Zielorientierungen stellen neben kognitiven Faktoren eine zentrale Einflussgröße schulischer Leistungsentwicklung dar. Im Mittelpunkt stehen dabei die Bereitschaft, Wissen aktiv zu erweitern (Lernzielorientierung), und die Tendenz, Anstrengung zu vermeiden (Arbeitsvermeidung). Die vorliegende Studie zielt darauf ab, die Ausprägung dieser beiden Orientierungen sowie ihren Zusammenhang im Philosophieunterricht zu untersuchen. Dazu wurden 23 Schüler:innen der Jahrgangsstufe 5 mithilfe einer fachspezifisch adaptierten Version des SELLMO-Fragebogens befragt. Die Ergebnisse zeigen ein Muster niedriger Lernzielorientierung bei gleichzeitig überdurchschnittlicher Arbeitsvermeidung, sodass weder die Annahme einer höheren Lernzielorientierung noch die Erwartung eines negativen Zusammenhangs bestätigt werden konnten. Die Befunde widersprechen gängigen fachdidaktischen und zieltheoretischen Annahmen. Zugleich verweisen sie auf die Bedeutung von Kontextfaktoren und darauf, dass auch widersprüchliche Ziele parallel verfolgt werden können. Darüber hinaus stehen sie im Einklang mit internationalen Studien, die einen langfristigen Rückgang lernförderlicher Zielorientierungen dokumentieren. Insgesamt machen die Ergebnisse auf eine ambivalente und situativ flexible Zielstruktur im Philosophieunterricht aufmerksam. Sie leisten einen ersten explorativen Beitrag zur Erforschung Zielorientierungen in diesem bislang wenig beforschten Feld – mit unmittelbaren Implikationen für Theorie und schulische Praxis.
Inhaltsverzeichnis
- 1. Theoretischer Hintergrund.
- 1.1. Grundlagen und Relevanz der Motivationspsychologie im schulischen Kontext.
- 1.2. Zielorientierungen als Untersuchungsrahmen
- 1.3. Zielorientierungen im Philosophieunterricht: Von Befunden und Desideraten zur Forschungsfrage
- 2. Methoden.
- 2.1 Stichprobe, Design, Ablauf.
- 2.2 Erhebungsinstrument:
- 2.3 Datenauswertung.
- 3. Ergebnisse:
- 4. Diskussion
- 4.1 Zusammenfassung und Interpretation der Ergebnisse
- 4.2 Limitationen.
- 4.3 Reflexion und praktische Implikationen
- 5. Fazit
- 6. Literaturverzeichnis
- 7. Abbildungsverzeichnis
- 8. Anhang
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende explorative Studie zielt darauf ab, die Ausprägung und den Zusammenhang von Lernzielorientierung und Arbeitsvermeidung bei Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufe 5 im Philosophieunterricht zu untersuchen. Die zentrale Forschungsfrage lautet: Wie sind Lernzielorientierung und Arbeitsvermeidung von Schüler:innen zweier Philosophiekurse der Jahrgangsstufe 5 ausgeprägt und wie hängen diese Merkmale zusammen?
- Zielorientierungen in schulischen Kontexten
- Lernzielorientierung als Bereitschaft zum Wissenserwerb
- Arbeitsvermeidung als Tendenz zur Anstrengungsvermeidung
- Motivationale Dynamiken im Philosophieunterricht
- Einfluss von Kontextfaktoren auf Zielstrukturen
- Empirische Untersuchung mittels angepasstem Fragebogen (SELLMO-S)
Auszug aus dem Buch
1.3. Zielorientierungen im Philosophieunterricht: Von Befunden und Desideraten zur Forschungsfrage
Während die Befunde zum Exklusionsverhältnis von Lernzielorientierung und Arbeitsvermeidung in der allgemeinen Forschungslage gut belegt sind, liegen für den Philosophieunterricht bislang keinerlei theoretische oder empirische Erkenntnisse vor. In Ermangelung solcher Befunde muss eine Annäherung über die fachdidaktischen Strukturmerkmale des Faches erfolgen, die als Ausgangspunkt für Annahmen zu Lernzielorientierung und Arbeitsvermeidung dienen können.
