der in das Geschehen Verwickelten“ ereignet. Iwein erscheine passiv. Die Schuld „geschehe“ ihm.[20]

Uneinig sind sich Voss und Fischer jedoch über die Interpretation dieser „objektiven“ schuld und wie sie im Kontext des Romans, so wie der Zeit in welcher er entstand, einzuordnen ist.

Für Fischer weist Iweins Terminversäumnis auf ein spannungsreiches Verhältnis zwischen seiner Funktion als Herr eines Hofs / eines Hauses und seiner Rolle als Mitglied der höfischen Gesellschaft sowie den Anforderungen, welche beide Rollen jeweils stellen, hin. Das Leben eines Feudalherren spiele sich zu jener Zeit zwischen den Ebenen des „ hûs “ (des eigenen Hausstands) und der „ werlt “ (Hofgesellschaft) bei Festen und Turnieren ab.[21] Wie Gawein es in seiner mahnenden Rede ausdrücklich betone, bestehe die Gefahr, sich in der häuslichen „Spähre“ zu verligen (Vers 2790) und so seiner êre verlustig zu gehen. Dies zeige deutlich, dass weltliches Ansehen nur bei Hofe erlangt werden kann und nicht im eigenen Hausstand.[22] Gawein male außerdem das Bild eines Hausstandes, der den Hausherrn zu horrenden Ausgaben zur Sicherung seiner materiellen Existenz zwinge.[23] Dies führe außerdem dazu, dass der Hausherr bei Hofe nicht mehr „seine „ höveschheit “ durch Gebaren, Kleidung, Taten unter Beweis“ stellen könne.[24] Es fehlten einfach die finanziellen Mittel. Aus diesem Grund lege Gawein Iwein nahe „ irte iuch etewenne daz guot/ michels harter dan der muot/ nu muget ir mit dem guote/ volziehen dem muote“ (Vers 2905-2908). Iwein solle êre erwerben, solange die Mittel dafür vorhanden sind.[25] Für Fischer besteht kein Zweifel daran, dass dieser „im „Iwein“ manifest gewordene Konflikt sehr reale Züge aufweist“.[26] Er geht sogar noch weiter, indem er den im Iwein geschilderten Konflikt zwischen „ hûs “ und „ werlt “ als für die Zuhörerschaft des „feudalhöfischen Publikums [...] zentrale Problemstellung“ bezeichnet.[27]

Iwein zeige durch sein Terminversäumnis, dass ihm „der Ausgleich zwischen den Erfordernissen von hûs und werlt nicht gelingt“.[28] Das „wahre Ansehen“ könne eben „nicht davon abstrahieren, dass auch den Forderungen der Grundherrschaft entsprochen werden muss“.[29] Iwein habe bei seiner „Turnierversessenheit“ die Aufgaben des wirts, künec und man vernachlässigt, was ein reales Problem dieser Epoche gewesen sei.[30] Fischer führt dazu aus, dass die Strafe, die Entehrung durch Laudine bzw. deren Botin, genau den Konsequenzen entspreche, welche damals ein Zuviel an turnieren mit sich gebracht hätte. Iwein verliere seinen Hof und somit seine materielle Grundlage, wie auch damals eine lange Abwesenheit zum Verlust von lant und wîp führen konnte.[31]

[...]


[1] Rudolf Voss: Die Artusepik Hartmanns von Aue- Untersuchungen zum Wirklichkeitsbegriff und zur Ästhetik eines literarischen Genres im Kräftefeld von soziokulturellen Normen und christlicher Anthropologie, Reihe : Literatur und Leben, neue Folge Band 25, 1983 Köln-Wien. Im weiteren Verlauf abgekürzt als Voss: Seitenzahl.

Hubertus Fischer: Ehre, Hof und Abenteuer in Hartmanns „Iwein“ - Vorarbeiten zu einer historischen Poetik des höfischen Epos, herausgegeben von: Joachim Bumke, Thomas Cramer, Klaus Grubmüller, Gert Kaiser, Horst Wenzel, Reihe: Forschungen zur Geschichte der älteren Deutschen Literatur, Band 3 München 1983. Im weiteren Verlauf abgekürzt als: Fischer, Seitenzahl.

[2] Peter Wapnewski: Hartmann von Aue, 7. Auflage, Stuttgart 1979, 1. Auflage Stuttgart 1962. Im weiteren Verlauf abgekürzt als: Wapnewski, Seitenzahl.

[3] Wapnewski, Seite 78.

[4] Vergleiche: Wapnewski, Seite 77.

[5] Wapnewski, Seite77.

[6] Wapnewski, Seite 78.

[7] Vergleiche: Voss, Seite 31. Vergleiche: Fischer Seite 29.

[8] Vergleiche : Fischer, Seite 29. Voss: Seite 31.

[9] Voss, Seite 32.

[10] Voss. Seite 32.

[11] Voss, Seite 32.

[12] Voss, Seite 52.

[13] Fischer, Seite 30.

[14] Fischer, Seite32.

[15] Fischer, Seite 31. Fischer bezieht sich hierbei auf die Verse 1040, 1041 der was ein sô hövesch man, er hete ungerne geseit.

[16] Vergleiche: Fischer, Seite 32, 33, 35.

[17] Fischer, Seite 69.

[18] Fisher, Seite 69.

[19] Fischer, Seite 69.

[20] Voss, Seite 57.

[21] Vergleiche: Fischer, Seite 75.

[22] Vergleiche: Fischer, Seite 75.

[23] Vergleiche: Fischer, Seite 74.

[24] Fischer: Seite 75.

[25] Fischer, Seite 76.

[26] Vergleiche: Fischer Seite 73.

[27] Fischer, Seite 74.

[28] Fischer, Seite 76.

[29] Fischer, Seite76.

[30] Fischer, Seite 77.

[31] Vergleiche; Fischer, Seite 77.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Frage nach der Schuld Iweins
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für deutsche Sprache und Literatur )
Veranstaltung
Iwein - ein Lektürekurs
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
19
Katalognummer
V152267
ISBN (eBook)
9783640639557
ISBN (Buch)
9783640639373
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frage, Schuld, Iweins
Arbeit zitieren
Jörn Possienke (Autor), 2007, Die Frage nach der Schuld Iweins, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/152267

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