Ethnokulturelle Komponente der Fachkenntnisse des Übersetzers der deutschen Sprache


Diplomarbeit, 2005

67 Seiten, Note: 1.5


Leseprobe

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2005

3
Gliederung
Einleitung...5
1.
Der theoretische Teil. Interkulturelles Wissen und Fachwissen als
Bestandteile der Translationskompetenz...8
1.1.Translatorische Kompetenz und ihre Bestandteile...8
1.2. Das Wesen fachsprachlicher Übersetzung...11
1.2.1.
Bedeutung fachsprachlicher
Übersetzung...11
1.2.2.
Aufgaben und Schwierigkeiten fachsprachlicher
Übersetzungen...12
1.2.3.
Fachtexte und Stil der Wissenschaft und der
Technik...15
1.2.4.
Die Rolle der Terminologie im Fachübersetzen...17
1.3.Translatorische Kulturkompetenz...20
1.3.1. Der Begriff der Kultur...20
1.3.2. Kultur und Kommunikation...22
1.3.3. Der interkulturelle Charakter der Translation...24
1.3.4. Kulturkompetenz als Bestandteil der professionellen
Kompetenz des Übersetzers...26
1.4. Schlussfolgerung...29
2. Der praktische Teil. Interkulturelle Kenntnisse in fachlichen Bereichen...31
2.1. Kulturelle Konflikte und Übersetzungsfehler in verschiedenen
fachlichen Bereichen...31
2.2. Paraverbale und unverbale Kommunikation...34
2.2.1. Unterschiede im kommunikativen Verhalten...34
2.2.2. Paraverbale Kommunikation bei den
Versteigerungen...36
2.2.3. Die Rolle der Farbe im wirtschaftlichen Bereich...37
2.3. Unternehmenskultur...39

4
2.4. Kommunikation in der Wirtschaft: Abschluss eines
Vertrags...42
2.4.1. Vertrag und Verhandlungen...42
2.4.2. Konflikte im Verhandlungsprozess...44
2.5. Unterschiede in Begriffssystemen...46
2.6. Unterschiede in der Handelskorrespondenz...51
2.7. Kulturelle Unterschiede in Gebrauchsanweisungen...54
2.8.Ein Beispiel der unterschiedlichen technischen Normen...56
2.9. Schlussfolgerung...57
Schluss...59
Literaturverzeichnis...61
Anhang...68
Annotation

5
Einleitung
Jetzt, am Anfang des 3. Jahrtausends wird es immer offensichtlicher, dass
sich die Menschheit auf dem Wege zur Entwicklung von Beziehungen zwischen
Ländern, Völkern und ihren Kulturen befindet. Dieser Prozess umfasst
verschiedene Sphären des Gesellschaftslebens. Heute ist es schon unmöglich, eine
Volksgemeinschaft zu finden, die nicht die Einwirkung der Kultur anderer Völker
erlitten hat. Das stürmische Wachstum des Kulturaustausches und der Kontakte
zwischen Staaten, Sozialgruppen, und einzelnen Individuen der verschiedenen
Nationen ist zu vermerken. Der Prozess der Globalisierung, die Offenheit und die
Zugänglichkeit der modernen Leistungen der Wissenschaft, der Technik und
Kultur lassen der Mehrzahl der Menschen viel Neues über die Lebensweise und
über das Benehmen anderer Völker erfahren.
Die wirtschaftliche Globalisierung zeigt sich in der Entstehung
internationaler Unternehmen, im weltweiten Verkauf von Produkten, in der
Internationalisierung, in der Schaffung von weltumspannenden oder zumindest
kontinentalen Organisationen, was Absprachen und die Koordinierung des
praktischen Handels ermöglicht.
Deshalb ist die Fachübersetzung von der immer größeren Bedeutung. Der
gesamte Welthandel und die Globalisierung der Märkte sind ohne Übersetzungen
nicht realisierbar. In Deutschland werden allein im Bereich der produzierenden
Industrie jährlich über 30 Mio. Seiten Fachtexte übersetzt. Diese Tatsache lässt
behaupten, dass das Thema aktuell sei.
Neben der Tendenz zur Globalisierung gibt es auch eine Tendenz zur
Bewahrung von regionalen, ethnischen kulturspezifischen Besonderheiten. Man
lebt nicht nur in den Sprachgemeinschaften, sondern in Kulturgemeinschaften,
und der Übersetzer muss interkulturelle Kenntnisse besitzen, um die
Schwierigkeiten, Konflikte, Missverständnisse und Misserfolge bei der
Kooperation zwischen Angehörigen verschiedener Kulturen zu verhindern zu
helfen. Die translatorische Kompetenz des Übersetzers setzt sich also nicht nur aus
Sprachwissen zusammen, sondern auch aus Allgemeinwissen, Text-, Kultur, und

