Wirkliche Integration in der Praxis verlangt eine Auseinandersetzung mit ihrer geschichtlichen
Herleitung und Begründung. Hierbei gilt es das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft
im Besonderen zu analysieren, was einerseits das Erarbeiten der gesellschaftspolitischen
und sozio-ökonomischen Zusammenhänge und andererseits pädagogischdidaktische
Aspekte (Persönlichkeitsentwicklung) beinhaltet. So soll mit Hilfe der Dialektik
der Widerspruch zwischen Integration und Segregation aufgezeigt werden, um eine
Entwicklung hin zur Inklusion anzustoßen.
Da das eben dargestellte zunächst abstrakt erscheint, gilt es zuerst darzustellen, wo die
Problematik im Konkreten auftritt. Dies soll anhand einiger praktischer Beispiele verdeutlicht
werden.
Im weiteren Verlauf wird es darum gehen die Ausgrenzungsmechanismen im Laufe der
Geschichte aufzuzeigen und Integration zu begründen. Aufbauend hierauf gehe ich auf die
Begriffserklärungen von Integration, Segregation und Inklusion und ihre Umsetzung ein.
Das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft stellt einen weiteren bedeutenden Themenkomplex
dar, den ich auszubreiten versuchen werde. Hierbei spielen die Persönlichkeitsentwicklung
und demnach auch die Bildung eine große Rolle sowie die Begrenzungen
dieser durch andere Wirkmechanismen. In diesem Zusammenhang ist die Bedeutung/Funktion der Gesellschaft zu erarbeiten, die ebenso Einfluss auf den Widerspruch
Teilhabe und Ausschluss und deren Gewichtung ausübt. Anschließend sollen diese theoretischen
Auffassungen in das Feld der Erziehung und Bildung sowie in die Arbeit mit dem
Gemeinwesen übertragen werden im Hinblick auf Handlungsorientierungen. Abschließend
soll der Widerspruch als Quelle für Entwicklung aufgeschlossen werden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Widersprüche in der Praxis
2. Herleitung und Begründung von Integration und Segregation
3. Begriffserklärungen: Integration – Inklusion
4. Das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft
5. Der Bildungsbegriff
6. Orientierung am Gemeinwesen
7. Widerspruch als Quelle für Entwicklung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert das komplexe Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft vor dem Hintergrund der Dialektik von Integration und Segregation. Ziel ist es, durch eine historische und theoretische Untersuchung aufzuzeigen, wie gesellschaftliche Ausschlussmechanismen entstehen und wie eine Entwicklung hin zur inklusiven Praxis durch eine kritische Auseinandersetzung mit Bildung und gesellschaftlichem Gemeinwohl angestoßen werden kann.
- Historische Herleitung und Begründung von Ausgrenzungsmechanismen
- Differenzierung der Fachbegriffe Integration und Inklusion
- Analyse des Spannungsfeldes zwischen Individuum und gesellschaftlicher Struktur
- Kritische Reflexion des Bildungsbegriffs im Kontext gesellschaftlicher Machtstrukturen
- Ansätze zur Gemeinwesenorientierung und inklusiven Praxis
Auszug aus dem Buch
3. Begriffserklärungen: Integration – Inklusion
Der Begriff der Integration wird in der Zwischenzeit inflationär gebraucht und missbraucht. Zusätzlich wurde ein neuer Begriff eingeführt: Inklusion. Beide erleiden zur Zeit eine Identitätskrise, da unterschiedlichste Verhältnisbestimmungen der beiden gehandelt werden: Entweder beharren manche auf notwendige Unterschiedlichkeit der beiden Begriffe, oder man ersetzt Integration durch Inklusion und wertet so Integration ab, oder man setzt beide gleich mit gleichem Sachverhalt. So werden sie beliebig und erzeugen Missverständnisse.
