Definition und Training der phonologischen Bewusstheit

Arbeitsfelder der Psychologie


Hausarbeit, 2010

26 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die phonologische Informationsverarbeitung
2.1 Phonologische Verarbeitung im Gedächtnis
2.2 Die Komponenten des Gedächtnismodells im Einzelnen
2.2.1 Die phonologische Schleife
2.2.2 Der Räumlich-visuelle Notizblock
2.2.3 Der Episodische Puffer
2.2.4 Die zentrale Exekutive
2.3 Phonologische Informationsverarbeitung bei der Lautzuordnung und -synthese

3 Bewusstheit und phonologische Bewusstheit
3.1 Definition der Bewusstheit
3.2 Phonologische Bewusstheit

4 Phonologische Bewusstheit im Zusammenhang mit Lese-Rechtsschreibprozessen

5 Diagnose und Trainingsmaßnahmen der phonologischen Bewusstheit
5.1 Diagnose der phonologischen Bewusstheit
5.2 Training der phonologischen Bewusstheit
5.3 Beispiele aus dem Trainingsprogramm „Hören, lauschen, lernen“
5.4 Anwendungsperspektive für den Beruf

6 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Wie aktuell ist Piaget? Mit dieser Fragestellung befasst sich das Seminar aus dem Bereich der Entwicklungspsychologie, das im Wintersemester 2009/2010 an der Leuphana-Universität angeboten wurde. Forschungsgruppen zu Fördermaßnahmen, die sich auf die schulische Leistungsentwicklung von Kindern und Jugendlichen be­ziehen, ziehen ihre Erkenntnisse aus unterschiedlichen Ansätzen psychologischer Fachwissenschaften. Einerseits dienen kognitionspsychologische Theorien als Grundlage und Ausgangspunkt lernfördernder Trainingsprogramme, andererseits dringen die konstruktivistischen Ansätze Piagets seitens der Entwicklungspsycholo­gie in schulische Förderprogramme ein. Mithilfe des Seminars soll nicht nur die ver­tiefende Auseinandersetzung mit diesen beiden elementaren Forschungsgebieten der Psychologie erzielt werden, auch die Differenzierung und die damit verbundene Ver- ortung der beiden Ansätze soll erlangt werden. Auf dieser Grundlage kann untersucht werden, welche Bedeutung die Ansätze Piagets in der heutigen Lernforschung haben.

Heute, fast ein Jahrhundert später beschäftigen uns die von Piaget aufgegriffenen Fragestellungen mehr denn je. Wie denkt das Kind? Auf welche Weise wird das Sprechen erlernt? Welches sind die sprachlichen Funktionen von Kindern? Piaget, der unter anderem auch Studien an seinen eigenen Kindern durchgeführt hat, befasste sich intensiv mit der Intelligenz- und Verhaltensforschung. Er zählt zu den Entwick­lern und Vertretern des Konstruktivismus, der mit seinen Thesen den Behaviourismus in seinen Grundfesten erschütterte. Die Sprachentwicklung wird seither immer weiter erforscht. Unterschiedliche Fachdisziplinen beschäftigen sich heute eingehend damit, wie beispielsweise die Soziolinguistik, die Entwicklungspsy­chologie oder auch der Literaturdidaktik.

