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Wie werden die gesellschaftlichen Hierarchien durch die räumliche Inszenierung in Kleists "Erdbeben in Chili" dargestellt?

Das Gefängnis, das Tal und die Kirche

Title: Wie werden die gesellschaftlichen Hierarchien durch die räumliche Inszenierung in Kleists "Erdbeben in Chili" dargestellt?

Term Paper , 2024 , 12 Pages , Grade: 1,7

Autor:in: Annika Weber (Author)

German Studies - Literature of History, Eras
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Summary Excerpt Details

Diese Hausarbeit untersucht Heinrich von Kleists Erzählung „Das Erdbeben in Chili“ aus einer innovativen raumtheoretischen Perspektive.
Im Mittelpunkt steht die Frage, wie gesellschaftliche Hierarchien durch die räumliche Inszenierung in der Novelle dargestellt werden. Die Arbeit analysiert die drei zentralen Schauplätze – Gefängnis, Tal und Kirche – als symbolisch aufgeladene Räume, die jeweils unterschiedliche soziale Zustände und Machtverhältnisse verkörpern.

Anhand theoretischer Grundlagen von Lotman, Neumann, Nünning und Schmidt wird gezeigt, wie Kleist Räume als Spiegel gesellschaftlicher Dynamiken nutzt:
- Das Gefängnis steht für Unterdrückung und starre Hierarchie,
- das Tal für Auflösung sozialer Grenzen und utopische Gleichheit,
- die Kirche schließlich für die Wiederherstellung alter Machtstrukturen.

Die Arbeit verbindet präzise Textanalyse mit fundierter literaturwissenschaftlicher Theorie und bietet dadurch einen neuen Zugang zu Kleists Werk, der sowohl für Studierende der Germanistik als auch für Lehrkräfte und Literaturinteressierte wertvoll ist.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

  • 1. Einleitung
  • 2. Literarische Räume in Kleists Erdbeben in Chili
    • 2.1 Definition und Bedeutung literarischer Räume
    • 2.2 Einführung der Hauptorte – Gefängnis, Tal und Kirche
  • 3. Darstellung der gesellschaftlichen Hierarchien vor dem Erdbeben – das Gefängnis
  • 4. Das Erdbeben als raumveränderndes Ereignis – das Tal
  • 5. Die Wiederherstellung der Hierarchien nach dem Erdbeben – die Kirche
  • 6. Fazit
  • Literaturverzeichnis

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht detailliert, wie Heinrich von Kleist in seiner Novelle "Das Erdbeben in Chili" gesellschaftliche Hierarchien durch die gezielte Inszenierung spezifischer Räume – das Gefängnis, das Tal und die Kirche – darstellt. Das primäre Ziel ist es, zu analysieren, wie diese Schauplätze die sozialen Strukturen und Machtverhältnisse vor, während und nach der Naturkatastrophe widerspiegeln und beeinflussen.

  • Die symbolische Bedeutung literarischer Räume
  • Die Darstellung gesellschaftlicher Hierarchien vor dem Erdbeben (Gefängnis)
  • Das Erdbeben als Katalysator für räumliche und soziale Veränderungen (Tal)
  • Die Wiederherstellung hierarchischer Strukturen nach der Katastrophe (Kirche)
  • Menschliche Beziehungen und soziale Dynamiken im Kontext von Krise und Ordnung
  • Die Verflechtung von Raum, Gesellschaft und (Un)menschlichkeit in Kleists Werk

Auszug aus dem Buch

3. Darstellung der gesellschaftlichen Hierarchien vor dem Erdbeben – das Gefängnis

"Vernichtend kritisiert [...] schon der Beginn der Erzählung die gesellschaftliche Unnatur."17, so Jochen Schmidt. Das Gefängnis ist im Erdbeben in Chili also der erste inszenierte Raum, der vor der Naturkatastrophe die drastischen und ungerechten Machtstrukturen widerspiegelt. Im Mittelpunkt stehen dabei zwischenmenschliche Beziehungen und besonders die sexuelle Partnerschaft zwischen Mann und Frau.18

Jeronimo und Josephe repräsentieren die unteren und oberen Positionen innerhalb der gesellschaftlichen Hierarchie. Ihre Beziehung, die diese Grenzen überschreitet, und das daraus resultierende uneheliche Kind werden von der Gesellschaft und der Kirche als skandalös angesehen, was Jeronimos Inhaftierung zur Folge hat (EC 49). Die harte Konsequenz dieser unstandesgemäßen Liebe veranschaulicht, wie menschliche Beziehungen von den gesellschaftlichen bzw. religiösen Regeln unterdrückt werden. Dieser ,moralische Kodex' wird durch kirchliche und weltliche Instanzen durchgesetzt, die solche Abweichungen von den etablierten Ordnungen bestrafen.