6
Fachwissen. Sie alle stehen in Wechselbeziehungen und können getrennt nicht
existieren. Die kulturelle Kompetenz bezieht sich, zum Beispiel, auf die Kenntnis
des spezifischen Allgemein- und Fachwissens der Mitglieder der beiden
Kulturgemeinschaften, die Kenntnis der spezifischen Organisationsformen des
politischen Lebens, der Wirtschaft sowie von Recht und Verwaltung und die
Kenntnis der Verhaltensformen der Vertreter der beiden Kulturgemeinschaften.
Das kulturspezifische Fachwissen ist dadurch bedingt, dass Wirtschaft,
Verwaltung, Recht und das politische Leben spezifische nationale
Erscheinungsformen aufweisen. Auch solche Bereiche, die dem Laien eher
universell erscheinen, erweisen sich bei genauerem Hinsehen als kulturgeprägt.
Das gilt, zum Beispiel für die Technik, die durchaus firmenspezifische Lösung
sowie nationale Prototypen und Normen kennt.
Es gibt eine verbreitete Meinung, dass Fachtexte überhaupt keine
Schwierigkeiten darstellen, weil sie vor allem aus Terminologie bestehen und die
Terminologie eindeutig und genormt ist. So nehmen jene Menschen an, die mit
Fachtexten nur oberflächlich in Berührung kommen und sich nur theoretisch mit
ihnen und deren Übersetzungen befassen. In vorliegender Diplomarbeit möchten
wir diese Meinung widerlegen und in erster Linie beweisen, dass Fachgebiete auch
ethnokulturelle Komponente enthalten. Dieses Postulat ist heutzutage nicht sehr
gut erforscht, deshalb hat unsere Arbeit auch den praktischen Wert.
Also, das Ziel unserer Arbeit ist die Verbindung zwischen Fach- und
Kulturkenntnissen des Übersetzers festzustellen. Die Forschungsmaterialien sind
Lehrbücher, Fachwörterbücher und Fachtexte in den deutschen und russischen
Sprachen. Das Forschungsobjekt ist kulturelle Erscheinungen in fachlichen
Bereichen.
In diesem Zusammenhang stehen folgende Aufgaben vor uns:
Die Komponente der Translationskompetenz zu bestimmen und die
Wechselbeziehung des Kultur- und Fachwissens zu definieren;
Die Wichtigkeit der Kulturkenntnissen für den Fachübersetzer an Beispielen
der Übersetzungsfehler zu zeigen;

7
Das Vorhandensein der ethnokulturellen Komponente in verschiedenen
fachlichen Bereichen anschaulich an den Beispielen zu zeigen.
Die wissenschaftlichen Verfahren, die wir beim Schreiben der Diplomarbeit
benutzen, sind die gegenüberstellende Analyse und die
Komponentenanalyse.
Die vorliegende Diplomarbeit besteht aus zwei Teilen: einem theoretischen
und einem praktischen Teilen. In dem ersten Teil betrachten wir die theoretischen
Grundlagen des Begriffs ,,Translationskompetenz" und bestimmen die Korrelation
zwischen Fach- und Kulturkenntnissen des Übersetzers. Im zweiten Teil führen wir
die Beispiele an, die unser Postulat beweisen. Im Anhang kann man sich mit den in
der Arbeit benutzten Schemas und Fachtexten bekannt machen.

