Das menschliche Erleben, Erkennen und Lernen ist ein selbstkonstruierender Prozess. Dies ist die Kernaussage des Konstruktivismus, welche von den aktuellen Ergebnissen der Hirnforschung gestützt wird.
Ich werde in dieser Arbeit untersuchen, welche Konsequenzen diese Theorien für das „Wie“ des Lernens in der Schule haben und ob diese Berücksichtigung im deutschen Schulsystemfinden.
Einleitend gebe ich einen Überblick über die Inhalte konstruktivistischer Theorien. Dies geschieht zum einen aus der historischen Herleitung dieser ursprünglich philosophischen Strömung, und zum anderen über die spezifische Beleuchtung des „aktuellen“ oder auch „radikalen“ Konstruktivismus.
Letzteres werde ich über die Betrachtung der drei theoretischen Grundpfeiler des Konstruktivismus konkretisieren. Diese bilden sich aus dem Prinzip der undifferenzierten Codierung, der Theorie der Autopoiese und des Viabilitätskonzepts.
Die Vorstellung des Konstruktivismus schließe ich mit der Betrachtung aus ethischer Sicht ab.
Im Hauptteil (Kapitel 3) stelle ich den Bezug zwischen Schule und Konstruktivismus her. Dies geschieht beginnend über die Fokussierung auf die Ziele schulischen Lernens, definiert durch den gesellschaftlichen Anspruch, und führt weiter über die öffentliche Diskussion bzgl. der erreichten „Lernerfolge“ von Schule.
Im Folgenden werden konstruktivistische Ansätze des Lernens und Lehrens erörtert, sowie die aktuellen Erkenntnisse der Hirnforschung bzgl. des Lernens betrachtet.
Abschließend werde ich in Kapitel 3 die Projektmethode nach Karl Frey vorstellen, um die Möglichkeit einer praktischen Umsetzung des selbständigen, eigenverantwortlichen Lernens aufzuzeigen.
Im letzten Kapitel gehe ich auf die gesellschaftliche Position bzgl. der beleuchteten Lerntheorien und den damit verbunden Schlussfolgerungen ein.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Der Konstruktivismus
2.1 Begriff und historische Herleitung des Konstruktivismus
2.2 Der „aktuelle“ oder auch „radikale“ Konstruktivismus
2.2.1 Das Prinzip der undifferenzierten Codierung
2.2.2 Die Theorie der Autopoiese
2.2.3 Das Viabilitätskonzept
2.3 Die Ethik des Konstruktivismus
3 Schule und Konstruktivismus
3.1 Konstruktivistische Ansätze bzgl. des Lernens und Lehrens
3.2 Erkenntnisse bzgl. des Lernens gemäß der Gehirnforschung
3.3 Die Projektmethode nach Karl Frey – ein Beispiel für informelles Lernen
3.3.1 Die Curriculumtheorie
3.3.2 Symbiose des „Was“ und „Wie“ - der Schlüssel zum Erfolg
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, welche Konsequenzen konstruktivistische Lerntheorien für das "Wie" des Lernens im schulischen Kontext haben und inwiefern diese theoretischen Erkenntnisse im deutschen Schulsystem Anwendung finden. Ziel ist es, den aktiven, selbstkonstruierenden Lernprozess als Gegenentwurf zur traditionellen "Belehrung" herauszuarbeiten.
- Grundlagen des Konstruktivismus und radikaler Konstruktivismus
- Neurobiologische Erkenntnisse zum Lernprozess
- Kritische Analyse des aktuellen schulischen Bildungsauftrags
- Die Rolle des Lehrers als "Facilitator" (Befähiger)
- Praktische Umsetzung durch die Projektmethode nach Karl Frey
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Das Prinzip der undifferenzierten Codierung
Heinz von Foerster bildet mit dem Prinzip der undifferenzierten Codierung einen Grundpfeiler des Konstruktivismus. Aufgrund zahlreicher Experimente im Bereich der sensorischen Reizverarbeitung und der genauen Untersuchung der kleinsten Funktionseinheiten im Gehirn, der Nervenzelle, kommt Foerster zu dem Schluss: „In den Erregungszuständen einer Nervenzelle ist nicht die physikalische Natur der Erregungsursache codiert. Codiert wird lediglich die Intensität dieser Erregungsursache, also ein wieviel, aber nicht ein was.“ (FOERSTER, 2003: 43). Roth beschreibt dies auch als „Neutralität des neuronalen Codes“ (vgl. ROTH, 2008: 151). Gemäß der Funktionsweise von Nervenzellen, welche entweder in einem „erregten“ oder „nicht erregtem“ Zustand sind, kann lediglich die Quantität eines Reizes vermittelt werden. Demnach sind die Sinneszellen für die Qualität von Reizen blind und geben nur die Quantität an. Die daraus hervorgehenden Empfindungen wie Geschmack, Geruch, Wärme und Kälte sind Ergebnisse komplexer operativer Rechenvorgänge im Gehirn (vgl. FOERSTER, 2003: 44ff).
