Am 13. Dezember 2007 wurde der ‚Vertrag von Lissabon‘ von den europäischen Regierungschefs unterzeichnet und damit die mehrjährigen Verhandlungen über die institutionellen Reformen der Europäischen Union beendet. Dadurch wurden die bereits verabschiedeten Verträge nicht etwa ersetzt, sondern lediglich verändert und erweitert.
Die offizielle Aussage war zusammenfassend: „Durch den neuen Vertrag erhält die Europäische Union den rechtlichen Rahmen und die Mittel, die notwendig sind, um künftige Herausforderungen zu bewältigen und auf die Bedürfnisse der Bürger einzugehen.“
Der Vertrag von Lissabon konnte schließlich von allen Mitgliedern ratifiziert werden. Von allen, bis auf Irland. Da dieser Vertrag die Verfassung der Länder berührte, war es per irischem Grundgesetz notwendig, in Irland eine Volksabstimmung durchzuführen, die für eine Verfassungsänderung positiv ausfallen musste. Und genau an diesem Punkt sollte der Ratifizierungsprozess des Vertrags scheitern.
Dabei zeigte sich, dass die Europäische Union in der klassischen Politikverflechtungsfalle nach F. Scharpf steckte. Es reichte eine irische Minderheit und ein amerikanischer Finanzierer, um die Entscheidung für die gesamte EU-Bevölkerung zu blockieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Europäische Union
2.1. Der Vertrag von Lissabon: Inhalte
3. Irland
3.1. Daten und Entwicklung
3.2. Das politische System Irlands
3.3. Politische Akteure zum Zeitpunkt des Referendums
4. Die Politikverflechtungsfalle nach W. Scharpf
5. Die Europäische Union und die Politikverflechtungsfalle
6. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die These, ob die Europäische Union (EU) zum Zeitpunkt der Ablehnung des Vertrags von Lissabon durch Irland in einer sogenannten Politikverflechtungsfalle steckte. Dabei wird analysiert, inwieweit institutionelle Strukturen der EU sowie die Abhängigkeit von nationalen Abstimmungsprozessen Reformblockaden erzeugen und handlungsunfähig machen können.
- Strukturanalyse der Europäischen Union im Vergleich zum kooperativen Föderalismus.
- Untersuchung des irischen politischen Systems und des Referendumsverlaufs.
- Theoretische Fundierung des Begriffs Politikverflechtungsfalle nach Fritz W. Scharpf.
- Analyse des Einflusses von Vetospielern auf europäische Reformprozesse.
- Bewertung der Handlungsfähigkeit supranationaler Institutionen in Krisensituationen.
Auszug aus dem Buch
4. Die Politikverflechtungsfalle nach W. Scharpf
Mit seinen Kollegen Reissert und Schnabel hat Fritz W. Scharpf Ende der siebziger Jahre umfassende Theorien zum Föderalismus in der Bundesrepublik Deutschland entwickelt und gilt seitdem als der Föderalismusforscher schlechthin. Seine Theorie zur Politikverflechtung untersuchte den Einfluss von bestimmten Strukturen auf den Prozess der Politik und deren Ergebnisse mit der Erkenntnis, dass Verflechtung die Politik ineffizienter macht. Unter Politikverflechtung versteht man die politische Entscheidungsfindung unter der Berücksichtigung mehrerer horizontaler und vertikaler Ebene. In Deutschland zum Beispiel wäre dies die Entscheidungsfindung im Bundestag, die nächstkleinere, aber weitaus machtvollere Ebene sind die Landesregierungen, ohne deren Zustimmung manche Entscheidungen nicht getroffen werden können und die wiederum nicht ohne die Kommunen regieren können. Man spricht von politischen Mehrebenensystemen, deren politisch-administrative Aufgaben nicht autonom entschieden werden, sondern im Zusammenspiel mit den jeweils anderen Ebenen. Diese Abhängigkeit der gemeinsamen Entscheidungsfindung und die Frage der Zuständigkeitsbereiche der einzelnen Institutionen sind das Kernstück der Politikverflechtung.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Beschreibt die historische Entwicklung der EU-Verträge, die Bedeutung von Referenden in Irland und die Entstehung des Reformbedarfs, der zur EU-Verfassung und später zum Vertrag von Lissabon führte.
