Verantwortung gewinnt in der Beruflichen Bildung zunehmend an Bedeutung. Im pädagogischen Diskurs über das recht junge Konzept der Schlüsselqualifikationen nehmen Schlagworte wie
Mitverantwortung und Eigenverantwortung – neben anderen – zentrale Positionen ein. Die Erziehung zur Verantwortungsbereitschaft – also der Fähigkeit zur Übernahme von Verantwortung – gilt als eines der obersten Ziele der Bildung im Allgemeinen und damit auch der beruflichen Bildung.
Die Frage, die ich hier stelle ist die, wie dieses oberste Bildungsziel im Rahmen einer handwerklichen Ausbildung erreicht werden soll, denn verantwortliches Handeln ist keineswegs
ein Selbstläufer, der sich automatisch als Nebenprodukt der Ausbildung ergibt.
Woran es bisher in der Berufsbildung mangelte, war eine klare Definition, wie der Begriff Verantwortung in diesem Rahmen zu verstehen ist, und wie der Ausgebildete dazu angehalten werden kann, selbst Verantwortung zu lernen. Für den Bereich Erwachsenen- und Weiterbildung hat eine Autorengruppe unter der Herausgeberschaft
von Henning Pätzold 2008 ein Werk zur Verantwortungsdidaktik veröffentlicht, das mögliche Definitionen und Verortungen von Verantwortung liefert und auf schulischer Seite Anstöße für die Vermittlung von verantwortlichem Handeln vornimmt. Intention der vorliegenden Arbeit ist es, im Anschluss an diesen Sammelband die andere Seite der Ausbildung im Dualen System – den betrieblichen Ausbildungsteil – zu beleuchten, und in einer Art Bestandsaufnahme
der Verantwortung festzustellen, ob und wie Auszubildende verantwortlich handeln.
Inhaltsverzeichnis
1 Verantwortung – Die unerforschte Kernkompetenz
2 Theoretische Vorbetrachtungen
2.1 Begriffsdefinition – Verantwortung im historischen Wandel
2.1.1 Ursprünge – Verantwortung als reaktive Rechtfertigung
2.1.2 Das klassische Modell – Verantwortung als ex-post Rechtfertigung
2.1.3 Prospektive Orientierung – Der neue Verantwortungstypus
2.2 Verantwortung im Dualen System
2.2.1 Gesetzliche Rahmenbedingungen
2.2.2 Zur Problematik der Verantwortungserziehung in der beruflichen Bildung
2.3 Fragestellung – über die Möglichkeit verantwortlichen Handelns der Auszubildenden
3 Methodische Überlegungen
3.1 Die Einzelfallstudie – Untersuchungsform zur Hypothesenbildung
3.2 Das Leitfadeninterview – Strukturierte Stegreiferzählung
3.3 Die zusammenfassende Inhaltsanalyse
3.3.1 Methodische Anpassungen
3.4 Auswahl der Interviewpartner, Kontaktaufnahme und Vorgespräche
4 Kategoriesystem, Leitfaden und empirisches Vorgehen
5 Ergebnisse
5.1 Objekte der Verantwortung: Wofür können Auszubildende verantwortlich sein?
5.2 Wertende Instanzen: Wer ist wem gegenüber verantwortlich?
5.3 Einflussfaktoren: Was wirkt sich auf verantwortliches Handeln von Auszubildenden aus?
6 Einordnung der Ergebnisse
6.1 Theorie und Realität: Handeln Auszubildende verantwortlich?
6.2 Klassische oder neue Verantwortung? Elemente der Modelle von Kurt Bayertz
7 Schlussbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle von Verantwortung in der betrieblichen Ausbildung im Handwerk aus pädagogischer Sicht. Das primäre Ziel besteht darin, eine Bestandsaufnahme durchzuführen, um zu klären, ob und unter welchen Bedingungen Auszubildende innerhalb des dualen Systems tatsächlich verantwortlich handeln können, da verantwortliches Handeln nicht automatisch als Nebenprodukt der Ausbildung entsteht.
