Die Bedeutung der ästhetischen Bildung für geistig behinderte Menschen


Hausarbeit, 2009

24 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsbestimmung/ Grundlagen
2.1 Ästhetische Bildung, ein historischer Exkurs

3 Ästhetische Bildung und Behinderung
3.1 Bedeutung der Ästhetischen Bildung für geistig behinderte Menschen
3.1.1 Unterschied der Ästhetischen Bildung von behinderten zu nichtbehinderten Menschen
3.2 Kreativitätsforschung
3.3 Art Brut

4 Möglichkeiten der Ästhetischen Bildung bei geistig behinderten Menschen
4.1 Kunsttherapie
4.2 Ästhetische Bildung als basale Pädagogik
4.3 Bedeutung der Kunsttherapie und basalen Stimulation im Alltag von geistig behinderten Menschen
4.3.1 Bedeutung ästhetischer Erziehung als basale Pädagogik im Alltag von geistig behinderten Menschen
4.3.2 Zur Bedeutung der pädagogischen Kunsttherapie für den Alltag geistig behinderter Menschen

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Seit längerer Zeit findet das Thema „Kunst und geistige Behinderung“ immer mehr Zuspruch. Aus diesem Grund gibt es eine Fülle an Publikationen, denen eine Anerkennung bildhaft- künstlerischer Werke von Menschen mit geistiger Behinderung wichtig ist. Neben der Würdigung dieser Kunstwerke darf ein Überblick über die Bedeutung der Ästhetischen Erziehung bei geistig behinderten Menschen nicht fehlen. Was bedeutet Ästhetische Bildung im Allgemeinen und im Zusammenhang für geistig behinderte Menschen?

Diesen Fragen stellt sich die vorliegende Hausarbeit zu Beginn und geht im weiteren Verlauf auf Fragen der Gleichberechtigung und der praktischen Umsetzung ästhetischer Bildung bei geistig behinderten Menschen ein.

Die Wechselwirkung von Ästhetische Bildung und Behinderung stellt einen wichtigen Bestandteil dieser Arbeit dar. Inwieweit die Kunst dabei mit dem Begriff der Kreativität zum tragen kommt, wird ebenfalls Inhalt der folgenden Kapitel sein. Darüber hinaus wird fraglich in den Raum geworfen welche Rolle der Kunst zukommt und welche ästhetischen Methoden sich dadurch offenbaren.

Anhand einiger Unterpunkte, wie das Thema der Kreativitätsforschung oder das Thema Art Brut, entsteht eine fundierte Darstellung ästhetischer Bildung, die die Möglichkeiten der Förderung geistig behinderter Menschen aufzeigt.

Das letzte Kapitel beschäftigt sich dann folglich mit der Praxis der ästhetischen Bildung, indem Schwerpunkte ästhetischer Bildung, wie die basale Stimulation oder die Kunsttherapie, auf den Alltag geistig behinderter Menschen bezogen werden.

2 Begriffsbestimmung/ Grundlagen

Um einen weitläufigen Einblick in die allgemeine Thematik der Ästhetischen Erziehung wie auch der Ästhetischen Bildung mit geistig behinderten Menschen zu bekommen, ist es wichtig die Grundlagen der Ästhetischen Bildung im Sinne der wichtigsten Begriffsbestimmungen zu erläutern.

Dazu gehören unter anderem die Begriffe Ästhetik und Bildung, wie auch Kunst und Therapie.

Um Missverständnisse zu vermeiden soll zunächst die Bedeutung der Ästhetischen Erziehung in ihrer Komplexität geklärt werden, bevor schließlich ein Übergang zu den Themen Kunst und Behinderung, Ästhetische Erziehung für und mit behinderten Menschen wie auch der Kunsttherapie hergestellt werden soll.

2.1 Ästhetische Bildung, ein historischer Exkurs

Im folgenden Abschnitt wird, auf dem historischen Hintergrund und seiner Entstehung, der Begriff der Ästhetischen Bildung näher betrachtet.

Im Grunde genommen ist es schwierig einen fraglosen roten Faden durch die Geschichte der Kunstpädagogik zu ziehen. Helene Skladny bezeichnet den „beständigen Wandel“ der Kunstpädagogik als die einzige „Konstante“ in ihrem geschichtlichen Verlauf (Skladny 2009, S.19). In der Literatur wird kategorial unterschieden, zwischen einem „theoretischen“ einem „praktischen“ und einem „ästhetischen“ Modus, wobei der ästhetische Modus ihren Ursprung in der Kunstphilosophie hat (Mollenhauer 1996, S. 13). Dabei geht die Idee der ästhetischen Bildung des Menschen auf Friedrich Schiller zurück, der diese in seinem 1795 erschienenen Werk „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“1 zum ersten Mal ansprach. Christian Rittelmeyer bezeichnet Schillers Briefe Über dieästhetische Erziehung des Menschen als eine der „tiefgründigsten und erziehungstheoretisch gehaltvollsten Texte der Philosophie“ (Rittelmeyer 2005, S.13).

