"Hath not a gentle Jew eyes?"

Charakterisierungstransformationen der Shylock-Figur aus Shakespeares “Kaufmann von Venedig” in den Übersetzungen von August Wilhelm Schlegel und Erich Fried


Seminararbeit, 2010

40 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. „Der Kaufmann von Venedig“
a. Kurzübersicht und skizzierter Handlungsverlauf
b. Ambivalenz der Shylock-Figur

III. Erich Fried als Mensch und Übersetzer

IV. Translationspraxis von August Wilhelm Schlegel

V. Szenenanalyse
a. Methodologische Vorüberlegungen
b. Erstes Textbeispiel: Akt 1, Szene 3
i. Dramenanalytische Einbettung
ii. Übersetzungsvergleich
c. Zweites Textbeispiel: Akt IV, Szene 1
i. Dramenanalytische Einbettung
ii. Übersetzungsvergleich

VI. „Fazit“

VII. Zu guter Letzt…

VIII. Bibliografie
a. Literatur
b. Internet

„Hath not a gentle Jew Eyes?“

Charakterisierungstransformationen der Shylock-Figur aus Shakespeares “Kaufmann von Venedig” in den Übersetzungen von August Wilhelm Schlegel und Erich Fried

I. Einleitung

„“The poor man is wronged!“(…)Ich habe sie nie vergessen können, diese großen und schwarzen Augen, welche um Shylock geweint haben!“[1]

Dass Heinrich Heine in „Shakespeares Mädchen und Frauen“, so der Titel eines Sammelbandes von Kupferstichen mit Erläuterungen des Düsseldorfer Autors, seinen Kommentar zum Bildnis der „Jessica“ aus dem Kaufmann von Venedig ausgerechnet mit ihrem Vater einleitet, scheint äußerst seltsam anzumuten. Mit seiner Anekdote über die um Shylock mit Tränen trauernde Theaterbesucherin liefert Heine eine ungewohnt mitleidsbetonte Perspektive auf Shakespeares monströsen und rachsüchtigen Juden. Es wirkt doch irgendwie befremdlich, Empathie für eine Person aufzubringen, die sich derart vehement dagegen wehrt, von einer sympathischen Aura vereinnahmt zu werden: Eine Figur, der das Töten als einzig verbleibendes, adäquates Instrument erscheint, um den eigenen Sinn nach Gerechtigkeit befriedigen zu können. Ein Geldverleiher, dessen Verhalten noch nicht einmal mit finanzieller Raffsucht entschuldigt werden kann, da er für seinen Wahn nach Vergeltung selbst die vielfache Entschädigung seines Verlustes ablehnt. Ein Vater, der sich seine davongelaufene Tochter, die alles ist, was von seiner Familie noch übrig geblieben ist, lieber tot als ungehorsam wünscht.

Und doch, mit dem erahnenden Gefühl, dass die Konzeption Shylocks als Gegenfigur zur Einheitsfront der innigen Freundschaft, grenzenlosen Großmütigkeit und gütigen Liebe, die das Beziehungsgeflecht der übrigen Figuren im „Kaufmann von Venedig“ zu charakterisieren scheint, nicht ganz so eindeutig, simpel und eindimensional „böse“ ist, gibt Heine weit mehr als ein rein subjektives Geschmacksurteil ab. Auch wenn Shylock nur eine äußerst geringe Identifikationsfläche bietet, so führt die Entwicklung seiner Rolle, eben die von Shakespeare nicht praktizierte Schwarz-Weiß-Färberei, am Ende dazu, dass der Rezipient die vollkommene „Entmündigung“ des Antagonisten in der Gerichtsszene – trotz Sieg des Lebens – nur mit einem bitteren Beigeschmack akzeptieren kann.

