Jede Sprache ist überall und zu jeder Zeit einem Wandel ausgesetzt; nicht nur die Sprache per se verändert sich, sondern auch ihre einzelnen Subsysteme wie Phonologie, Lexik und Semantik. Die vorliegende Arbeit befasst sich einschliesslich mit dem semantischen Aspekt der Sprache, genauer gesagt mit der Betrachtung des diachronen Bedeutungswandels dreier Wörter im 20. Jahrhundert. Um den Effekt der rasanten gesellschaftlichen Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg auf allfällige Wortbedeutungsveränderungen in der deutschen Sprache untersuchen zu können, wurde entschieden, drei Wörter aus dem Bereich der Ernährung unter die Lupe zu nehmen. Es sind dies: „Abnehmen“, „Diät“ und „Übergewicht“. Die Arbeit stützt sich auf die Vermutung, dass die erhöhte Nahrungsproduktion nach dem Zweiten Weltkrieg Probleme des Übergewichts in den deutsch-europäischen Nationen zutage förderte. Der Ursprung für die Aktualität, die das Thema Überernährung heute erfährt, müsste somit in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg angesiedelt sein; zu dieser Zeit müssten die Bedeutungen der erwähnten Wörter einen Wandel erfahren haben. Das Ziel dieser Arbeit ist es herauszufinden, ob, wann und in welcher Form ein Bedeutungswandel stattgefunden hat. Zur Überprüfung der Thesen eignen sich das im Online-Korpus C4 verfügbare, länderübergreifende Angebot an Textwörtern sowie der Bestand des DWDS.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 THEORETISCHER HINTERGRUND
2.1 Bedeutungswandel
2.1.1 Definition
2.1.2 Arten des Bedeutungswandels
2.1.3 „Soziale Entlehnung“
2.1.4 Die unsichtbare Hand
2.2 Fakten zum Übergewicht
3 METHODISCHES VERFAHREN
3.1 Konzept und Methode der Korpusanalyse
3.2 Ausgewählte Korpora
4 ERGEBNISSE UND AUSWERTUNG DER ANALYSE
4.1 „Abnehmen“
4.2 „Diät“
4.3 „Übergewicht“
5 SCHLUSSWORT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den diachronen Bedeutungswandel der drei Substantive „Abnehmen“, „Diät“ und „Übergewicht“ im 20. Jahrhundert, wobei der Fokus auf dem Einfluss gesellschaftlicher Veränderungen und der gesteigerten Nahrungsproduktion nach dem Zweiten Weltkrieg auf den Sprachgebrauch liegt.
- Grundlagen der diachronen Semantik und Bedeutungswandel
- Die Rolle soziologischer Faktoren und technologischen Fortschritts
- Methodik der Korpusanalyse (DWDS und C4)
- Analyse der Bedeutungsentwicklung spezifischer Begriffe
- Kulturelle Einflüsse wie der westliche Schönheitswahn
Auszug aus dem Buch
2.1.4 Die unsichtbare Hand
Eine mögliche Erklärung für den Sprachwandel per se bietet eine Invisible-Hand-Theorie. Keller (1990: 26) vertritt die Meinung, dass die Sprache einem permanenten Wandel unterworfen sei, weil sie tagtäglich millionenfach von Menschen angewandt würde. Die dadurch ausgelösten Veränderungen seien aber weder beabsichtigt noch würden sie in der Regel bemerkt. Es ist falsch, die Sprache als ein in sich geschlossenes Natursystem mit eigenen Gesetzmässigkeiten zu betrachten, ebenso wie es falsch ist anzunehmen, die Sprache sei ein vom Menschen geschaffenes und seinem Willen unterworfenes Erzeugnis (Linke et al. 2004: 433). Keller betrachtet die Sprache darum als ein Phänomen der dritten Art:
Ein Phänomen der dritten Art ist die kausale Konsequenz einer Vielzahl individueller intentionaler Handlungen, die mindestens partiell ähnlichen Intentionen dienen. (Keller 1990: 88)
Dies kann durch einen Trampelpfad veranschaulicht werden (Nübling et al. 2010: 126): In der Absicht, Zeit zu sparen, kürzen viele Menschen den Weg ab und laufen querfeldein statt rundherum. Wenn es passiert, dass viele Menschen ähnlich ökonomisch denken und auf den Trampelpfad ausweichen, kommt es zur unbeabsichtigten Erschaffung eines eigentlich ungewollten, weil unschönen Trampelpfades. Die intentional gerichteten menschlichen Handlungen führen zu diesem nicht intendierten Ergebnis führen.