Wie einleitend erwähnt, soll der Begriff der Ästhetischen Bildung im Allgemeinen näher bestimmt werden. Was gilt, ist, das Ästhetische Bildung und Ästhetische Erziehung nicht immer synonym miteinander verwendet werden können. Ebenso lässt sich mit Sicherheit sagen, dass der Begriff der Ästhetik sich nicht mit dem der Kunst gleichsetzen lässt (vgl. Skladny 2009, S.63ff). Dennoch geschieht dies in den meisten Publikationen. Auch in dieser entstehenden Hausarbeit wäre eine Unterscheidung der Begriffe fehl am Platz, da wir uns nicht um Begrifflichkeiten sondern um die Frage der Verwirklichung ästhetischer Bildung bei geistig Behinderten kümmern möchten. Um dennoch Missverständnisse zu vermeiden, sei an dieser Stelle einzig der Begriff der Bildung wichtig. Zwar würde jedem der Gedanke aufkommen, das zwischen Bildung und Erziehung ebenfalls unterschieden werden müsse, wobei hier der Fokus auf den Begriff der Ästhetik und nicht auf den grundlegenden Erziehungsbegriff gelegt wird.

In Verbindung mit der Ästhetik formuliert Bernhard Schwenk Bildung als das: „ was der Mensch durch die Beschäftigung mit Sprache und Literatur, Wissenschaft und Kunst [zu] gewinnen vermag, durch die erarbeitende und aneignende Auseinandersetzung mit der Welt schlechthin “ (Schwenk in Lenzen 2004, S.209). Erziehung bezeichnet er dagegen als: das, was im tagtäglichen Miteinander erreichbar ist, durch Vorbild und Anregung, Umgangsformen und Gewöhnung “ (ebd. Schwenk, S.208ff). Die Uneinigkeit, die mit dem Begriff der Ästhetik einhergeht, lässt sich auf der einen Seite mit seiner langen und abwechslungsreichen Geschichte begründen, auf der anderen Seite aber, ist der umgangssprachliche Gebrauch des Begriffes so weit gefasst, dass er in den verschiedensten Bereichen einen Namen findet (vgl. Skladny, S.66ff). So kann man die Qualität eines Kunstwerks, die Wahrnehmung einer einer alltäglichen Situation wie auch den simplen Gegenstand der Wahrnehmung als „ästhetisch“ bezeichnen (vgl.,ebd. S.66). Daraus ergibt sich dass der Gebrauch des Begriffs findet in jedem menschlichen Leben wiederfindet und somit Teil eines jeden Lebens wird, der die Welt und die Menschen um sich herum „wahrnimmt“.

Das Wort Ästhetik stammt aus dem Griechischen von a ί sthesis ab und bedeutete dort die sinnliche Wahrnehmung (Mollenhauer in Lenzen 2004, S.222). Nach Franz von Kutschera hat die heutige Ästhetik drei Wurzeln:

Sie versteht sich als Philosophie der Kunst, als Theorie des Schönen und, nachdem im 18.Jahrhundert „das Erhabene, das Prächtige, Elegante, Anmutige sowie auch das Hässliche, Groteske“ als Themen hinzukamen, als eine Theorieästhetischer Werte 2 (Kutschera 1997, S. 2)

Wie bereits angesprochen, geht Idee der Ästhetischen Bildung auf Friedrich Schiller zurück. Ein ebenso wichtiger Vertreter, wenn nicht sogar der Wichtigste, war Alexander Gottlieb Baumgarten (1714- 1762), der den Begriff der Ästhetik im 18.Jahrhundert Erfahrungen und Beurteilung (vgl. Kutschera 1998).

prägte. Mit seinem unvollendeten Werk „Aesthetica“3 versuchte er die Wahrheit von Dichtung und Kunst neben die der Vernunft zu stellen. Er bezog sich insbesondere auf die Dichtung. Baumgarten ging es im Allgemeinen um die Verbindung von Vernunft und Sinnlichkeit und damit um eine philosophische Begründung einer Theorie des ästhetischen Urteils (vgl. Mollenhauer 2004).

Für Friedrich Schiller hingegen sei der Mensch durch die Kunst in der Lage, Gefühl und Vernunft miteinander zu verbinden und das, was er aus der Vernunft heraus tun soll, schließlich auch mit seinem Willen zu bezwecken ( Skladny, 2009). Schiller schrieb in seinem 15.Brief:

„ Der Mensch soll mit der Schönheit nur spielen, und er soll nur mit der Schönheit spielen. Denn um es endlich auf einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. [ … ]. Mit dem Angenehmen, mit dem Guten, mit dem Vollkommenen ist es dem Menschen nur ernst, mit der Schönheit spielt er “

