Über David Humes "Eine Untersuchung über die Prinzipien der Moral"

Kapitel 3/Abschnitt 1 – "Über die Gerechtigkeit"


Essay, 2010
7 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

In der folgenden Hausarbeit werde ich mich dem ersten Teil des dritten Abschnitts in David Humes Monographie „Eine Untersuchung über die Prinzipien der Moral“ widmen. Der Name des Abschnitts ist „Über die Gerechtigkeit“ und ich werde hauptsächlich versuchen die Argumentation David Humes zusammenzufassen, nachzuvollziehen und gegebenenfalls kritisch zu kommentieren.

Um dies tun zu können, muss ich erst einmal erläutern, was Hume in diesem Zusammenhang unter Gerechtigkeit versteht.

Gerechtigkeit ist laut Hume eine „künstliche“ Tugend, die der Mensch, angetrieben von Vernunft und dem Anerkennen von eigenem und fremdem Eigentum, produziert. Befolgt man die Tugend der Gerechtigkeit, wahrt und achtet man das Eigentumsrecht anderer. „Paradigma einer künstlichen Tugend ist der Rechtssinn.“1 Da laut Hume keiner unserer natürlichen Impulse uns zu einem rechtsgemäßen Handeln veranlasst, weder Empathie noch Selbsterhaltungstriebe, gibt es kein Motiv dafür, außer der Rücksicht auf die Redlichkeit selbst. Also muss Gerechtigkeit eine künstliche Tugend sein, die auf Erziehung und menschlicher Übereinkunft beruht.2

Hume meint, „daß aber der öffentliche Nutzen der alleinige Ursprung von Gerechtigkeit ist und daß Erwägungen über die wohltätigen Folgen dieser Tugend die alleinige Grundlage ihres Wertes sind; diese interessante und wichtige Behauptung verdient eher unsere Prüfung und Untersuchung.“3

Um diese Behauptung zu prüfen, stellt er vier Gedankenexperimente auf und untersucht, welche Rolle Gerechtigkeit in diesen fiktiven Szenerien zu spielen scheint.

Hume bittet den Leser darum, sich zuerst eine Natur vorzustellen, die den Menschen „mit so einem reichlichen Überfluß an allenäußerlichen Annehmlichkeiten ausgestattet“4, dass Zukunftsängste bzw. Ängste generell, keine Rolle spielen und die Menschen in der Lage sind ohne Anstrengung alles zu erhalten, was ihre Herzen begehren. In dieser utopischen Vorstellung sind alle Menschen schön, die Temperaturen so angenehm, dass niemand mehr Kleidung trägt und Kräuter, sowie Quellwasser so aromatisch und wohlschmeckend, dass sie den Geschmack eines Jeden treffen und zufriedenstellen. Arbeit ist nicht mehr nötig und jeder Mensch wird zu einem Philosophen oder Künstler, denn „Musik, Dichtung und beschauliches Nachdenken sind seine einzige Beschäftigung“.5 Hume nimmt an, dass jegliche sozialen Tugenden sich noch verstärken, da das harmonische Miteinander nicht mehr von Neid oder Missgunst beeinträchtigt werden kann. Allerdings spiele die Tugend der Gerechtigkeit keinerlei Rolle mehr bzw. sei sie gar nicht mehr als Tugend zu begreifen. Einen Gegenstand als „Eigentum“ zu bezeichnen wäre nicht sinnvoll, da sowieso alles in Überfluss vorhanden ist und man sich ohne Anstrengungen einen gleich wertvollen oder nützlichen Gegenstand verschaffen könnte, sollte einem der vorherig benutzte Gegenstand entwendet werden.

Um diese These zu untermauern, verweist Hume darauf, dass auch „in der gegenwärtigen dürftigen Lage der Menschheit“6 ein Gegenstand nie ein alleiniges Besitztum sein kann, wenn er unbegrenzt zur Verfügung steht. Als Beispiel nennt er Wasser und Luft, die, obwohl sie zweifellos die essenziellsten Dinge überhaupt sind, nie nur einem einzelnen gehören, sondern ein Allgemeingut bleiben. Wobei er auch die wichtige Einschränkung macht, dass es in bestimmten Gebieten durchaus dazu kommen kann, dass ein Eigentumsrecht an Wasser eingeführt wird und daher auch verschwenderischer Umgang damit bestraft wird. Eine Tatsache, die heutzutage aktueller ist denn je. Hume führt weiter richtig an, dass auch Land, sofern mehr zur Verfügung steht, „als es von den Bewohnern gebraucht werden kann“7, nicht als Eigentum angesehen wird. Zusammengefasst lässt sich also sagen, dass Gerechtigkeit keine Rolle spielt, solange jeder Gegenstand so zahlreich vorhanden ist, wie, und da bediene ich mich einem alten Sprichwort, „Sand am Meer“ und jeder Mensch genügend davon haben kann, sodass „Eigentum“ praktisch nicht mehr existiert. Während man David Hume keine Lücken in der Argumentation bezüglich materieller Güter vorwerfen kann, muss man sich aber die Frage stellen, wie es im Bezug auf Güter mit eher ideellem Wert aussieht, z.B. Liebe. Denn es macht den Anschein als würde Hume sich zu sehr auf den Begriff „Eigentum“ konzentrieren, während andere Faktoren, die im Bezug auf Gerechtigkeit eine Rolle spielen könnten, nicht weiter betrachtet werden.

