Wir erleben in unserer Gesellschaft eine ständig wachsende Informationsflut verbunden mit der Notwendigkeit, „sich verändernden Bedingungen im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereich anzupassen, konkurrenzfähig zu bleiben und Innovationen aus anderen Bereichen wie auch anderen Ländern nicht nachzustehen“ (Reinmann-Rothmeier/Mandl 1993, S. 233). Veränderungen in arbeitsorganisatorischer, technischer und gesellschaftlicher Hinsicht führen in vielen beruflichen Bereichen zu einer relativ raschen Veraltung berufsrelevanten Wissens, so dass von Erwerbstätigen eine zunehmende Lernbereitschaft gefordert wird. Der aktuelle Bildungsbericht (Bildung in Deutschland 2010, S. 135) weist darauf hin, dass insbesondere die berufliche Weiterbildung einen wichtigen Faktor für die „individuelle berufliche Mobilität und Behauptung am Arbeitsplatz“ darstellt. Lernen findet also nicht mehr nur in Schule und Ausbildung statt, sondern ein lebenslanges Lernen wird notwendig. In diesem Kontext kommt insbesondere der Fähigkeit zu selbstgesteuertem Lernen eine hohe Bedeutung zu. Allerdings beinhaltet dieser Begriff eine gewisse Ambivalenz. Hat der Erwerbstätige die Möglichkeit, seinen Lernprozess selbstbestimmt und eigenverantwortlich zu gestalten, d.h. beispielsweise zu lernen, wo und wann er mag und wie es seinem Lernzweck dienlich ist oder ist er nicht letztendlich zu einem lebenslangen selbstgesteuerten Lernen verpflichtet, um seine Erwerbsfähigkeit zu erhalten? (Drees 2009, S. 81/82)
In der vorliegenden Hausarbeit soll also der Frage nachgegangen werden, ob selbstgesteuertes Lernen für den Erwerbstätigen Autonomie und Wahlfreiheit bedeutet oder ob es für ihn eine fremdbestimmte Verpflichtung darstellt. Dazu werden zunächst in Kapitel 2 eine Begriffsdefinition sowie eine lerntheoretische Verortung selbstgesteuerten Lernens vorgenommen. In Kapitel 3 wird auf die Voraussetzungen des selbstgesteuerten Lernens eingegangen und in Kapitel 4 schließlich ein theoretisches Modell selbstgesteuerten Lernens vorgestellt. Kapitel 5 beinhaltet die Dimensionen der Selbststeuerung und stellt Lernen im Spannungsfeld zwischen Selbstlernen und Fremdbestimmung in den Vordergrund. Die Arbeit endet mit einem Fazit in Kapitel 6, das die eingangs gestellte Frage abschließend betrachtet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretische Grundlagen
2.1. Begriffliche Klärung „Selbstgesteuertes Lernen“
2.2. Lerntheoretische Verortung
3. Voraussetzungen des selbstgesteuerten Lernens
4. Das Drei-Schichten-Modell des selbstgesteuerten Lernens (Boekaerts 1999)
5. Dimensionen der Selbststeuerung
5.1. Lernziel, Lerninhalte und Lern(erfolgs)kontrolle
5.2. Lernweg und Lernorganisation
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, inwieweit selbstgesteuertes Lernen in der beruflichen Bildung als echte Autonomie und Wahlfreiheit oder als fremdbestimmte Verpflichtung zur Erhaltung der Erwerbsfähigkeit zu verstehen ist. Dabei wird das Spannungsfeld zwischen individueller Selbstbestimmung und betrieblichen Notwendigkeiten analysiert.
- Theoretische Verortung und Definition selbstgesteuerten Lernens
- Anforderungen an den Lernenden und notwendige Kompetenzen
- Analyse des Drei-Schichten-Modells nach Boekaerts
- Die Dimensionen der Selbststeuerung im betrieblichen Kontext
- Herausforderungen und Ambivalenzen der Selbststeuerung in der Praxis
Auszug aus dem Buch
2.1 Begriffliche Klärung „selbstgesteuertes Lernen“
Bei der Recherche nach einer begrifflichen Klärung fällt auf, dass in der Fachliteratur kein einheitliches Begriffsverständnis zum selbstgesteuerten Lernen vorliegt. Begriffe wie selbstreguliertes, selbstorganisiertes oder selbstgesteuertes Lernen sowie self-regulated oder self-directed learning werden häufig synonym, teilweise aber auch unterschiedlich verwendet. In der deutschsprachigen Literatur hat sich nach Dohmen (1996, S. 44) der Begriff des selbstgesteuerten Lernens durchgesetzt. Aufgrund der Begriffsvielfalt verwundert es auch nicht, dass „keineswegs allgemeingültig geklärt ist, was überhaupt als selbstgesteuertes Lernen gelten soll“ (Drees 2009, S. 82).