8
1. Der theoretische Teil. Interkulturelle Kompetenz und Fachkompetenz
als Bestandteile der Translationskompetenz
1.1.Translatorische Kompetenz und ihre Bestandteile
T r a n s l a t o r i s c h e K o m p e t e n z w i r d v o n L a i e n o f t m i t
Fremdsprachenkompetenz gleichgesetzt. Jeder kann in irgendeiner Weise
übersetzen, sei es einfache Vokabeln, Sätze, Textausschnitte oder ganze
Sprachhandlungen, weil jeder Mensch fähig ist, Aussagen zu reformulieren, also
einen Inhalt mit anderen Worten wiederzugeben. Übersetzungsdidaktiker aber sind
damit nicht einverstanden und betrachten die Fremdsprachenkompetenz jedoch als
Teil der gesamten Übersetzungskompetenz.
D. Hansen [29:164] betrachtet die linguistische Kompetenz in der
Fremdsprache (und in
der Grundsprache) lediglich als eine Subkomponente einer
umfassenden kommunikativen Kompetenz, die neben der sozialen, kulturellen und
interkulturellen Kompetenz wiederum als Teil der translatorischen Ge-
samtkompetenz aufzufassen ist.
Sigmund Kvam in seinem Artikel ,,Zur translationslinguistischen
Kompetenz im Gefüge der Kompetenz des professionellen Übersetzers
"
[36:145-
156] teilt die Translationskompetenz in folgende Komponente:
a.
Allgemeine sprachliche Kompetenz: Darunter versteht er die
sprachpraktische Fertigkeit (Lexik, Syntax, Pragmatik) in zwei oder
mehreren Sprachen.
b .
Allgemeine Kulturkompetenz: das allgemeine Wissen über politische,
kulturelle, wirtschaftliche usw. Verhältnisse in den in Frage kommenden
Ländern. Dazu zählt er auch allgemeines 'fachliches' Wissen über zentral(e)
Fachgebiet(e) für Translationsaufträge ('der gebildete Laie').

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c.
Allgemein-methodische Kompetenz: eine allgemeine Fähigkeit zu
a n a l y t i s c h e m D e n k e n , a l s o e i n e a l l g e m e i n e
Strategiekompetenz.
Im Artikel von Gerhard Budin "Wissensmanagement in der Translation"
[36:253] geht es um die Kompetenz als die Gesamtheit aller deklarativen und
prozeduralen Formen von Wissen ,,im Rahmen beruflicher Aktivitäten". Der
Autor unterscheidet zwischen Sprachwissen, Sachwissen und Translationswissen
und behauptet, dass ,,alle drei Wissensarten können aber implizit oder explizit sein
oder jeweils internalisiert oder externalisiert werden". Weitere wichtige
Wissensarten sind das Referenz- und Informationsorganisationswissen,
translatorisches Methodenwissen, medientechnisches Wissen, sowie soziales und
interkulturelles Handlungswissen. Sie können als Subkomponente der erwähnten
Arten des Wissens betrachtet werden. Einige deutsche Übersetzungsdidaktiker,
zum Beispiel, Joanna Best, Karen Leube (Heidelberg),
Heinrich P. Kelz (Bonn)
heben vier Unterkompetenzen hervor, solche wie Lese-, Schreib-,
Sprechkompetenz und Hörverstehen. Man kann sie aber als Teile der
linguistischen Kompetenz (Sprachkompetenz) betrachten. Alle Komponente der
translatorischen Kompetenz sind anschaulich im Schema dargestellt, das von
Johanna Best ausgearbeitet wurde. (siehe Anhang (Schema1)) Die punktierten
Linien in diesem Schema zeigen, dass sich diese Arten von Wissen überschneiden
und ineinander gehen. Wir würden dieses Schema ein bisschen anders darstellen ­
so, dass sich kulturelles Wissen mit Fachwissen überschneiden (siehe Anhang
(Schema 2)). Wie es aus dem Schema offenbar wird, teilt die Autorin die
Kompetenz in die Kompetenz in der Grundsprache und die Kompetenz in der
Fremdsprache ein und hebt noch solche Art der Kompetenz hervor, wie
Textkompetenz. Die so genannte textbildende Kompetenz finden wir auch bei dem
russischen Übersetzungsdidaktiker Komissarow W.N. [11:35-38] Er schreibt, dass
sich die professionelle Kompetenz des Übersetzers aus folgenden Komponenten
zusammensetzt:

10
·
sprachliche Kompetenz (Sprachkenntnisse, Kenntnisse der Formen und
Bedeutungen der Spracheinheiten, Kenntnisse der Beziehungen zwischen
ihnen);
·
kommunikative Kompetenz (die Fähigkeit, aus Sprachäußerungen richtige
Schlussfolgerungen über ihren Inhalt und Bedeutung auf Grund der
kognitiven Kenntnisse zu ziehen)
·
textbildende Kompetenz (die Fähigkeit, Texte verschiedener Arten einem
kommunikativen Ziel und einer Gesprächsituation entsprechend zu bilden,
die Beziehungen zwischen einzelnen Teilen des Textes zu schätzen, und den
Text als das zusammenhängende sprachliche Ganze zu fassen)
·
besondere übersetzerische Kompetenz, die ihrerseits Folgendes einschließt:
1.
technische Kompetenz (spezifische Wissen und Können, die
für diese Tätigkeit notwendig sind, Kenntnisse des Wesens und
der Aufgaben der übersetzerischen Tätigkeit, Kenntnisse der
Grundthesen der Übersetzungstheorie);
2 .
persönliche Charakteristika (besondere psychische
Organisation; Fähigkeiten sich zu konzentrieren, die
Ressourcen des Gedächtnisses zu mobilisieren; das große
intellektuelle und emotionelle Potenzial; hohe Belesenheit,
enzyklopädisches Wissen). [12:78-80]
W. N. Komissarow hebt keine einzelne Kultur- und Fachkompetenz, er
schließt sie implizit in solche Arten wie kommunikative und übersetzerische
Kompetenz ein.
Da unser Ziel ist, die Stelle des fachlichen und kulturellen Wissens in der
Kompetenz des Übersetzers zu bestimmen, können wir auf Grund des
Obengesagten folgende Schlussfolgerungen ziehen: Die Hauptkomponente der
Translationskompetenz sind Sprach-, Kultur-, Welt- und Fachwissen, die sich
ihrerseits noch in Unterkompetenzen gliedern. Das Wichtigste ist, und wir möchten
es betonen, dass sich alle diese Komponente überschneiden und ineinander gehen,
d.h. sie stehen alle in wechselseitigem Zusammenhang. Algemeinmenschliche

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Kenntnisse sind ein Teil von Fachkenntnissen, interkulturelle Kenntnisse sind bei
Fachkenntnissen und Sprachkenntnissen vorhanden, sprachliche Kenntnisse sind
ohne Kulturkenntnissen nicht vorstellbar. In nächsten Abschnitten dieses Kapitels
betrachten wir die Begriffe von Fach- und Kulturwissen ausführlicher und
bestimmen ihre Wechselbeziehungen.
1.2. Das Wesen fachsprachlicher Übersetzung
1.2.1. Die Bedeutung fachsprachlicher Übersetzung
Das Fachübersetzen ist eng verbunden mit der Multiplikation menschlichen
Wissens, der Notwendigkeit der Arbeitsteilung, der Entstehung von Fächern und
Fachsprachen. Durch die immer stärker werdende Spezialisierung und
Verflechtung vieler Arbeitsbereiche auf nationalem und internationalem Gebiet
gewinnen fachsprachliche Übersetzungen an Bedeutung. In diesem Abschnitt
möchten wir einige Tatsachen anbringen, die das beweisen würden. Dabei rechnet
man die Vielzahl der Artikel, Aufsätze und Patente ein, d.h. die Zahl
wissenschaftlich-technischer Arbeiten, die jährlich auf diesem Gebiet erscheinen.
Allein im Fachbereich Chemie erscheinen jährlich etwa 50 000 Bücher,
Aufsätze und Patente. Und die Gesamtzahl neuer Themen in der wissenschaftlich-
technischen Literatur wird auf jährlich ein bis zwei Millionen (Artikel, Berichte,
Patente, Bücher) geschätzt. In Deutschland werden allein im Bereich der
produzierenden Industrie jährlich über 30 Millionen Seiten Fachtexte übersetzt. Zu
übersetzen sind dabei alle erdenklichen Erscheinungsformen von Texten, die in
Wissenschaft und Praxis, Politik, Recht und Wirtschaft, sowie im Zusammenhang
mit Forschung und Entwicklung, Produktion, Lagerung, Transport, Vertrieb und
Verkauf von Produkten anfallen.
Auch ist an die internationale Zusammenarbeit, etwa bei Industrieprojekten,
zu erinnern, die eine internationale fachsprachliche Verständigung erfordern, an
den Austausch neuer Erkenntnisse auf Tagungen und Kongressen und an die