In dieser Arbeit soll genau an dieser Stelle der Anknüpfungspunkt für einen der zwei Schwerpunkte innerhalb meiner Untersuchungen gesetzt werden, nämlich die sprachliche Gestaltung einer der problematischsten Verkörperung eines Juden der Weltliteratur: Ohne Zweifel handelt es sich bei „Shylock“ um eine durchgehend ambivalente Figur. Doch wie zwiespältig und wie monströs „darf“ die Figur des „teuflischen“ Juden nach 1945 eigentlich noch gestaltet sein? Ohne dabei zu sehr in ethische Kategorien zu (ver-)rutschen, interessiert mich besonders der Vergleich zweier Übersetzungen „vor“ und „nach“ der alles verändernden Erfahrung des nationalsozialistischen Terrorregimes im Dritten Reich. Der zweite Schwerpunkt, von dem ausgehend die Erkundung nach einer Modifikation der Shylock-Gestalt nach dem Zweiten Weltkrieg behandelt werden soll, stellt die Übersetzung des „Kaufmann von Venedig“ durch Erich Fried dar. Um einen Referenzpunkt zu diesem zu erhalten, also ein „davor“, soll die Übersetzung von August Wilhelm Schlegel als Vergleichstext dienen.

Als „rotem Faden“ der Analyse möchte ich der Frage folgen, wie sich die zwangsläufig im Bewusstsein Erich Frieds verankerte Kenntnis des Holocausts auf seine Übersetzertätigkeit ausgewirkt hat. Ist sein Werk frei von antisemitischen Einschreibungen, die man unter Umständen der Vorlage vorwerfen könnte? Oder aber versteht sich Frieds Arbeit vielmehr als eine Aktualisierung, in der er solch unter Umständen als problematisch aufgefasste Passagen für den Leser seiner Generation und später transformiert hat? Wenn ja, auf welche Art und Weise ist ihm dies gelungen? Befähigte konträr dazu das von Weltkriegen und Genozid befreite „Unwissen“ August Wilhelm Schlegel zu einer freieren Translation, weil dieser weniger für antisemitistische Nuancen sensibilisiert gewesen ist als sein beinahe zwei Jahrhunderte später agierender Nachfolger?

Nachdem ich zunächst der grundlegenden Frage folgen möchte, worin sich überhaupt die Problematik des Shakespeare’schen Shylock manifestiert, möchte ich anschließend die Übersetzung des „Kaufmann von Venedig“ durch Erich Fried in den Fokus meiner Analyse rücken: Nach einer biographischen Einbettung werden im Direktvergleich zu Schlegel zwei Textstellen genauer hinsichtlich feinster Differenzen beschrieben und in Bezug auf neu eingeschriebene, also im Original nicht evozierte Konnotationen gedeutet. Zum Abschluss soll dann eine genauere Kontextualisierung des Fried’schen „Kaufmanns“ aus übersetzungstheoretischer Perspektive vorgenommen werden.

II. „Der Kaufmann von Venedig“

a. Kurzübersicht und skizzierter Handlungsverlauf

Shakespeare rekurrierte beim Verfassen seines „Kaufmann von Venedig“, der 1600 in London als erste Quartoausgabe erschien und vermutlich im Zeitraum zwischen 1596 und 1598 entstanden ist, auf zwei wesentliche Vorlagen: Giovanni Fiorentinos Erzählsammlung „Il Pecorone“, deren Erstdruck mit 1558 datiert wurde, entnahm er nicht nur die gleichen Schauplätze Venedig und Belmont, sondern auch die Handlungsparallelen des Schuldscheinmotivs, der Werbung um die Frau und der Ring-Episode. Die mittelalterliche Fabelsammlung „Gesta Romanorum“ stand Vorbild für die zur Prüfung der Freier festgesetzte Kästchenwahl.

