Als in den fünfziger Jahren Gastarbeiter angeworben wurden, ging die deutsche Gesellschaft von Rückkehrabsichten derselben in ihre jeweiligen Heimatländer aus. Auch von Seiten der Politik wurde immer wieder betont, dass die Bundesrepublik Deutschland kein Zuwanderungsland sei (Schmidt 2003, S. 13). Eine Auffassung, die heute angesichts demografischen Wandels und schrumpfender deutscher Bevölkerung auch von politischer Seite revidiert wurde und in der Erkenntnis mündete, dass die Bundesrepublik Deutschland ein Zuwanderungsland ist (ebd.). Dies bedeutete jedoch zugleich anzuerkennen, dass die Migranten bis an ihr Lebensende bleiben und nicht im Alter in ihre Heimatländer zurückkehren.
Zuwanderung wird in Öffentlichkeit, Politik und (Integrations-)Forschung vor allem als großstädtisches Thema bzw. als auf Ballungsgebiete zentriert wahrgenommen (Schader, 2011, S. 7). Die Bedingungen für Migranten im ländlichen Raum finden erst seit kurzer Zeit die Aufmerksamkeit der Integrationsforschung (a.a.O., S. 11). Ihre wesentlich geringere Präsenz im ländlichen Raum im Verbund mit den oft knapp bemessenen finanziellen Lagen der kleineren Gemeinden, wirkt sich nicht nur erschwerend auf die Integrationsbemühungen sowohl der Institutionen und Einrichtungen vor Ort als auch der Migranten selbst aus (ebd.; z.B. S. 112f). Somit nimmt es nicht wunder, dass auch in der ambulanten Altenpflege die Auswirkungen spürbar sind. So zeigt sich, dass in ländlichen Gebieten 71% der ambulanten Pflegedienste keinen Kontakt zu Patienten mit Migrationshintergrund haben (Kohls 2012, S 63f). Dies hat zur Folge, dass kultursensible Altenpflege hier noch kaum angekommen ist.
Da die Autorin dieser Arbeit selbst lange Zeit in der ambulanten Altenpflege tätig war, soll in dieser Hausarbeit folgender Frage nachgegangen werden: Wie kann für kultursensible Pflege in der ambulanten Altenpflege im ländlichen Raum sensibilisiert werden, wenn die Wichtigkeit dieses Themas von den Pflegenden kaum erkannt wird?
Auf Grundlage von Maßnahmen und Aspekten der Personalentwicklung fußend
sollen Selbstlernprozesse in Form von Selbstgesteuertem Lernen für eine kultursensible ambulante Altenpflege angestoßen werden
Hierzu werden zunächst die Fachtermini erläutert, um dann im 3. Abschnitt die lerntheoretischen Grundlagen des Kognitivismus und des Konstruktivismus kurz zu beleuchten und Rahmenbedingungen für Selbstlernprozesse auszuloten. [...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Begriffserklärung
2.1 Der Begriff der Kultur
2.2 Kultursensible Pflege
2.3 Interkulturelle und transkulturelle Kompetenzen
3 Lerntheoretische Grundlagen
3.1 Der Kognitivismus
3.2 Der Konstruktivismus
3.4 Rahmenbedingungen für Selbstlernprozesse
4 Das praktische Arrangement
4.1 Förderung der interkulturellen Kompetenzen der Mitarbeiter
4.2 Multikultureller Teams
4.3 Konstruktive Umsetzungen mit Vertiefung und Erweiterung der erworbenen Kompetenzen am Patienten und in seinem Umfeld
5 Fazit mit Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie in der ambulanten Altenpflege in ländlichen Gebieten eine Sensibilisierung für kultursensible Pflege erreicht werden kann, selbst wenn das Thema von den Pflegenden bisher kaum beachtet wird. Dabei liegt der Fokus auf der Implementierung entsprechender Bildungsmaßnahmen und einer interkulturellen Öffnung der Einrichtungen.
