Der für ein Buch über öffentliche Verwaltung bemerkenswerte Erfolg des Bestsellers "Reinventing Government" von David Osborne und Ted Gaebler (1993) mag die Unzufriedenheit der Bevölkerung angesichts der stereotypen Antworten von Sparappellen und steigenden Fiskaldrucks auf das Dilemma von leeren Staatskassen bei zunehmender Aufgabenfülle des Staates widerspiegeln.
Die Autoren empfehlen einen dritten Weg: die politisch gewünschten Aufgaben als Datum zu betrachten und sie mit geringerem Ressourcenaufwand effektiv zu erfüllen - eine Effizienzsteigerung1 der öffentlichen Verwaltung.
Darüber hinaus ist eine "schöpferische Zerstörung" (Schumpeter) der hergebrachten Denkweisen und Strukturen notwendig: Die Bürokratie in ihrer existierenden Form2 der stan-dardisierten Leistungserstellung ist den Flexibilität erfordernden Problemlagen der komplexen Industriegesellschaft nicht mehr angemessen (Osborne/Gaebler 1993: 12 ff.), eine Neubegründung des Verhältnisses der Aufgaben des Staates als regulierend-normensetzender Rechtsschutz- und als Leistungsstaat tut Not (Picot/Wolf 1992: 53)
[...]
1 Die Problematik eines geeigneten Effizienzmaßstabes beim Vergleich öffentlicher und privater Versorgungsarrangements (s. Engelhardt 1990: 35 ff.) wird im resümierenden Schlußkapitel aufgegriffen. Hier gilt obige "Arbeitsdefinition", einen gegebenen Output mit weniger Input zu erreichen ist verglichen mit dem Status Quo effizienter. Weitere Kriterien ergeben sich aus der institutionenök. Sichtweise, die über keinen eindeutigen Effizienzbegriff verfügt, sondern statt dessen "pragmatisch einzelne institutionelle Arrangements im Hinblick auf ihre komparativen Vorteile bewertet" (Brücker 1995: 57; s. unten, Kapitel 2).
2Osborne/Gaebler haben ein Buch für den US-amerikanischen Markt geschrieben, mit Beispielen und Lösungsstrategien, die sich an amerikanischen Verhältnissen orientieren. Auf die mangelnde Verallgemeinerbarkeit sei hier mit Budäus (1988) hingewiesen, der erwähnt, daß z.B. in den USA im Gegensatz zur Bundesrepublik der Staat als Eigentümer öffentlicher Unternehmen kaum eine Rolle spielt, und entsprechende Funktionen durch Regulierung (Public Utilities) zu erreichen versucht werden (S. 2).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung - Ein dritter Weg staatlicher Aufgabenerfüllung.
2. Die Effizienzproblematik öffentlicher Aufgabenerfüllung aus institutionenökonomi-
2.1. Property Rights und die Anreizproblematik in der Bürokratie.
2.2 Der Transaktionskostenansatz und die Entscheidung über "make or buy".
2.3. Die Prinzipal-Agent-Theorie und das Problem der Delegation von Verfügungsrechten.
3. "Reinventing Government" in institutionenökonomischer Interpretation und analytischer
Beurteilung
3.1. "Steering Rather Than Rowing" - Zur Entlastung des Leistungsstaates.
3.2. "Competitive Government" - Öffentliche Unternehmen in Konkurrenzstrukturen.
3.3. "Mission-Driven Government" - Neuorientierung des öffentlichen Dienstes
4. „Reinventing Government“: eine "Revolution von oben"?
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Thesen des Bestsellers "Reinventing Government" von Osborne und Gaebler aus der Perspektive der Neuen Institutionenökonomie (NIÖ). Ziel ist es, das Programm auf seine Effizienz hin zu prüfen, indem die institutionellen Rahmenbedingungen staatlicher Aufgabenerfüllung sowie die daraus resultierenden Anreiz- und Kontrollprobleme analysiert werden.
- Analyse staatlicher Aufgabenerfüllung mittels Property-Rights-Theorie.
- Untersuchung von Transaktionskosten und Organisationsformen (Make-or-Buy).
- Anwendung der Prinzipal-Agent-Theorie auf das Verhältnis zwischen Bürgern, Politikern und Bürokratie.
- Kritische Beurteilung der "Reinventing Government"-Strategien im institutionenökonomischen Kontext.
Auszug aus dem Buch
2.2 Der Transaktionskostenansatz und die Entscheidung über "make or buy".
Die ungehinderte Übertragung von Verfügungsrechten über Ressourcen, und damit ihre pareto-optimale Allokation, erfährt ex ante durch Vertragsanbahnungs- sowie Vertragsabschluß- und ex post durch Kontroll- und Sanktionskosten eine Restriktion. Diese Transaktionskosten lassen sich verstehen als "die Kosten des Gebrauchs von eigenen oder fremden Rechtsoptionen" (Schenk 1992: 351) im obigen Sinne. Es sind die Kosten der Nutzung, Sicherung und Übertragung von PR, der Koordination der durch Verträge geregelten Interaktion der Wirtschaftssubjekte (vgl. Thiele 1994: 993). Als "Kosten der Marktnutzung" (Coase) verstanden, fallen sie bei der Interaktion über Organisationsgrenzen hinweg, aber auch innerhalb von Organisationen an, die modellhaft als Konglomerat von Teil-Organisationen aufgefaßt werden können, zwischen denen Märkte bestehen (vgl. Schumann 1992: 134 f; 436 ff.).
