Gesamtschule - eine kurze Bilanz

Die Gesamtschule im Vergleich zum dreigliedrigen Schulwesen


Seminararbeit, 2009
15 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Historischer Abriss

3 Die Ziele der Gesamtschule und deren Bilanzierung
3.1 Die Durchlässigkeit der Schulsysteme im Vergleich
3.2 Integration in Gesamtschulen
3.3 Chancengleichheit an Gesamtschulen

4 Fazit

5 Schlussbemerkung

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In Deutschland gibt es eine lange Tradition der Diskussion über das perfekte Schulsystem. Spätestens seit dem „PISA - Schock“ sollte dies jedem aufgefallen sein. Doch ist diese deutsche Unsicherheit bezüglich ihres Schulsystems (und dem oft daraus resultierenden blinden Aktionismus der einzelnen föderalen Staaten, siehe G8) nicht neu. Der einzige Unterschied, der sich zu anderen Zeiten und Vertretern neuer Schulkonzepte feststellen lässt, ist die enorme mediale Wirksamkeit des Themas und die ihr bezeugte Aufmerksamkeit, die oft zurückzuführen ist auf die verunsicherten, meist nur mit einem Kind ausgestatteten Eltern(teil) in Furcht um seine Zukunft.

Im Besonderen wird in dieser Diskussion als Vertreter besonders guter, aber auch gleichzeitig besonders schlechter Reformbemühungen, die Gesamtschule angeführt. Politiker, die zumeist Widersacher von Reformen und Fürsprecher des Etablierten (nicht nur) in Bildungsfragen sind, stehen dem Gesamtschulkonzept somit eher abwehrend gegenüber und stellen es als schlechtes Konzept dar. Dem entgegengesetzt sehen Elternverbände oder sozial engagierte Gruppierungen die Gesamtschule als Chance für mehr Chancengleichheit und einzige Rettung für das deutsche Schulwesen.

Doch wer behält Recht in dieser, mit äußerst starken Emotionen aufgeladenen Diskussion? Ist es möglich die Gesamtschule, wie sie 1969 als Schulversuch flächendeckend in Deutschland eingeführt wurde, als ein heilbringendes, oder teuflisches Werk endgültig zu klassifizieren?

Im Folgenden werde ich vor allem auf diese zuletzt gestellten Fragen eingehen, sie erörtern und mittels fundierter Textzeugnisse ein persönliches Fazit ziehen.

2 Historischer Abriss

Der Vollständigkeit halber, beginne ich zunächst mit einem kurzen historischen Abriss der Gesamtschulbestrebungen, oder -anläufen in Deutschland.

Bereits Comenius zielte mit seinem Wahlspruch „omnes, omnia, omnino“ auf eine Grundbildung ab, die jedem Menschen, egal welchen Standes, zugänglich sein sollte1.

Humboldts und Süverns Stein-Hardenbergsches Reformprogramm bemüht sich vor allem um den Abbau hierarchischer Klassenstrukturen. Humboldts Ideal der „allgemeinen Menschenbildung“ beinhaltet (wie der Ansatz Comenius), dass jeder Mensch Bildung erhält und damit eine Chance sich selbst zu entfalten. Er wollte dies erreichen durch einen Unterricht in drei separaten Anstalten, die aufeinander aufbauen2. Ein Förderklassensystem, das Schüler je nach ihren Leistungen in bestimmte Klassen, mit unterschiedlichen Anforderungen individuell fördern soll, bringt Sickinger (1858-1930) mit seinem Mannheimer Schulsystem auf den Weg3.

Es wären hier noch weitere Vertreter bestimmter Strömungen innerhalb der Idee des Gesamtschulkonzepts aufzuführen, doch führt dies zu weit. Abschließend sei nur noch bemerkt, dass mit dem Beginn des Nationalsozialismus 1933 in Deutschland alle weiteren Reformbestrebungen abgebrochen und erst in der zweiten Hälfte der 60er Jahre der neuen Bundesrepublik ein neuer Wille zur Veränderung beginnt. Nach 1945 werden in einer „restaurativen Epoche (…) die schichtenspezifische Schule, das dreigliedrige Schulsystem“4 aus der Zeit vor der Weimarer Republik wieder aufgegriffen. Dieses als „sicherer Hafen“ betrachtete System wird erst angezweifelt mit der Verbesserung der pekuniären Lage und dem sozialen Aufstieg bestimmter Arbeiterschichten und deren Teilhabewillen an höherer Bildung, in Kombination mit allgemeinen sozialen Umbrüchen der damaligen Zeit5. Das Problem des etablierten Schulsystem wird also sichtbar: Die Tradierung des sozialen Standes und die Determiniertheit der Zukunft des Individuums aufgrund seiner Herkunft, ohne die Begabung des Einzelnen zu betrachten.