Für eine Auseinandersetzung ist es jedoch unentbehrlich Klarheit über Begrifflichkeiten zu schaffen, da Begriffe unsere Denk- und Handwerkzeuge darstellen (vgl. auch Feuser 2005, S. 1) und nur so gut sind wie ihr System von Begriffen. Im Folgenden stelle ich die einzelnen Positionen zu Integration/Inklusion dar, die Hans Wocken herausgearbeitet hat:
a) Inklusion ungleich bad practice of integration? Hierbei werden beide Begriffe voneinander unterschieden, indem Inklusion der Integration vorhält, dass mit Hilfe der Zwei-Gruppen-Theorie noch immer zwischen Normalen und Behinderten unterschieden wird. So setzt sich dieser Gedanke auch im Bildungssystem bei der Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs durch. Weiter wird der Integration vorgeworfen, dass sie eine Anpassung der Kinder an die Schule impliziert und nicht wie Inklusion, die Rahmenbedingungen an den Bedürfnissen der Kinder ausrichtet. Integration verfolge eine defizitäre Praxis, bei der beeinträchtigte Schüler in speziellen Förderklassen innerhalb der Regelschule unterrichtet werden, was die falsche Umsetzung von Integration veranschaulicht. Aufgrund dieser schlechten Integrationspraxis hat man den Begriff Inklusion eingeführt als die wahre Integration. (vgl. Wocken 2009, S. 3)
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung legt den theoretischen Grundstein, indem sie die Notwendigkeit einer historischen Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft im Kontext von Integration und Segregation postuliert.
1. Widersprüche in der Praxis: Dieses Kapitel veranschaulicht anhand aktueller gesellschaftlicher Beispiele wie der Debatte um Migration und schulische Aussonderung, wo sich Ausgrenzung im Alltag konkret manifestiert.
2. Herleitung und Begründung von Integration und Segregation: Hier werden mittels eines Fünf-Phasen-Modells nach Basaglia die historischen Mechanismen der Ausgrenzung bis hin zur Institutionalisierung durch das Bildungswesen nachgezeichnet.
3. Begriffserklärungen: Integration – Inklusion: Das Kapitel bietet eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Begriffen Integration und Inklusion und arbeitet verschiedene Positionen zur Verhältnisbestimmung der beiden Konzepte heraus.
4. Das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft: Basierend auf Ansätzen von Sève, Gramsci und Leontjev wird untersucht, wie sich die Persönlichkeit im Wechselspiel mit gesellschaftlichen Verhältnissen entfaltet.
5. Der Bildungsbegriff: Dieses Kapitel kritisiert bestehende Bildungsverständnisse und fordert eine Pädagogik, die Bildung als Emanzipation und Einheit des Menschen versteht.
6. Orientierung am Gemeinwesen: Es wird die Notwendigkeit einer Gemeinwesenorientierung erörtert, um Inklusion als gesellschaftliche Aufgabe und nicht nur als pädagogisches Konzept zu verankern.
7. Widerspruch als Quelle für Entwicklung: Abschließend wird argumentiert, dass die bewusste Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Widersprüchen der notwendige Motor für eine positive soziale Entwicklung ist.
Schlüsselwörter
Integration, Inklusion, Segregation, Ausgrenzungsmechanismen, Individuum, Gesellschaft, Bildung, Pädagogik, Didaktik, Gemeinwesenarbeit, Persönlichkeitsentwicklung, Machtstrukturen, Teilhabe, Ausschluss, UN-Konvention.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen der Teilhabe des Einzelnen und seiner gesellschaftlichen Ausgrenzung mit dem Ziel, Wege zu einer inklusiven Gesellschaft aufzuzeigen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die historische Entstehung von Segregation, die theoretische Abgrenzung von Inklusion und Integration sowie die Rolle von Bildung und Gemeinwesenarbeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel besteht darin, durch die Analyse historischer und aktueller Widersprüche die Notwendigkeit einer inklusiven Pädagogik und Gesellschaftsstruktur wissenschaftlich zu begründen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Autorin nutzt eine theoretische Analyse, indem sie primär erziehungswissenschaftliche und gesellschaftstheoretische Konzepte von Autoren wie Basaglia, Feuser, Wocken und Adorno zueinander in Bezug setzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse von Ausschlussmechanismen, die begriffliche Schärfung von Inklusion, die Erörterung des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft und die daraus abgeleiteten pädagogischen Handlungsansätze.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die Begriffe Integration, Inklusion, Segregation, Teilhabe und gesellschaftliche Transformation stehen im Zentrum der Argumentation.
Warum wird das Modell von Ongaro Basaglia in der Arbeit verwendet?
Das Modell dient dazu, die historische Entwicklung von Ausgrenzung als „Leitmotiv der Menschheitsgeschichte“ zu erklären und so ein tieferes Verständnis für moderne Integrationshürden zu schaffen.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin zur UN-Konvention?
Die Autorin sieht in der UN-Konvention ein zentrales Instrument, um den bestehenden Widerspruch zwischen der Ratifizierung von Menschenrechten und einer segregierenden Alltagspraxis aktiv zu überwinden.
- Quote paper
- Master of Arts in Inclusive Education Inna Doms (Author), 2010, Das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft - Integration im Hinblick auf Pädagogik/Didaktik und Gesellschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173995