Ursprünglich elementare Forschungsansätze Piagets finden sich in moderner Fachli­teratur kaum noch - die Fußnotenangaben, die sich direkt auf ihn beziehen sind rar geworden. Im heutigen Kontext kommen seine Ideen und Untersuchungen noch sub­til zum Einsatz, bzw. haben sich weitestgehend verselbstständigt und schwingen noch, an Erinnerungen gekoppelt, mit. Die Seminarteilnehmer haben die Aufgabe, ein für die aktuelle Schulpraxis relevantes Themengebiet vorzustellen und zu unter­suchen, dass an Piagets zum Teil weiterentwickelten Forschungen ansetzt. Unsere Gruppe befasst sich mit dem Gebiet der phonologischen Bewusstheit, weil diese uns als Studierende für das Lehramt mit dem Unterrichtsfach Deutsch in besonderem Maße begegnet und das Wissen auf diesem Gebiet unverzichtbar und äußerst praxis­relevant ist. Die vorliegende schriftliche Ausarbeitung geht folgender Fragestellung nach: Was ist die phonologische Bewusstheit, in welchem Zusammenhang steht sie mit Lese-Rechtsschreibprozessen und wie kann sie trainiert werden? In zunehmen­dem Maße werden auch durch die Forschung Störungsbilder evidenter, die nament­lich im Schulalltag keine Seltenheit mehr darstellen. Als Lehrende sind wir immer mehr Fachgebieten und wissenschaftlichen Erkenntnissen im Praxisleben ausgesetzt und benötigen entsprechende Kompetenzen, auf diese Störungsbilder aufmerksam zu werden und den Eltern mit Rat und Tat dabei zur Seite zu stehen. Die Sprachent­wicklungsstörungen, speziell Gebiete wie die Lese-Rechtschreib-Störung (LRS), ste­hen dabei im vordergründigen Interesse. Dieser Beitrag soll uns helfen, ein tieferes Verständnis der psychologischen Materie phonologische Bewusstheit zu erlangen und in Zukunft aufmerksamer und handlungsfähiger in dem Bereich zu sein, wenn uns Störungsbilder auf diesem Gebiet begegnen.

2 Die phonologische Informationsverarbeitung

Inwieweit die phonologische Informationsverarbeitung mit dem Erlernen des Lesens und Schreibens zusammenhängt, beschäftigt Forscher seit über einem Jahrhundert. Treten bei Schülern anhaltende Schwierigkeiten im Lese-Rechtschreibprozess auf, müssen Experten sich daher fragen, ob die Ursache in einer Schwäche der phonolo- gischen Verarbeitung im Gedächtnis zu finden ist. Hierfür wird sich im Nachfolgen­den am Gedächtnismodell von Baddeley orientiert. Bereits 1974 erstellten Baddeley und Hitch ein Basismodell über die Verarbeitung und Lagerung von Informationen im menschlichen Gedächtnis, welches nach weiteren Studien im Jahr 2000 um den episodischen Bereich erweitert wurde (Wellenreuther, 2007, S. 81). Durch die an­dauernde Überarbeitung wird dieses Gedächtnismodell als eines der Bedeutsamsten angesehen und soll nachfolgend näher erläutert werden.

2.1 Phonologische Verarbeitung im Gedächtnis

Baddeley und Hitch versuchten anhand ihres Mehrkomponentenmodells aus dem Jahr 1990 die zentrale Exekutive des menschlichen Arbeitsgedächtnisses, die ver­schiedene Subsysteme koordiniert und leitet, tiefergehend zu erläutern. Ihre Aufgabe besteht darin, die Verteilung der Prioritäten der Arbeitsvorgänge zu regeln.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Das Mehrkomponentenmodell nach Baddeley und Hitch (Wellenreuther, 2007, S. 81ff.)

Die Aufgabe der einzelnen Komponenten besteht darin, phonologische, also sprach- bezogene, und visuelle Informationen zu bearbeiten und Verknüpfungen von sprach­lichen mit visuellen Informationen herzustellen (Baddeley, 1997, S. 418ff.). Dem­nach unterstehen der zentralen Exekutive, wie in Abbildung 1 dargestellt, drei Spei- chermodule:

o die phonologische Schleife (Phonological Loop), o der räumlich-visuelle Notizblock (Visuospatial Sketchpad), o der episodische Puffer (Episodic Buffer)

Baddeley ging in seinem Modell davon aus, dass sowohl sprachliche als auch visuel­le Informationen von unterschiedlichen Bereichen, sogenannten Hilfssystemen des Arbeitsgedächtnisses, bearbeitet werden (Baddeley, 1997, S. 418ff.). Die Auseinan­dersetzung mit dem Mehrkomponentenmodell von Baddeley und Hitch ist Grundvo­raussetzung dafür, sich dem Themenbereich der phonologischen Bewusstheit wid­men zu können, da die Aufgabe der phonologischen Schleife eine bedeutende Rolle spielt. Zum besseren Verständnis werden die einzelnen Komponenten im nachfol­genden Kapitel kurz beschrieben.

