Im Dezember 2008 konnten Fernsehzuschauer in Deutschland über fünfzig Stunden, also gut zwei Tage lang, Fernsehjahresrückblicke anschauen. Eröffnet wurde die Schlacht um Marktanteile und Zuschauerzahlen am 7. Dezember 2008 um 20.15 Uhr. Zeitgleich sendeten das „Zweite Deutsche Fernsehen“ (ZDF) mit Johannes B. Kerner und „RTL Television“ (RTL) mit Günther Jauch Jahresrückblicke im Live-Format. Beide Sender erreichten Zuschauerzahlen oberhalb von fünf Millionen.
Nach einer Phase der Abstinenz dieser Formate Mitte Dezember erreichten die TVJahresrückblicke nach den Feiertagen um Weihnachten ihren quantitativen Höhepunkt. Vom 27. Dezember bis zum Silvestertag hatten Fernsehzuschauer nun die Möglichkeit, sich bei mindestens vier Jahresrückblicken täglich der Erinnerungskultur hinzugeben und zurück zu schauen. In einer differenzierten Gesellschaft gibt es für jeden aktiven Medienrezipienten einen entsprechenden Jahresrückblick, der seinen Interessen entspricht. Ob politische Satire, Comedy, Musikshow oder Sport, die Zoo-Doku oder das Lieblings-Lifestyle-Magazin – es wird zurück geblickt.
Ich vertrete die These, dass Jahresrückblicke typische Medienrituale sind und werde den Beweis dafür theoretisch führen, aber auch anhand eigener untersuchter Beispiele belegen. Nach Vorstellung einiger Ritualdefinitionen und Medienritualdefinitionen renommierter Forscher, wird die umfangreiche Definition rituellen Handelns von Albert Bergesen näher vorgestellt. Bergesen unterscheidet drei Dimensionen rituellen Handelns, die auf Medienrituale im Allgemeinen und Jahresrückblicke im Besonderen praktisch angewendet werden.
Grundlage meiner Analyse werden drei verschiedene Jahresrückblicke sein: die Live-Jahresrückblick-Show „Menschen, Bilder, Emotionen“ mit Publikum (RTL), der Jahresrückblick „Was Hessen 2008 bewegte“ aus dem Regionalfernsehen mit Gästen (Hessischer Rundfunk), und der allgemeine kommentierte Jahresrückblick „SPIEGEL TV-SPECIAL – Der Jahresrückblick 2008“ (VOX).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definitionen des Ritualbegriffs und des Medienrituals
3. Der Ritualbegriff von Albert Bergesen
3.1 Drei Ebenen Ritueller Ordnung von Albert Bergesen
3.1.1 Rituale der Mikroebene
3.1.2 Rituale der Mesoebene
3.1.3 Rituale der Makroebene
4. Anwendung Bergesens Theorie auf Jahresrückblicke im deutschen Fernsehen
4.1 Medienrituale der Mikroebene
4.2 Medienrituale der Mesoebene
4.3 Medienrituale der Makroebene
5. Fazit und weitere Forschungsfragen
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, die These zu untermauern, dass Fernseh-Jahresrückblicke als typische Medienrituale zu verstehen sind, indem ihre Struktur und Inhalte anhand der rituellen Ebenen von Albert Bergesen analysiert werden.
- Definitionen von Ritualen und Medienritualen im wissenschaftlichen Kontext
- Einführung in die drei Ebenen ritueller Ordnung nach Albert Bergesen
- Analyse von Medienritualen auf Mikro-, Meso- und Makroebene
- Praktische Anwendung der Theorie auf ausgewählte deutsche TV-Jahresrückblicke
- Untersuchung der inszenierten Erinnerungsfunktion von Medienformaten
Auszug aus dem Buch
3. Der Ritualbegriff von Albert Bergesen
Der Ausgangspunkt für Bergesens Theorie ist die Anwesenheit einzelner Teilgefühle von Individuen. Bei der Zusammenkunft, also in einem rituellen Prozess, werden diese Einzelgefühle unterschiedlicher Individuen konzentriert und in eine kollektive Empfindung umgewandelt.
„Der Kern des rituellen Prozesses besteht darin, die individuellen Teilgefühle zu sammeln und daraus ein kollektives Gefühl zu machen, denn nur im gesammelten und konzentrierten Zustand kann sich die spezifisch kollektive Natur dieser Gefühle manifestieren. Der Prozess des rituellen Sammelns ist ein Prozess symbolischer Reproduktion, bei dem die emergente Wirklichkeit, die aus der Sammlung und der Konzentration individueller Empfindungen entsteht, auf jedes Individuum zurückwirkt. Die Teilnahme der Individuen an der kollektiven Wirklichkeit wird dadurch verstärkt und bestätigt.“ (Bergesen, 2006, S. 49)
Das rituelle Moment entsteht für Bergesen folglich, wenn viele individuelle Teilgefühle gesammelt werden, sich in einer Gemeinschaft konzentrieren und dann in eine kollektive Empfindung verwandeln. Das Ritual kann also als ein Mechanismus bezeichnet werden, der die verstreuten Gefühle der Individuen einigt und das Erlebnis Gemeinschaft generiert. Das Ritual dient also als Vermittlungsmechanismus zwischen Individualität und Kollektivität (Bergesen, 2006).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Popularität der Jahresrückblicke im deutschen Fernsehen ein und stellt die These auf, dass diese Formate als Medienrituale fungieren.