Die Frage nach der Gattung dieser „Historie“, wie der „Kaufmann“ in der Erstausgabe noch neutral untertitelt wurde, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Zwar belegte man das Werk schon in der Folioausgabe von 1623 seines glücklichen Ausgangs wegen mit dem Beinamen „Komödie“, doch war bereits das elisabethanische Publikum nicht imstande, die Geschichte um Antonio und Shylock völlig ungetrübt fröhlich aufzunehmen, weshalb sie schon von Beginn an vielmehr als „Tragikomödie“ rezipiert wurde. Während Nicholas Rowe das Stück im 18. Jahrhundert dann unter das Genre „Rachetragödie“ einzuordnen versuchte, verstand es Heinrich Heine 1838 längst „den „Kaufmann von Venedig“ zu den Tragödien zu rechnen, obgleich der Rahmen des Stückes von den heiteren Masken, Satyrbildern und Amoretten verziert ist, und auch der Dichter eigentlich ein Lustspiel geben wollte.“[2] Die schwierige und in der Vergangenheit immer wieder modifizierte Beurteilung der Gattungszugehörigkeit, hängt laut dem Literaturwissenschaftler Manfred Pfister davon ab, wie wirklichkeitsfern das Stück betrachtet wird, also wie viel an märchenhaftem Charakter wiederentdeckt werden kann.

Die Geschichte des „Kaufmann von Venedig“ unterteilt sich analog zu den zwei Schauplätzen Venedig und Belmont in zwei wesentliche Handlungsstränge, die sich im Laufe des Stücks immer mehr miteinander verzahnen: Zum einen wird das Schuldscheinmotiv eingeführt, indem der mittellose Bassanio seinen engsten Freund Antonio, den Kaufmann von Venedig, um Geld für die chancenreichere Werbung seiner Angebeteten bittet. Die Illiquidität Antonios aber erzwingt den Gang zum verhassten Geldverleiher Shylock, der den Freunden zwar die Summe aushändigt, aber nur unter der Bedingung, bei nicht fristgerechter Rückzahlung ein Pfund Fleisch aus Antonios Körper herausschneiden zu dürfen. Mit der angemessenen Mitgift ausgestattet kann sich Bassanio also auf die Reise nach Belmont begeben, wo er nach bestandener „Freierprobe“ schließlich die Brautschau für sich entscheiden und die schöne Portia zu seiner Frau nehmen kann. Gleichzeitig flüchtet Shylocks Tochter mitsamt dem väterlichen Vermögen und ihrem Geliebten Lorenzo aus der Stadt. Inzwischen konnte Antonio aufgrund unvorhergesehener Verzögerungen im Schiffsverkehr seine Rückzahlung nicht leisten. Es kommt zu einer Gerichtsverhandlung, im Laufe derer Shylock zunächst noch volles, am Ende jedoch gar kein Recht auf Vollzug seines Schuldscheins mehr zugesprochen wird. Grund dafür ist die als Mann verkleidete Portia, die den besten Freund ihres Gatten durch eine übergenaue Auslegung des Gesetzes vor dem Tod bewahrt. Shylock hingegen werden all seine Besitztümer abgenommen, er wird zur augenblicklichen Konversion seines Glaubens gezwungen, sein Leben aber wird begnadigt.

b. Ambivalenz der Shylock-Figur

„Der Kaufmann von Venedig“ ist unumstritten eines der problematischsten Stücke im Gesamtwerk Shakespeares, und dieser Umstand ist einzig und alleine der sehr zwiespältig betrachteten Figur des Shylocks anzulasten. Von einigen Kritikern als überaus antisemitisch beurteilt, wird im Verlauf der Handlung zwar einerseits die ständige Erniedrigung und letztlich sogar vollständige Entrechtung des Juden dargestellt, was zwar eine Diskriminierung abbildet, deswegen ja aber keineswegs diskriminierend ist, andererseits jedoch erscheint diese finale „Entmündigung“ nur als Konsequenz der vorhergegangenen Ereignisse und legitimiert offenbar jegliche Art von Demütigung gegenüber dem personifizierten Teufel in Menschengestalt, ganz so, als ob Shylock kein besseres Schicksal als das ihm zugeteilte verdient hätte. Der Literaturwissenschaftler Edgar Neis beendet die Diskussion um die Bewertung Shylocks, indem er sie im Grunde wieder neu anzündet. Für ihn ist aufgrund der so stark eindeutigen „Uneindeutigkeit“ letzten Endes nur die eigene Meinung ausschlaggebend: „Man konnte Shylock anti- oder philosemitisch deuten, es kam nur auf die eigene Überzeugung an.[3]