Die Gesamtschule steht hier aber nicht allein als einzig neue reformpädagogische Strömung.

Die Jena-Planschule nach Peter Peterson, die Odenwaldschule oder viele weitere Vertreter, die vor allem die Ziele der Chancengleichheit, individuelle Förderung, Integration, neue Unterrichtsformen, usw. im Focus haben, bestimmen, neben der Gesamtschule, die bis heute geführte Diskussion der „perfekten Schulform“.

3 Die Ziele der Gesamtschule und deren Bilanzierung

Wie bereits oben angemerkt, stellen sich, verständlicherweise, alle reformpädagogischen Ansätze gegen das etablierte, dreigliedrige Schulsystem. Bei der Gesamtschule ist dies nicht anders. Jedoch ist die Gesamtschule eine der am besten untersuchten Schulformen in Deutschland. Da auf die Empfehlung des Bildungsrats in Deutschland flächendeckend Schulversuche in Form von Gesamtschulen eingerichtet und die angestrebten Ziele genauestens untersuchen wurden. Und dennoch ist sie mit vielen weiterführenden Untersuchungen, aufgrund ihrer unterschiedlichen Ansätze, schwer zu vergleichen6. Die Fülle an Literatur und deren Auslegungen bestätigen dies. Je nach Einstellung gegenüber einer Schulreform und der damit gehegten Sympathien oder Antipathien bezüglich des etablierten Schulsystems, gehen die Meinung über die Resultate der Studie weit auseinander.

Im Folgenden werde ich exemplarisch auf einige Hauptpunkte der Gründe der Einführung oder Nichteinführung der Gesamtschule in Deutschland eingehen, um anschließend ein persönliches Fazit zu der bisher geführten Debatte zu ziehen.

3.1 Die Durchlässigkeit der Schulsysteme im Vergleich

In Deutschland wird schon früh erkannt (1959), dass die frühe Selektion nach der vierten Klasse der Grundschule und die damit verbundene Verfestigung des Bildungswegs eines/einer jeden Schülers/in, sehr fehlerbehaftet ist. Dazu kommt, dass spezifische Schwächen eines Schülers in einem Fach (z.B. Latein) oft der Grund für das Nichterreichen des Klassenziels ist, auch wenn er in anderen Fächern sehr große Stärken aufweist (z.B. in Mathe oder Physik).7

[...]


1Bönsch, M. (2006): Gesamtschule. Die Schule der Zukunft mit historischem Hintergrund. Hohengehren.

2Bönsch 2006

3ebd.

4nach Walter Dirk in Becker, H (1982): Gesamtschule heute. Gesamtschulreform am 3.2.1982. In: Bemmerlein, A., Fritzsching, H., et al.(Hrsg.): Didaktischer Brief Nr. 106 (1983). Gesamtschulwerkstatt 1. Nürnberg. S. 3.

5Becker (1982), S. 4

6vgl. Becker (1982), S. 7 und S. 11

7Fend, H (1982): Gesamtschule im Vergleich. Bilanz der Ergebnisse des Gesamtschulversuchs. Weinheim - Basel. S. 61-64

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Gesamtschule - eine kurze Bilanz
Untertitel
Die Gesamtschule im Vergleich zum dreigliedrigen Schulwesen
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Pädagogik)
Veranstaltung
Schulen im Vergleich
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
15
Katalognummer
V156677
ISBN (eBook)
9783640687794
ISBN (Buch)
9783640687824
Dateigröße
628 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schulpädagogik, Gesamtschule, Durchlässigkeit, Schulsystem, Chancengleichheit, Integration
Arbeit zitieren
Martin Mehringer (Autor), 2009, Gesamtschule - eine kurze Bilanz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/156677

Kommentare

  • Jürgen Göndör am 29.12.2010

    Der Hinweis, dass 'Politiker' gegen die Gesamtschule sind, verschweigt, dass diese Gegnerschaft entlang der Parteigrenzen verläuft - auch wenn regional diese Unterschiede verwischen. So hat z.B. NRW die meisten Gesamtschulen und Bayern die wenigsten.
    Der Diskussion um die Gesamtschule ist der Grabenkampf der Politik jedenfalls schlecht bekommen.
    Ob eine Kurzanalyse von 16 Seiten etwas über ein persönliches Fazit ergeben kann, muss sehr in Frage gestellt werden.
    JG

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