Hieraus lässt sich erkennen, dass die Kunst bei Schiller eine Entlastungsfunktion besitzt. „Im ästhetischen Handeln gelangt der Einzelne in einen Zustand von Freiheit, der ihn von den Zwängen des Alltags enthebt“ (vgl. Skladny). Man kann sagen, dass Schillers Projekt einer Utopie glich, da er keine pädagogischen Inhalte pflegte, sondern auf politischer Ebene den „freien“ Menschen eines „freien“ Staates bilden wollte (vgl. Koch 1994, S.14). Lutz Koch bezeichnet den Begriff des „Ästhetischen“ als doppeldeutig: einerseits bezieht er sich, wie auch Kant und Schiller, auf die sinnliche Wahrnehmung. Wie oben beschrieben, kann jede Wahrnehmung als ästhetisch beschrieben werden. Andererseits bezieht sich der Begriff auf besondere, einzigartige Wahrnehmungen, solche Gegenstände die in ihrer vorhandenen Form gefallen. Dazu benötigt man, wie Koch sie nennt, eine „ Einbildungskraft “. Jene Kraft, die die zahlreichen Eindrücke und Empfindungen miteinander verbindet und in „Form“ bringt:

„ Insofern sie das Mannigfaltige der sinnlichen Empfindungen zur Einheit einer Anschauung, zur Einheit eines Bildes synthetisiert oder formt, ist sie wahrhaft bildend “

(Koch 1994, S. 16). Somit ergibt sich folgendes:

Wenn Ästhetik also bildend ist, dann hat sie auch eine erzieherische Komponente, da Erziehung immer auch auf eine Art Formgebung abzielt, ganz gleich welchen Erziehungsstil man besitzt.

3 Ästhetische Bildung und Behinderung

Schiller widmete sich eher politischen Fragestellungen als pädagogischen, die aber für die Arbeit mit geistig behinderten Menschen bedeutsam sind. Trotzdem wurde deutlich, dass die Einbeziehung aller Sinne als ästhetische Bildung verstanden werden kann, die das Ziel hat Wahrnehmungsmöglichkeiten, Wahrnehmungskritik und Wahrnehmungsgenuss zu fördern (vgl. Theunissen 1997, S. 62). Dabei spielt die Kreativität im Sinne der Kunst eine elementare Rolle, weil sie als Bestandteil jeden Menschenlebens beschrieben werden kann. Wenn Kreativität im wesentlichen zum Menschsein dazugehört, können bestimmte Personen nicht ausgeschlossen werden. Daher dürfe kein Zweifel bestehen, dass Menschen mit geistigen Behinderungen genauso wie alle anderen Personen über ein „kreatives Potential“ verfügen (vgl. Theunissen 2006, S.14)

In unserer Geschichte verankert, bekamen nur „Auserwählte“ die „ schöpferischen Kräfte “ als „ göttliche Leihgabe “ und daraus entstanden, galt es damals als unvorstellbar Menschen mit geistiger Behinderung diese „göttliche“ Begabung zuzusprechen (vgl. Limberg 1978, S.11). Im Zuge der „musischen Erziehung“ in den 50er und 60er Jahren wurden Kindern mit geistigen Behinderungen, trotz des hohen Ansehens in der Heilpädagogik, „schöpferische“ Tätigkeiten überwiegend aberkannt. Das Interesse an der Erforschung der Kreativität bei Menschen mit geistiger Behinderung verschwand zunehmend, als die US- amerikanische Kreativitätsforschung Kreativität und Intellekt als unverzichtbare Partner bestimmte:

„Kreativität sei nur von einem Mindestmaß an Intelligenz möglich“ (vgl. Limberg, S. 34). Das dies gegenüber kognitiv beeinträchtigter Menschen nur unfair ist und wahrlich keine Hilfestellung zur Integration wie auch zur Inklusion behinderter Menschen leistet, ist eine Tatsache. Kunst entspringt einer viel tieferen geistigen Ebene als Intellektualität oder sprachlicher Ausdruck. Sie kann Menschen mit geistiger Behinderung, gerade denen die Schwierigkeiten im sprachlichen Ausdruck haben, die Möglichkeit zur künstlerischen Äußerung geben (vgl. Lebenshilfe 2002, S. 7).

[...]


1 Schiller, Friedrich (1975): Über die ästhetische Erziehung des Menschen . Reclam, Stuttgart

2 Franz von Kutschera bezeichnet die „Theorie ästhetischer Werte“ als Theorieästhetischer Werte, ihrer

3 Alexander Gottlieb Baumgarten (1961): Aesthetica. Unveränd. repograf. Nachdr. d. Ausg. Frankfurt 1750, Hildesheim: Olms

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung der ästhetischen Bildung für geistig behinderte Menschen
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Pädagogisches Institut)
Veranstaltung
Ästhetische Bildung
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
24
Katalognummer
V156477
ISBN (eBook)
9783640705153
ISBN (Buch)
9783640705887
Dateigröße
569 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bedeutung, Bildung, Menschen
Arbeit zitieren
Sara Pirs (Autor), 2009, Die Bedeutung der ästhetischen Bildung für geistig behinderte Menschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/156477

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