2.2 Die Komponenten des Gedächtnismodells im Einzelnen

2.2.1 Die phonologische Schleife

Wie bereits erwähnt, besteht die Aufgabe der phonologischen Schleife darin, sprach­liche Informationen sowohl zu speichern als auch zu verändern. Nach Baddeley ist die phonologische Schleife in zwei Bereiche unterteilt: Den passiven phonologischen Speicher, der eine Sprache in Form von Lauten abspeichert und den artikulatorischen Kontrollprozess, der gesprochene Informationen durch inneres Sprechen, dem soge­nannten „Rehearsal“ auffrischt (Baddeley, 1997, S. 52ff.). Gesprochene Sprache ge­langt sofort in den passiven phonologischen Speicher, da dort sämtliche Laute der Sprache abgelegt sind. Er speichert auf Sprache basierendes Informationsmaterial ungefähr über einen Zeitraum von zwei Sekunden (Wellenreuther, 2007, S. 82f.). So wird demnach bei einer akustischen Reizung das Material auf bekannte Merkmale hin untersucht und, je nach Umgang mit dem sprachlichen Material, durch Wieder­holungen im Anschluss im phonologischen Kurzzeitspeicher behalten oder verges­sen. Besonders für schulisches Lernen ist dieser Kontrollprozess von elementarer Bedeutung, damit die neuen Informationen nicht verblassen. Gerade bezüglich des

Leseerwerbs spielt die Wiederholung eine tragende Rolle: Leseanfänger wiederholen bei der Synthese eines Wortes häufig den bereits erlesenen Wortanfang (z.B.: [l]-[la]- [lam]-[lamp]-[lampo]). Somit versuchen sie durch die ständige Wiederholung, das bereits Gelesene nicht wieder zu vergessen. Auch die Phonem-Graphem­Korrespondenz, wonach sprachlichen Lauten Schriftzeichen zuzuordnen sind, findet in der phonologischen Schleife statt. Visuelle schriftsprachliche Informationen dage­gen müssen, im Unterschied zu lautsprachlichen Informationen, zunächst kodiert und in ihre entsprechende phonetische Form umgewandelt werden. Das ständige innere Sprechen erhält die Informationen und schützt sie vor dem Verblassen, da die Erin­nerungen hierdurch aufgefrischt werden (Baddeley, 1997, S. 52ff.). Diese Erkennt­nisse weisen auf die Notwendigkeit einer intakten phonologischen Schleife hin, die eine Verbindung zum Langzeitgedächtnis herstellt. Bereits eine geringe Störung auf diesem Gebiet kann enorme Auswirkungen auf die Sprach-, Lese- oder Schreibent­wicklung des Kindes haben. Ebenso wie die phonologische Schleife ist auch der räumlich-visuelle Notizblock an das Langzeitgedächtnis gebunden. Seine Funktion wird im nachstehenden Kapitel erläutert.

2.2.2 Der Räumlich-visuelle Notizblock

Der räumlich-visuelle Notizblock ist für das vorübergehende Speichern von räumli­chen und visuellen Informationen verantwortlich und, ebenso wie die phonologische Schleife, ein System mit begrenzter Kapazität. Er ist zuständig für die Manipulation von visuellen und räumlichen Informationen. Die begrenzte Kapazität zeigt sich am offensichtlichsten an dem Effekt der Veränderungsblindheit, wonach man sich nur eine bestimmte Anzahl von Objekten merken kann. Die Verarbeitungssysteme für räumliche (z. B. Objektposition, -bewegung) und visuelle (z. B. Form, Farbe) Infor­mationen innerhalb des räumlich-visuellen Notizblocks werden getrennt bearbeitet. So lässt sich die räumliche Wahrnehmung kaum durch visuelle Aufgaben stören (ebd.). Auch wenn der räumlich-visuelle Notizblock im Hinblick auf die phonologi- sche Bewusstheit eher eine zweitrangige Verbindung hat, muss seine Aufgabe doch als Teil eines Gesamtkonstrukts verstanden werden. Die Phänomene des episodi­schen Puffers dagegen stehen weit mehr im direkten Zusammenhang mit der phono- logischen Bewusstheit und werden im folgenden Kapitel benannt.