Bevor näher auf die Charakterisierung des Antagonisten, seine Auftritte und deren Funktion innerhalb der Dramenstruktur eingegangen wird, sollte zunächst einmal Shakespeares Haltung gegenüber der „Judenfrage“ zumindest kurz angerissen werden: Weder Shakespeare noch sein Londoner Theaterpublikum haben, dies kann mit einer hohen Wahrscheinlichkeit behauptet werden, jemals einen in ihrer Gesellschaft integrierten und den jüdischen Glauben praktizierenden Menschen getroffen. Bereits 1290 offiziell außer Landes verwiesen, verblieb nur ein minimaler Teil der jüdischen Bevölkerung assimiliert oder getarnt im England des ausgehenden 16. beziehungsweise des beginnenden 17. Jahrhunderts. Zwar vermutet der deutsche Theaterkritiker und Mitbegründer des Kulturbunds Deutscher Juden, Julius Bab, Shakespeare habe sich während seiner Italienreise den eigentümlichen Sprachstil der dort viel zahlreicher vertretenden jüdischen Händler angeeignet, doch steht für ihn auch fest, dass für den Engländer Shakespeare das Judentum „als soziales Problem (…) jedenfalls nicht vorhanden war“[4].

Versucht man über den Weg der Bühnengeschichte des „Kaufmanns“ das Phänomen der Ambivalenz Shylocks besser in den Griff zu bekommen, so ist man schnell überrascht von den schwindelerregenden Wandlungen, von denen diese Figur in der Theaterpraxis betroffen war: Während im 18. Jahrhundert die Inszenierungen des Juden zwischen komisch-groteskem Narr zum kriminellen Dämon pendelt, gestaltet Edmund Kean „seinen“ Shylock 1814 zum ersten Mal als ein auf die Sympathie der Figur abzielendes, mitleiderregendes Schauspiel. Im Deutschland des 20. Jahrhunderts nahm unter der nationalsozialistischen Diktatur die Zahl der Aufführungen des „Kaufmann von Venedig“ drastisch ab, erst nach einer längeren Phase der zeitlichen Distanzierung wagte man sich wieder an den schwierigen Stoff. Eine neue Nuancierung erfuhr die Rolle des Antagonisten 1988 unter der Regie von Peter Zadek, der seinen schonungslos offenen Blick auf Shylock und die seinem Wesen inhärente Doppeldeutigkeit auch unter Preisgabe politischer Korrektheit in den Mittelpunkt seiner Darstellung rückte. Anhand dieses bis heute andauernden Schwankens zwischen dem blutrünstigen Monstrum, das nur Dank der Gnade der christlichen Venezianer vor seine verdienten Todesstrafe bewahrt wird, und dem marginalisierten Außenseiter, der mit jeder Herabsetzung mehr zum musterhaften Typus des verspotteten Opfers selbstherrlichen Unterdrückertums wird, kann die Ambivalenz der Figur alleine schon theatergeschichtlich begründet werden.

In insgesamt fünf Szenen des „Kaufmann von Venedig“ tritt Shylock persönlich auf (I. Akt, dritte Szene; II. Akt, fünfte Szene; III. Akt, erste und dritte Szene; IV. Akt, erste Szene), in drei weiteren erfährt der Rezipient über Dritte wichtige Informationen zu seinem Wesen (II. Akt, zweite, dritte und achte Szene). Daraus ergibt sich für eine Charakterisierung des selbigen die Untergliederung in drei Kategorien: Shylock als Geldverleiher, als Vater und als gedemütigter Jude.

