Die sexuelle Revolution der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts wurde weitgehend als Befreiung der Sexualität aufgefasst: Erst jetzt fielen die letzten Bastionen der viktorianischen Sexualunterdrückung. Diese Analyse kann sich auf die Arbeiten des Begründers der Psychoanalyse, Sigmund Freud, stützen, die beschreiben, wie die Sexualität seit dem 18. Jahrhundert unterdrückt wurde.
Der Anthropologe Michel Foucault bezeichnet Freuds Ansicht als „Repressionshypothese“ und kritisiert diese in seinem 1976 in Frankreich erschienenen Werk „Der Wille zum Wissen“ vehement. Foucault orientiert seine Analyse nicht an der Repression, sondern fragt nach den Machtmechanismen, die den Diskurs Sexualität prägen. Foucault beschreibt, dass der Wandel von der vermeintlichen Unterdrückung der vergangenen Jahrhunderte hin zur vermeintlichen sexuellen Befreiung vielmehr ein Wandel der Kontrollmechanismen war: Die Kontrolle über die individuelle Sexualität sei nicht länger eine Kontrolle von außen gewesen, sondern hätte eine Subjektivierung erfahren. Absicht und Folge der offiziellen Redeverbote sei nicht die Unterdrückung der Sexualität gewesen, sondern die intensive Diskursivierung dieser. Somit sei die von Freud beschriebene Repression historisch nicht evident. Vielmehr sei selbst die kritische Auseinandersetzung mit der Unterdrückung der Sexualität Teil des von der Macht beabsichtigten Diskurses. Zudem versteht Foucault die Macht nicht als ausschließlich repressiv, sondern beleuchtet auch ihre produktive Wirkung.
Um diese Überlegungen zu verdeutlichen, soll im Folgenden die Repressionshypothese am Beispiel von Freuds „Unbehagen in der Kultur“ (1930) und ihre Kritik durch Michel Foucault dargestellt werden.
Note: 1,0
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Sigmund Freuds “Das Unbehagen in der Kultur”
2.1 Darstellung
2.1.1 Natürlichkeit der Sexualität
2.1.2 Der Antagonismus von Kultur und Sexualität
2.1.3 Unterdrückung der Sexualität auf individueller Ebene
2.1.4 Unterdrückung der Sexualität auf gesellschaftlicher Ebene
2.1.5 Zusammenfassung
2.2 Historische Verortung
3. Michel Foucaults Kritik der Freud'schen Repressionshypothese
3.1 Darstellung
3.1.1 Erschöpfende Diskursivierung der Sexualität
3.1.2 Gegenseitige Stimulation von Sexualität und Macht
3.1.3 Zusammenfassung
3.2 Stellenwert der Repressionshypothese im Werk von Foucault
3.2.1 Foucaults Machtbegriff
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die sogenannte „Repressionshypothese“, wie sie von Sigmund Freud in „Das Unbehagen in der Kultur“ postuliert wurde, und setzt diese in kritische Relation zu Michel Foucaults machttheoretischer Analyse in „Der Wille zum Wissen“. Das primäre Ziel besteht darin, aufzuzeigen, dass Foucault Freuds Annahme einer rein repressiven Macht durch ein Konzept der produktiven Macht ersetzt, die nicht durch Unterdrückung, sondern durch eine intensive Diskursivierung die Kontrolle über Individuen steuert.
- Vergleichende Analyse der Triebunterdrückung bei Freud vs. Diskursivierung bei Foucault
- Die Rolle der Sexualität als zentraler Durchgangspunkt für moderne Machtverhältnisse
- Kritik an der Vorstellung einer „natürlichen“ Sexualität
- Die Produktivität von Macht als Instrument der Subjektivierung
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Erschöpfende Diskursivierung der Sexualität
Zu Beginn von „Die Repressionshypothese“ resümiert Foucault die von ihm als Repressionshypothese bezeichnete Ansicht, dass die Sexualität seit dem 17. Jahrhundert unterdrückt werde. Wie die Vertreter der Repressionshypothese stellt auch Foucault fest, dass im 17. Jahrhundert das Tabu Sex entstanden sei. Von da an sei es in der gesamten Gesellschaft und nicht länger nur in Klöstern verboten und verpönt gewesen, explizit über den Sex zu sprechen. Selbst die Zensur hätte es vermieden, ihn beim Namen zu nennen.