Jeronimo [...] wollte die Besinnung verlieren [...]. Vergebens sann er auf Rettung: überall, wohin ihn auch der Fettig der vermessensten Gedanken trug, stieß er auf Riegel und Mauern und ein Versuch, die Gitterfenster zu durchfeilen, zog ihm, da er entdeckt ward, eine nur noch engere Einsperrung zu. Er warf sich vor dem Bildnisse der heiligen Mutter Gottes nieder, und betete mit unendlicher Inbrunst zu ihr, als der Einzigen, von der ihm jetzt noch Rettung kommen könne. (EC 50)

Die empfundene Verzweiflung in seiner ausweglosen Lage wird hier eindrucksvoll veranschaulicht. Jeronimos Versuch, aus der Zelle zu entkommen, zeigt die Extreme, zu der er bereit ist, um seine Freiheit wiederzuerlangen. Die „Riegel und Mauern“ (EC50), auf die er dabei stößt, sind mehr als physische Barrieren. Sie stehen für die unüberwindbaren sozialen Hindernisse, die ihm als einfacher Hauslehrer in dieser strengen Gesellschaft im Wege stehen. Das Beten zur heiligen Mutter Gottes als letzte Hoffnung auf Rettung unterstreicht sein Gefühl der absoluten Aussichtslosigkeit und darüber hinaus das Bewusstsein, dass ihm kein Mitglied der Gesellschaft Gerechtigkeit ermöglichen kann. Seine Zuflucht zur religiösen Ebene ist ein Zeichen dafür, dass nur ein Wunder oder Gott ihm in dieser Situation helfen könnten.19

Das Gefängnis steht somit nicht einfach nur für Jeronimos körperliche Einsperrung in den vier Wänden, sondern auch für die Kontrolle der Institutionen über den Einzelnen. Es repräsentiert einen extremen Ausdruck von Macht über das Leben der Menschen, indem diejenigen bestraft und isoliert werden, die gegen die sozialen Normen verstoßen. Es wird ein Raum inszeniert, der die Hierarchie zwischen der oberen Ebene der Gesellschaft und der unteren Rangordnung verdeutlicht. Die Machtverhältnisse sind dabei klar definiert: Die Wächter des Gefängnisses und die kirchlichen sowie staatlichen Autoritäten besitzen die Kontrolle über Menschen wie Jeronimo, der nun seiner Freiheit und Liebe beraubt ist.

Die gesellschaftlichen Hierarchien vor dem Erdbeben spiegeln also eine Welt wider, in welcher der Stand und die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe das Leben des Individuums bestimmen. Adel und Geistlichkeit besitzen die Macht, während das einfache Volk, besonders die, die sich außerhalb der akzeptierten Normen befinden, Bestrafung erfahren. Die strenge Trennung der Stände und die moralischen Vorschriften schaffen eine Atmosphäre der Unterdrückung und des Zwangs. Die Darstellung der Zelle als verschlossenen Raum, in der sich der am Boden zerstörte Jeronimo das Leben nehmen will, bietet somit einen tiefen Einblick in die gesellschaftliche Kontrolle und den von ihr ausgehenden Druck vor dem Erdbeben.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in Heinrich von Kleists Novelle "Das Erdbeben in Chili" ein, stellt die Forschungsfrage nach der Darstellung gesellschaftlicher Hierarchien durch räumliche Inszenierung vor und definiert die drei zentralen Schauplätze. Es gibt einen Überblick über die Untersuchung der menschlichen Beziehungen und sozialen Strukturen im Kontext der Naturkatastrophe.

2. Literarische Räume in Kleists Erdbeben in Chili: Hier werden zunächst literarische Räume definiert und ihre Bedeutung für die Handlung und die Veranschaulichung von Machtverhältnissen erläutert. Anschließend erfolgt eine detaillierte Einführung der drei Hauptorte – Gefängnis, Tal und Kirche –, die als Anhaltspunkte für die Zustände der Gesellschaft dienen.

3. Darstellung der gesellschaftlichen Hierarchien vor dem Erdbeben – das Gefängnis: Dieses Kapitel analysiert das Gefängnis als ersten inszenierten Raum, der die drastischen und ungerechten Machtstrukturen sowie die Unterdrückung von unstandesgemäßen Beziehungen vor dem Erdbeben widerspiegelt. Es zeigt, wie individuelle Freiheit durch gesellschaftliche und religiöse Regeln eingeschränkt wird.

4. Das Erdbeben als raumveränderndes Ereignis – das Tal: Das Kapitel beleuchtet das Tal als einen idyllischen Zufluchtsort und symbolischen Raum der Hoffnung und des Neuanfangs nach der Katastrophe. Es wird untersucht, wie hier eine temporäre Auflösung sozialer Ordnungen und die Möglichkeit eines friedlichen Zusammenlebens über Standesgrenzen hinweg entsteht.

5. Die Wiederherstellung der Hierarchien nach dem Erdbeben – die Kirche: Dieser Abschnitt konzentriert sich auf die Dominikanerkirche als Schauplatz der dramatischen Wiedereinführung alter gesellschaftlicher Rangordnungen. Es wird analysiert, wie in diesem Raum Gewalt, Schuldzuweisung und die Neigung zu Ausgrenzung wiederkehren, wodurch die utopische Vision des Tals beendet wird.

6. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse der Analyse zusammen, betont die Wechselwirkungen der Räume und ihren Einfluss auf gesellschaftliche Hierarchien und verweist darauf, dass Kleist durch die räumliche Inszenierung tiefergehende Fragen zur menschlichen Natur und sozialen Ordnung aufwirft.