Wie bereits erwähnt, liegen die Ursachen für Shylocks zwiespältige Beurteilung in seiner ebenso zweigeteilten Haltung gegenüber der Welt, die sich mithilfe aller drei Kategorien ablesen lässt: Zum einen agiert er in der Art und Weise wie er als „Wucherer“ anderen durch Verzinsung ihre Schulden erhöht und sein Kapital vermehrt, berechnend, linkisch und alles andere als vertrauenserweckend. So beruft er sich zur Rechtfertigung seiner Rendite-Politik auf die Bibel, was den zuhörenden Christen nur als blasphemisch aufstoßen kann.

Seine Tochter Jessica beschreibt ihr Eigenheim als „Hölle“, weshalb sie keinen Augenblick lang zögert, um diese ihr vom Vater auferlegten Ketten zu sprengen und seinem Käfig zu entrinnen. Shylock dagegen bestätigt nur die Aussagen seines sich von ihm abgewendeten Kindes, indem er nach der Flucht den Eindruck erweckt, es machten ihn nur die mit Jessica verschwundenen materiellen Besitztümer rasend vor Zorn. Er verflucht sie für den Umstand, dass sie es wagte, sich gegen ihren Vater aufgelehnt und dabei noch gemeinsame Sache mit seinen ärgsten Feinden gemacht zu haben. Von Sorge um das letzte Überbleibsel seiner Familie hingegen scheint der Geldverleiher ganz und gar nicht ergriffen zu sein.

Wirklich erheitern kann ihn nur das Unglück seiner Feinde, zu denen er – sein von Hass geprägtes Verhältnis zu Antonio auf eine übergeordnete Zwietracht beider Religionen übertragend – das ganze Christentum zählt. Gegenüber seinem Schuldner verhält er sich äußerst pedantisch und hartherzig, seinem Durst nach Rache höchste Priorität zuordnend unterstellt er seinem gnadenlosen Pochen auf Gerechtigkeit selbst die größte finanzielle Gewinnausschöpfung. Hass, Verbitterung und tiefe Feindseligkeit sind jene Triebfedern, die ihn nach dem Pfund Fleisch lüstern und jedes Ansuchen seiner Umwelt nach Güte und Gnade überhören lassen.

Zum anderen könnten Shylock all diese Vorwürfe gegen ihn als Geldverleiher, Vater und Jude mit Gerechtigkeitssinn aber auch genauso gut positiv, „für den Angeklagten“ ausgelegt werden: Dass er für seine Kredite Zinsen nimmt, ist schlichtweg marktwirtschaftlich gedacht, und die Tatsache, dass man nur durch Kapital noch mehr Kapital zu erzeugen befähigt ist, beschreibt einen Grundwesenszug des damals zwar noch nicht in seiner vollen Größe existenten, sich aber dennoch anbahnenden Kapitalismus. Nachdem die christliche Mehrheit seit dem frühen Mittelalter die jüdischen Mitbürger geradezu dazu zwang, das verabscheuungswürdige und schmutzige Geschäft des Geldhandels zu übernehmen, macht man ihnen jetzt genau diesen Aspekt zum Strick oder wie Heinrich Heine dies festhält: „Man zwang sie, reich zu werden, und hasste die dann wegen ihres Reichtums.“[5] Nichts anderes als Neid steht in dieser Interpretation zwischen Antonio und Shylock, zwischen dem Christen und dem Juden. Der in Polen geborene Literaturprofessor und Rabbiner Cuno Chanan Lehrmann drückt es so aus: „Der vornehme Kaufherr Antonio hasst den Juden, nicht weil er es verdient, sondern weil er verdient.“[6]

