Mozarts "Così fan tutte oder Die Schule der Liebenden"

Literarische Vorlagen und das Thema „Treueprobe“ im Aufklärungskontext


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

12 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Informationen zur Uraufführung von „Così fan tutte“

2. Die Vorgeschichte: Zwei falsche adlige Albaner – Legendenbildung oder historische Tatsache?

3. Literarische Vorlagen

4. Das Thema „Treueprobe“ – Gesellschaftskritik im Aufklärungskontext
4.1 Das Experiment als Medium der Aufklärung

5. Die Figurenkonstellation
5.1 Don Alfonso
5.2 Despina
5.3 Ferrando und Guglielmo
5.4 Fiordiligi und Dorabella

6. Bibliographie
6.1 Primärquellen
6.2 Sekundärquellen
6.2.1 Selbständige Schriften
6.2.2 Unselbständige Schriften

1 Informationen zur Uraufführung von „Così fan tutte“

Es gibt nur sehr wenige Quellen zur Entstehungsgeschichte von „Così fan tutte oder Die Schule der Liebenden“. Man kann jedoch davon ausgehen, dass Wolfgang Amadeus Mozart seine Komposition im Spätherbst 1789 begann.[1] Erwähnt wird die Oper in einem Brief Mozarts vom Dezember 1789 an seinen Freund und Logenbruder Michael Puchberg, in welchem er diesen zu einer Probe von „Così fan tutte“ einlädt. Im Januar 1790 trug Mozart seine neue Oper in sein Verzeichnis aller Werke ein.[2]

Obwohl die erste Instrumentalprobe im Theater erst am 21. Januar stattfand, wurde „Così fan tutte“ bereits fünf Tage später, am 26. Januar 1790, im Wiener National-Hoftheater uraufgeführt. Die Oper konnte zunächst nur fünfmal gespielt werden und wurde dann abgesetzt. Dies hatte jedoch nichts mit dem Werk an sich zu tun. Kaiser Joseph II. starb am 20. Februar 1790 und aufgrund dieses Todesfalls wurden alle Lustbarkeiten, also auch Opernaufführungen, verboten. Am 6. Juni wurde „Così fan tutte“ fortgesetzt und in den nächsten zwei Monaten noch fünf Mal gespielt. Insgesamt wurde die Oper also zehn Mal aufgeführt.[3]

Erst 1794, drei Jahre nach Mozarts Tod, fand eine Neuaufführung von „Così fan tutte“ in Wien statt. Mozarts Oper war aber kein Misserfolg, sondern wurde zu seinen Lebzeiten in mindestens fünf weiteren Städten gespielt, u. a. in Prag, Dresden und Leipzig.[4]

2 Die Vorgeschichte: Zwei falsche adlige Albaner – Legendenbildung oder historische Tatsache?

Aufgrund der dürftigen Quellenlage zur Entstehung von „Così fan tutte“ und weil es lange Zeit so aussah, als ob diese Oper das einzige Werk von Lorenzo Da Ponte sei, das keine fremde Vorlage benutzt habe[5], kam es im 19. Jahrhundert zur Legendenbildung. Es kam das Gerücht auf, dass das Libretto auf einer wahren Begebenheit beruhe, die sich in Wien während eines Maskenballs im Jahre 1788, kurz nach Ausbruch des Türkenkrieges, ereignet habe: „Zwei Kavaliere vom Hofe, mit ihren Damen zum Ball verabredet, erklärten ihnen, sie seien plötzlich zum Kriegsdienst einberufen. Sie reisten jedoch nicht ab, sondern besuchten in unkenntlich machender Verkleidung den Ball und näherten sich, mit Vermittlung eines Freundes, ein jeder der Dame des anderen. Der Verführungsversuch soll Erfolg gehabt haben.“[6]

Die Legende geht sogar soweit, dass Kaiser Joseph II. höchstpersönlich Mozart und Da Ponte mit der Oper beauftragt habe, nachdem er in der Zeitung von dem delikaten Vorfall gelesen habe.[7]