Schlüsselwörter

Heinrich von Kleist, Das Erdbeben in Chili, literarische Räume, räumliche Inszenierung, gesellschaftliche Hierarchien, soziale Strukturen, Machtverhältnisse, Gefängnis, Tal, Kirche, Naturkatastrophe, soziale Umwälzungen, Utopie, Ausgrenzung, Gewalt, 1807.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Diese Arbeit befasst sich grundsätzlich mit der Analyse, wie Heinrich von Kleist in seiner Novelle "Das Erdbeben in Chili" die gesellschaftlichen Hierarchien durch die Inszenierung spezifischer literarischer Räume darstellt.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die zentralen Themenfelder sind die symbolische Bedeutung literarischer Räume, die Darstellung gesellschaftlicher Hierarchien vor, während und nach einer Naturkatastrophe, menschliche Beziehungen im Angesicht von Krise sowie soziale Strukturen und deren temporäre Auflösung und Wiederherstellung.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das primäre Ziel oder die Forschungsfrage dieser Arbeit lautet: Wie werden die gesellschaftlichen Hierarchien durch die räumliche Inszenierung in Kleists Erdbeben in Chili dargestellt, insbesondere unter Berücksichtigung der Schauplätze Gefängnis, Tal und Kirche?

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse verwendet, die sich auf die Deutung der räumlichen Inszenierungen in Kleists Novelle konzentriert, um Rückschlüsse auf soziale Ordnungen und gesellschaftliche Dynamiken zu ziehen.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Im Hauptteil werden die drei zentralen Schauplätze – das Gefängnis, das Tal und die Kirche – detailliert analysiert, um zu zeigen, wie sie die gesellschaftlichen Hierarchien und sozialen Zustände vor, während und nach dem Erdbeben widerspiegeln.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Heinrich von Kleist, Das Erdbeben in Chili, literarische Räume, räumliche Inszenierung, gesellschaftliche Hierarchien, soziale Strukturen, Machtverhältnisse, Gefängnis, Tal, Kirche, Naturkatastrophe, soziale Umwälzungen, Utopie, Ausgrenzung, Gewalt, 1807.

Warum werden gerade Gefängnis, Tal und Kirche als Hauptorte gewählt?

Diese drei Orte werden gewählt, da sie jeweils unterschiedliche Zustände und Phasen der Gesellschaft repräsentieren und somit exemplarisch die Veränderungen der sozialen und hierarchischen Strukturen vor, während und nach der Naturkatastrophe veranschaulichen.

Was symbolisiert die Grenzüberschreitung von Jeronimo aus der Stadt ins Tal?

Die Grenzüberschreitung Jeronimos aus der zerstörten Stadt in das Tal symbolisiert den Übergang von einer repressiven sozialen Ordnung zu einer temporären, utopischen Möglichkeit des friedlichen und gleichberechtigten Zusammenlebens, fernab der etablierten Hierarchien.

Wie trägt das Erdbeben zur Auflösung bestehender Verhältnisse bei?

Das Erdbeben dient als raumveränderndes Ereignis, das die physischen Barrieren (wie das Gefängnis) zerstört und eine kurzzeitige Auflösung der strikten gesellschaftlichen Hierarchien ermöglicht, wodurch im Tal eine neue Form des Zusammenlebens entsteht.

Welche kritische Erkenntnis hinterlässt der Schauplatz Kirche am Ende der Novelle?

Die Kirche am Ende hinterlässt die kritische Erkenntnis, dass die vorübergehende utopische Vision des Tals nicht von Dauer ist und die Gesellschaft schnell zu ihren alten, hasserfüllten Mustern der Ausgrenzung, Schuldzuweisung und Gewalt zurückkehrt, was die tief verwurzelten negativen menschlichen Eigenschaften offenbart.

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Details

Title
Wie werden die gesellschaftlichen Hierarchien durch die räumliche Inszenierung in Kleists "Erdbeben in Chili" dargestellt?
Subtitle
Das Gefängnis, das Tal und die Kirche
College
Technical University of Braunschweig  (Germanistik)
Course
Proseminar: Räume in der Literatur um 1800
Grade
1,7
Author
Annika Weber (Author)
Publication Year
2024
Pages
12
Catalog Number
V1667918
ISBN (PDF)
9783389163306
ISBN (Book)
9783389163313
Language
German
Tags
Heinrich von Kleist Das Erdbeben in Chili Literarische Räume Raumdarstellung Raumtheorie Gesellschaftliche Hierarchien Soziale Ordnung Symbolik von Räumen Gefängnis, Tal und Kirche Rauminszenierung Machtverhältnisse Naturkatastrophe und Gesellschaft Raum und Macht Klassengesellschaft Raumsemantik Kleist-Analyse Germanistik Hausarbeit Literatur um 1800 Heinrich von Kleist Interpretation
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Annika Weber (Author), 2024, Wie werden die gesellschaftlichen Hierarchien durch die räumliche Inszenierung in Kleists "Erdbeben in Chili" dargestellt?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1667918
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