Die Entstehung, Konstruktion und Verbreitung von Stereotypen am Beispiel deutscher Stereotypen in der US-amerikanischen Kultur


Masterarbeit, 2012
125 Seiten, Note: 1,1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Zur Konstruktion von Stereotypen
1.1 Definitionen
1.2 Bedingungen und Faktoren für die Bildung von Stereotypen
1.3 Methodische Konstruktion von Stereotypen
1.4 Zur Soziologie des Fremden
1.4.1 Alfred Schütz über den Fremden
1.4.2 Alois Hahn über die soziale Konstruktion des Fremden
1.4.3 Rudolf Stichweh zur Soziologie der Indifferenz des Fremden

2 Die Funktion von Stereotypen
2.1 Vier wissenschaftliche Ansätze zur Funktion vom Stereotyp
2.2 Die kognitive Funktion von Stereotypen
2.2.1 Die Notwendigkeit der Kategorisierung
2.2.2 Der Prozess der Kategorisierung
2.2.3 Das Stereotyp als Rollenerwartung
2.2.4 Der Umgang mit unerwarteten Informationen
2.2.5 Die Kontext-, Kultur- und subjektive Relevanzgebundenheit von Stereotypen
2.2.6 Die kognitive Funktion als Mittel zur Identitätsbestimmung und Machtgewinnung
2.3 Die soziokulturelle Funktion von Stereotypen
2.3.1 Die soziale Repräsentation – der Ursprung unserer Weltbilder
2.3.2 Die Ingroup-Favorisierung
2.3.3 Verschiedene soziale Identitäten/Cross-Categories
2.4 Selbstkonzept oder soziale Identität – wie definieren wir uns? Kognitionstheorie versus Sozialwissenschaft

3 Kulturhistorische Gründe für deutsche Stereotype in den USA
3.1 Die ersten deutschen Immigranten in den USA
3.2 Der deutsche Einfluss in den USA
3.3 Imagewandel im Zuge des Bürgerkriegs
3.4 Der Bruch nach dem 1. Weltkrieg
3.4.1 Die Abschaffung des Deutschen in den USA
3.4.2 Der deutsche Kriegsverbrecher in der US-Presse
3.5 Reaktionen der US-Amerikaner auf den Zweiten Weltkrieg
3.6 Der Kalte Krieg
3.6.1 Wandlung des deutschen Images während des Ost-West-Konflikts
3.6.2 Erneute Zweiteilung des Deutschen
3.7 Die deutsch-US-amerikanische Beziehung heute

4 Typische Stereotype der US-Amerikaner über den Deutschen und Deutschland
4.1 Der Deutsche als dicker, gefräßiger, bayrische Biertrinker
4.2 Der Deutsche als pünktlicher, fleißiger, zuverlässiger Arbeiter ohne Humor und Lebensfreude
4.3 Der Deutsche als Nazi

5 Stereotype in den Massenmedien
5.1 Stereotype in der US-amerikanischen Zeitung und Auslandsberichterstattung
5.2 Stereotype im US-amerikanischen Fernsehen und Film

6 Deutsche Stereotype in Romanen, Briefen und Notizen US-amerikanischer Schriftsteller
6.1 Schönes und schreckliches Deutschland
6.1.1 Göttingen und Heidelberg
6.1.2 Das Rheinland, München und der Schwarzwald
6.2 Der hässliche Deutsche mit seiner Trunk- und Esssucht
6.3 Deutscher Fleiß und Tapferkeit
6.4 Ordnung und Sauberkeit
6.5 Der Nazi und der böse Wissenschaftler
6.6 Widersprüche: Das Stereotyp hängt vom Befinden des Autors ab

7 Fazit
7.1 Sind Stereotype falsch?
7.2 Können sich Stereotype verändern oder sogar abgeschafft werden?

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Das Deutschlandbild in der Polemik des Ersten Weltkrieges

Abbildung 2: Nazi Karikatur

Abbildung 3: Nazi Karikatur

Abbildung 4: Deutsche Stereotype

Abbildung 5: Karikatur von Kohl Hitlerbart

Abbildung 6: „Kommt zu mir, ihr Unterdrückten!“

Abbildung 7: „Dame im Schwarzwaldkleid“

Abbildung 8: „Der Bierkönig“

***

‘In heaven, the cops are British, the lovers are French,

the Food is Italian, the cars are German,

and the whole thing is run by the Swiss.

In hell, the cops are German, the lovers are Swiss,

the food is British, the cars are French,

and the whole thing is run by the Italians.’

***

Einleitung

Jeder Mensch kennt sie und jeder Mensch (ge)braucht sie: Stereotype. Doch inwiefern beeinflussen diese generalisierten Bilder unser eigenes Denken und Handeln? Wann fängt das stereotypische Denken an und ist es überhaupt möglich, nicht stereotypisch zu denken?

Wenn wir bewusst über Stereotype nachdenken, kommen uns die auffälligsten Karikaturen beispielsweise vom Franzosen mit Baskenmütze, von dem rothaarigen Engländer oder dem Wodka trinkenden Russen in den Sinn. In diesem Moment wissen wir, oder sollten wir wissen, dass es sich hierbei um selektive und überspitzte Darstellungen handelt, die nicht der Realität entsprechen. Doch was ist mit dezenteren, scheinbar belanglosen Vorstellungen, die so selbstverständlich scheinen, dass sie kaum als Stereotype wahrgenommen werden? Jenen Weltbildern, die uns von klein auf beigebracht und so kaum infrage gestellt werden? Wie gehen wir mit Assoziationen um, die historisch begründet sind und der Wahrheit zu entsprechen scheinen? Inwiefern haben Massenmedien Einfluss auf unser Denken und kann man überhaupt vom eigenen Denken sprechen? In dieser Arbeit werde ich unter anderem diesen Fragen auf den Grund gehen und deutlich machen, dass letztlich fast jedes Denken ein Denken in Stereotypen ist, das innerhalb einer Gruppe konstruiert, entwickelt und weitergegeben wird.

Hierfür werde ich mich im ersten Kapitel zunächst dem Begriff des Stereotyps annähern, allgemeine und alltäglich genutzte Definitionen vergleichen und die wesentlichen, bedeutungstragenden Merkmale des Begriffs Stereotyp herausstellen. Dann erläutere ich die grundlegenden Bedingung und Faktoren, die für die Bildung von Stereotypen ausschlaggebend sind. Daraufhin komme ich auf die Methoden der Konstruktion von Stereotypen zu sprechen und schließe das erste Kapitel mit der Erklärung ab, warum der Mensch als Mitglied einer sozialen Gruppe dazu neigt, mithilfe sozialer Zuschreibungen andere Gruppen auszuschließen. Dabei stütze ich mich auf die Theorien zur Soziologie des Fremden der deutschen Soziologen Alfred Schütz, Alois Hahn und Rudolph Stichweh.

Das zweite Kapitel widmet sich speziell der Funktion von Stereotypen aus verschiedenen Blickwinkeln mithilfe von vier wissenschaftlichen Ansätzen, aus denen sich zwei Hauptaussagen zusammenfassen lassen. Der erste ist der kognitionstheoretische Ansatz, welcher vor allem sozialpsychologisch begründet ist und der sich mit der kognitiven Notwendigkeit von Kategorisierungsprozessen und somit auch Stereotypisierungen auseinandersetzt. Dabei wird deutlich, dass stereotypisches Denken notwendig ist, um den permanenten Informationsfluss zu filtern und vorhandenes Wissen zu verarbeiten. Außerdem werden mithilfe von sozialen Rollenschemata Ereignisse und Handlungen nicht nur erklärt, sondern auch vorhersehbar gemacht, was eine schnellere Verständigung und Kooperation gewährleistet. Zusätzlich werde ich auf die Kontext-, Kultur und subjektive Relevanzgebundenheit von Stereotypen eingehen, wovon vor allem nationale Kategorien bzw. Stereotype stark abhängig sind, und so den zweiten Ansatz zur Funktion von Stereotypen einleiten.

Der zweite Ansatz bezieht sich dann auf die soziokulturelle Funktion von Stereotypen, also den Ursprung jeglicher Kategorienbildung. Hier wird verständlich gemacht, dass wir Stereotype nicht eigenständig konstruieren, sondern auf ein Repertoire bereits vorgefertigter Urteile Kontext-, Kultur und subjektive Relevanzgebundenheit zurückgreifen. Somit ist unser Denken stets durch soziale Erklärungen und Interpretationen der sozialen Gruppen geprägt, denen wir angehören. Aufgrund unterschiedlicher sozialer Gruppen mit verschiedenen Sichtweisen, aber dem gleichem Anspruch auf Ressourcen, kommt es zu einer Ingroup Favorisierung, die abwertende Urteile bis hin zu feindlichem Verhalten anderen Gruppen gegenüber begründet. Zum Schluss des Kapitels werde ich beide Ansätze gegenüberstellen und die Frage nach der Quelle zur Selbstidentifikation beantworten, die schließlich nicht nur die Eigen-, sondern auch die Fremdwahrnehmung steuert.

Nachdem geklärt wurde, wie Stereotype entstehen, wie und warum sie konstruiert werden, welche Faktoren sie beeinflussen und welche Folgen diese sozialen Zuschreibungen haben, werde ich diese Phänomene ab dem dritten Kapitel am Beispiel US-amerikanischer Stereotype von den Deutschen und Deutschland untersuchen. Dabei gehe ich zuerst auf die kulturhistorischen Gründe für deutsche Stereotype ein und den Einfluss der ersten deutschen Immigranten in den USA, den ständigen Imagewandel des Deutschen vor und nach dem Bürgerkrieg, während des Ersten sowie des Zweiten Weltkrieges und des Ost-West-Konflikts bis heute.

Im darauffolgenden vierten Kapitel soll es dann um die aktuellen, beliebtesten deutschen stereotypischen Vorstellungen der US-amerikanischen Bevölkerung gehen, insbesondere von den Deutschen als dicken, blonden, bayrischen Dauerbiertrinkern, als stets pünktlichen, zuverlässigen Arbeitern ohne Sinn für Humor und Lebensfreude und schließlich von den Deutschen als Nationalsozialisten.

Das fünfte Kapitel illustriert die immense Machtposition der Massenmedien und ihren enormen Einfluss auf die Meinungsbildung ihrer Konsumenten, die letztlich zur Verbreitung und Übernahme von Stereotypen führt. Hierbei konzentriere ich mich auf die US-amerikanische Auslandsberichterstattung und die Illustration des Deutschen in der US-Zeitung und lege einige Gründe (aufgezwungene Selektion von Themen, Zeitmangel, eingeschränktes Leserinteresse) für einseitige Darstellungen auch in seriösen Tageszeitungen dar. Schließlich komme ich auch auf das beliebteste Medium der USA, TV und Film, zu sprechen und stelle die generelle Abhängigkeit der Inszenierung des Deutschen von der Subjektivität, Herkunft und der Laune des Regisseurs sowie der historischen Situation heraus.

Zu guter Letzt untersuche ich im sechsten Kapitel die gebräuchlichsten Stereotype, die in Romanen, Briefen und anderen Texten US-amerikanischer Autoren zu finden sind. Besondere Aufmerksamkeit widme ich der Präsentation deutscher Städte und ihrer Bewohner am Beispiel von Göttingen und Heidelberg, dem Rheinland, München und dem Schwarzwald. Im Anschluss geht es um deutsches Aussehen und deutsche Eigenschaften aus der Sicht der Autoren, wie den hässlichen Deutschen, der sich in seiner Ess- und Trinklust nicht zu zügeln weiß, den fleißigen und mutigen Deutschen, die deutsche Besessenheit in Bezug auf Ordnung und Sauberkeit und die Beschreibung des Deutschen als Nazi oder naziähnlicher böser Wissenschaftler. Hierbei wird wie zuvor die Kontext-, Kultur- und Relevanz­gebundenheit der Schriftsteller offensichtlich, die vom Leser übernommen und häufig als reale Tatsachen und Begebenheiten aufgefasst werden.

Vergleicht man zum Schluss die dargelegten deutschen Stereotype, welche aus der Geschichte resultieren, die beschriebenen aktuellen Images von den Deutschen und von Deutschland, die amerikanische Deutschlandberichterstattung und deutsche Darstellungen in den fiktiven Unterhaltungsmedien der USA, tritt das immer gleiche Phänomen der konstruktiven Natur von Stereotypen auf.

Das siebte und letzte Kapitel wird genau diesen Zusammenhang noch einmal veranschaulichen und die Frage nach der Gültigkeit von Stereotypen sowie nach der Möglichkeit, Stereotype zu vermeiden, abschließend beantworten.

1 Zur Konstruktion von Stereotypen

1.1 Definitionen

Gibt man den Begriff Stereotyp in der Onlineenzyklopädie Wikipedia ein, erfährt man, dass Stereotype gleichbleibende oder häufig vorkommende Muster sind, die Zusammenfassungen von Eigenschaften oder Verhaltensweisen komprimieren. Sie stellen den eigentlichen Sachverhalt stark vereinfacht dar und haben, vermutlich auch dadurch, einen hohen Wiedererkennungswert.

Der Ursprung des Begriffs liegt in dem griechischen Wort „στερεός stereós“ und bedeutet „fest, haltbar, räumlich“ und τύπος, týpos, „-artig“.[1] Somit lässt sich aus dem griechischen Wort stereós vor allem die starre unveränderliche Natur des Stereotyps ableiten. Andere Begriffserklärungen in diversen Lexika, wie dem Free Dictionary, betonen ebenfalls die „feste, einfache Vorstellung, die jmd. von sich, anderen oder einer Sache hat und die sich nicht verändert“.[2]

Das Lexikon für Psychologie und Pädagogik verbindet laut Definition das Stereotyp außerdem mit abwertenden, „abgedroschenen“ Urteilen, „die häufig mit Vorurteilen einhergehen, d. h. mit positiven oder negativen Präpositionen gegenüber Mitgliedern der jeweiligen Kategorie“.[3]

Stereotype sind in erster Linie also wertende Urteile, gebildet von Individuen oder Gruppen. Sie sind konstruierte oder verzerrte Bilder der Wirklichkeit und dienen dazu, der Komplexität von Menschen, Dingen, Handlungen oder Ereignissen entgegenzuwirken. Dabei bedienen sich die Typisierenden der Generalisierung bzw. Vereinfachung und entwerfen Kategorien, unter die diese Stereotype eingeordnet werden. Um dies zu veranschaulichen, stelle man sich folgende Situation vor: Auf einer Veranstaltung kommt uns eine Person mit Brille, zugeknöpfter Bluse und Dutt entgegen. Binnen weniger Sekunden wird sie vom Beobachter in die Kategorie Studentin, Lehrerin oder Bibliothekarin eingeordnet. Diese Vorstellung geht dann vermutlich einher mit Attributen wie „bieder“, fleißig“, „langweilig“ oder „intelligent“. Innerhalb von Sekunden stellen wir uns diese Person, die wir nicht kennen, in Bibliotheken oder Vorlesungsräumen vor. Kurz darauf erscheint ein kräftiger Mann mit Tätowierungen und Glatze. Auch wenn wir es für moralisch falsch halten, verbindet so mancher dieses Bild mit der Figur des Neonazis. Schon erfolgt durch eine Kategorisierung eine äußerst negative Wertung, die uns den anderen automatisch unsympathisch macht.

Das Klischee

Als Synonym des Stereotyps gilt häufig auch das „Klischee“, welches vor allem in bestimmten Redensarten oder vorgeprägten Ausdrucksweisen auftritt. Das Klischee bezieht sich auf eine „zugeschriebene gemeinsame Eigenschaft einer Menge von Personen oder Objekten etc.“,[4] z.B. das Klischee „Italiener sind die besseren Liebhaber“ oder „Frauen können nicht einparken“. Hier werden bestimmten Gruppe, in diesem Fall einer kulturellen Gruppe und Geschlechtergruppe, bestimmte Fähigkeiten oder Inkompetenzen zugeschrieben.

Ursprünglich bedeutete das Wort Klischee, das auf das französische „cliché zurückgeht, „Abklatsch“ oder auch „billige Nachahmung“. Es wird sich vorgefertigter Ausdrucksweisen bedient, welche unüberlegt übernommen werden. Meist fließen diese dann in die alltägliche Konversation mit ein und verbreiten sich innerhalb der sozialen Gruppe.

„[Klischees sind] vorgeprägte Wendungen, abgegriffene und durch allzu häufigen Gebrauch verschlissene Bilder, Ausdrucksweisen, Rede- und Denkschemata, die ohne individuelle Überzeugung einfach unbedacht übernommen werden.“[5]

Das Vorurteil

Auch wenn Stereotyp und Vorurteil häufig in ihrer Bedeutung gleichgesetzt werden, herrscht doch in den meisten Fällen eine Übereinkunft über den wesentlichen Unterschied.

Das Vorurteil wird wie das Stereotyp konstruiert, richtet sich jedoch meist negativ gegen jemanden oder etwas. Es ist vielleicht stärker verfestigt und emotionaler belegt als das Stereotyp und reduziert ebenfalls Personen, Gruppen oder Objekte auf selektierte minimale Information, die entsprechend repräsentativ erscheinen.[6]

Auch wenn der Begriff Vorurteil ursprünglich wörtlich als Zwischenurteil bei Gericht verwendet wurde, ist er in der Alltagssprache anders konnotiert und man assoziiert mit ihm eher wertende und negative Urteile. Aus psychologischer und soziologischer Sicht richten sich Vorurteile insbesondere gegen bestimmte soziale Gruppen und dienen der Diskriminierung feindlicher Kollektive. Auf diesen Aspekt wird in Kapitel 2 zur Funktion von Stereotypen näher eingegangen.

In Günter Trautmanns Werk „Die hässlichen Deutschen“ bietet Hans J. Kleinsteuber auch eine Definition des Vorurteils an. Er unterscheidet Stereotype von Vorurteilen durch die Anknüpfbarkeit realer Sachverhalte beim Stereotyp und die eher emotionalen und meist negativ besetzten Urteile der Vorurteile. Letztere sind laut Kleinsteuber „immunisiert gegen die Realität.“ Vorurteile sprechen bestimmten Bevölkerungsschichten spezifische Eigenschaften zu, die mit der Wirklichkeit nichts mehr gemein haben. „Die Quellen für Vorurteile liegen einerseits in einer nur oberflächlichen (auch in Stereotypen durchsetzten) Kenntnis der anderen Kultur, andererseits finden sie sich auch in Ignoranz, Ablehnung und Borniertheit.“[7]

Das Vorurteil richtet sich also insbesondere gegen fremde oder unterjochte Gruppen, deren Mitglieder mithilfe des Stereotyps zu Sündeböcken degradiert werden. Dabei werden häufig die sozialen und kulturellen Gemeinschaften zu Opfern, die sich in der Minderheit befinden und sich schlecht wehren können. Der amerikanische Psychologe und Vorurteilsforscher Gordon Willard Allport gilt als Mitbegründer der humanistischen Psychologie. In seinem soziologischen Klassiker The Nature of Prejudice (dt.: Die Natur des Vorurteils) erklärt er, dass sogenannte Wirkgruppen sich von Fremdgruppen bewusst absetzen wollen und deshalb die andere Gruppe herabsetzen. Mithilfe des Vorurteils wehrt sich der Mensch gegen das Unbekannte und Fremde, das er nicht versteht und deshalb als Bedrohung ansieht.[8] (Hierzu mehr in Kapitel 2: Funktionen von Stereotypen).

Bei all diesen Formen von Stereotypen handelt es sich um Werturteile, die nicht nur sachlich, sondern auch emotional begründet sind. Ob nun Stereotype, Klischees oder Vorurteile, alle werden innerhalb der Sozialisation im eigenen Umfeld erlernt und verbreitet. Diese Urteile sollen der Gruppe Erklärungen und Orientierung bieten. Sie werden meist ungefragt übernommen und lassen sich nur schwer ablegen, aber schnell erweitern.

Erhard U. Heidt liefert in seinem Aufsatz „The Krauts” und „Die Amis: gegenseitige Stereotypen im Spiegel der Zeit“ einen klaren Überblick darüber, was das Stereotyp ausmacht und worin es sich von anderen Formen unterscheidet.

Das erste Kriterium des Stereotyps ist seine wertende Natur, ob positiv oder negativ. Heidt erwähnt dabei auch die dem Vorurteil nachgesagte negative Unterstellung und bemerkt, er habe zwar nie einen eindeutigen Unterschied beider Begriffe feststellen können, er selbst ziehe aber wegen der typischen negativen Assoziation zum Begriff Vorurteil den Ausdruck Stereotyp vor.

Zweitens beziehen sich Stereotype grundsätzlich auf Gruppen, d.h. man ordnet eine Person immer einer sozialen Identität zu, wie zum Beispiel: „Er verhält sich wie alle Deutschen“. Drittens stützen sie Stereotype in der Regel nicht auf eigene Erfahrungen. Sie sind meist Produkte des Kollektivs, die innerhalb der Gruppe übernommen werden, ohne von den einzelnen Mitgliedern geprüft zu werden.

Viertens reduzieren sie eine Person auf wenige ausgewählte und augenscheinlich wesentliche Merkmale, die für den Typisierenden und seine soziale Gruppe von größter Bedeutung sind.

Fünftens lassen sich Stereotype nur schwer ändern und überwinden. In der Regel werden sie nur durch andere, ebenso realitätsfremde und generalisierte Behauptungen ersetzt. Dennoch bleiben sie in dem gemeinsamen sozialen Wissensrepertoire der Gruppe und können jederzeit abgerufen werden.

Sechstens lässt sich der Wahrheitsgehalt stereotypischer Urteile kaum verifizieren. Es reicht für den allgemeinen Konsens, dass die Mehrheit ein bestimmtes Vorurteil hat: „Wenn alle so denken, muss da was Wahres dran sein.“ Nun kann man zwar Stereotype historisch begründen, wie das Bild des deutschen Nazis, aber es bleibt die Frage, warum dieses Image heute noch Bestand hat.[9]

In meiner Arbeit werde ich mich Heidts Meinung anschließen und mich hauptsächlich mit dem Begriff des Stereotyps auseinandersetzen, da sowohl das Klischee als auch das Vorurteil lediglich verstärkte, stilisierte oder negative Formen des Stereotyps sind.

1.2 Bedingungen und Faktoren für die Bildung von Stereotypen

Einer der Ersten, der sich mit Stereotypen befasste, war der einflussreiche amerikanische Journalist, politische Schriftsteller und Medienkritiker Walter Lippmann. In seinem Werk Public Opinion erklärt er, dass Stereotype vereinfachte Bilder in unserem Kopf sind.[10]

Da Bilder in der Regel konstruiert oder zumindest konstituiert sind, kann es sich nicht um reale Tatsachen und Bestände handeln. Demnach existiert auf der einen Seite die wirkliche Welt, Lippmann nennt sie auch Außenwelt, „world outside“, und auf der anderen Seite die Bilder in unserem Kopf.[11] Da wir die Außenwelt in all ihrer Komplexität nicht wahrnehmen können, müssen wir ganz im Sinne des kognitionstheoretischen Ansatzes (siehe Kapitel 2: Funktionen von Stereotypen) gegebene Informationen so transformieren, dass wir sie bewältigen können. Die Wirklichkeit spielt dabei keine Rolle, sondern nur das, was wir als wirklich wahrnehmen können. Stereotype geben also nicht die Außenwelt wieder, sondern unsere konstituierten Bilder. Die Psychologen Phillip Zimbardo und Wilibald Ruch schließen sich dem in ihrem Lehrbuch für Psychologie an, wenn sie formulieren: „Stereotype sind vorgefasste Meinungen darüber, wie ein Mensch als Angehöriger einer bestimmten Kategorie beschaffen sein müsste.“[12]

Natürlich gibt es auch Gegenpositionen, wie die des rumänischen Sozialpsychologen Serge Moscovici, der sich besonders vehement gegen die Formulierung Lippmanns „picture in our heads“ ausspricht. Er argumentiert, dass es sich bei Stereotypen schließlich um soziale Repräsentationen handelt, die ausschließlich durch Interaktion zwischen Gruppenmitgliedern verbreitet werden.

„Social representations are not just ‘knowledge’ in the head of the person, nor are they exclusively spoken or written utterances, but like money they can be passed between the members of a culture. Through communication between group members, be it through conversation or the use of the mass media, social representations can be generated and passed within a culture.”[13]

Interessant ist hier, dass sich der französische Sozialpsychologe und Lippmann trotz der offensichtlichen Opposition der Vorstellung von verinnerlichter Konstruktion von Bildern (Lippmann) und der Vorstellung von fast schon materialisiertem Volksgut (Moscovici) eigentlich gar nicht widersprechen. Zumindest teilen beide die Überzeugung der sozialen und kulturellen Prägung von Stereotypen, wie Lippmann selbst deutlich ergänzt, denn auch er ist der Auffassung, dass die pictures in der Regel von einer kulturellen/sozialen Gruppe geteilt und an alle Mitglieder dieser Gruppe weitergegeben werden:

„In the great blooming, buzzing confusion of the outer world we pick out what our culture has already defined for us, and we tend to perceive that which we have picked out in the form stereotyped for us by our culture.”[14]

Bei der Entstehung von Stereotypen spielt also vor allem der kulturelle und soziale Hintergrund eine entscheidende Rolle. Je nachdem, wie die eine Gruppe die andere sieht, welche Bilder sie voneinander konstruieren, fallen die jeweiligen Stereotype anders aus.

Ähnlich wie Moscovici erklären auch die Psychologin Martha Augostinos und der Kulturanthropologe Iain Walker die Entstehung von Stereotypen. Für sie existieren sie ebenfalls nicht im Kopf von Individuen, sondern werden sozial konstruiert. Die kognitive Notwendigkeit, Informationen zu vereinfachen, spielt eine untergeordnete Rolle. Vielmehr sind es die sozialen Repräsentationen, die sich innerhalb der alltäglichen Interaktion entwickeln.

„[S]tereotypes are more than just cognitive schemas. Stereotypes are social representations: they are objectified cognitive and affective structures about social groups within society which are extensively shared and which emerge and it's proliferate within the particular social and political milieu of a given historical moment. Stereotypes do not simply exist in individual’s heads. They are socially and discursively constructed in the course of everyday communication, and, once objectified; assume an independent and sometimes prescriptive reality. It is naïve to argue that stereotypes are simply a by-product of the cognitive need to simplify reality.”[15]

Wie auch hier erwähnt, hängen Stereotype mit der historischen Situation einer Kultur zusammen und den daraus resultierenden Differenzen. Lippmann beginnt seinen Klassiker Public Opinion mit einer amüsanten Anekdote, die vor Augen führt, wie absurd und tatsächlich konstruiert nationale Stereotype und letztlich auch Feindbilder sind. Er erzählt von drei Personen, einem Franzosen, einem Briten und einem Deutschen, die gemeinsam auf einer Ozeaninsel leben. Das Postschiff bringt nur alle sechs Wochen Nachrichten und so sind sie Freunde, bis sie im September 1914 erfahren müssen, dass sie sich längst als Feinde hätten betrachten müssen, weil ihre Staaten Krieg gegeneinander führen.[16]

Stereotype entwickeln sich aber nicht nur in oder durch Extremsituationen. Auch wenn vermutlich durch Krieg oder starke politische Differenzen besonders schnell negative Bilder über den Gegner entstehen können, nutzen wir sie täglich, oft auch unbewusst und ohne böse Absicht. Wegen der vielen, häufig inkohärenten und auch inkonsistenten Informationen, die täglich auf uns einströmen, müssen wir von unseren gelernten Erwartungen Gebrauch machen. Der Sozialpsychologe Harold Kelley nennt diese Annahmen schemas, die die Beziehung zwischen Ursache und Wirkung erklären sollen. Oftmals neigen wir bei Informationsmangel oder unzureichender Aufmerksamkeit dazu, diese schemas als allgemeingültig zu erklären und uns bei der Beurteilung anderer an ihnen zu orientieren.

„And every day experience we often do not have all the information (or the inclination) to perform the analysis. In this case, argues Kelley, we rely on casual schemas to make attributions. Casual schemas are our learned expectations and assumptions about the relationships between causes and effects. As each action has many possible causes, as well as many possible effects we use our knowledge to discount certain causes and augment other causes.[…] [W]hen we do not have much information about the person (or have not paid attention to it) our prior knowledge and expectations guide our attributions.[17]

Die Sozialpsychologen Felicia Pratto und John A. Bargh untersuchten in einer Studie, inwiefern die Höhe der Aufmerksamkeit das Urteil über andere Personen beeinflusst. Es zeigte sich eine deutlich stärkere Tendenz zur Stereotypisierung bei den Teilnehmern, die nur flüchtig mit Informationen versorgt wurden. Je mehr Aufmerksamkeit und Zeit in ein Untersuchungsobjekt investiert wurde, desto individueller fiel das Urteil aus. Pratto und Bargh investigierten den Gebrauch von Stereotypen in Bezug auf Geschlechterrollen. In diesem Fall griffen diejenigen, die am wenigsten Zeit und Aufmerksamkeit für einzelne Probanden aufwandten, auf typische Einteilung nach Geschlechterrollen zurück. Bei größerem Zeitaufwand und intensiverer Achtsamkeit stellte sich eine durchgängig unabhängigere Sichtweise ein. Ebenso argumentierten die Sozialpsychologen Susan Fiske und Steven Neuberg anhand ihres Kontinuummodels, dass wir andere Menschen zunächst als Kategorie, als „Vertreter einer bestimmten Kategorie wahrnehmen (z.B. eine Frau als Vertreter der sozialen Gruppe „Frauen“)“[18].

Der erste Eindruck ist also immer durch stereotypische Annahmen bedingt. Die auffälligsten Merkmale, meist äußerliche Eigenschaften wie das Geschlecht, die Hautfarbe oder die Kleidung, werden automatisch einer sozialen Kategorie zugeordnet. Individualisierende Informationen werden nur verarbeitet, wenn der Beobachter zu einer genaueren, von Stereotypen losgelösten Informationsaufnahme bereit ist, also die Zeit- und Motivationsbereitschaft groß genug sind. Allerdings werden die Kategorialinformationen nicht durch die individualisierende Informationsverarbeitung verdrängt, vor allem nicht, wenn das Verhalten der observierten Person zu der vorher vermuteten sozialen Kategorie passt. Sollte aber ein Widerspruch zwischen der stereotypen Kategorie und der individuellen Information herrschen, mag der Beobachter zu einer stärker individuellen Wahrnehmung tendieren, so Fiske und Neuberg. Dieser Punkt wird an anderer Stelle dieser Arbeit noch weiter ausgeführt.

1.3 Methodische Konstruktion von Stereotypen

Meist folgen wir bei der Bildung von Stereotypen einem bestimmten Muster, ohne dies bewusst wahrzunehmen. Der Sozialpsychologe Harold Kelley verdeutlicht anhand seines covariation models, dass drei Faktoren bei der sozialen Zuschreibung von Bedeutung sind. Zunächst beobachten wir das Verhalten von anderen Personen und wie sie sich generell in gleichen Situationen verhalten. Diesen Faktor nennt Kelly consensus, da nach gleichem Verhalten im gleichen Kontext gesucht wird. Dann wird observiert, ob sich eine Person in anderen Situationen anders verhält, es wird also nach Unterschieden im Verhalten gesucht (distinctiveness), und schließlich, ob diese eine Person sich genauso verhält wie alle Personen in dieser Situation (consistency). Wenn diese drei Informationen zusammengetragen werden, sind wir in der Lage, das Verhalten von anderen zu bestimmen.[19]

Um ein stereotypisches Beispiel zu nennen, wie das Stereotyp des Studenten, beobachtet man zuerst eine Gruppe von Studenten und ihr Verhalten im geteilten Raum, dann selektiert man ein Individuum aus dieser Gruppe, achtet auf mögliche Abweichung seiner Handlungsweise und vergleicht diese wiederum mit der des Kollektivs. Bei der Zuschreibung spielt natürlich eine Rolle, welche Bedingungen und Eigenschaften dem Beobachter wichtig sind, beziehungsweise durch welche kulturellen und sozialen Muster er geprägt wurde. Während Patienten bei ihrem Hausarzt vor allem berufliche Aspekte wahrnehmen, wie fachliche Kompetenz oder hohes Ansehen, mag die Familie dieses Arztes seiner Persönlichkeit und seinen Qualitäten als Familienvater mehr Beachtung schenken. Sollte es sich um einen ausländischen Arzt im Inland handeln, wird die Beurteilung wiederum auf nationale Faktoren gelenkt. Sowohl das Erkenntnisinteresse als auch der Kontext sind wichtige Faktoren bei der Beschreibung und Bewertung anderer Personen.

Bevor ich mich nun der Entstehung und Funktion von Stereotypen widme, erscheint es mir wichtig, gerade in Bezug auf nationale Stereotype genauer auf die grundsätzliche Unterscheidung von „fremd“ und „vertraut“ einzugehen. Schließlich führen gerade das Nichtwissen und die Ignoranz gegenüber Unbekanntem zu vorgefertigten, ungeprüften Bewertungen. Die Frage ist, wann und warum schreiben wir anderen die Rolle des Außenseiters oder des Fremden zu? Wann wird eine Person als zugehörig eingestuft und wann nicht? Antworten auf diese Frage lieferte zunächst der Soziologe Alfred Schütz im Anschluss an Georg Simmels Studien über die Soziologie des Fremden.

1.4 Zur Soziologie des Fremden

1.4.1 Alfred Schütz über den Fremden

In seinem bekannten Aufsatz Der Fremde beschäftigte sich der Begründer der phänomenologischen Soziologie unter anderem mit der Situation des Fremden, der sich einer ihm fremden Gruppe nähert, sich in ihr definieren und von ihr akzeptiert werden möchte. Schütz bezieht sich dabei hauptsächlich auf den Fremden, der nicht nur kurzzeitig auftaucht, wie der Gast oder Pilger, sondern auf den, der langfristig bleibt.[20] Als Prototyp für diese Situation nennt er dabei den Immigranten, ein Nichtmitglied der Ingroup, in die der Fremde nun aufgenommen werden möchte. Diese Ingroup verfügt, so wie alle Gruppen, über bestimmte Zivilisations- und Kulturmuster, die Sitten, Gesetze und Gewohnheiten, an denen sich die Mitglieder orientieren, die als selbstverständlich und unantastbar gelten und die die Gruppe konstituieren.

„Als geeigneten Ausgangspunkt wollen wir untersuchen, wie sich die Zivilisationsmuster des Gruppenlebens dem common sense eines Menschen darstellen, der sein Alltagsleben mit seinen Mitmenschen in dieser Gruppe lebt. Wenn wir uns der gebräuchlichen Terminologie anschließen, verwenden wir den Ausdruck „Zivilisationsmuster des Gruppenlebens“, um alle besonderen Wertungen, Institutionen sowie Orientierungs- und Führungssysteme zu bezeichnen (z.B. Volksweisen, Sitten, Gesetze, Gewohnheiten, Bräuche, gesellschaftliche Benehmen, Mode), welche nach der herrschenden Meinung der Soziologen unserer Zeit jede soziale Gruppe zu jedem Augenblick ihrer Geschichte charakterisieren , wenn nicht konstituieren.“[21]

Bei diesen kollektiven Interpretations- und Verhaltensmustern handelt es sich nicht um ein gründliches Wissen, bei dem das Mitglied jedes Mal über den Wahrheitsgehalt reflektiert, wie das Vertrautheitswissen. Der Ingroup genügt ein sogenanntes Bekanntheitswissen, also ein Wissen über etwas, ohne nach dem Wie oder dem Warum zu fragen. Während wir uns beispielsweise mit der Bedienung eines Telefons auskennen und wissen, welche Tasten wir drücken müssen, um mit dem gewünschten Gesprächspartner zu kommunizieren, spielt es für uns keine Rolle, welche technischen Hintergründe das Telefon hat oder wie genau die Schallwellen unser Ohr erreichen. Um unsere Ziele zu erreichen, benötigen wir lediglich ein Bekanntheitswissen. Übertragen auf den Fremden bedeutet dies, dass der Mensch ebenfalls nicht an den tatsächlichen Eigenschaften des Fremden interessiert ist. Stattdessen werden allgemeine Aussagen innerhalb der Ingroup getroffen und als allgemeingültig erklärt.

„Der Mensch des Alltags ist nur teilweise […] an der Klarheit seines Wissens interessiert, d. h. an der vollen Einsicht in die Verhältnisse zwischen den Elementen seiner Welt und den allgemeinen Prinzipien, die diese Verhältnisse beherrschen […] Er sucht überhaupt nicht nach der Wahrheit und fragt auch nicht nach Gewissheit. Alles was er braucht ist eine Information über die Wahrscheinlichkeit und etwas Einsicht in die Chancen oder Risiken, welche die jeweilige Situation für das Ergebnis seiner Handlungen erhält.“[22]

Das Bekanntheitswissen reicht der Ingroup aus, um zu verstehen und verstanden zu werden, weil es von jedem Mitglied akzeptiert wird und die fixen kulturellen und zivilisatorischen Muster ungefragt als Lebensanleitung benutzt werden. Sie fungieren als Rezepte[23] zur Deutung der sozialen Welt. Durch sie wird zum einen erklärt, wie jeder mit dem anderen umzugehen hat, zum anderen wird mit wenig Aufwand schnellstmöglich das Ziel erreicht. Anhand der Gebrauchsanweisungen unserer Gruppe können wir uns bedenkenlos nach den vorgegebenen Verhaltensweisen richten. Natürlich setzen diese Rezepte voraus, dass jeder auf ingrouptypische Art handelt und reagiert. Rezepte und Kulturmuster müssen nicht erst getestet werden. Sie gelten als fraglose Selbstverständlichkeit, durch die wir stets eine Rückversicherung erhalten.[24] Mit den fertigen Gebrauchsanweisungen können lästige Wahrheitssuche und Zweifelsfälle vermieden werden. Da jedes Gruppenmitglied mit diesen Mustern aufwächst, nimmt es diese standardisierten Schemas als natürliche Annahmen wahr.

1.4.2 Alois Hahn über die soziale Konstruktion des Fremden

Der nächste erwähnenswerte Soziologe, der sich mit der Thematik des Fremden beschäftigte, ist Alois Hahn. Aus dem Titel seines Beitrags geht noch deutlicher hervor, dass es sich bei der Fremdheit lediglich um eine Definition handelt. Fremdheit ist, so Hahn, eine soziale Identitätsbestimmung, ein Etikett oder Label, das sozial zugeschrieben und nicht objektiv wahrnehmbar ist.[25] Als wichtiges Hilfsmittel zur Beschreibung anderer dient immer die Unterscheidung. Anhand von Dualismen definieren wir den anderen, d.h. wir grenzen ihn ab, indem wir ihn mit uns vergleichen. Wir sortieren die Merkmale heraus, die uns fremdartig erscheinen. Diese Eigenschaften, sei es die Herkunft, die Hautfarbe, die Kleidung oder die Sprache, werden als fremd, als anders definiert. Schließlich bildet gerade die „Verschiedenheit“ des Fremden die Basis für die Selbstidentifikation eines Systems. Denn nur in Abgrenzung zu etwas anderem kann ich sagen, was oder wer ich bin. Alterität ist ein natürliches Mittel zur Bestimmung der eigenen Identität. Ein kleines Merkmal, das vorher keine Rolle gespielt hat, kann aus einer neuen Situation heraus zu einem großen Problem werden. Plötzlich wird diesem Merkmal das Etikett der Fremdheit zugeschrieben und der neu definierte Fremde wird im schlimmsten Fall radikal ausgeschlossen oder gar eliminiert. Bei den Afroamerikanern waren dies die Hautfarbe und Sprache und Gleichsetzungen mit tierischen Zügen, bei den Juden die durch Hitler eingetrichterte generelle Menschenunwürdigkeit und Bedrohung der deutschen Rasse, die zur Diskriminierung der „anderen“ führte. Freundschaften, Interessengemeinschaften oder Liebesbeziehungen können anhand neuer Festlegungen von „wir“ und „den anderen“ dazu beitragen, das Fremde neu zu definieren. Man erinnere sich an die Anekdote Lippmanns und die neu definierte Feindschaft zwischen den befreundeten Inselbewohnern verschiedener Nationalitäten. Auch Schütz betont, dass die kreierten Rezepte auf spezifische historische Situationen anwendbar sind.[26] Da Schütz selbst Jude war, der aufgrund der Judenverfolgung nach Amerika ausgewandert war, bezieht er sich auf die Wandlung der „natürlichen“ Annahme über die Juden in Deutschland und den national konstituierten Fremdenhass. Während der Jude zunächst als gleichwertiges Mitglied der Gesellschaft anerkannt war, galt er im Zuge des Nationalsozialismus plötzlich als größter Feind und als lebensunwürdig. Hier zeigt sich auch, dass die Kulturmuster einer Gruppe, in dem Fall vor allem die der deutschen Ingroup, sehr stark von politischer Stimmung abhängen und sich je nach Situation rasant verändern können. Während Menschen, die von der Gemeinschaft isoliert sind, noch erkennen können, dass es sich tatsächlich um institutionalisierte Fremdheit handelt, wird denen, die am politischen und sozialen Alltagsgeschehen teilnehmen, dies nicht bewusst.

Hahn betont aber auch, dass es sich bei solchen Zuschreibungen nicht nur um die Ausgrenzung von Unvertrautem handelt. Er stellt fest, dass völliges Fremdverstehen auch innerhalb vertrauter Beziehungen nie gewährleistet ist. Da das Bewusstsein eines anderen uns nicht zugänglich ist und seine Gedanken nie sprachlich wiedergabefähig sind, sind wir auf Auswahl angewiesen. Auch hier bilden wir aus Fragmenten vom anderen eine personale Einheit und selektieren für uns relevante Eigenschaften. Nicht nur bei der Definition des Fremden handelt es sich um eine Konstruktion, sondern auch bei der Unterstellung von Gemeinsamkeit zwischen Freunden und Vertrauten. Unser Verstehen basiert auf Nichtwissen und ist Produkt der intersubjektivistischen Ignoranz. „Auch der Verstehende also ist schon bei der Wahrnehmung des anderen konstruierend wirksam. […] Das, was an Verstehen möglich ist, gründet auf Nicht-Wissen und insofern Nicht-Verstehen.“[27] Genauso wenig, wie wir die unterstellten Andersartigkeiten des Fremden untersuchen, prüfen wir auch nicht die Validität unseres vermeintlichen Konsenses. Unser Verstehen wird nicht falsifiziert, weil wir keine direkte Einsicht in den anderen haben. Tatsächlich zeigt sich, dass zwischen Vertrauten Differenzen ausgeblendet und bei Fremden überblendet werden. Im zweiten Kapitel über die utilitarische und soziokulturelle Funktion von Stereotypen wird darauf näher eingegangen. Verstehen und die Definition des Fremden beruhen immer auf sozialen Vorkehrungen und kulturellen Bedeutungen. Schütz´ Schüler Thomas Luckmann und seine These der universell adressierten Empathie („universal projection“) unterstützt diese Theorie.

,,After all, sense transfers are tentative. They are confirmed, modified or cancelled by the relevant qualities of the things to which some meaning is transferred (...) Confirmations, modifications and frustrations of elementary sense-transfers are sediment in the subjective stock of knowledge and form patterns of expectation (...) Does it not seem likely, therefore, that the „universal projection", too, will be necessarily confirmed in the case of certain bodies and just as necessarily refuted by such qualities of other bodies as resist that sense transfer?"[28]

Jede Beschreibung ist eine institutionell unterstützte Interpretation, die den Status kultureller Regeln hat, also soziomorph von der Gesellschaft geformt ist. Für den Fremden gelten in der Regel zwei Voraussetzungen, die vor Hahn auch schon Schütz und Simmel hervorhoben. Zuerst muss die Einheit von Nähe und Ferne gegeben sein; der Fremde muss mir so nahe sein, dass ich ihn als fremd wahrnehmen kann. Menschen, denen ich nie begegnet bin, können mir nicht fremd sein. Sie existieren für mich gar nicht. Es muss immer eine gewisse Nähe vorhanden sein, um zwischen mir und dem anderen zu unterscheiden.

Dabei kann die Fremdheit positiv oder negativ bewertet werden. Grundsätzlich gibt es zwei verschiedene Möglichkeiten, auf den Fremden zu reagieren. Entweder begegnen wir Unbekanntem mit Neugierde oder Angst. Mit Neugier reagieren wir, wenn das Fremde Faszination und Bewunderung auslöst, wenn wir uns gerade wegen der Andersartigkeit zum anderen hingezogen fühlen. Wenn zum Beispiel eine blonde Frau durch lateinamerikanische Straßen wandert, kann man davon ausgehen, dass ihr sämtliche Einwohner fasziniert hinterherschauen. Natürlich ist es auch möglich, dass dieselbe Frau vor allem beim gleichen Geschlecht als Bedrohung wahrgenommen wird. Hier tritt dann der andere Fall ein, da nun die Fremde als potenzielle Feindin gilt. Während die Neugier nur von kurzer Dauer ist, da wir uns schnell an das Neue gewöhnen und es immer weniger wahrnehmen, scheint die Furcht aber eher noch zu wachsen. Schließlich kann der Fremde nicht nur die sozialen und materiellen Ressourcen bedrohen, wie den Arbeitsplatz oder das Ansehen des Einzelnen, er greift auch die als selbstverständlich aufgefasste Weltdeutung durch eigene, meist abweichende Auffassungen an.

„Unbekannte und unstrukturierte Situationen werden als bedrohlich und angsteinflößend empfunden. Kehrseite der Angst ist ein Bedürfnis nach Schutz. Ihm entspricht die Sehnsucht nach Sicherheit, Anlehnung, Heimat; sie antwortet auf die Suche nach Geborgenheit und Harmonie.“[29]

Unser erlerntes, implizites Weltwissen, von dem wir im Alltag stets ausgehen, darf unter keinen Umständen von anderen infrage gestellt werden. Wenn dies durch den schon etikettierten Fremden geschieht, kann es zu Aggression und Feindschaft kommen. Meist erweist sich dieses Verhalten als Resultat des Minderheitenphänomens. Aidskranke beispielsweise stellen eine ähnliche Bedrohung dar wie Asylanten und Ausländer, da davon ausgegangen wird, dass die Krankheit immer von Fremden ausgeht. Folglich geht die Bedrohung immer vom Fremden aus. Hierbei wird deutlich, dass mit induktiven Schlussfolgerungen gearbeitet wird:

„Die Kranken, zumal die AIDS-Kranken, stellen in der Sicht dieses Diskurses eine ähnliche Bedrohung dar wie die Asylanten. Die Kranken sind Fremde und deshalb wird in dieser Perspektive vermutet, dass es umgekehrt die Fremden sind, von denen man am ehesten erwarten kann, dass sie Träger ansteckender Krankheiten sind. […] Das Fremde ist bedrohlich, und das Bedrohliche wird der Kategorie des Fremden zugeschlagen.“[30]

Dass sowohl die Faszination als auch die Bedrohung in den modernen Gesellschaften immer mehr verblasst, resultiert laut Hahn aus der Identifikation durch funktionale Besonderheiten, neben der Identifikation durch soziale Einheiten, wie Herkunft und familiäre Zugehörigkeit.

1.4.3 Rudolf Stichweh zur Soziologie der Indifferenz des Fremden

Dieser Wandel hin zur funktional differenzierten Gesellschaft ist auch Untersuchungsgegenstand des deutschen Soziologen Ruldolf Stichweh, Schüler des Systemtheoretikers Niklas Luhmann. Er vertritt die Ansicht, dass die heutige Einstellung gegenüber den meisten Menschen neutral ist. Der Fremde ist laut Stichweh und Luhmann eine Figur der Indifferenz.[31] Aufgrund unserer funktionalen Interaktionen und Absichten wird das Fremde unsichtbar und allgegenwärtig.

„Vergleicht man die Situation der Fremden in archaischen mit der in modernen Gesellschaften, so ergibt sich als auffälligste Eigentümlichkeit das, was man „Generalisierung der Fremdheit“ nennen könnte; denn hier […] gilt, dass erst einmal alle Menschen nicht als Personen, sondern als Funktionsträger in die verschiedenen arbeitsteiligen Systeme integriert sind.“[32]

Es interessiert uns nicht, ob der Bäcker katholisch oder evangelisch ist. Wir bemerken kaum den farbigen Busfahrer oder die italienische Schneiderin. Unsere Kommunikation wird in diesen Beziehungen auf das Wesentliche verkürzt bzw. beschränkt. Die Fremdheit in ihrer Kompaktheit ist für unsere moderne Gesellschaft (darunter fallen hauptsächlich die westlichen Länder) handlungsirrelevant.

Es zählen die funktionalen Ausschnitte des anderen.[33] In der modernen Gesellschaft sind Menschen Funktionsträger, die in verschiedene Systeme integriert sind, wie Schulen, den Geldverkehr und die Wirtschaft. Eine persönliche Bindung spielt bei der funktionalen Inklusion keine Rolle mehr. Demnach entsteht eine funktionale Inklusion durch personale Exklusion.

Daraus ergibt sich allerdings eine andere Zweiteilung, nämlich eine Differenzierung persönlicher und unpersönlicher Beziehungen. Die Kontakte des Fremden mit dem Einheimischen bestehen im Wesentlichen aus unpersönlichen Außenkontakten. Tatsächliche persönliche Kontakte sind dann nur mit ebenfalls Fremden der gemeinsamen sozialen Gruppe möglich. Durch diese klare Trennung des Verhaltens kommt es unweigerlich zu einem noch stärkeren Differenzempfinden der Einheimischen gegenüber dem Ausländer und umgekehrt. Doch laut des deutsch-italienischen Soziologen Robert(o) Michels kommt auch hier der Bedeutungsverlust des Fremden zum Tragen. Er unterscheidet hierbei zwischen sympathischen und typisierenden Beziehungen in sozialer Interaktion. Während bei den sympathischen, also den persönlichen Beziehungen dem Interaktionspartner Individualität zugesprochen wird, scheint der Fremde nur anhand von Typisierung, also mittels Zuordnung zu seiner sozialen Kategorie registriert zu werden. So löst der Fremde keine Unsicherheit mehr aus, da er mithilfe der ihm zugeschriebenen, kollektiv anerkannten Charakteristika, den Stereotypen, bestimmt wird. Bei der Ermittlung von Kategorisierungen ist es wichtig zu begreifen, dass das Individuelle und die Kategorie voneinander abhängig sind. Man muss das Individuelle beachten, um exaktere Kategorien zu entwerfen, und man kategorisiert auch immer bei der Beachtung des Individuums.[34] So ist die Bewältigung von Fremdheit kein primär alltägliches Problem mehr, höchstens in Extremsituationen als Schematismus bei politischen Affären. Stichweh geht wie Luhmann von der Vorstellung einer Weltgesellschaft aus, in der jedes Gesellschaftsmitglied die Möglichkeit hat, sich innerhalb verschiedener Funktionssysteme vollständig zu inkludieren. Dennoch muss gesagt werden, dass in vielen politischen Diskursen sehr wohl bestimmte soziale Gruppen, insbesondere Minderheiten, nicht den gleichen Zugang haben, sondern von der Gesellschaft auch heute exkludiert werden. Im Alltagsgeschehen jedoch ist der Sonderstatus des Fremden aufgehoben, da wir als anonyme Funktionsträger alle zu Fremden werden, unabhängig von unserer Nationalität oder Religion. Vorausgesetzt, es herrscht eine allgemeine Anerkennung aller Bürger, sodass für jeden gleiche Gesetze und Rechte gelten. Im Gegensatz zu Stichweh trennt Alois Hahn zwischen der Identifikation durch die soziale Funktion und der Identifikation anhand einer Gruppenzugehörigkeit, wie dem Geschlecht, dem Beruf oder der Nationalität. Demnach ist der Ausländer hier noch fremd durch die nationale Identifikation, wie die Selbstbeschreibung als Deutscher. Der Ausländer im Inland bleibt der Prototyp des Fremden.[35]

Die Argumente von Alfred Schütz, Alois Hahn und Rudolf Stichweh verdeutlichen, dass es bei der Vorstellung vom Fremden immer um den Ausländer als Vertreter einer anderen Kultur und dessen Verschiedenheit geht, sei es das andere Aussehen, die Sprache, die Kleidung, das soziale Verhalten oder spezielle zugeschriebene Eigenschaften. Gerade in einer wie Stichweh formuliert funktional differenzierten Gesellschaft wie der unseren können nur die Ungleichheiten anderer Kulturen auffallen und eine signifikante Rolle spielen. Im Folgenden werde ich mich bei der Frage nach der Funktion von Stereotypen hauptsächlich auf den ethnischen Stereotyp konzentrieren.

2 Die Funktion von Stereotypen

2.1 Vier wissenschaftliche Ansätze zur Funktion vom Stereotyp

In der Wissenschaft kann man bei der Begriffserklärung zum Stereotyp grundsätzlich zwischen vier verschiedenen Ansätzen unterscheiden, die auch Erhard U. Heidt differenziert.[36]

Der erste nennt sich kognitionstheoretischer Ansatz. Hier wird das Stereotyp als Produkt natürlicher Kategorisierungsprozesse des Menschen betrachtet. Die gebildeten Kategorien sind notwendig, um nicht jede neue Information separat aufnehmen zu müssen, sondern sie vereinfacht in gegebene Schemas einordnen zu können. Der Mensch wird mithilfe dieser Klassifikationen vor einer Reizüberflutung bewahrt und kann der Komplexität einzelner Fälle entgegenwirken, indem er gleiche oder ähnliche Merkmale generalisiert.[37]

Der zweite Ansatz, welchen ich nicht vertrete und deshalb nicht gesondert behandeln werde, ist der individualpsychologische Ansatz. Psychologen bestimmter Richtungen setzen in der Kindheit des Typisierenden und seiner individuellen Entwicklung an. Der Persönlichkeitstyp liefert dabei die Erklärung, warum der Mensch Stereotype bildet. Der Wiener Psychologe Alfred Adler war ausschlaggebend für die Entwicklung dieser neuen Theorie, die seelische Störungen aufgrund von Minderwertigkeitsgefühlen in der Kindheit für den Gebrauch von Stereotypen verantwortlich macht. Um die vermeintliche Unterlegenheit und Unsicherheit zu überspielen, projiziert das Individuum seine Aggression auf Minderheiten.[38]

Der dritte Ansatz bezieht sich auf die soziokulturelle Funktion. Sozialwissenschaftler sehen den Grund für die Bildung von Stereotypen in der Notwendigkeit, soziale Identität zu schaffen. Nur durch Abgrenzung mithilfe von Alterität kann die soziale Gruppe ihre eigene Identität bestimmen. Dieser Argumentation folgt auch Alfred Schütz (siehe 1.4.1.). Um dieses Ziel zu erreichen, werden bestimmte Werte, Einstellungen, Normen und Meinungen als kollektives Gut betrachtet. Individuen, die anderen Gruppen angehören, werden als nichtzugehörig betrachtet und somit schnell zu Opfern von Stereotypen.

Der vierte Ansatz ist meiner Meinung nach eng mit dem dritten verknüpft und beschäftigt sich mit dem utilitaristischen Ansatz, oder auch der „utilitaristischen Funktion“, wie sie Erhard U. Heidt bezeichnet.[39]

Grundsätzlich handelt es sich beim Utilitarismus um einen ethischen oder auch sozialphilosophischen Ansatz, der durch Jeremy Bentham und John Stuart Mill konzipiert wurde.[40] In dem gesammelten Werk von Jeremy Bentham, Principles of Morals and Legislation, wird der utilitaristische Ansatz als Prinzip des Nutzens beschrieben. Jede Handlung soll zum Wohle der Gemeinschaft ausgeführt werden. Jede Handlung muss den Belangen und Interessen der „Partei“ von Nutzen sein, um ihr so einen Vorteil gegenüber anderen Parteien zu verschaffen. Erhard U. Heidt betont in seinem Essay ebenfalls die utilitaristische Funktion von Stereotypen. Hier fungiert das Stereotyp als

„Privilegienwahrung der eigenen Gruppe durch negative Eigenschafts- und Schuldzuweisung an die anderen. Dieser Mechanismus dient der Aufrechterhaltung bestehender oder angestrebter Macht- und Herrschaftsverhältnisse“[41]

Durch Abweisung, Verstoß oder sogar Diskriminierung der fremden Gruppe sollen die Rechte, Privilegien und die Herrschaft der Gemeinschaft gesichert werden. Die Bildung und Verbreitung von Stereotypen soll dabei die Feindseligkeit gegenüber den Außenseitern schüren und so die Gruppendynamik stärken. Da diese Funktion aus der sozialkulturellen Funktion resultiert, werde ich beide in Kapitel 2.3 und auch 2.4. zusammen behandeln.

Kulturelle oder ethnische Stereotype besetzen ein großes Feld innerhalb der Psychologie, der Sozialwissenschaften und natürlich der Kulturwissenschaft. Ich werde zunächst auf die kognitionstheoretische Funktion eingehen, die meist in der Psychologie als Methode zur Erklärung des stereotypischen Gebrauchs verwendet wird.

2.2 Die kognitive Funktion von Stereotypen

2.2.1 Die Notwendigkeit der Kategorisierung

Es wurde bereits gesagt, dass Stereotypen lediglich „pictures in our head“ sind, die keinen Wahrheitsanspruch haben, sondern vielmehr Konstruktionen sind. Es stellt sich hier die Frage, warum wir dies tun oder vielmehr müssen. Lippmanns Antwort darauf ist, dass Stereotype uns mit sogenannten Landkarten, mental maps[42], versorgen, mit deren Hilfe wir die oft zu komplexe Realität vereinfachen und uns in ihr zurechtfinden können. Mit vorgefertigten Kategorien, wie Typisierungen, sind wir eher in der Lage, die Welt zu verarbeiten. Ohne diese Hilfsmittel wären wir einer Reizüberflutung ausgesetzt, mit der wir nicht umzugehen wüssten.

„For the real environment is altogether too big, too complex and too fleeting for direct acquaintance. We are not equipped to deal with so much subtlety, so much a variety, so many permutations and combinations. And although we have to act in that environment, we have to reconstruct it on a simpler model before we can manage with it. To traverse the world men must have maps of the world.”[43]

Die nötigen Landkarten sind im Endeffekt mit dem zu vergleichen, was Alfred Schütz unter Zivilisationsmustern oder Kulturmustern versteht, die innerhalb der Gruppe weitergegeben werden. Wir lernen von Anfang an, in Kategorien zu denken, und ordnen neues Wissen in diese ein. Nach Schütz sind Fremdheit und Vertrautheit ebenso Kategorien unserer allgemeinen Auslegung der Welt. Ist uns etwas unbekannt, wird zunächst die neue Situation definiert und dann mit unseren Erfahrungen und Sinnbedeutungen verglichen. Die fremde Information wird als neues Element in unseren Wissens- und Erfahrungsvorrat aufgenommen.[44] Es bleibt uns nichts anderes übrig, als neue Informationen über unser vorgefertigtes Wissen aufzunehmen. Wie schon erwähnt, sind der Vergleich und die Differenzierung zentrale Methoden zur Definition von Gegenständen, Handlungen oder Ereignissen. Hätten wir nicht die Möglichkeit, die Menge an Eindrücken und Erfahrungen, die täglich auf uns einwirken, zu selektieren und in Kategorien einzuordnen, würde die Welt unbegreiflich und ‚unbegrifflich’ werden. Wir verfügen weder über die Kapazität noch über die Zeit, jedes Element isoliert und individuell zu betrachten. Diese Meinung vertritt auch der amerikanische Politikprofessor Robert Jervis:

„Pure empiricism is impossible: facts do not speak for themselves. It is not wise – indeed, it is not possible – to follow Thomas Huxley’s injunction to “sit down before fact as a mere child, be prepared to give up every preconceived notion, follow humbly wherever nature leads, or you will learn nothing.”[45]

Ebenso argumentiert der amerikanische Philosoph G. B. Madison, dass die Dinge in sich selbst weder verständlich noch unverständlich sein können, sondern uns erst in Beziehung zu unseren Konzepten einen Sinn geben. Madison spricht sich damit deutlich gegen den Mythos vom leeren Kopf aus, der besagt, dass man völlig unvoreingenommen und frei von jeglicher Vorentscheidung an Konzepte oder Theorien herangehen sollte.[46] Madison setzt verstehen mit interpretieren gleich. Wenn wir durch unsere Sinne Daten wahrnehmen, werden diese nicht isoliert aufgenommen. Was wir sehen und hören, assoziieren wir sofort mit den Erklärungen und Namen, die uns bereits zur Verfügung stehen.[47] Wir können nicht einen Stuhl ansehen, ohne ihn semantisch einzuordnen. Wir erkennen die typische Form des Stuhls, sein Material und seinen Nutzen; verbunden mit dem dazugehörigen erlernten phonetischen Laut S-t-u-h-l betrachten wir den Stuhl anhand unserer Kategorien als ganze Einheit dieser Beziehungen.

Der Sozialpsychologie Gordon Allport gilt als Begründer der humanistischen Psychologie. Mit seinem Buch The Nature of Prejudice geht er noch einen Schritt weiter und betont die Lebensnotwendigkeit von Vorurteilen und Stereotypen. Als Beispiel zieht er eine Alltagssituation heran: „When an angry looking dog charges down the street, we categorize him as a “mad dog” and avoid him […] We “type” a single event, place it within a familiar rubric, and act accordingly.”[48]

Kategorisierungen helfen uns gerade in prekären Situationen, schneller effektiv zu handeln. Wir haben oft nicht die Zeit, um neue Gegebenheiten und Situationen zu überprüfen. Um überleben zu können, müssen wir typisieren und Ereignisse mit dem verbinden, was wir schon kennen. Diese These unterstützt auch der amerikanische Anthropologe Robin Fox. Er betont, dass automatisches stereotypisches Denken einen wichtigen Teil der menschlichen Kognition darstellt:

„The essence of stereotypical thinking is that it is fast and gives us a basis for immediate action in uncertain circumstances. But its legacy is that we are happier and more conformable when thinking in ways that promise immediate survival, then in ways that appear to threaten it. […] Presented with the need for a quick decision, it will prefer a stereotype to logic.”[49]

Nicht nur, dass schnelle Entscheidungen lebensnotwendig sein können, sie machen uns das Leben angenehmer und leichter. Sie liefern, wie Alfred Schütz schon argumentierte, Rezepte oder Gebrauchsanweisungen, durch die wir wissen, wie wir uns in bestimmten Situationen zu verhalten haben und vor allem, welches Verhalten wir vom anderen erwarten können. Durch Kategorien ist man vorbereitet und diese geben ein Gefühl von Sicherheit und Schutz. Daher ist es nach dem kognitiv-theoretischen Ansatz unmöglich, Vor -Urteile und damit auch Stereotype zu vermeiden. In einigen sozialpsychologischen Studien, ob von Walter Lippmann, Gordon Allport[50], Jerome Bruner[51], Henri Tajfel[52] oder Dave Hamilton[53], wurde die signifikante Rolle der Kognitionstheorie mit der Bildung von Stereotypen in Verbindung gebracht. Zwar wird erwähnt, dass der Prozess der Kategorisierung auch mit der sozialen Wahrnehmung und Interaktion zusammenhängt, was in Kapitel 2.3. noch dargelegt wird, dennoch geht deutlicher hervor, dass Simplifizierung vonnöten ist, um dem kognitiven overload zu entgehen.[54] Unser Verstand ist nicht in der Lage, mit mehr als einer bestimmten Informationsmenge umzugehen. Daher filtern wir die für uns relevanten Informationen und formen daraus ein einheitliches Bild, an dem wir uns orientieren. Die amerikanischen Sozialpsychologinnen Susan Fiske und Shelley Taylor bezeichnen den Menschen aufgrund dessen als cognitive miser[55]. Wir entwickeln Strategien, die uns nicht zwangsläufig die richtigen Antworten liefern, aber mit denen wir effizient zum Ziel kommen. Wir suchen, wie schon Schütz und Hahn bemerkten, nicht nach tatsächlichen Wahrheiten, die den Denk- und Handlungsablauf verlängern oder aufhalten. Der Mensch als Aufwandsökonom zieht es vor, keine Zeit und Mühe zu verschwenden und so schnellstmöglich zu praktischen, angenehmen Lösungen zu kommen. Gerade im Alltag treffen wir bewusst und unbewusst eine so hohe Anzahl von Entscheidungen, dass wir vermutlich 100 Stunden am Tag bräuchten, um jedes Problem und jede Handlung einzeln zu betrachten. Würde man beispielsweise in einer Diskothek von anderen Gästen belästigt, würde man automatisch nach dem breit gebauten Prototyp eines Türstehers suchen, statt jeden der anwesenden Männer für diese Aufgabe in Betracht zu ziehen. In den meisten Fällen läge man dabei auch richtig und würde so mithilfe der stereotypischen Erwartung viel Zeit und Energie sparen. Auch Ian Robertson beschäftigt sich in seinem Werk Types of Thinking mit der menschlichen Art, Probleme schnell zu lösen:

„Even when we have all the information to consider a problem in detail, our capacity limitation might mean that it is too much information to deal with and we still get the answer wrong! We rarely have the time or inclination to ponder each new problem of our daily lives and so quick decisions without too much effort may have much pragmatic value to us.”[56]

Sollten wir bewusst wahrnehmen, dass unsere Stereotype tatsächlich Produkte der intersubjektivistischen Ignoranz sind (siehe Alois Hahn Kapitel 1.4.2.), stört uns dies wenig. Solange unsere Vorstellung zur Illusion des Verständnisses beiträgt und das primäre Ziel der schnellen und gemeinsamen Verständigung innerhalb einer Gruppe erfüllt wird, stellt sich nicht die Frage nach der objektiven Wahrheit. Dass die Muster von Stereotypen nicht natürlich sind, sondern Projektionen unserer Sinne und Ergebnis geteilter Wertvorstellungen, erklärt auch Lippmann. Daher sind Stereotype niemals neutral, sondern stark abhängig von Emotionen, die bei der Konfrontation mit Fremden extrem variieren können[57] (siehe auch 1.4.2. Alois Hahn). Nun stellt sich die Frage, ob der kognitive Prozess des ‚Verstehens’ zu einem grundsätzlich ‚falschen’ und auch negativen Denken führt. Vor allem Lippmanns Begriff des Stereotyps bekam einen negativen Beigeschmack und wurde häufig als Makel der menschlichen Natur ausgelegt oder wie Fox formuliert „as evidence of the unfinished mind“.[58] Dennoch dienen Stereotype als Schutz vor dem Unbekannten und erhöhen unsere Chancen zu überleben. Daher weiß auch Fox, dass Stereotypisierungen kein Denkdefekt sind. Wir können nicht aufhören, in Stereotypen zu denken, weil sie das Fundament unseres Wissensvorrats bilden. Auch der Psychologe Jerome Bruner geht davon aus, dass jede Wahrnehmung notwendigerweise das Endprodukt von Kategorisierungsprozessen sein muss.[59] Ebenso ist sich der Linguist George Lakoff sicher: „There is nothing more basic than categorization to our thought, perception, action, and speech”[60].

Man muss also festhalten, dass hier die Wahrnehmung als Klassifikationsprozess betrachtet wird, sodass ein Gegenstand, ein Ereignis oder eine Handlung nur eine Bedeutung erhält, wenn der Mensch kategorisiert. Wie schon erwähnt, müssen wir anhand von Definitionen und Vergleichen bestimmen, welche Bedeutung ein Stuhl oder ein Tisch haben. Im Folgenden wird näher auf die Methoden der Kategorisierung eingegangen, die letztendlich auch Methoden der Stereotypisierung von Menschen sind.

2.2.2 Der Prozess der Kategorisierung

Als Kind erwerben wir unser Wissen anhand von Kategoriebildung. Dabei kommen besonders Generalisierungen mithilfe von Formen der Induktion zustande. Sozialpsychologin Perry Hinton beschreibt diese Lernprozesse als Overextension und Underextension[61] und gibt ein anschauliches Beispiel. Ein Vater geht mit seinem Kind in den Park, zeigt auf eine kleine vierbeinige Kreatur und sagt zum Kind „Hund“. An einem anderen Tag im Park sieht das Kind ein anderes vierbeiniges Wesen, dieses Mal größer und mit einer anderen Farbe. Es deutet auf das Tier und sagt: „Hund“. Der Vater bestätigt: „Ja, ein Hund.“ Anhand dieses Beispiels stellt sich die Frage, welche Kriterien für das Kind eine Rolle spielen, die den Hund zum Hund machen. Offensichtlich sind es nicht die Farbe oder Größe des Hundes. Das Kind muss begründen, was die Kategorie „Hund“ definiert. Also entscheiden wir, dass zwei Objekte derselben Kategorie angehören, wenn sie Ähnlichkeiten aufweisen oder die gleiche Funktion haben. Hierbei handelt es sich um eine Overextension, da das Kind womöglich jedes kleine Tier als „Hund“ bezeichnet. Wenn das Kind andererseits nur den eigenen Haushund „Hund“ nennt, ohne in Betracht zu ziehen, dass andere Vierbeiner außerhalb der eigenen vier Wände ebenfalls Hunde sein könnten, kommt es zur Underextension. In jedem Fall wird aber vom Einzelfall auf eine Regel geschlossen, wie bei der Schlussfolgerung: Dieser Schwan ist weiß, also sind alle Schwäne weiß oder: Mein afrikanischer Nachbar ist schwarz, also sind alle Afrikaner schwarz.

So geht derselbe Prozess der Objektwahrnehmung auf die Perzeption von Menschen über. Wir bestimmen charakteristische Merkmale bestimmter Menschen oder sozialer Gruppen und ordnen sie einem bestimmten Typ zu. Auch Hinton erklärt auf sehr aufschlussreiche Weise:

„It can be argued that we need to categorize the social world in order to understand and interact with it. If categorization is fundamental to perception, in what way we need to be able to distinguish chairs from tables to know where to sit and where to put a plate, then it will also be important in social perception. For example, we categorize one group of people as ‘friends’ as opposed to those people who are ‘not friends’. This is important as we will engage in different behaviours with the two groups and have different expectations about their behaviour”[62]

Anhand von Kategorien ordne und organisiere ich meine Umwelt, sodass ich Handlungen anderer vorhersehen kann. Ich kann Lehrer von Schülern, Ärzte von Krankenschwestern oder Mütter von Großmüttern unterscheiden, indem ich typspezifische Merkmale bestimme, auch Schemas genannt, die unser Wissen über eine Kategorie organisieren. Diese Schemas haben die gleiche Funktion wie Stereotype, daher können diese Begriffe gleichgesetzt werden. Dave Hamilton führt hierzu folgendes Beispiel an:

„ [T]he schema for ‘librarian’ may include features such as wears conservative clothes and introverted as well as stamps books and replaces books on the shelves. Thus stereotypes can be viewed as a feature of ‘ordinary’ cognitive processes and the organization and retrieval of information in memory.”[63]

Schemas können durch unsere Interpretation von neuen Informationen und unsere subjektive Erinnerung beeinflusst werden. Nach Fiske und Taylor verfügen wir über soziale Schemas, die unser soziales Wissen repräsentieren. Ein Typ dieser Schemas ist das Personenschema ( orig. person schema), also die Information, die wir beispielsweise über einen Freund haben.[64] Wir nutzen unser Erfahrungswissen über jemanden, um Ereignissen oder Handlungen einen Sinn zu geben. Wir schlussfolgern, dass ein Freund schüchtern ist und deshalb nicht zu einer Party kommen wird oder dass ein Mitschüler, der sehr unaufmerksam im Unterricht ist, sicher keine guten Noten schreibt. Dabei kann es oft vorkommen, dass Erinnerungen durch Schemas verzerrt werden, so resümierte der britische Psychologe und erste Professor der experimentellen Psychologie Sir Frederic Bartlett. Zur Veranschaulichung stellt er folgende Situation dar:

„Wenn ich mich an deine Geburtstagsparty erinnere, mag ich mich daran erinnern, dass du die Kerzen auf dem Kuchen ausgeblasen hast, auch wenn du das dieses Jahr nicht getan hast. Dies lässt sich dadurch erklären, dass ich mein Schema nutze, um Gedächtnislücken zu füllen. Da mein Schema für „Geburtstagsparty“ das Kerzenausblasen beinhaltet, projiziere ich dieses Wissen auch auf andere Ereignisse.[65]

Nach dem gleichen Prinzip gehen wir bei ziemlich jeder Rollenerwartung vor. Uns wird ein Repertoire an Schemen angeboten, die bestimmen, welche Kriterien typischen Rollen entsprechen, an denen wir uns orientieren.

2.2.3 Das Stereotyp als Rollenerwartung

Einer der bekanntesten Sozialwissenschaftler, der sich mit der Face-to-Face-Kommunikation beschäftigte, ist Erving Goffman. In seinem populären Werk Wir alle spielen Theater[66] vergleicht er die Regeln der menschlichen Interaktion mit einem Theaterspiel, in dem Darsteller beteiligt sind, die eine Rolle vor einem Publikum spielen. Dabei bedienen sie sich unterschiedlicher Ausdrucksmittel, sogenannter Bühnenbilder, Requisiten und Kostüme, um den eigenen Ausdruck und somit die Situation zu kontrollieren. Beispielsweise kontrolliert der Apotheker sein Bühnenbild (Apotheke) mit Requisiten (Regale, Medikamente), verschafft sich durch sein Kostüm (weißer Kittel) Autorität und gibt seinen Kunden durch ausdruckskontrolliertes Verhalten, also sein wissendes Auftreten, das Gefühl, gut aufgehoben zu sein. Der Apotheker hat seine Rolle nicht geschaffen, sondern aus den vorgegebenen ‚Identitätsvorgaben` ausgewählt. Laut Goffman übernimmt jeder Mensch Rollen und die dazugehörigen Verhaltensmuster durch Sozialisierung. Die Rolle bietet gerade aufgrund des kollektiven Rollenverständnisses Orientierung und Sicherheit. Schließlich weiß so jeder Mensch, welche Reaktionen und Handlungsweisen er beim anderen zu erwarten hat. Demnach ist für Goffman eine Handlung nicht Ergebnis eines subjektiven Impulses, sondern Produkt der Intersubjektivität. Die Interaktionsordnung mit ihren gesellschaftlichen Konventionen schafft die Basis für die soziale Ordnung. Hiermit scheint deutlich zu sein, dass das Individuum nicht existiert, lediglich teilnehmende Einheiten. Würde man sich also Goffmans These anschließen, wäre jeder Mensch ein Stereotyp, der auf rollentypische Weise handelt.

Fiske und Taylor betrachten die Funktion der Rolle ähnlich, unterscheiden aber zwischen der achieved role, die eine Person bewusst annimmt, wie zum Beispiel die des Doktors, und der ascribed role, auf die wir keinen Einfluss haben, wie unser Geschlecht, unsere Nationalität oder unser Alter. In beiden Fällen dienen Stereotype als bestimmtes Rollenschema, das die Erwartungen an andere kontrolliert, die in bestimmte soziale Kategorien fallen.[67] Die Psychologen Horace Romano Harré und P. F. Secord beziehen sich in ihrem Beitrag zum sozialen Verhalten des Menschen ebenfalls auf Goffman. Auch sie sind der Meinung, dass wir das Verhalten anderer anhand der Rollen, die wir annehmen, interpretieren können.[68] Aufgrund der geteilten sozialen Regeln und Konventionen können wir nicht nur ihre Handlungen verstehen, sondern sie sogar vorhersehen. Wenn wir eine Gruppe Kinder sehen, die mit zwei erwachsenen Frauen in der Bahn fahren, ist uns sofort klar, dass es sich um einen Kindergarten- oder Schulausflug handelt. Nie würde uns in den Sinn kommen, dass hier eine große Familie unterwegs ist. Wir müssen uns auch keine Sorgen machen, dass diese Kinder womöglich alleine unterwegs sind. Selbst wenn wir ihre Betreuer visuell nicht wahrnehmen, können wir uns auf unsere geteilte soziale Ordnung verlassen, die die Anwesenheit der Betreuer vorschreibt. Stereotype versorgen uns mit einem Interpretierungsrahmen, so Kelley.

„Stereotypes provide us with an interpretative framework by which we can explain the behaviour of others. We hardly need to ask: why did the doctor save the dying child? It is what we expect doctors to do. It is more difficult to explain the opposite: why did the doctor leave the child to die. Much of what happens in our daily life is expected. […] Kelley argued that we learn to predict people and events so that we can make sense of what is happening in the social world around us.”[69]

2.2.4 Der Umgang mit unerwarteten Informationen

Doch was geschieht, wenn unsere Erwartungshaltung verletzt wird? Wie reagieren wir, wenn wir uns 100-prozentig auf allgemein gültige Urteile verlassen, diese sich aber als falsch erweisen? Die Sozialpsychologen Lee Jussim, L. M. Coleman und L. Lerch weisen darauf hin, dass im Falle der Erwartungsverletzung Bewertungen wesentlich strenger ausfallen können als bei der Erwartungserfüllung. Während positive Überraschungen noch positiver gewertet werden, hat die negative Enttäuschung einen noch bittereren Nachgeschmack.[70] Kennt sich beispielsweise eine Frau sehr gut mit Autos aus, kann mit Leichtigkeit rückwärts einparken oder wechselt ohne männliche Hilfe die Reifen, wird dies sehr viel anerkennender beobachtet als bei einem Mann mit den gleichen Fähigkeiten. Würde aber ein Mann bei diesen Tätigkeiten versagen, ist die Enttäuschung umso größer. Schließlich erwarten wir von einem Mann, dass er solche Aufgaben spielend meistert. In beiden Fällen schenken wir dem unerwarteten Verhalten deutlich mehr Aufmerksamkeit, sehen diese Situationen dennoch eher als Ausnahmefall, der die Regel bestätigt. Die drei genannten Sozialpsychologen führten zu dem Thema expectancy violation[71] eine interessante Studie durch. Sie forderten ihre Teilnehmer dazu auf, Kandidaten zu beurteilen, die bei einem Jobinterview aufgenommen wurden. Hierbei wurde ihnen parallel zur Aufnahme das Foto des jeweiligen Kandidaten gezeigt. Die Jobkandidaten waren entweder schwarze oder weiße Männer aus der Unter- oder Oberschicht und sprachen Standardenglisch oder Dialekte. Die Vermutung, dass der schwarze, standardenglisch sprechende ‚Oberschichtler’ die Erwartungen der Teilnehmer verletzten würde, bestätigte sich. Der ‚schwarze’ Kandidat wurde bei gleicher Kompetenz automatisch höher eingestuft als der weiße. Die positive Überraschung der unerwarteten Kompetenz führte zu einer Favorisierung, weil den Qualitäten dieses Kandidaten mehr Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde. Dieses Phänomen lässt sich dadurch erklären, dass die Probanden an ihren vorgefertigten Stereotypen (Schwarze sprechen schlechtes Englisch) festhielten.

Im Regelfall bleiben primär negative Informationen am ehesten im Gedächtnis. Besonders wenn es sich um unerwartete negative Eigenschaften handelt. Der Jugendliche, der in einem Geschäft Ware stiehlt, versetzt uns nicht so sehr in Aufregung, wie der Priester, der beim Diebstahl erwischt wird. Während wir gegenüber einem Jugendlichen noch ein gewisses Verständnis für jugendlichen Leichtsinn oder Neugierde aufbringen, gilt das Eigentumsdelikt bei einem Geistlichen als unentschuldbar. Schließlich soll ein Diener Gottes sich an die Gebote Gottes halten. Wenn aber ein Priester immer hilfsbereit und freundlich ist und sich um das Wohlergehen seiner Gemeinde bemüht, wird dies weniger wahrgenommen, denn dies entspricht der allgemeinen Erwartungshaltung und dem Stereotyp eines Geistlichen.

2.2.5 Die Kontext-, Kultur- und subjektive Relevanzgebundenheit von Stereotypen

Der Gebrauch von Stereotypen ist nicht bei jedem gleich. Zum einen sind Kategorien abhängig von den subjektiven Erfahrungen der kategorisierenden Person oder Gruppe. Zum anderen kann der Kontext für den Gebrauch von Typisierungen ausschlaggebend sein. Bin ich beispielsweise Katholikin, habe ich eine andere Beziehung zur Religion als der Atheist. Ich erlebe selbst das christliche Gemeinschaftsleben und kenne vermutlich den Priester und die Gemeinde persönlich. Dadurch ist meine Einstellung gegenüber Religion, Kirche und deren Angestellten eine andere als die des Atheisten, der noch nie einen Fuß in ein Gotteshaus gesetzt hat. Mein Kontext als Katholikin und meine Mitgliedschaft in der Kirche bestimmen mein Schema Kirche, während die Vorstellung des Nichtgläubigen meist nicht auf eigenen Erfahrungen beruht, sondern eher auf Vorurteilen. Der Atheist baut sich aus den für ihn relevanten Eigenschaften die Vorstellung einer Kirche zusammen und stellt dabei z. B. das Zölibat, die Kreuzzüge oder den Missbrauch von Messdienern in den Vordergrund. Der Katholik mag die Kirche aber als harmonisches, friedliches Miteinander beschreiben, als Hilfe in der Not oder familiäre Unterstützung. Der Kontext, in dem wir Personen charakterisieren, kann also unsere Aufmerksamkeit auf bestimmte Charakteristika lenken. Die amerikanische Psychologin Shelley E. Taylor schließt sich dieser These an und führt zu diesem Thema ein alltägliches Beispiel an. Wenn eine Frau in einen Raum voller Männer tritt, liegt der Fokus ganz klar auf dem Geschlecht, da es sich offensichtlich von allen anderen unterscheidet.[72] In diesem Moment interessiert erst einmal nicht das Alter, der Beruf oder die Nationalität dieser Frau. Sollte aber in diesem Raum plötzlich ein medizinischer Notfall eintreten, zum Beispiel eine Person in Ohnmacht fallen, und die Frau erweist sich als Ärztin, rückt in dieser Situation die erste Wahrnehmung in den Hintergrund und es spielt nun die fachliche Kompetenz der Frau als Ärztin eine Rolle.

Der Sozialpsychologe Alex Haslam und sein britischer Fachkollege John C. Turner sprechen dem Kontext im Zusammenhang mit der Bildung von Kategorien auch eine einflussreiche Rolle zu.

„Stereotypes reflect the perceived ‘realities’ (Haslam and Turner, 1992) of the groups in terms of the specific context of the person's judgment […] Context is important, as it influences the categorization of another person as an ingroup member or outgroup member. The important factor is the context of the frame of reference.[73]

Erving Goffmans bekannte Theorie der Rahmenanalyse (engl. frame analysis) baut sogar Interpretationsschemata auf den gegebenen Kontext auf. Demnach kann sich jede Person mit einer anderen anhand der sozial geteilten, kontextuellen Interpretationsschemata verstehen.

Der Rahmen bestimmt jedes Verhalten in der zwischenmenschlichen Interaktion. Aufgrund seiner Allgemeingültigkeit innerhalb sozialer Gemeinschaften sind die Mitglieder nicht nur in der Lage, sich zu verstehen, sondern können sogar bevorstehende Handlungen vorhersehen.[74]

Stereotype entsprechen auch immer dem, was für uns als Typisierende von Relevanz ist oder auf was wir unsere Aufmerksamkeit richten. Die gewählte Kategorie hängt zudem sehr stark von der Motivation des Beobachtenden ab und von der Relation zwischen vorheriger Kategorie und aktueller Beobachtung. So erklärt Bruner:

“[T]he salience of a category depends on accessibility and fit. Certain categories will be more accessible than others, depending on the motivation for the perception and state of the perceived wrong, such as trying to find an assistant in a large store on looking around at a party for a potential partner. The match between the observed characteristics of the person and those of the category is the measure of fit. A person wearing a uniform, standing behind a page 50 counter is a better fit to the store assistant and someone dressed in casual clothes carrying shopping bags.”[75]

[...]


[1] Vgl. Wikipedia Stichwort Stereotyp: http://de.wikipedia.org/wiki/Stereotyp

[2] The Free Dictionary By Farlex, Suchwort: Stereotyp: http://de.thefreedictionary.com/Stereotyp

[3] Lexikon für Psychologie und Pädagogik: http://lexikon.stangl.eu/630/stereotyp

[4] Wikipedia Stichwort Klischee: http://de.wikipedia.org/wiki/Klischee

[5] Gero von Wilpert: Sachwörterbuch der Literatur. Stuttgart, 1970. Hier in: Wikipedia Stichwort Klischee: http://de.wikipedia.org/wiki/Klischee

[6] Vgl. ebd.

[7] Kleinsteuber, Hans J. in: Trautmann, Günther (1991), S. 65.

[8] Vgl. u. Zitat: llport, G.W. (1954), zit. n. Kleinsteuber, Hans J. (1991).

[9] Vgl. Heidt, U. Erhard (2008), in: Raab, Josef und Wirrer, Jan (2008), S. 323f.

[10] Vgl. Lippmann, W. (1922), zit. n. Hinton, Perry R. (2000), S. 3

[11] Vgl. Lippmann, W. (1922), zu Stereotypen: Seite 79ff.

[12] Heidt, Erhard U. (2008), hier in: Raab, Josef/Wirrer, Jan (2008), S. 315

[13] Moscovici, S. (1984), zit. n. Hinton, Perry R.(2000), S. 26

[14] Lippmann,W. (1922), S. 81.

[15] Augoustinous, M./Walker, I. (1995), zit. n. Hinton, Perry R. (2000), S. 158.

[16] Vgl. Trautmann, Günter (1991), S. 62.

[17] Hinton, Perry R . (2000), S. 86.

[18] Petersen, Lars-Eric (2008), S. 37.

[19] Vgl. Kelley, H. H. (1967), S. 192-238.

[20] Vgl. Schütz, Alfred (1972), S. 53-69.

[21] Ebd. S. 54.

[22] Ebd. S. 56f.

[23] Ebd. S. 63.

[24] Vgl. ebd. S. 66.

[25] Vgl. Hahn, Alois (1994), S. 140.

[26] Vgl. Schütz, Alfred (1972), S. 53-69.

[27] Ebd. S. 144f.

[28] Luckmann, Thomas (1970), zit. n. Hahn, Alois (1997), in: Herfried Munkler (l997), S. l39.

[29] Schulze, Gerhard (1992), zit. n. Hahn, Alois (1994), in: Sprondel, Walter (1994), S. 153.

[30] Hahn, Alois (1994), in: Sprondel, Walter (1994). S. 156.

[31] Vgl. Stichweh, Rudolf (1997), S. 59.

[32] Ebd. S. 162.

[33] Vgl. ebd. S. 56f, 59.

[34] Vgl. ebd. S. 57f. Siehe auch Merry, Sally Engle (1981), S. 160.

[35] Vgl. Hahn, Alois (1994), in: Sprondel, Walter (1994), S. 163.

[36] Vgl. Heidt, Erhard U. (2008), in: Raab, Josef/Wirrer, Jan (2008), S. 325, Reihenfolge der Ansätze geändert.

[37] Vgl. ebd.

[38] Vgl. Adorno TH. et al. (1969), zit. n. Heidt, Erhard U. (2008), in: Raab, Josef/Wirrer, Jan (2008), S. 325.

[39] Vgl. ebd.

[40] Vgl. Burns, H./Hart, H. L. (2005), Kapitel 1,3

[41] Heidt, Erhard U. (2008), in: Raab, Josef/Wirrer, Jan (2008), S. 325.

[42] Vgl. Lippmann, Walter (1922), zit. n. Bredella, Lothar (1958), in: Bredella, Lothar/Haack, Dietmar (1958), S. 8.

[43] Ebd.

[44] Vgl. Schütz, Alfred (1972), S. 69.

[45] Jervis, Robert (1976), zit. n.: Bedrella, Lothar (1958), in: Bredella, Lothar/Haack, Dietmar (1958), S. 6.

[46] Vgl. Madison,G. B. (1982), zit. n. ebd. S.6

[47] Vgl. ebd.

[48] Allport, Gordon (1954), hier zitiert nach ebd. S. 8

[49] Fox, R. (1992), zit. n. Hinton, Perry R. (2000), S. 67f.

[50] Vgl. Allport, G.W. (1954), zit. n. Hinton, Perry (2000), S. 55.

[51] Vgl. Bruner, J. S. (1957) S. 123-152, zit. n. ebd.

[52] Vgl. Tajfel, H. (1969), S. 79-93, zit. n. ebd.

[53] Vgl. Hamilton, D. L. (1979) zit. n. ebd.

[54] Vgl. Hamilton, D. L./Trolier,T. K. (1986), in Dovidio, J. F./Gaertner S. L. (1986), zit. n. ebd.

[55] Fiske, S. T./Taylor, S. E. (1991), zit. n. ebd. S. 67.

[56] Robertson, S. I. (1999), zit. n. ebd.

[57] Vgl. Lippmann, Walter (1922) zit. n. Bredella L./Haack Dietmar (1984), S. 6.

[58] Fox, R. (1992), zit. n. Hinton, Perry R (2000), S. 68.

[59] Vgl. Bruner, J. S. (1957), zit. n. ebd. S. 32.

[60] Lakoff, G. (1987), zit. n. ebd.

[61] Vgl. ebd. S. 33.

[62] Ebd. S. 21.

[63] Hamilton, D. L. (1979), zit. n. ebd., S. 22

[64] Vgl. Fiske, S. T./Taylor, S. E. (1991), zit. n. ebd, S. 46.

[65] Vgl. Barlett, F. C. (1932), zit. n. ebd. S. 46.

[66] Vgl. Goffman, Erving (2009), S. 19ff

[67] Vgl. Fiske, S. T./Taylor, S. E. (1991), zit. n. Hinton, Perry R. (2000), S. 119.

[68] Vgl. Harré, R/ Secord, P. F (1972), zit. n. ebd. S.143

[69] Kelly, G. A. (1955), zit. n. ebd. S. 95.

[70] Vgl. Jussim, L./Coleman, L. M. and Lerch, L. (1987), zit. n. ebd. S. 96.

[71] Vgl. ebd. S. 96.

[72] Vgl. Taylor, S. E./Fiske, S. T./Etcoff, N. L./ Ruderman, A. J. (1978), S. 778, 793; Fiske, S. T./Taylor, S. E. (1991), zit. n. Hinton, Perry R. (2000), S. 49.

[73] Haslam, S. A. /Turner, J. C. (1992), S. 251-277.

[74] Vgl. Goffman, Erving (1974), S. 31

[75] Bruner, J. S. (1957), zit. n. Hinton, Perry R. (2000), S. 121.

Ende der Leseprobe aus 125 Seiten

Details

Titel
Die Entstehung, Konstruktion und Verbreitung von Stereotypen am Beispiel deutscher Stereotypen in der US-amerikanischen Kultur
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (American Literature/Culture Studies)
Note
1,1
Autor
Jahr
2012
Seiten
125
Katalognummer
V274756
ISBN (eBook)
9783656694311
ISBN (Buch)
9783656695677
Dateigröße
2089 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
entstehung, konstruktion, verbreitung, stereotypen, beispiel, us-amerikanischen, kultur
Arbeit zitieren
Katherin Wendt (Autor), 2012, Die Entstehung, Konstruktion und Verbreitung von Stereotypen am Beispiel deutscher Stereotypen in der US-amerikanischen Kultur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274756

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