Inwieweit der Kaiser in die Entstehungsgeschichte von „Così fan tutte“ verwickelt war, ist nicht bekannt. Constanze Natošević hat jedoch herausgefunden, dass Ferrando und Guglielmo durchaus auf historische Vorbilder zurückgehen könnten. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zogen zwei Brüder durch Europa und verdienten ihr Geld mit Betrügereien, Wetten und Heiratsschwindelei. Die Brüder gaben sich dabei als Adlige aus Albanien aus und auch Guglielmo und Ferrando werden in „Così fan tutte“ als „Ritter“ bzw. „Herren aus Albanien“[8] bezeichnet. Die Untaten von Premislas (1750-1774?) und Stepan Zanowitsch (1751-1786), die 1784 beinahe einen Krieg zwischen Holland und Venedig ausgelöst hätten, wenn Joseph II. ihn nicht durch sein Einschreiten verhindert hätte, dürften auch Mozart und Da Ponte bekannt gewesen sein.[9]

3 Literarische Vorlagen

Neben den möglichen historischen Vorbildern für die Figuren der Liebhaber wurde die Oper „Così fan tutte“ noch von einer ganzen Reihe stofflicher Vorlagen beeinflusst, denn sie war nicht das erste Werk, das sich mit dem Thema Treueprobe beschäftigte. Zu den ältesten literarischen Vorlagen für Da Pontes Opernlibretto gehören Ludovico Ariostos „Orlando furioso“ und Jacopo Sannazaros „L’Arcadia“ aus dem 16. Jahrhundert.[10]

Ariostos Epos von 1516 erzählt die Geschichte vom Ritter Orlando, der seiner großen Liebe Angelica nachjagt und schließlich im Wahnsinn endet. In die Haupthandlung eingeflochten ist u. a. die antike Geschichte von Cephalus und Procris aus Ovids „Metamorphosen“, in der es um eine Treueprobe zwischen Eheleuten geht. Cephalus verkleidet sich und versucht seine Frau zu verführen, um sie zu testen. Angestiftet wird er dazu von der Zauberin Melissa. Hier sind deutlich Parallelen zu „Così fan tutte“ zu erkennen. Außerdem entlehnte Da Ponte aus Ariostos Werk die Namen seiner Frauenfiguren: Aus Doraline wurde Dorabella, aus Fiordispina Despina und Fiordiligi konnte ihren Namen gar behalten.[11]

Aber auch die Grundaussage über unwiderrufliche Gesellschaftsumbrüche ist sowohl bei „Orlando furioso“ als auch bei „Così fan tutte“ zu finden. Orlandos Scheitern symbolisiert den Untergang der Epoche des Rittertums. Das Liebesideal, dem er nachjagt, hat in der Realität keinen Platz mehr. Es gehört der Vergangenheit an. Ebenso ergeht es den adligen Liebespaaren in Mozarts Oper: Ihr tugendhaftes Liebesideal entpuppt sich am Ende als Illusion und sie müssen schmerzvoll akzeptieren, dass sich die Zeiten gewandelt haben.[12] Natošević sagt dazu: „Wie eine Vertreibung aus dem Paradies wirkt die Lektion, die Don Alfonso den Paaren erteilt. Ein Zurück zum vorherigen Zustand erscheint ausgeschlossen. ... Es ist endgültig eine neue Zeit, die anbricht, für die Liebenden in der Oper ebenso wie in der realen Welt des Jahres 1789, des Entstehungsjahres von ‚Così fan tutte’.“[13]

Aus Sannazaros Schäferroman von 1504 hat Da Ponte sogar ein Zitat wörtlich übernommen, das er Don Alfonso im I. Akt, 7. Szene sprechen lässt: „Es pflügt das Meer und sät in den Sand / und hofft, den unsteten Wind im Netz zu fangen, / wer seine Hoffnungen auf das Herz einer Frau gründet.“[14] Don Alfonso ist sich bereits sicher, wie die Treueprobe ausgehen wird.