- Analyse theoretischer Verantwortungskonzepte (klassisches Modell vs. neue Verantwortung)
- Untersuchung der Rahmenbedingungen im betrieblichen Teil der dualen Ausbildung
- Empirische Erhebung durch Experteninterviews mit Ausbildern im Handwerk
- Bewertung von Einflussfaktoren auf das verantwortliche Handeln von Auszubildenden
- Diskussion der Möglichkeiten zur Erziehung zur Verantwortungsbereitschaft
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Ursprünge – Verantwortung als reaktive Rechtfertigung
Das Wort „Verantwortung“ taucht laut Grimmschem Wörterbuch erstmals Mitte des 15. Jahrhunderts im Sprachgebrauch auf und hat die Bedeutung des Entwurfs einer Antwort an den Kaiser. Weitere Bedeutungen der Verantwortung und der „Handlung des Sich Verantwortens“ sind die Rechtfertigung vor einem weltlichen Gericht oder vor Gott als höchstem Richter. Grundsätzlich wird die Verantwortung mit einem Rechtfertigungsprozess gleichgesetzt und ist ein reaktiver Vorgang, in dem sich der Verantwortliche auf eine Anfrage oder Anklage hin erklärt. Der Verantwortende wird dabei zur Verantwortung gezogen, steht in der Verantwortung oder gibt Antwort und handelt in allen Fällen auf eine Aufforderung hin und rechtfertigt sich aktiv für bereits geschehene, negative Folgen seines Tuns. Damit steht der Verantwortungsbegriff in der Tradition des römischen „respondere“, das meint, „eine Sache vor Gericht verteidigen bzw. ein Handeln rechtfertigen, und zwar so, daß man auf eine Anklage zu antworten hat.“
Das Konzept findet unter dem Begriff „imputatio“, der wörtlich übersetzt „Zurechnung“ bedeutet, Eingang in die Morallehre des Christentums und wird von bedeutenden Philosophen aufgegriffen und weiterentwickelt. Immanuel Kant schafft im 18. Jahrhundert einen säkularisierten Verantwortungsbegriff, indem er Gott als höchste Instanz durch einen „inneren Gerichtshof“ ersetzt. Demzufolge ist die höchste Instanz das eigene moralische Empfinden in Form des Gewissens, das dem weltlichen Gericht als Instanz, der gegenüber man verantwortlich ist, gegenübertritt. Weiterhin erweitert Kant das Verantwortungsmodell um die Freiwilligkeit. Er bezeichnet die imputatio als Beurteilung einer freiwilligen Handlung vor dem Gesetz. Die Freiheit einer Entscheidung wird somit zur Grundlage jeglichen verantwortlichen Handelns. Friedrich Nietzsche erklärt die Freiheit des Menschen und damit die Freiwilligkeit seiner Handlungen nicht nur zur Grundlage, sondern zur alleinigen Bedingung für verantwortliches Handeln, und ernennt den freien Menschen selbst zur höchsten und einzigen Instanz, der gegenüber er sich rechtfertigen muss, indem er postuliert „Der freie Mensch ist nur sich selbst gegenüber verantwortlich.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Verantwortung – Die unerforschte Kernkompetenz: Dieses Kapitel führt in die Thematik der wachsenden Bedeutung von Verantwortung in der beruflichen Bildung ein und formuliert die Intention der Arbeit.
2 Theoretische Vorbetrachtungen: Hier werden philosophische Grundlagen, das duale System und die pädagogische Problematik der Verantwortungserziehung detailliert beleuchtet.
3 Methodische Überlegungen: Das Kapitel begründet die Wahl der Einzelfallstudie und der qualitativen Inhaltsanalyse als geeignete methodische Zugänge für das explorative Forschungsziel.
