Perspektiven des koedukativen Sportunterrichts in der Retroperspektive

Untersuchung der Fernziele in Walter Brehms Standardwerk „Sport als Sozialisationsinstanz traditioneller Geschlechtsrollen“


Hausarbeit, 2011

11 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Positive Aspekte, Vorteile und Perspektiven für koedukativen Sportunterricht

3. Voraussetzungen und (Lern-)Ziele eines koedukativen Sportunterrichts

4. Auflösung der traditionellen Geschlechtsrollen
4.1 Bewusstmachung geschlechtsspezifischer Strukturen innerhalb der Gesellschaft
4.2 Vorurteilsfreier Sportunterricht und Anerkennung geschlechtsspezifischer Differenzen.
4.3 Abschaffung des autoritären Konkurrenzprinzips, Einführung des Kooperationsprinzips.
4.4 Die neue Rolle des Lehrers - herrschaftsfreie Kommunikation

5. Berücksichtigung menschlicher Triebnatur im Sportunterricht
5.1 Herrschaftsfreie Triebbefriedigung und Abbau von Egoismus
5.2 Sport als Instrument der Bedürfnisbefriedigung

6. Ausbildung eines Kritischen Bewusstseins (Fähigkeit zur Stellungnahme und Handlungsfähigkeit)

7. Literatur

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich im Rahmen des pädagogischen Seminars „Mädchen und Jungen in der Schule“ mit den Vorteilen, positiven Aspekten und Chancen der Koedukation im Sportunterricht. In diesem Zusammenhang wird der Blick speziell auf die Theorien und Standpunkte der Siebzigerjahre gelegt und muss auch vor eben jenem Zeitgeist hinsichtlich der Emanzipation, der aktuellen Auffassung über Geschlechterverhältnisse und der Bildungspolitik gesehen werden. Dies soll jedoch nicht heißen, dass die Theorien und Ansätze der Siebzigerjahre in der heutigen Zeit zwangläufig überholt sein müssten. Es gilt vielmehr die Argumente sorgsam abzuwägen, den jeweiligen politischen Zeitgeist vor Augen zu haben und als Maß aller Dinge die Gewährleistung gleicher Bildungschancen für beide Geschlechter, fernab von traditionellen Geschlechterordnungen, in den Vordergrund zu rücken.

Hintergrund für die Arbeit ist die Gestaltung einer Seminarsitzung, in welcher die Kommilitoninnen und Kommilitonen in die von der Wissenschaft vieldiskutierte Thematik des gleichgeschlechtlichen Unterrichts eingeführt werden sollten. Da in den aktuellen Bildungsplänen der emanzipierten westlichen Nationen der geschlechtsheterogene, „normale“ Unterricht inzwischen bis auf wenige Ausnahmen zu einer „Selbstverständlichkeit“ der Bildungslandschaft gehört, liegt es nahe, den Fokus eher auf das noch heute vieldiskutierte Problemfeld einer geschlechtshomogenen- bzw. heterogenen Form des Sportunterrichts zu lenken. Denn gerade im Fach Sport sind sich Wissenschaft und Politik bis zum heutigen Tag uneinig, wie mit der Geschlechterproblematik richtig umzugehen ist. In Anlehnung an die im Seminar gehaltenen Präsentation ist die Hauptgrundlage der vorliegenden Arbeit Walter Brehms Standardwerk „Sport als Sozialisationsinstanz traditioneller Geschlechterrollen – Zur Frage der Koedukation im Sport“[1], aus welchem die möglichen (Lern-)Ziele eines koedukativen Sportunterrichts näher herausgearbeitet und beleuchtet werden sollen. Die Frage, ob dieser in den Siebzigerjahren durchaus gängige Ansatz in Bezug auf hetero- bzw. homogenen Sportunterricht nach wie vor Gültigkeit besitzt oder ob die heutigen Diskussionen zur Thematik nach fast vierzig Jahren der Erfahrung den durchaus problematischen Koedukationsbedingungen an deutschen Schulen reflektierter gegenüber stehen sollten, war Grundlage der abschließenden Diskussion im Plenum.

2. Positive Aspekte, Vorteile und Perspektiven für koedukativen Sportunterricht

Insgesamt lässt sich feststellen, dass sich im Rahmen der Emanzipation, dem vermehrten politischen Engagement von Frauen in der Politik sowie nicht zuletzt durch neue Erkenntnisse von Seiten der Wissenschaft und Pädagogik die sportdidaktischen Leitlinien der Siebzigerjahre für einen intentional koedukativen Sportunterricht aussprechen. Im Vordergrund steht dabei die Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler auf außerschulische Anforderungen („die Lebenswirklichkeit“), die Zurückdrängung der sportspezifischen Benachteiligung der Frau, der Abbau von traditionellen Geschlechterordnungen innerhalb der Gesellschaft sowie der damit einhergehenden Degradation von Machtstrukturen und männlichen Dominanzansprüchen, welche nach Walter Brehm mit aus der Monoedukation resultieren bzw. diese bedingen würden.[2] Der gesamten Thematik übergeordnet steht jedoch die allgemeine Kritik des Pädagogen an einer Gesellschaft, welche nach wie vor traditionelle Rollenstrukturen tradiert bzw. postuliert. Denn Rollenstrukturen bedingen Schule, und Schulen mit der „falschen“ Pädagogik bedingen festgefahrene Rollenstrukturen. Die damit einhergehende Schwierigkeit, dass Schulen nur unzureichend dasjenige lehren können, was nicht dem Bewusstsein einer Gesellschaft entspricht, macht deutlich, dass es bei der Frage um mono- bzw. koedukativen Sportunterricht um weit mehr als „nur“ den Sport geht. Denn die bis in die Achtzigerjahre währende geschlechtshomogene Sportkultur an deutschen Schulen bzw. der Sport an sich kann als „Sozialisationsinstanz traditioneller Geschlechterrollen, d.h. als Träger und Vermittler der entsprechenden Normen, Stereotypen und Verhaltensschemata exemplarisch dargestellt werden.“[3] Die Chance zur Veränderung und der Bruch mit dem konservativen Rollensystem sieht Walter Brehm einzig und allein im koedukativen Unterricht (wobei der Sportunterricht eine sehr wichtige Rolle einnimmt), welcher über einen mühsamen Weg die von alten Geschlechtsstereotypen geprägte Gesellschaft der Siebzigerjahre von Grund auf „revolutionieren“ sollte.

3. Voraussetzungen und (Lern-)Ziele eines koedukativen Sportunterrichts

Im Folgenden gilt es, die verschiedenen Voraussetzungen, auf denen koedukativer Sportunterricht aufgebaut sein muss, herauszuarbeiten sowie die Perspektiven und möglichen Lernziele Walter Brehms genauer darzustellen. Das Hauptaugenmerk wird auf drei zentrale Ausgangspositionen gelegt, welche jeweils in mehrere Unterpunkte aufgegliedert werden. Als erstes steht die „Auflösung der traditionellen Geschlechterrollen (sowohl der individuellen als auch der gesellschaftlichen)“ im Mittelpunkt, die als eigentlicher Grundstein für jede Überlegung zur Koedukation gelegt werden muss. Die zweite essentielle Voraussetzung ist die „Berücksichtigung der menschlichen Triebnatur und deren Bedürfnisse“. Die dritte und letzte Prämisse, bei welcher es um die „Herausbildung eines kritischen Bewusstseins“, der „Fähigkeit zur Stellungnahme“ und der „Handlungsfähigkeit“ bei Schülern geht, kann auch gleichzeitig als das aus den vorherigen Punkten resultierende Fernziel gesehen werden, was Koedukation in der modernen Gesellschaft zu leisten hat.[4]

4. Auflösung der traditionellen Geschlechtsrollen

4.1 Bewusstmachung geschlechtsspezifischer Strukturen innerhalb der Gesellschaft

Walter Brehm sieht das Grundproblem des koedukativen (Sport-)Unterrichts in den gesellschaftlich tief verwurzelten Rollenstrukturen, welche die geschlechtshomogenen Unterricht befürwortende Pädagogik immer wieder vor große Hürden stelle. Somit liegt der erste Schwerpunkt Brehms auf der Transparentmachung eben jener geschlechtsspezifischen Rolleninternalisierung, welche sowohl individuell als auch gesellschaftlich einzig und allein die „Funktion als Herrschafts- und Ausbeutungsinstrument“ innehabe.[5] Denn nur wenn dieses Faktum auch vom Schüler selbst erkannt werde, könne die Basis einer Bewusstseinsänderung zum anderen Geschlecht hin geschaffen werden.

Den ersten Schritt, um bei Kindern diese Bewusstseinsänderung herbeizuführen, sieht Brehm in einer Vermittlung der Sportarten als geschlechtsunabhängige bzw. „neutrale“ körperliche Tätigkeit, um so die in der Gesellschaft tief verwurzelten Geschlechterzuweisungen hinsichtlich einzelner Sportarten brechen zu können. Somit sollte keine sportliche Betätigung auf eines der beiden Geschlechter festgelegt werden. Vielmehr läuft der Ansatz darauf hinaus, vermehrt die „Rollen zu tauschen“, Mädchen „Jungensport“ treiben zu lassen und Jungen näher an die gesellschaftlich weiblich konnotierten Sportarten heranzuführen.[6] Durch diese „Konfliktstrategie“ ließen sich Sozialisationsprozesse in eine andere und vor allem, gesellschaftlich gesehen, offenere Richtung lenken. Grundvoraussetzung hierfür ist jedoch zum einen ein zahlenmäßiger Ausgleich beider Geschlechter innerhalb einer Klasse, zum anderen aber auch ein Lehrkörper, der es versteht, die „Gleichwertigkeit und Ebenbürtigkeit beider Geschlechter anzuerkennen und etwaige Stärken und Schwächen auszugleichen“.[7] Alles in allem kann auf diese Art und Weise bestehenden Herrschaftsstrukturen und ökonomischen Zwängen, welchen Kindern zwangsläufig unterliegen, entgegengewirkt werden. Dass Jungen unter diesen Umständen in ihrem Tatendrang eher etwas zurückstecken müssen und Mädchen hingegen in manchen Fällen ein stärkeres Selbstbewusstsein entwickeln sollten, kann sich im adoleszenten Entwicklungsstadium durchaus positiv auswirken.

[...]


[1] Walter Brehm: Sport als Sozialisationsinstanz traditioneller Geschlechtsrollen. Zur Frage der Koedukation im Sport. Giessen/Lollar, 1975. Im Folgenden abgekürzt durch: Brehm: Sport als Sozialisationsinstanz traditioneller Geschlechterrollen (1975).

[2] Vgl. Brehm: Sport als Sozialisationsinstanz traditioneller Geschlechterrollen (1975). S. 139ff.

[3] Ebd. S. 48. An dieser Stelle bezieht sich Brehm u.a. auf die Geschlechterrollen im Faschismus, in der Industrialisierung und im Feudalismus, um seine These zu untermauern. [Anm. d. V.].

[4] Vgl. Brehm: Sport als Sozialisationsinstanz traditioneller Geschlechterrollen (1975). S.138f.

[5] Vgl. ebd. S. 139.

[6] Vgl. Brehm: Sport als Sozialisationsinstanz traditioneller Geschlechterrollen (1975). S. 140.

[7] Ebd. S. 140f.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Perspektiven des koedukativen Sportunterrichts in der Retroperspektive
Untertitel
Untersuchung der Fernziele in Walter Brehms Standardwerk „Sport als Sozialisationsinstanz traditioneller Geschlechtsrollen“
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Institut für Erziehungswissenschaft)
Veranstaltung
Mädchen und Jungen in der Schule
Note
1,5
Autor
Jahr
2011
Seiten
11
Katalognummer
V263230
ISBN (eBook)
9783656518815
ISBN (Buch)
9783656518747
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
perspektiven, sportunterrichts, retroperspektive, untersuchung, fernziele, walter, brehms, standardwerk, sport, sozialisationsinstanz, geschlechtsrollen
Arbeit zitieren
Jonathan Haß (Autor), 2011, Perspektiven des koedukativen Sportunterrichts in der Retroperspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/263230

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