2. Die Europäische Union: Gibt einen Überblick über die institutionellen Reformen des Vertrags von Lissabon, insbesondere im Hinblick auf Entscheidungsprozesse und die Mitwirkung nationaler Parlamente.
3. Irland: Analysiert die sozioökonomischen Rahmenbedingungen Irlands, das politische System sowie die Haltungen der verschiedenen politischen Akteure und Interessenverbände zum Zeitpunkt des Lissabon-Referendums.
4. Die Politikverflechtungsfalle nach W. Scharpf: Erläutert die theoretische Basis der Politikverflechtungsfalle, bei der Mehrebenensysteme durch Veto-Macht einzelner Akteure oder Institutionen blockiert werden.
5. Die Europäische Union und die Politikverflechtungsfalle: Überträgt die Scharpf’sche Theorie auf die EU-Institutionen und diskutiert, inwieweit das irische Referendum als Blockadephänomen innerhalb dieses Systems zu werten ist.
6. Fazit: Zieht das Resümee, dass die EU-Strukturen eine klassische Politikverflechtung aufweisen, die bei fehlenden Exit-Optionen zu Reformstillstand führen kann, wie am Beispiel Irlands aufgezeigt wurde.
Schlüsselwörter
Europäische Union, Vertrag von Lissabon, Irland, Referendum, Politikverflechtungsfalle, Fritz W. Scharpf, Mehrebenensystem, Föderalismus, Reformblockade, Ratifizierung, Europäische Integration, Vetospieler, Politische Entscheidungsprozesse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob die Europäische Union aufgrund ihrer institutionellen Struktur in einer blockierenden "Politikverflechtungsfalle" gefangen ist, illustriert am Beispiel des irischen Referendums zum Vertrag von Lissabon.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind die Reformdynamik der EU, die Auswirkungen des kooperativen Föderalismus auf politische Prozesse sowie die Rolle nationaler Referenden bei EU-weiten Verträgen.
Was ist die primäre Forschungsfrage der Arbeit?
Die Forschungsfrage lautet, ob die Ablehnung des Vertrags von Lissabon durch irische Wähler als Indiz dafür gewertet werden kann, dass sich die EU in einer Politikverflechtungsfalle befindet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Einordnung basierend auf dem Modell der Politikverflechtungsfalle nach Fritz W. Scharpf, kombiniert mit einer strukturellen Analyse der politischen Verhältnisse in Irland.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der EU-Institutionen, die Analyse der irischen Parteienlandschaft und die theoretische Herleitung der Politikverflechtungsfalle, um diese anschließend auf die Praxis der EU-Entscheidungsfindung anzuwenden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Europäische Union, Vertrag von Lissabon, Politikverflechtungsfalle, Föderalismus, Referendum und Reformblockade.
Warum war das irische Referendum für die EU ein solches Problem?
Da der Vertrag von Lissabon Änderungen an der nationalen Verfassung Irlands erforderte, war ein Referendum zwingend. Die Ablehnung blockierte den Ratifizierungsprozess für die gesamte EU, da für viele EU-Reformen Einstimmigkeit erforderlich ist.
Welche Rolle spielt die Organisation "Libertas" in der Arbeit?
Libertas wird als entscheidender Akteur und motorisierende Kraft der "Nein-Kampagne" in Irland beschrieben, wobei auch die Rolle des Gründers Declan Ganley und die Frage nach dem Einfluss externer Akteure thematisiert wird.
Wie definiert Scharpf die "Politikverflechtungsfalle"?
Er beschreibt sie als Entscheidungsstruktur, die ineffiziente und problemunangemessene Lösungen hervorbringt und unfähig ist, ihre eigenen Bedingungen zu ändern, da Partikularinteressen einzelner Akteure Reformen blockieren.
- Quote paper
- Marco Baumgarten (Author), 2009, Die Europäische Union in der Politikverflechtungsfalle, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/197476