4 Kategoriesystem, Leitfaden und empirisches Vorgehen: Beschreibt die Entwicklung der Analyseinstrumente auf Basis der Theorie und die Durchführung des Pre-Tests.
5 Ergebnisse: Stellt die empirischen Befunde zu Verantwortungsbereichen, wertenden Instanzen und Einflussfaktoren auf das Handeln der Auszubildenden dar.
6 Einordnung der Ergebnisse: Verknüpft die empirischen Daten mit den theoretischen Modellen von Nietzsche, Spranger und Bayertz.
7 Schlussbemerkungen: Fasst die Erkenntnisse zusammen, diskutiert Schwachstellen und gibt Ausblicke auf weiteren Forschungsbedarf.
Schlüsselwörter
Verantwortung, Berufliche Bildung, Duales System, Handwerk, Auszubildende, Ausbilder, Verantwortungserziehung, Leitfadeninterview, Qualitative Inhaltsanalyse, Verantwortungsdidaktik, Freiwilligkeit, Selbstverantwortung, Wertende Instanz, Betriebliche Ausbildung, Schlüsselqualifikationen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der pädagogischen Perspektive auf das Thema Verantwortung in der betrieblichen Ausbildung von Handwerksberufen.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die Definition von Verantwortung, die Rahmenbedingungen im dualen Ausbildungssystem und die tatsächlichen Möglichkeiten der Auszubildenden, Verantwortung zu übernehmen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist die Bestandsaufnahme, ob und wie Auszubildende im betrieblichen Alltag Verantwortung übernehmen können, trotz bestehender Einschränkungen durch Vorgesetzte und gesetzliche Vorgaben.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es wurde ein qualitativer Forschungsansatz gewählt, bestehend aus Einzelfallstudien, Leitfadeninterviews mit Ausbildern im Handwerk und einer zusammenfassenden Inhaltsanalyse.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Objekte der Verantwortung (z.B. Arbeitstätigkeiten), die wertenden Instanzen (meist Ausbilder oder Inhaber) sowie diverse Einflussfaktoren wie Interesse, Motivation und betriebsinterne Strukturen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Untersuchung?
Zentrale Begriffe sind Verantwortung, Duales System, Auszubildende, betriebliche Ausbildung und professionelle Verantwortungsdidaktik.
Welche Rolle spielen die fachlichen Voraussetzungen für die Übernahme von Verantwortung?
Die Arbeit zeigt auf, dass fachliche Fertigkeiten die wichtigste Voraussetzung sind; erst mit steigendem Fachwissen im Verlauf der Ausbildung erhalten Auszubildende mehr Spielraum für eigenverantwortliches Handeln.
Warum spielt die Berufsbildende Schule eine negative Rolle in den Aussagen der Ausbilder?
Viele befragte Ausbilder kritisieren, dass die schulische Ausbildung als „autark“ vom betrieblichen Alltag empfunden wird und methodische Unzulänglichkeiten den Erwerb von für den Alltag relevantem Fachwissen eher behindern.
Inwiefern beeinflussen betriebsinterne Strukturen die Verantwortungsübertragung?
Strukturen wie die Betriebsgröße oder die Zuteilung zu bestimmten Gesellen wirken sich hemmend oder fördernd aus; besonders eine ständige Kontrolle durch Vorgesetzte limitiert den Handlungsspielraum der Auszubildenden erheblich.
Wie unterscheidet sich die „neue“ von der „klassischen“ Verantwortung in der Ausbildung?
In der Ausbildung überwiegt tendenziell die „neue Verantwortung“ (im Sinne von Bayertz), da Auszubildende häufiger für positive Folgen ihres Handelns verantwortlich gemacht werden, während die klassischen, rückwirkenden Negativsanktionen zugunsten einer Endkontrolle durch den Meister in den Hintergrund treten.
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- Frank Elfner (Author), 2008, Die Rolle von Verantwortung in der Ausbildung im Handwerk aus pädagogischer Perspektive, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/155610