Transaktionskosten von PR entstehen aufgrund der unvollständigen Informationsaufnahme- und -verarbeitungskapazität der Wirtschaftssubjekte (beschränkte Rationalität), der Unsicherheit bezüglich zukünftiger Weltzustände und durch die Verfolgung des Eigeninteresses nach Vertragsschluß unter Zuhilfenahme von List (Opportunismus) - die "Reibungsverluste" gegenüber der neoklassischen Welt ohne Informationsknappheit (Williamson 1985: 43 ff.).
Der Transaktionskostenansatz von Williamson (1985) sieht den Zweck von Organisationen in der Minimierung von Transaktionskosten, der "Kosten der Abwicklung" wirtschaftlicher Tätigkeiten (Geldner 1995: 10). Er versucht, die existierende Vielfalt von Vertragsbeziehungen zu erklären. Mit seiner Hilfe kann die geeignete Organisationsform (Governance structure) für verschiedene Arten der Leistungserstellung unter Effizienzgesichtspunkten analysiert und gefunden werden; hier zu verstehen als die Entscheidung von "make or buy" einer durch politischen Konsens erwünschten Leistung, die Entscheidung zwischen staatlicher Eigenerstellung (vertikale Integration, Hierarchie), marktlichem Fremdbezug oder einer Mischform (Kooperation in sog. "Hybriden"), die unter der Nebenbedingung der Minimierung von Transaktionskosten zu fällen ist. Sind diese minimal, so sind es auch die Produktionskosten (Picot/Wolff 1992: 59 f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung - Ein dritter Weg staatlicher Aufgabenerfüllung.: Diese Einleitung führt in die Problematik leerer Staatskassen und die Notwendigkeit einer effizienteren öffentlichen Verwaltung ein, wobei das Leitbild des "entrepreneurial spirit" und die Neue Institutionenökonomie als theoretischer Rahmen vorgestellt werden.
2. Die Effizienzproblematik öffentlicher Aufgabenerfüllung aus institutionenökonomi-: Hier werden die zentralen theoretischen Bausteine der NIÖ – Property-Rights-Theorie, Transaktionskostenansatz und Prinzipal-Agent-Theorie – eingeführt und für die Anwendung auf öffentliche Institutionen adaptiert.
3. "Reinventing Government" in institutionenökonomischer Interpretation und analytischer Beurteilung: In diesem Kapitel werden die zehn Thesen von Osborne und Gaebler in die drei Themengebiete Delegation, Konkurrenz und Binnenstruktur unterteilt und institutionenökonomisch auf ihre Effizienzwirkungen geprüft.
4. „Reinventing Government“: eine "Revolution von oben"?: Das abschließende Kapitel diskutiert die theoretischen Schwierigkeiten bei der Umsetzung des Programms und weist auf die Zielkonflikte zwischen Effizienzsteigerung, distributiven Effekten und der demokratischen Legitimation hin.
Schlüsselwörter
Neue Institutionenökonomie, Öffentliche Verwaltung, Property Rights, Transaktionskosten, Prinzipal-Agent-Theorie, Reinventing Government, Effizienz, Deregulierung, Institutionelle Arrangements, Verwaltungsreform, Opportunismus, Delegation, Wettbewerb, Öffentliche Güter, Privatisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Reformprogramm "Reinventing Government" von Osborne und Gaebler aus der wissenschaftlichen Perspektive der Neuen Institutionenökonomie, um die Effizienz staatlichen Handelns zu bewerten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die staatliche Delegation von Aufgaben, die Einführung von Wettbewerb im öffentlichen Sektor und die interne Neuorientierung bürokratischer Strukturen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage ist, ob und unter welchen Bedingungen die Vorschläge von Osborne/Gaebler zu einer Effizienzsteigerung führen, indem sie Transaktions- und Agency-Kosten der öffentlichen Leistungserstellung minimieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt als Methode die theoretische Analyse und Interpretation mittels institutionenökonomischer Konzepte (Property Rights, Transaktionskosten, Prinzipal-Agent-Theorie).
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die zehn Thesen von Osborne/Gaebler, unterteilt in die Kategorien "Steering Rather Than Rowing", "Competitive Government" und "Mission-Driven Government", unter Berücksichtigung der Anreizstrukturen für beteiligte Akteure.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Schlüsselwörtern gehören Neue Institutionenökonomie, Effizienz, Property Rights, Transaktionskosten, Prinzipal-Agent-Theorie und Verwaltungsreform.
Warum ist die Privatisierung laut der Arbeit kein einfaches "Patentrezept"?
Weil die Privatisierung oft prohibitiv hohe Transaktionskosten verursacht und bei spezifischen oder strategisch wichtigen Gütern sowie bei natürlichen Monopolen oft zu ineffizienten Ergebnissen oder neuen Kontrollproblemen führt.
Was versteht die Arbeit unter dem "Schlendrian" oder "Slack" in der Bürokratie?
Dies ist die Differenz zwischen den minimal notwendigen Produktionskosten und den tatsächlich vom Budget ausgeschöpften Mitteln, die von Bürokraten als Ressourcenreserve für eigene Zwecke genutzt werden kann.
- Quote paper
- Christian Inatowitz (Author), 1996, "Reinventing Government" - Die zentralen Thesen von Osborne/Gaebler in institutionenökonomischer Interpretation, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/185196