Wiederum Heinrich Heine ist es, der das Verhältnis von Rabenvater und unter ihm schwer leidender Tochter umkehrt: Er verurteilt Jessica als gelangweiltes Mädchen, deren Leichtfertigkeit sie dazu veranlasste, ihren sie wahrhaftig liebenden Vater zu hintergehen und zu verraten. Als ein Indiz für diese These spricht Shylocks Äußerung im Gerichtsaal, als er andeutet, wie gerne er seine Tochter vor jenen „Christenmännern“ hätte bewahren wollen, die ihre Frauen wie ein nettes, aber eben nicht notwendiges Luxusgut zu verschleudern bereit wären, könnten sie damit nur einem Freund helfen. Auch Shylocks Familiensinn wird implizit abgebildet, wenn er um den für ihn so unfassbar hohen Wert jenes Ringes trauert, den er einst seiner Frau Leah geschenkt hatte: „I would not have given it for a wilderness of monkeys.“ (Akt III, Szene 1). Dass er sich um sein einziges Kind nicht sorgt, kann ebenfalls nicht genauso gut anders gedeutet werden: Eben weil er so außer sich ist, einerseits doch vor Zorn über seinen materiellen Schaden, andererseits aber vor allem über den Vertrauensbruch und Verrat, den ihm Jessica zugefügt hat, bleibt ihm das einzige Mittel seine Wut zumindest ein Stück weit zu kompensieren, dass er der Welt, am meisten aber sich selbst, die wahre Bedeutung dieses Verlustes nicht eingesteht, weil er zu schmerzhaft wäre. Stattdessen rennt er wie kopflos und vom Wahn gepackt durch die Straßen und gibt vor, seine Dukaten und seine Tochter würden auf einer Werteskala auf der gleichen Stufe stehen. Im Grunde spielt er seinen Widersachern damit auch nur das Bild vor, was diese sich eh schon längst und unabänderlich von ihm gemacht haben. Darüber hinaus weiß er auch, dass die Rolle des fürsorgenden, von seiner eigenen Familie verletzten Vaters seinen Feinden letztlich nur mehr Angriffsfläche bieten würde.

[...]


[1] Heine, Heinrich: „Shakespeares Mädchen und Frauen.“ Melzer Verlag. Neu-Isenburg, 2006. S. 178.

[2] Ebd., S. 178.

[3] Neis, Edgar: „Königs Erläuterungen und Materialien. William Shakespeare – Der Kaufmann von Venedig.“ Hrsg. von Bahners, Klaus / Eversberg, Gerd / Poppe, Reiner. 3., überarbeitete Auflage. C. Bange Verlag, Hollfeld 1999. S. 77.

[4] Bab, Julius: „Der Jude – Ein Mensch.“ In: Neis, Edgar: „Königs Erläuterungen und Materialien. William Shakespeare – Der Kaufmann von Venedig.“ Hrsg. von Bahners, Klaus / Eversberg, Gerd / Poppe, Reiner. 3., überarbeitete Auflage. C. Bange Verlag, Hollfeld 1999. S. 87.

[5] Heine, Heinrich: „Shakespeares Mädchen und Frauen.“ Melzer Verlag. Neu-Isenburg, 2006. Seite 194.

[6] Lehrmann, Cuno Chanan: „Der Jude – Ein Opfer der Christen?“ In: Neis, Edgar: „Königs Erläuterungen und Materialien. William Shakespeare – Der Kaufmann von Venedig.“ Hrsg. von Bahners, Klaus / Eversberg, Gerd / Poppe, Reiner. 3., überarbeitete Auflage. C. Bange Verlag, Hollfeld 1999. Seite 93.

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
"Hath not a gentle Jew eyes?"
Untertitel
Charakterisierungstransformationen der Shylock-Figur aus Shakespeares “Kaufmann von Venedig” in den Übersetzungen von August Wilhelm Schlegel und Erich Fried
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
40
Katalognummer
V165051
ISBN (eBook)
9783640805167
ISBN (Buch)
9783640804924
Dateigröße
758 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Shylock, Shakespeare, Kaufmann von Venedig, Merchant of Venice, Erich Fried, August Wilhelm Schlegel, Übersetzung, Übersetzungsvergleich
Arbeit zitieren
Kristin Hellinger (Autor:in), 2010, "Hath not a gentle Jew eyes?", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/165051

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