2. Definitionen des Ritualbegriffs und des Medienrituals: Es werden zentrale wissenschaftliche Ansätze zu Ritualtheorien vorgestellt, um eine Basis für das Verständnis von ritualisiertem Handeln zu schaffen.
3. Der Ritualbegriff von Albert Bergesen: Dieses Kapitel erläutert die Theorie von Bergesen, insbesondere die Unterteilung ritueller Praktiken in Mikro-, Meso- und Makroebene.
3.1 Drei Ebenen Ritueller Ordnung von Albert Bergesen: Hier erfolgt die detaillierte theoretische Differenzierung der drei Ebenen, die als Grundlage für die spätere Analyse dient.
3.1.1 Rituale der Mikroebene: Die Ebene der linguistischen und visuellen Codes, die persönliche Identität und Gruppenbindung durch sprachliche Konventionen konstruieren.
3.1.2 Rituale der Mesoebene: Fokus auf Interaktionsrituale und Face-to-Face-Kommunikation, bei denen soziale Rollen und Statuspositionen im Alltag ausgehandelt werden.
3.1.3 Rituale der Makroebene: Betrachtung großer, formeller Zeremonien und öffentlicher Ereignisse, die die Identität einer gesamten Gemeinschaft festigen.
4. Anwendung Bergesens Theorie auf Jahresrückblicke im deutschen Fernsehen: Die theoretischen Erkenntnisse werden auf die Praxis der TV-Jahresrückblicke angewendet, um deren rituellen Charakter zu belegen.
4.1 Medienrituale der Mikroebene: Analyse wie auditive und visuelle Codes in Jahresrückblicken strukturierend wirken.
4.2 Medienrituale der Mesoebene: Untersuchung der Interaktionsrituale zwischen Moderatoren, Gästen und Publikum in den Sendungen.
4.3 Medienrituale der Makroebene: Einordnung der Jahresrückblicke als mediale Inszenierung gesellschaftlicher Erinnerung und Identitätsbildung.
5. Fazit und weitere Forschungsfragen: Abschließende Zusammenfassung der Ergebnisse und Ausblick auf zukünftigen Forschungsbedarf.
Schlüsselwörter
Medienrituale, Jahresrückblicke, Albert Bergesen, Fernsehforschung, Ritueller Prozess, Mikroebene, Mesoebene, Makroebene, Medieninszenierung, Erinnerungskultur, Symbolische Reproduktion, Interaktionsrituale, Gesellschaftliche Identität, Fernsehen, Medienanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, inwiefern Fernseh-Jahresrückblicke im deutschen Fernsehen als Medienrituale klassifiziert werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Ritualtheorien, die Einordnung von Fernsehinhalten als rituelles Handeln und die mediale Konstruktion von kollektivem Gedächtnis.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist der theoretische und empirische Beweis, dass Jahresrückblicke durch ihre Struktur und Inszenierung alle Kriterien rituellen Handelns erfüllen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine ritualtheoretische Analyse durchgeführt, basierend auf dem Modell von Albert Bergesen, angewendet auf ausgewählte Beispiele aus dem TV-Jahr 2008.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung der Bergesen-Ebenen und deren direkte Anwendung auf die TV-Beispiele hinsichtlich audio-visueller Codes, Interaktionen und gesellschaftlicher Zeremonien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Medienrituale, Jahresrückblicke, ritueller Prozess und gesellschaftliche Reproduktion.
Welche Rolle spielt die Mikroebene bei den Jahresrückblicken?
Die Mikroebene umfasst insbesondere die auditive und visuelle Codierung, wie Jingles, Schnitte oder Kameraeinstellungen, die dem Zuschauer die Struktur der Sendung vermitteln.
Wie werden Interaktionsrituale auf der Mesoebene umgesetzt?
Durch die formelle Begrüßung der Gäste, die Statuszuweisung an den Moderator und die Ehrerbietung der Protagonisten entstehen typische Interaktionsrituale des Alltags im Fernsehen.
Was unterscheidet Makrorituale in den analysierten Formaten?
Makrorituale beziehen sich auf große Ereignisse wie Wahlen, Krisen oder Trauerfälle, durch die sich die Gesellschaft als Ganzes erlebt und ihre Identität bestätigt.
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- Alexander Kauka (Author), 2009, Jahresrückblicke im deutschen Fernsehen als Medienrituale, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/202043