Bereits der Untertitel von „Così fan tutte“, nämlich „La scuola degli amanti“/“Die Schule der Liebenden“, weist auf den französischen Schriftsteller Molière hin. 1661 und 1662 erschienen von ihm zwei Komödien, die die Titel „Die Schule der Ehemänner“ und „Die Schule der Frauen“ trugen und in denen es um Liebe und Treue geht. Die Männer in diesen Stücken haben Angst davor, von ihren Frauen betrogen zu werden, und wie in einer Schule üblich werden ihnen Lektionen erteilt.[15]

Der Schriftsteller Marivaux entwickelte in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit seinen Theaterstücken das Genre der experimentalpsychologischen Komödie, in dessen Tradition auch „Così fan tutte“ steht. In seiner Komödie „La double inconstance“ (deutscher Titel: „Verführbarkeit auf beiden Seiten“) von 1723 soll mit Hilfe eines Verführungsplans eine Liebesbeziehung zerstört werden, um eine neue Paarkonstellation zu formen. Dies erinnert sehr an Da Pontes Opernplot, denn auch hier wird die Untreue nicht etwa durch Liebe ausgelöst, sondern durch Verführung. Eine weitere literarische Vorlage für „Così fan tutte“ findet sich in Marivaux’ Stück „La dispute“ von 1744. In einem Experiment soll hier geklärt werden, welches Geschlecht eher untreu wird, das männliche oder das weibliche.[16]

[...]


[1] Vgl. Wolfgang Willaschek. „‚Così fan tutte o sia La scuola degli amanti’: Von der Zwangslage des Herzens“. In: Ders. Mozart-Theater: Vom „Idomeneo“ bis zur „Zauberflöte“. Stuttgart, Weimar: Metzler, 1995. S. 245.

[2] Vgl. Herbert Rosendorfer. „Einige Gedanken zu ‚Così fan tutte’“. In: Wolfgang Amadeus Mozart: „Così fan tutte“ – Texte, Materialien, Kommentare. Hrsg. v. Attila Csampai u. Dietmar Holland. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1984. S. 184.

[3] Vgl. ebd. S. 184/185.

[4] Vgl. ebd. S. 185.

[5] Vgl. ebd. S. 189.

[6] Susanne Strasser-Vill. „Così fan tutte“: Werk und Wirkung auf dem Theater. Ausstellung der Bayerischen Vereinsbank und der Universität Bayreuth/Institut für Musiktheater. München: Bayerische Vereinsbank, 1978. S. 4.

[7] Vgl. Herbert Rosendorfer. „Einige Gedanken zu ‚Così fan tutte’“. S. 187.

[8] Wolfgang Amadeus Mozart. Così fan tutte oder Die Schule der Liebenden. Übersetzung von Dietrich Klose. Stuttgart: Reclam, 1990/1995. S. 73 u. 77.

[9] Vgl. Constanze Natošević. „Così fan tutte“: Mozart, die Liebe und die Revolution von 1789. 2. Auflage. Kassel [u.a.]: Bärenreiter, 2003. S 312-314.

[10] Vgl. ebd. S. 17.

[11] Vgl. Constanze Natošević. „Così fan tutte“. S. 18/19.

[12] Vgl. ebd. A. a. O.

[13] Ebd. S. 20.

[14] Wolfgang Amadeus Mozart. Così fan tutte oder Die Schule der Liebenden. S. 19. Vgl. auch Constanze Natošević. „Così fan tutte“. S. 19.

[15] Vgl. Constanze Natošević. „Così fan tutte“. S. 12.

[16] Vgl. ebd. S. 14-16.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Mozarts "Così fan tutte oder Die Schule der Liebenden"
Untertitel
Literarische Vorlagen und das Thema „Treueprobe“ im Aufklärungskontext
Hochschule
Universität Bremen
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
12
Katalognummer
V156689
ISBN (eBook)
9783640693672
ISBN (Buch)
9783668180918
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mozart, Cosi fan tutte, Die Schule der Liebenden, DaPonte, Bürgertum, Adel, Aufklärung, Treueprobe, Vorlagen, Orlando furioso, Ariosto, Sannazaro, L’Arcadia, La scuola degli amanti, Molière, Marivaux, Salieri, Experiment, Figurenanalyse, Oper
Arbeit zitieren
Annika Milz (Autor), 2005, Mozarts "Così fan tutte oder Die Schule der Liebenden", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/156689

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