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zahlreichen nationalen Beziehungen, die insbesondere auf den Gebieten Recht,
Wirtschaft und Technik Fachübersetzungen verlangen. Ihre Bedeutung spiegelt
sich auch in der Berufsstatistik wider: allein in der Bundesrepublik Deutschland
gaben 1961 rund 15 000 Personen Übersetzer und Dolmetscher als Beruf an.
[30:134-135] Diese Zahlen sind allerdings zur Zeit stark gestiegen.
Sogar im Alltag berührt Kommunikation fast unausweichlich fachliche
Inhalte ­ man kommuniziert über Themen (Sesambrötchen, Skistiefel oder
Surfbretter), die für irgendjemanden (Bäcker, Skihersteller) Berufsgegenstand und
damit fachlich sind, auch wenn man selbst damit nur marginal in Berührung
kommt.
Auf diesem Grund ist der Erwerb fachsprachlicher Kenntnisse, in der
eigenen und in der fremden Sprache, als Voraussetzung zur
Informationsvermittlung oder zur direkten Teilnahme an fachlichen
Auseinandersetzungen bloß unerlässlich.
1.2.2. Aufgaben und Schwierigkeiten fachsprachlicher Übersetzungen
Der fachsprachlichen Übersetzung ist eine Anzahl von Aufsätzen und
Büchern gewidmet. Darin geht es überwiegend um die Dokumentation
wissenschaftlicher und technischer Übersetzungen, die Lösung von
Spezialproblemen und die Bereitstellung von Hilfsmitteln.
Einig ist man sich darin, dass die Übersetzung fachsprachlicher Texte
ebenso anspruchsvoll ist, wie die literarische Übersetzung. Denn die laienhafte
Vorstellung, bei Fachübersetzungen genüge im Wesentlichen die Substitution
fachlicher Terminologie mit Hilfe eines grammatischen Minimums, ist
erwiesenermaßen falsch. Zunächst gehört zur Fachübersetzung, außer einer
gründlichen Kenntnis der Fremdsprache, Sachwissen und Sachverstand.
Von erfahrenen Übersetzern wird immer wieder bestätigt, ,,dass die
Hauptschwierigkeiten bei wissenschaftlichen und technischen Übersetzungen nicht
lediglich im Erwerb von lexikalischen und idiomatischen Kenntnisse der als

13
Ausgangssprache oder Zielsprache in Frage kommenden Fremdsprachen liegt,
sondern vor allem im Verständnis für die wissenschaftlichen und technischen
Probleme, Objekte und Verfahrensweisen". [30:136]
Wesentlich geringer als bei literarischen Übersetzungen ist natürlich die
schöpferische Tätigkeit bei Fachübersetzungen. Denn während bei der literarischen
Übersetzung das ,,Neuschaffen, Gestalten eines neuen Kunstwerkes, Herstellen
einer neuen organisatorischen Einheit von künstlerischem Denken und
künstlerischer Rede in einer anderen Sprache im Vordergrund steht, geht es bei der
Fachübersetzung primär um die exakte Übermittlung von Information. Der Inhalt
bildet das invariante Element der Übersetzung. Er muss präzise und deutlich
wiedergegeben werden. Aufgabe des Fachübersetzers ist es demnach, in der
Zielsprache ,,die Mittel zu finden, die ungeachtet der semantischen Inkongruenz
der ausgangsprachlichen und zielsprachlichen Einzelelemente gewährleisten, dass
der Informationsgehalt des Textes in der ZS dem Informationsgehalt des
Ausgangstextes adäquat ist". [32:157]
Auch M. Gerbert [30:137] sieht das Spezifische der wissenschaftlich-
technischen Übersetzung darin, ,,dass die Leistung des Übersetzers auf der
untrennbaren Einheit von Sprach- und Sachwissen beruht".
Sprachlich bedeutsam für den Fachübersetzer ist ferner die Kenntnis der
semantischen Inkongruenz von Einzelelementen in der Ausgangs- und Zielsprache,
d.h. die verschiedenen Bedeutungsstrukturen, z. B. Die Aufteilung von deutsch
Technik in die drei englische Bedeutungen: 1. technology (angewandte
Wissenschaft), 2. engineering (Technik eines Fachgebietes) und 3. technique
(Einzelverfahren). Neben semantischen Problemen begegnet der Fachübersetzer
auch syntaktischen Problemen. Zwar kommt der Fachtext im allgemeinen mit
einem Minimum grammatischer Mittel aus, die Einfachheit und Eindeutigkeit der
syntaktischen Mittel wird aber nicht in allen Sprachen auf gleiche Weise realisiert.
Schließlich sind auch stilistische Unterschiede zu beachten, zum Beispiel, bei
Bedienungsanleitungen: ,,aus der deutschen Passivkonstruktion Schraube wird
angezogen wird im Englischen die imperative tighten screw und im Spanischen die