Invisible-Hand-Theorien versuchen zu ergründen, wie ein Phänomen der dritten Art entstanden ist oder sein könnte (Keller 1990: 93). Von Wichtigkeit bei einer solchen Theorie sind die Beweggründe des Einzelnen sowie die Rahmenbedingungen seines Handelns. Der Invisible-Hand-Prozess wird dabei als „der kumulative Prozess der Genese“ verstanden (Keller/Kirschbaum 2003: 132f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Definiert das Forschungsziel, den diachronen Bedeutungswandel dreier ernährungsbezogener Begriffe im 20. Jahrhundert zu untersuchen.
2 THEORETISCHER HINTERGRUND: Erläutert die linguistischen Grundlagen des Bedeutungswandels, inklusive der Theorien zur sozialen Entlehnung und der Invisible-Hand-Theorie.
3 METHODISCHES VERFAHREN: Beschreibt das Vorgehen bei der Korpusanalyse unter Verwendung des DWDS und des Korpus C4 zur Prüfung der Thesen.
4 ERGEBNISSE UND AUSWERTUNG DER ANALYSE: Präsentiert und interpretiert die korpusbasierten Befunde zur Bedeutungsentwicklung von „Abnehmen“, „Diät“ und „Übergewicht“.
5 SCHLUSSWORT: Fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass die signifikanten Bedeutungswandel primär in der Nachkriegszeit einsetzten.
Schlüsselwörter
Bedeutungswandel, diachrone Semantik, Sprachwandel, Invisible-Hand-Theorie, Korpusanalyse, Übergewicht, Diät, Abnehmen, Konsumwandel, Ernährung, Semantik, 20. Jahrhundert, Soziale Entlehnung, Wortbedeutung, Ernährungsweise.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Bedeutungswandel der Begriffe „Abnehmen“, „Diät“ und „Übergewicht“ im Kontext der gesellschaftlichen Entwicklung des 20. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Sprachgeschichte, semantischer Wandel, Ernährungskultur und der Einfluss sozioökonomischer Faktoren auf den Sprachgebrauch.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu belegen, dass die veränderten Lebensumstände nach dem Zweiten Weltkrieg einen messbaren Bedeutungswandel der untersuchten Wörter bewirkt haben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt die Korpusanalyse, wobei Bestände wie das DWDS und das C4-Korpus ausgewertet werden, um Wortverwendungsweisen über Zehnjahresperioden zu vergleichen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Grundlagen des Bedeutungswandels dargelegt, gefolgt von der methodischen Vorgehensweise und der detaillierten Auswertung der Korpusdaten für jedes der drei Wörter.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Bedeutungswandel, diachrone Semantik, Korpusanalyse, Invisible-Hand-Theorie und Ernährung.
Warum spielt die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg eine so große Rolle?
Sie gilt als Zäsur für rasanten technologischen Fortschritt und veränderte Essgewohnheiten, was laut Arbeit die Entstehung der heutigen Bedeutungen dieser Begriffe begünstigte.
Wie definiert die Arbeit den Begriff der „unsichtbaren Hand“ in diesem Kontext?
Sie wird als Phänomen der dritten Art verstanden, bei dem individuelle, intentionale Handlungen kumulativ zu einem nicht intendierten sprachlichen Ergebnis führen.
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- Kevin Erni (Author), 2013, 'Abnehmen', 'Diät' und 'Übergewicht' im Bedeutungswandel des 20. Jahrhunderts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/215510