In dem zweiten Gedankenexperiment wird die Frage gestellt, welche Bedeutung Gerechtigkeit in einer Gesellschaft spielt, die aus engelsgleichen Wesen besteht. Hume beschreibt ein Szenario in dem nicht zwischen fremden und eigenen Bedürfnissen unterschieden wird. Keine Eifersucht, kein Neid, nur Freundlichkeit, Freundschaft und Großzügigkeit sind Charakteristika, die den Menschen auszeichnen. Ein familiäres Band hält die Personen zusammen, sodass keine Grenzen zwischen eigenem und fremdem Eigentum gezogen werden müssen. Eine innere, natürliche Neigung würde den Menschen dazu bewegen, dass das Positive, das einer anderen Person widerfährt, auch als positiv, nützlich und gut für ihn empfunden wird. „Wozu Grenzsteine zwischen mein Feld und das meines Nachbarn setzen, wenn mein Herz zwischen unseren Interessen keinen Unterschied macht, sondern an allen seinen Freuden und Sorgen mit derselbe Kraft und Lebhaftigkeit Anteil nimmt, als ob sie ursprünglich meine eigenen wären?“8 Der Mensch wäre quasi von seinen Anlagen heraus gezwungen, nach dem Prinzip des Utilitarismus zu handeln, da das Glück des Einzelnen auch das Glück der Gesamtheit ist und von daher immer so gehandelt wird, dass das größtmögliche Maß an Glück entsteht. Hume kann also als ein Vorläufer von Utilitaristen wie Jeremy Bentham angesehen werden.

Gerechtigkeit wäre in einer solchen Welt erneut nicht nötig, da ihr Nutzen aufgehoben wird. Schließlich besteht die Gefahr von Diebstahl oderähnlichem nicht. Hume ist sich bewusst, dass es schwierig ist, für diese Theorie Beispiele zu finden. Er argumentiert aber damit, dass es innerhalb von Familien einemähnlichen Zustand gäbe. „Je größer das gegenseitige Wohlwollen der Einzelindividuen“9 innerhalb einer Familie, desto mehr nähert man sich einem solchen Zustand an. Nicht umsonst, so Hume, wird dem Gesetz nach das freundschaftliche Band zwischen Ehepartnern für so stark gehalten, dass in einer Ehe kein persönliches Eigentum besteht. Desweiteren sagt er, dass „im Eifer eines neuen Enthusiasmus, wenn jedes Prinzip auf die Spitze getrieben wird“10 oftmals auch auf eine Eigentumstrennung verzichtet wird, bis irgendwann der menschliche Egoismus wieder zum Vorschein kommt und man schließlich doch Gerechtigkeit und getrenntes Eigentum benötigt. Eine geradezu prophetische Aussage, bedenkt man doch die Entwicklung des Kommunismus.

In seiner nächsten Annahme dreht Hume die Voraussetzungen um. Statt Überfluss findet sich nun radikaler „Mangel an allem Lebensnotwendigen, daß selbstäußerste Sparsamkeit und Fleiß nicht verhindern könnten, daß eine größere Zahl zugrunde ginge und alle im extremen Elend lebten“.11 Hume ist der Ansicht, dass Eigentumsgrenzen aufgrund eines zunehmenden bzw. dominierenden Selbsterhaltungstriebs außer Kraft gesetzt werden. Ein Schiffbruch soll seine These exemplarisch unterstützen, denn sämtliche Maßnahmen, die zur Rettung der eigenen Person führen könnten, wären legitim, auch wenn man sich dabei dem Eigentum einer anderen Person bemächtigen würde.

Gerechtigkeit hat in einer Gesellschaft die Aufgabe „Glück und Sicherheit herbeizuführen“.12 Ist dies nicht mehr gewährleistet, da eine Gesellschaft bzw. ein Volk oder eine Stadt, durch bestimmte Umstände, um ihre Existenz fürchten muss, wird auch das gerechte Handeln keine Besserung herbeiführen und Ungerechtigkeit wird die Lage nicht verschlimmern.

[...]


1 Herlinde Pauer-Studer „Das Andere der Gerechtigkeit“ Berlin, 1996 S.203

2 Vgl. Herlinde Pauer-Studer „Das Andere der Gerechtigkeit“ Berlin, 1996 S.203

3 David Hume „Eine Untersuchung über die Prinzipien der Moral“, Stuttgart, 2002 S.101

4 Ebd.

5 Ebd.

6 David Hume „Eine Untersuchung über die Prinzipien der Moral“, Stuttgart, 2002 S.102

7 Ebd.

8 David Hume „Eine Untersuchung über die Prinzipien der Moral“, Stuttgart, 2002 S.103

9 Ebd.

10 Ebd.

11 Ebd.

12 Ebd. S.105

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Über David Humes "Eine Untersuchung über die Prinzipien der Moral"
Untertitel
Kapitel 3/Abschnitt 1 – "Über die Gerechtigkeit"
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
2,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
7
Katalognummer
V175018
ISBN (eBook)
9783640958887
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
David Hume, Moral, Gerechtigkeit
Arbeit zitieren
Lukas Lohmer (Autor), 2010, Über David Humes "Eine Untersuchung über die Prinzipien der Moral", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175018

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