Im Sinne der mit dem Thema der vorliegenden Arbeit aufgeworfenen Frage wird auf Definitionen eingegangen, die dazu beitragen, Fremd- und Selbstbestimmung beim selbstgesteuerten Lernen zu klären.
Weinert (1982, S. 102) bezeichnet jene Lernformen als selbstgesteuert, bei denen „der Handelnde die wesentlichen Entscheidungen, ob, was, wann, wie und woraufhin er lernt, gravierend und folgenreich beeinflussen kann“. Diese Definition betont die vielfältigen Handlungsspielräume des Lernenden beim selbstgesteuerten Lernen im Unterschied zum fremdgesteuerten Lernen, wo die Gestaltung des Lernprozesses maßgeblich durch andere Personen bestimmt wird (Schiefele/Pekrun 1996, S. 249). Knowles (1975, S. 18) definiert selbstgesteuertes Lernen als einen Prozess, „in which individuals take the initiative, with or without the help of others, in diagnosing their learning needs, formulating learning goals, identifying human and material resources for learning, choosing and implementing appropriate learning strategies, and evaluating learning outcomes.”
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die steigende Bedeutung lebenslangen Lernens durch den demografischen Wandel und gesellschaftliche Veränderungen und führt in die zentrale Problemstellung der Ambivalenz von Selbststeuerung und Fremdbestimmung ein.
2. Theoretische Grundlagen: Dieses Kapitel klärt den Begriff des selbstgesteuerten Lernens in der Fachliteratur und verortet ihn in den konstruktivistischen Lerntheorien.
3. Voraussetzungen des selbstgesteuerten Lernens: Hier werden die motivationalen, kognitiven und metakognitiven Kompetenzen beschrieben, die für erfolgreiches selbstgesteuertes Lernen notwendig sind.
4. Das Drei-Schichten-Modell des selbstgesteuerten Lernens (Boekaerts 1999): Dieses Kapitel stellt das Drei-Schichten-Modell als theoretischen Rahmen vor, um die Anforderungen an den Lernenden auf verschiedenen Steuerungsebenen zu veranschaulichen.
5. Dimensionen der Selbststeuerung: Die verschiedenen Dimensionen wie Lernziele, Lerninhalte und Lernorganisation werden hinsichtlich ihres Grades an Selbst- bzw. Fremdbestimmung analysiert.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und diskutiert das selbstgesteuerte Lernen als Idealbild, welches jedoch in der Praxis häufig durch ökonomische Zwänge der Unternehmen eingeschränkt wird.
Schlüsselwörter
Selbstgesteuertes Lernen, berufliche Bildung, Autonomie, Fremdbestimmung, Lebenslanges Lernen, Lernkompetenz, Drei-Schichten-Modell, Konstruktivismus, Lernmotivation, Metakognition, Lernstrategien, betriebliche Weiterbildung, Arbeitsanforderungen, Selbstregulation, Qualifizierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Konzept des selbstgesteuerten Lernens im Kontext der beruflichen Bildung und untersucht, ob dieses für Erwerbstätige tatsächliche Freiheit oder eine erzwungene Belastung darstellt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind Lerntheorien, notwendige Lernkompetenzen, theoretische Modelle der Selbstregulation sowie die praktische Umsetzung von Lernarrangements in Unternehmen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu klären, ob selbstgesteuertes Lernen dem Individuum Autonomie bietet oder ob es eine fremdbestimmte Verpflichtung zur fortlaufenden Anpassung an betriebliche Erfordernisse ist.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturrecherche und der theoretischen Analyse bestehender Konzepte und Modelle zum selbstgesteuerten Lernen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Begriffsbestimmung, die Darstellung notwendiger Lernvoraussetzungen, die Analyse des Boekaerts-Modells sowie die Untersuchung einzelner Dimensionen der Selbststeuerung im beruflichen Alltag.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören Selbstgesteuertes Lernen, berufliche Bildung, Autonomie, Fremdbestimmung, Metakognition und Lernorganisation.
Inwiefern spielt das Drei-Schichten-Modell von Boekaerts eine Rolle?
Das Modell dient als Rahmen, um die Komplexität der Anforderungen an Lernende darzustellen, indem es die Regulation des Selbst, des Lernprozesses und des Informationsverarbeitungsmodus miteinander verknüpft.
Warum wird selbstgesteuertes Lernen oft als Zwang wahrgenommen?
Weil viele betriebliche Rahmenbedingungen und Lerninhalte bereits durch den Arbeitgeber festgelegt sind und der Mitarbeiter zur Sicherung seines Arbeitsplatzes zur ständigen Kompetenzanpassung verpflichtet ist.
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- Marion Biroth (Author), 2010, Selbstgesteuertes Lernen in der beruflichen Bildung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159643