14
imperativ-refleksive apriétese tornillo, während das Russische wiederum die
Infinitivkonstruktion vorzieht: «
».
Im Grossen und Ganzen kann man sagen, dass Prozesse und Produkte
besonders im Bereich der Technik ,,vom Faustkeil der Urzeit" bis heute ständig
komplexer und komplizierter wurden. Und dies scheint zu beschleunigen: Der mit
der Erfindung des Transistors im Jahre 1948 begonnene Einzug der Elektronik in
fast alle Lebens- und Technikbereiche macht vieles, was noch vor wenigen
Jahrzehnten auch für Laien rasch begreifbar war, so abstrakt, dass es für
Nichtfachleute nicht mehr nachzuvollziehen ist. Man denke nur an Handys: Nur
wenige Handybenutzer sind sich wohl im Klaren darüber, welcher gewaltige
technologische Aufwand nötig ist, damit die weltweite Mobiltelefonie funktioniert.
Die daraus erwachsende Notwendigkeit, die Benutzeroberfläche von Produkten
möglichst einfach zu gestalten, so dass der Benutzer gar nicht mehr merkt, wie
kompliziert die Technik im Hintergrund ist, hat technische Produkte und deren
Dokumentation (vor allem die Serviceliteratur) in den letzten Jahrzehnten nicht nur
erheblich umfangreicher, sondern auch inhaltlich komplexer werden lassen. [3:44]
Es gibt eine naive Meinung, dass ein Übersetzer den Ausgangstext ja nicht
verstehen, sondern nur übersetzen müsse; andere glauben, dass Fachleute (die
Experten in einem anderen Fach als dem Übersetzen sind ­ Übersetzer sind ja auch
Fachleute, aber im Fach des Übersetzens) für das Übersetzen von Fachtexten
besser geeignet seien als Fachübersetzer. Dazu möchten wir Folgendes sagen:
Gegenstand des Übersetzens ist die interlinguale und interkulturelle
Textproduktion, für die Diplomübersetzer die dafür ausgebildeten Experten sind.
Diplomingenieure beispielsweise sind dagegen keine Experten für Textproduktion
und insofern für diese Tätigkeit keineswegs prädestiniert. Ein Fachübersetzer, der
beispielsweise einen Text über Einspritzanlagen übersetzt, muss nicht das gesamte
Gebiet der Kraftfahrzeugtechnik aktiv beherrschen, sondern nur in der Lage sein,
den aktuell zu übersetzenden konkreten Ausgangstext fachlich zu verstehen. Er
muss daher, z. B. wissen, wie eine spezielle Einspritzanlage funktioniert, er muss
sie aber weder konstruieren noch reparieren können.
Ende der Leseprobe aus 67 Seiten

Details

Titel
Ethnokulturelle Komponente der Fachkenntnisse des Übersetzers der deutschen Sprache
Hochschule
Irkutsker Staatliche Linguistische Universität
Note
1.5
Autor
Jahr
2005
Seiten
67
Katalognummer
V186245
ISBN (eBook)
9783656998990
ISBN (Buch)
9783869430805
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ethnokulturelle, komponente, fachkenntnisse
Arbeit zitieren
Irina Antsiferova (Autor:in), 2005, Ethnokulturelle Komponente der Fachkenntnisse des Übersetzers der deutschen Sprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186245

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