Der Philosophieunterricht, insbesondere im Fach Praktische Philosophie der Sekundarstufe I, weist eine besondere Struktur auf. Der Lehrplan betont eine hohe inhaltliche und methodische Offenheit. Im Gegensatz zu stärker standardisierten Fächern wie Deutsch oder Mathematik sind die zu erwerbenden Wissensbestände weniger klar festgelegt (KLP, 2024, S. 6). Stattdessen liegt der Fokus stärker auf Fähigkeiten wie Urteilsbildung, Reflexions- und Argumentationsfähigkeit (Tiedemann, 2024, S. 11). Aus dieser grundlegenden Ausrichtung lassen sich fachdidaktische Prinzipien ableiten. Zu den wichtigsten gehören problemorientierte Lernumgebungen (Sistermann, 2016; S. 203; Thein, 2020a, S. 40), Lebensweltbezug (Bussmann, 2023, S. 3; Thein, 2020b, S. 155) und die Arbeit mit Präkonzepten (Burkad & Martena, 2018, S. 22; Höppner, 2024, S. 390).
Da auch hierzu weder allgemein motivations- noch zieltheoretische Erkenntnisse vorliegen, lohnt es sich den Blick auf andere Fachdidaktiken zu richten, die dieselben Merkmale aufweisen, jedoch besser erforscht sind. Dabei stellt sich heraus, dass problemorientierte Lernumgebungen Zielklarheit und kognitive Involviertheit fördern (Schumann, 2010, S: 107f.; Schlag, 2013, S. 137). Auch der Lebensweltbezug erweist sich als bedeutsam, da er subjektive Wertzuschreibung, situatives Interesse und Authentizitätserleben erhöht (Bitterlich, 2024, S. 264f.; Jonas, 2018, S. 160). Schließlich stärkt der Einbezug von Präkonzepten metakognitive Reflexion, Selbstwirksamkeit und Relevanzerleben (Adamina et al., 2018, S. 10f.; Baar, 2017, S. 82).
Zusätzlich begünstigen die genannten Prinzipien eine förderliche Unterrichtsgestaltung – etwa durch vielfältige Methodenwahl (Bauer, 2016, S. 35–40), klare Instruktionen (Kniffka, 2024, S. 346) und eine positive Partizipations- und Fehlerkultur (Kniffka, 2024, S. 346; Rubach et al., 2019, S. 76). Damit tragen sie zugleich dazu bei, fachspezifische Herausforderungen wie die Arbeit mit anspruchsvollen Texten, hohe Abstraktionsniveaus oder die Unlösbarkeit philosophischer Probleme – abzumildern, die ansonsten ein Risiko für Überforderung, Orientierungslosigkeit und damit für Arbeitsvermeidung darstellen. (Saum, 2020, S. 4; Schöne, 2018, S. 42; Siebert, 2006, S. 69) Essenziell sind also zwei Aspekte: Zunächst kann angenommen werden, dass zentrale Prinzipien des Philosophieunterrichts jedenfalls unter Idealbedingungen günstigere Voraussetzungen für hohe Lernzielorientierung schaffen als für Arbeitsvermeidung. Weiterhin geht aus der zieltheoretischen Forschung hervor, dass Lernzielorientierung und Arbeitsvermeidung in einem konträren Verhältnis zueinanderstehen, da sie auf entgegengesetzten Zielintentionen beruhen. Aus dem theoretischen Hintergrund ergibt sich die zentrale Forschungsfrage zur Prüfung im schulischen Feld: Wie sind Lernzielorientierung und Arbeitsvermeidung von Schüler:innen zweier Philosophiekurse der Jahrgangsstufe 5 ausgeprägt und wie hängen diese Merkmale zusammen?
Um die Fragestellung empirisch zu prüfen, werden zwei Hypothesen zur Untersuchung vorgelegt:
H1: Die Lernzielorientierung der Schülerinnen im Philosophieunterricht ist höher ausgeprägt als ihre Arbeitsvermeidung.
H2: Zwischen Lernzielorientierung und Arbeitsvermeidung besteht im Philosophieunterricht ein negativer Zusammenhang.
Mit Blick auf die Relevanz der Zielorientierungen für Bildungsprozesse, die Forschungdesiderate im Fach sowie theoretische Erwägungen erscheint die Untersuchung der Lernzielorientierung und Arbeitsvermeidung sowohl aus schulpraktischer und (fach-)didaktischer als auch aus empirischer Perspektive sinnvoll. Die Entscheidung, auf die Erhebung von Leistungszielen zu verzichten,
Zusammenfassung der Kapitel
1. Theoretischer Hintergrund: Dieses Kapitel legt die motivationspsychologischen Grundlagen dar und beleuchtet die Relevanz von Zielorientierungen (Lernzielorientierung, Arbeitsvermeidung) im schulischen Kontext, mit besonderem Fokus auf den Philosophieunterricht.