Während die Repressionshypothese aber besagt, dass die Sexualität seitdem verschwiegen und unterdrückt wurde, sieht Foucault hier vielmehr den Startschuss für eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema. Foucault spricht von einer „diskursive[n] Explosion“, die „um den Sex herum [gezündet]“ (Foucault 1977, S. 27) hätte. Diese sei mit einer Zensur und Verschlüsselung der Sprache einhergegangen, zudem herrschten ungeschriebene Gesetze darüber, in welchen Situationen der Sex in verschleierter Form angesprochen werden durfte. Zwar vermutet Foucault eine Zunahme der Frivolitäten, die mit diesen strengen Regeln einhergingen. Wesentlich seien aber die zunehmenden Diskurse „im Wirkungsbereich der Macht“ (a. a. O., S. 28). Foucault erkennt hier einen „institutionellen Anreiz, über den Sex zu sprechen“ (Foucault 1977, S. 28). Als Beispiel führt er die Beichte an, die eine Diskursivierung der Sexualität erfordert habe. Foucault bezeichnet das Sprechen über Sexualität als modernes abendländisches „Gebot“ (a. a. O., S. 31): „[D]ie quasi unendliche Aufgabe, sich selbst oder einem anderen so oft als möglich alles zu sagen, was zum Spiel der Lüste, der zahllosen Gefühle und Gedanken gehört, die in irgendeiner Weise den Körper und die Seele mit dem Sex verbinden“ (ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Themenstellung ein und skizziert den Kontrast zwischen Freuds Verständnis der Sexualunterdrückung und Foucaults Analyse der Sexualität als machtproduzierender Diskurs.
2. Sigmund Freuds “Das Unbehagen in der Kultur”: Das Kapitel erläutert Freuds Hypothese, dass die zivilisatorische Entwicklung eine notwendige Unterdrückung der Triebe voraussetzt und beleuchtet die Rolle von Individuum und Gesellschaft in diesem Prozess.
3. Michel Foucaults Kritik der Freud'schen Repressionshypothese: Hier wird Foucaults These dargelegt, dass Macht nicht unterdrückt, sondern durch die Diskursivierung der Sexualität Wissen und Kontrolle erst erzeugt.
4. Fazit: Das Fazit stellt die gegensätzlichen Machtverständnisse gegenüber und fasst die Unterschiede zwischen Freuds Triebtheorie und Foucaults konstruktivistischem Ansatz zusammen.
Schlüsselwörter
Repressionshypothese, Sigmund Freud, Michel Foucault, Sexualität, Diskursivierung, Machtmechanismen, Triebunterdrückung, Produktive Macht, Das Unbehagen in der Kultur, Der Wille zum Wissen, Subjektivierung, Dispositive, Kulturgesellschaft, Triebbefriedigung, Perversionen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit vergleicht zwei gegensätzliche wissenschaftliche Sichtweisen auf Sexualität: Sigmund Freuds These der Unterdrückung durch die Kultur und Michel Foucaults Gegenposition, dass Sexualität ein machtgeladenes Diskursfeld ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die Psychoanalyse, die Machttheorie, die Bedeutung von gesellschaftlichen Verboten und die historische Konstruktion von Sexualität.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu analysieren, warum Foucault die Freud'sche Annahme der sexuellen Repression als Illusion betrachtet und wie er stattdessen die produktive Natur von Machtstrukturen begründet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende Literaturanalyse, die insbesondere Foucaults Methode der Diskursanalyse nutzt, um historische Machtverhältnisse in Bezug auf Sexualität freizulegen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Darstellung von Freuds Kulturentwicklungstheorie und eine umfangreiche Gegenüberstellung mit Foucaults Diskursbegriff, wobei Mechanismen wie Beichte, Pädagogik und Psychiatrie untersucht werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Repression, Diskursivierung, Macht, Trieb, Kultur, Subjektivierung und Sexualität.
Wie definiert Freud das "Kultur-Über-Ich"?
Freud nutzt diesen Begriff, um zu beschreiben, dass nicht nur das Individuum, sondern auch die Gesellschaft ein moralisches Regelwerk (ähnlich einem Über-Ich) besitzt, das die Triebe seiner Mitglieder zur Aufrechterhaltung der Ordnung unterdrückt.
Was bedeutet Foucaults Begriff der "Einkörperung der Perversionen"?
Foucault meint damit den historischen Wandel, bei dem Sexualität nicht mehr nur als verbotene Handlung gesehen wurde, sondern das Individuum selbst durch seine sexuellen Abweichungen definiert wurde (z.B. der Homosexuelle als Identitätstyp), was eine tiefere Kontrolle ermöglichte.
- Citar trabajo
- Mieke Heidenreich (Autor), 2012, Die Repressionshypothese am Beispiel von Freuds "Unbehagen in der Kultur" und ihre Kritik durch Michel Foucault, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/201325