2.2.3 Der Episodische Puffer

Im Verlauf seiner jahrelangen Forschungen bemerkte Baddeley Effekte, die sich mit dem ursprünglichen Drei-Komponenten-Modell aus dem Jahr 1974 nicht mehr erklä­ren ließen. Anhand von kontrastiven Untersuchungen gesunder Menschen und Men­sehen mit geschädigtem Kurzzeitgedächtnis fand Baddeley heraus, dass der Mensch sich normalerweise ca. 5 unterschiedliche Wörter merken kann. Haben die Wörter jedoch einen Zusammenhang, lässt sich z. B. aus ihnen ein Satz bilden, kann man sich in etwa 16 Wörter merken. Der ursprüngliche Gedanke, dass daran das Lang­zeitgedächtnis beteiligt ist, musste verworfen werden, da sich die Probanden mit zwar geschädigtem Kurzzeitgedächtnis aber funktionierendem Langzeitgedächtnis auch weiterhin nur die ca. 5 Wörter merken konnten. Das Langzeitgedächtnis war somit offensichtlich nicht an diesem Prozess beteiligt. Als Erklärung wurde von Baddeley im Jahr 2000 zu seinem Modell der episodische Puffer hinzugefügt. Es handelt sich dabei um ein multimodales Speichersystem und es kann sowohl visuelle als auch phonologische Informationen in Form von gebündelten „Episoden“ abspei­chern (Baddeley, 1997, S. 418ff.). An dieser Stelle zeigt sich, dass der episodische Puffer eine bedeutsame Rolle spielt, wenn es um die Speicherung im Langzeitge­dächtnis geht. Die Möglichkeit „gebündelte Episoden“ abspeichem zu können, kann gezielt für das Training der phonologischen Bewusstheit eingesetzt werden (s. Kapi­tel 5). Alle genannten Subsysteme werden von einem Metasystem, der zentralen Exekutive, gesteuert, die im Folgenden erläutert wird.

2.2.4 Die zentrale Exekutive

Als bedeutendste Aufgaben der zentralen Exekutive sah Baddeley an, dass sie eine Verbindung zum LZG herstellt sowie Aufmerksamkeit fokussiert, verändert und teilt. Im anfänglichen Modell wurde die zentrale Exekutive auch als Knotenpunkt all der­jenigen Prozesse angesehen, die sich augenfällig nicht einem der Subsysteme zuord­nen ließen (Baddeley, 1997, S. 52ff.). Leseanfänger beispielsweise erfassen optisch ein einzelnes Graphem und analysieren es mit Hilfe des Langzeitgedächtnisses und des räumlich-visuellen Skizzenblocks. Die zentrale Exekutive organisiert die ablau­fenden Prozesse der einzelnen Speicherkomponenten. Je mehr Wörter Leseanfänger durch ständige Wiederholung kennen und abgespeichert haben, desto leichter fällt ihnen das Wiedererkennen. Bekannte und abgespeicherte Muster sind für die zentrale Exekutive leichter bedienbar. Wird beispielsweise ein bekanntes Wort gelesen, so kann nach dem Erlesen der ersten Grapheme der Rest des Wortes automatisch er­gänzt werden, da es visuell wiedererkannt wurde oder, bei geübten Lesern, aus dem Kontext heraus geschlossen wird, um welches Wort es sich handelt. Demnach ist da­von auszugehen, dass für einen erfolgreichen Leseerwerb und den damit einherge­henden Schriftspracherwerb die Fähigkeit, mit Einheiten der Lautsprache operieren zu können, als Grundvoraussetzung anzusehen ist.

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Definition und Training der phonologischen Bewusstheit
Untertitel
Arbeitsfelder der Psychologie
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg  (Institut für Psychologie)
Veranstaltung
Wie aktuell ist Piaget?
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
26
Katalognummer
V158208
ISBN (eBook)
9783640715114
ISBN (Buch)
9783640715404
Dateigröße
572 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Definition, Training, Bewusstheit, Arbeitsfelder, Psychologie
Arbeit zitieren
Bettina Freude-Schlumbohm (Autor), 2010, Definition und Training der phonologischen Bewusstheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/158208

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Definition und Training der phonologischen Bewusstheit



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden