Die theoretische Schrift "Die Angestellten" von S. Kracauer zum Typus des Angestellten, der neuen Arbeiterschicht der 20er Jahre, im Vergleich mit der literarischen Arbeit des Romans "Herrn Brechers Fiasko" (Martin Kessel). Der Roman gilt als unentdecktes Meisterwerk des Angestelltensujets.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Berlin
3. Moderne Sklaverei
4. Betrieb im Betrieb
5. Beliebigkeit des Personals
6. Moralisch-Rosa Hautfarbe
7. Schluss
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den Typus des Angestellten im frühen 20. Jahrhundert durch einen vergleichenden Blick auf Siegfried Kracauers soziologische Studie „Die Angestellten“ und Martin Kessels Roman „Herrn Brechers Fiasko“, um die Lebensbedingungen, sozialen Hierarchien und die psychologischen Auswirkungen dieses Berufsstandes herauszuarbeiten.
- Die soziologische Einordnung des neuen Berufstyps „Angestellter“
- Die Rolle der Großstadt Berlin als Lebensraum und Kulisse
- Strukturen der Macht, Hierarchien und das Phänomen des „Radfahrens“ in Büros
- Die Entfremdung, Sinnlosigkeit und Beliebigkeit der modernen Büroarbeit
- Literarische versus theoretische Auseinandersetzung mit der Arbeitswelt
Auszug aus dem Buch
3. Moderne Sklaverei
Kracauer schockiert mit der Aussage, dass die moderne Sklaverei nicht mehr im Betrieb innerhalb der Masse der Arbeiter stattfindet, sondern diese sich in den Büros der Angestellten finden lässt. Hierbei spricht er von einer Proletarisierung der Angestellten: Die Lebensbedingungen in den Büros machen keinen großen Unterschied zu den Bedingungen des eigentlichen Proletariat. Er spricht weiterhin von der industriellen Reservearmee der Angestellten, die sich fernab der Fabriken gebildet hat. Mit hinein in diesen Komplex spielt die gewachsene Existenzunsicherheit und die fehlende Aussicht auf Unabhängigkeit. Kracauer zielt darauf ab, die Illusionen und Erwartungen der Angestellten auf einen höheren Stand und die mögliche Durchlässigkeit nach oben, zu zerstören. Der Angestellte befindet sich auf Augenhöhe mit dem von ihm so vehement abgegrenzten Arbeiter. Er, den das Abitur zum Angestelltendasein befähigt, versteht nicht, dass die höhere soziale Hierarchie, die er daraus ableitet, eine reine Fata Morgana ist.
Nicht grundlos betitelt Kracauer sein Kapitel über die Beziehung der Arbeiter und Angestellten mit der Überschrift: „Unter Nachbarn“. Die Angestellten versuchen, den Glauben der Arbeiter an ihre saubere Arbeit nicht zu untergraben, um die gedankliche Kluft weiter zu erhalten. Besonders die weiblichen Angestellten schauen bei ihrer Brautschau bevorzugt nach oben, als sich ihren Bräutigam in den unteren Schichten zu suchen. Die Arbeiter selbst halten daran fest, dass zwischen Angestellten und Arbeitern ein Klassengegensatz bestehe.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die zentrale Auseinandersetzung zwischen den Romanfiguren Max Brecher und Dr. Geist vor und führt in die Thematik des gesellschaftlichen Auf- und Abstiegs im Angestelltenmilieu ein.
2. Berlin: Dieses Kapitel analysiert Berlin als die „Stadt der Angestelltenkultur“ und beleuchtet das Spannungsfeld zwischen der rationalen Arbeitswelt und dem urbanen Vergnügungssucht-Charakter der Metropole.
3. Moderne Sklaverei: Es wird die These der Proletarisierung der Angestellten diskutiert, wobei die industrielle Reservearmee und die soziale Kluft zwischen Arbeitern und Angestellten im Fokus stehen.
4. Betrieb im Betrieb: Das Kapitel widmet sich den hierarchischen Strukturen im Unternehmen, dem Phänomen des „Radfahrens“ und der ohnmächtigen Stellung des Einzelnen gegenüber dem Management.
5. Beliebigkeit des Personals: Hier wird die zunehmende Entfremdung und Austauschbarkeit von Angestellten durch Mechanisierung und fehlende inhaltliche Spezialisierung der Büroarbeit untersucht.
6. Moralisch-Rosa Hautfarbe: Dieses Kapitel erläutert das von Kracauer geprägte Schlagwort der „Moralisch-rosa Hautfarbe“ als Taktik zur Maskierung der entfremdeten Arbeitswelt durch eine Fassade der Anständigkeit.
7. Schluss: Der Schluss fasst die Ergebnisse zusammen und würdigt, wie Kessel und Kracauer das Angestelltendasein aus zwei unterschiedlichen Perspektiven – der literarischen und der soziologischen – kritisch reflektieren.
Schlüsselwörter
Angestellte, Martin Kessel, Siegfried Kracauer, Herrn Brechers Fiasko, Die Angestellten, Berlin, Proletarisierung, Radfahren, Hierarchie, Entfremdung, Moralisch-rosa Hautfarbe, Arbeitswelt, Weimarer Republik, Büroalltag, Soziologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Bild des Angestellten in der Weimarer Republik, indem sie Siegfried Kracauers soziologische Analyse mit Martin Kessels Roman „Herrn Brechers Fiasko“ vergleicht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind der soziale Auf- und Abstieg, die Machtstrukturen in Büros, die Entfremdung durch moderne Arbeitsbedingungen und die soziale Abgrenzung zwischen Angestellten und Arbeitern.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, durch den Vergleich literarischer und theoretischer Texte analoge Verhaltensweisen und Typisierungen zu identifizieren, die das Lebensbild und die prekären Lebensumstände des Angestellten prägen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Methode ist der komparative Vergleich zwischen einer literarischen Quelle (Roman) und einer soziologischen Fachstudie, ergänzt durch die Analyse von Motiven und gesellschaftlichen Strukturen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die städtische Umgebung (Berlin), die Hierarchie und „Betriebs-Kultur“ (Radfahren), die Entfremdung von der Arbeit sowie die psychologische Fassade, die Kracauer als „Moralisch-rosa Hautfarbe“ bezeichnet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Angestellte, Entfremdung, Hierarchie, Berlin, Soziologie, Proletarisierung und Radfahren sind die essenziellen Begriffe, die das Werk definieren.
Wie unterscheidet sich die Darstellung von Arbeit bei Kracauer und Kessel?
Kracauer nähert sich dem Thema als Soziologe durch eine reportagehafte Bestandsaufnahme, während Kessel die Thematik durch das individuelle Erleben seiner Protagonisten und ein detailliertes „Personentableau“ innerhalb der Romanhandlung literarisch verwebt.
Warum ist das „Radfahren“ im Bürokontext eine wichtige Metapher?
„Radfahren“ beschreibt das in den Büros übliche, hierarchische Verhalten: „nach oben buckeln, nach unten treten“. Es verdeutlicht den ständigen Anpassungsdruck der Angestellten, um in einem auf Rivalität basierenden System zu überleben.
- Citation du texte
- Dirk Simon (Auteur), 2005, Der Typus des Angestellten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/193101