2. Methoden: Hier werden die Stichprobe (23 Fünftklässler), das theoriebasierte und hypothesenprüfende Querschnittserhebungsdesign sowie das fachspezifisch angepasste SELLMO-S Erhebungsinstrument zur Messung der Zielorientierungen beschrieben.
3. Ergebnisse: Das Kapitel präsentiert die quantitativen Daten zur Ausprägung und zum Zusammenhang von Lernzielorientierung und Arbeitsvermeidung, einschließlich Mittelwerten und den Resultaten der Hypothesenprüfungen.
4. Diskussion: Die Diskussion interpretiert die erhobenen Daten im Verhältnis zu theoretischen Annahmen und fachdidaktischen Erwartungen, adressiert Limitationen der Studie und leitet praktische Implikationen für die Unterrichtsgestaltung ab.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Kernbefunde zusammen, hebt die Kontextsensibilität der Zielstrukturen im Philosophieunterricht hervor und betont den explorativen Charakter der Arbeit für ein bisher wenig beforschtes Feld.
Schlüsselwörter
Zielorientierungen, Philosophieunterricht, Lernzielorientierung, Arbeitsvermeidung, Motivationale Ambivalenz, Kontextfaktoren, explorative Studie, Schulleistung, Motivationspsychologie, Jahrgangsstufe 5, SELLMO-S, Selbstregulation, Didaktik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Lernzielorientierung und Arbeitsvermeidung bei Fünftklässlern im Philosophieunterricht ausgeprägt sind und in welchem Zusammenhang diese beiden motivationalen Faktoren zueinanderstehen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder sind Motivationspsychologie, Zielorientierungen (speziell Lernzielorientierung und Arbeitsvermeidung), sowie deren Manifestation und Relevanz im schulischen Kontext des Philosophieunterrichts.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die Ausprägung und den Zusammenhang von Lernzielorientierung und Arbeitsvermeidung im Philosophieunterricht zu analysieren, wobei die Forschungsfrage lautet: "Wie sind Lernzielorientierung und Arbeitsvermeidung von Schüler:innen zweier Philosophiekurse der Jahrgangsstufe 5 ausgeprägt und wie hängen diese Merkmale zusammen?"
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine theoriebasierte, hypothesenprüfende Querschnittserhebung mit quantitativer Ausrichtung verwendet, wobei ein fachspezifisch adaptierter Fragebogen (SELLMO-S) zum Einsatz kam.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil der Arbeit behandelt den theoretischen Hintergrund der Motivationspsychologie und Zielorientierungen, die methodische Durchführung der Studie (Stichprobe, Instrumente, Auswertung), die quantitativen Ergebnisse sowie eine ausführliche Diskussion der Befunde und deren Implikationen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Schlüsselwörter wie Zielorientierungen, Philosophieunterricht, Lernzielorientierung, Arbeitsvermeidung, Motivationale Ambivalenz, Kontextfaktoren und explorative Studie charakterisiert.
Warum wurden im Philosophieunterricht niedrige Lernzielorientierung und überdurchschnittliche Arbeitsvermeidung festgestellt?
Die Studie vermutet, dass dies an einer nicht hinreichenden Umsetzung oder Wahrnehmung fachdidaktischer Prinzipien liegen könnte, oder an AV-begünstigenden Faktoren wie hoher Abstraktion und Überforderung sowie mangelnder Zielklarheit im Fach.
Welche Implikationen ergeben sich aus den Ergebnissen für Lehrkräfte im Philosophieunterricht?
Lehrkräfte sollten Unterrichtspraktiken reflektieren und anpassen, um lernförderliche Zielorientierungen zu unterstützen und Arbeitsvermeidung abzubauen. Dazu gehören individualisiertes Feedback, Wertschätzung von Anstrengung, Autonomieförderung und klare Instruktionen.
- Citation du texte
- F. Stasiak (Auteur), 2025, Studienprojekt im Praxissemester NRW. Zielorientierungen im Philosophieunterricht. Eine explorative Untersuchung zu Lernzielorientierung und Arbeitsvermeidung in Jahrgangsstufe 5, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1665610