Das Gehirn reagiert auf die Impulsgebung des Nervensystems mit einer Interpretation der Informationen in Form von der Errechnung einer Realität. Dies ist jedoch kein statisches Konstrukt, sondern das Gehirn befindet sich in einem ständigen Prozess und kann so nie zu einem abschließendem Resultat gelangen. Foerster beschreibt dieses Phänomen genauer in seinen Ausführungen über den Ringschluss. Hierdurch lässt sich aufzeigen, dass das Gehirn (System) nicht nur auf das reagiert, was „es sieht“, sondern auch auf die eigene Verarbeitung des „Gesehenen“ (vgl. ebd: 56ff).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Kernthese ein, dass Lernen ein selbstkonstruierender Prozess ist, und skizziert das Vorhaben, die Konsequenzen dieser Erkenntnis für die Schule zu untersuchen.
2 Der Konstruktivismus: Dieses Kapitel erläutert die historischen und theoretischen Grundlagen des Konstruktivismus, insbesondere durch die Konzepte der Autopoiese, der undifferenzierten Codierung und der Viabilität.
3 Schule und Konstruktivismus: Dieser Abschnitt überträgt die konstruktivistischen Theorien auf den schulischen Alltag, betrachtet neurobiologische Erkenntnisse und diskutiert die Projektmethode nach Karl Frey als praktische Anwendung.
4 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Schule sich für Erkenntnisse der Gehirnforschung öffnen muss, um dem Ziel einer eigenverantwortlichen Persönlichkeitsbildung gerecht zu werden.
Schlüsselwörter
Konstruktivismus, Radikaler Konstruktivismus, Gehirnforschung, Selbstkonstruktion, Viabilität, Autopoiese, Projektmethode, Karl Frey, Lernen, Lehren, Neurobiologie, Bildungsauftrag, Eigenverantwortung, Kognition, Schulpädagogik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Bedeutung des Konstruktivismus für das schulische Lernen und stellt diesen dem traditionellen Verständnis von reiner Belehrung gegenüber.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind die erkenntnistheoretischen Grundlagen des Konstruktivismus, die Bedeutung neurobiologischer Lernprozesse und die pädagogische Umsetzung durch offene Unterrichtsformen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu untersuchen, welche Konsequenzen die konstruktivistische Sichtweise auf das "Wie" des Lernens in der Schule hat und ob das deutsche Schulsystem diesen Anforderungen bereits gerecht wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Aufarbeitung und Analyse fachwissenschaftlicher Literatur aus den Bereichen Philosophie, Kybernetik, Psychologie und Pädagogik.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Ziele schulischen Lernens, die Perspektive der modernen Gehirnforschung sowie die praktische Anwendbarkeit der Projektmethode nach Karl Frey.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Konstruktivismus, Selbstkonstruktion, Autopoiese, Viabilität und Projektmethode definiert.
Warum wird die klassische "Beschulung" im Text kritisiert?
Weil "Beschulung" oft als ein passives Informationsübertragungsmodell verstanden wird, während Lernen gemäß Hirnforschung ein aktiver, subjektgebundener Konstruktionsakt ist.
Was versteht man unter dem Begriff "Viabilität" im Kontext der Arbeit?
Viabilität bezeichnet im radikalen Konstruktivismus die Brauchbarkeit oder Passung von Wissen, anstatt einer objektiven Wahrheit; wahr ist, was im jeweiligen Kontext funktioniert.
Welche Rolle spielt die Projektmethode nach Karl Frey?
Sie dient als konkretes Beispiel für eine optimale Lernsituation, da sie das Soziale mit dem Inhaltlichen verbindet und den Lernenden als handelndes Subjekt in den Mittelpunkt stellt.
Was bedeutet das "Recht, Fehler zu machen" laut Maturana?
Es ist eine wesentliche Bedingung für eigenverantwortliches Denken und Korrekturprozesse, die ein offenes und respektvolles Lernklima in einer Gemeinschaft erst ermöglichen.
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- Nicole Schobert (Author), 2011, Konstruktivismus - Bedeutung für die Schule, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179715