- Kultursensible Pflege im ländlichen Raum
- Lerntheoretische Grundlagen der Kompetenzentwicklung
- Methoden des betrieblichen Bildungsmanagements
- Implementierung von Diversity Management in der Pflege
- Strategien zur Förderung interkultureller Kompetenzen in Teams
Auszug aus dem Buch
2.1 Der Begriff der Kultur
Trotz aller Erklärungsversuche besteht bis heute kein Konsens darüber, was „Kultur“ meint, welche Merkmale sie aufweist, was sie bewirkt oder auch, wie man sie für eine wissenschaftliche Untersuchung operationalisieren soll (Schiersmann 2013, S. 43). Einigkeit besteht allenfalls darin, dass es sich bei „Kultur“ um ein sehr komplexes Phänomen handelt (ebd.). Deshalb kann in dieser Arbeit höchstens eine Annäherung an den Begriff, jedoch keine endgültige Klärung desselben erfolgen.
Der ursprünglich lateinische Begriff „cultura“ bezieht sich auf den Ackerbau, wurde jedoch schon von Cicero im metaphorischen Sinne auf den Menschen übertragen („cultura hominis“) (Böhm 2005, S. 380). Aber erst Pufendorfer stellte im 17. Jhdt. dem rohen Naturzustand des Menschen seinen höheren Kulturzustand entgegen (ebd.).
K.-H. Flechsig zeigt auf, dass sich im Laufe der Geschichte drei noch heute aktuelle Bedeutungen für den Kulturbegriff entwickelt haben (Flechsig 1/2000): 1. Kultur als „Veredelung“ (Bildung, Kunst, Wissenschaft etc.); als Synonym für höhere Lebensgestaltung, aber auch als Unterscheidung zwischen Zivilisation und wilden Entwicklungszuständen (Flechsig, 1/2000). 2. Kultur wurde im 18. Jhdt. zum Synonym für alles, was der Mensch selbst hervorgebracht, erarbeitet, erfunden etc. hat; also alles, was nicht Natur ist, aber trotzdem zur Umwelt des Menschen gehört (Gebäude, Kleidung, Werkzeuge, wissenschaftliche Arbeiten, (medizinische) Therapien, etc.). Kultur in diesem Sinne wird heute noch so in den Sozialwissenschaften verwendet und wurde so auch umgangssprachlich übergenommen (Flechsig 2000). 3. Mit Beginn des 19. Jhdts. wurde der Begriff Kultur mit territorialen, ethnischen, linguistischen, mentalen und ideologischen Kriterien behaftet und steht für „Volk“ oder „Nation“.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Arbeit thematisiert die Notwendigkeit kultursensibler Altenpflege in ländlichen Gebieten und stellt die Forschungsfrage zur Sensibilisierung des Pflegepersonals.
2 Begriffserklärung: Hier werden zentrale Termini wie Kultur, kultursensible Pflege sowie interkulturelle und transkulturelle Kompetenzen definiert und theoretisch eingeordnet.
3 Lerntheoretische Grundlagen: Das Kapitel beleuchtet den Kognitivismus und Konstruktivismus als Basis für Lernprozesse sowie die Voraussetzungen für selbstgesteuertes Lernen.
4 Das praktische Arrangement: Der Hauptteil erläutert die Implementierung kultursensibler Pflege durch betriebliches Bildungsmanagement, Diversity Management und konkrete Umsetzungsstrategien in der Pflegepraxis.
5 Fazit mit Ausblick: Zusammenfassend wird betont, dass kultursensible Altenpflege einen ganzheitlichen Prozess erfordert und Kooperationen mit Fachdiensten eine zentrale Rolle spielen.
Schlüsselwörter
Kultursensible Altenpflege, Ländlicher Raum, Migrationshintergrund, Interkulturelle Kompetenz, Transkulturelle Kompetenz, Kognitivismus, Konstruktivismus, Selbstgesteuertes Lernen, Betriebliches Bildungsmanagement, Diversity Management, Personalentwicklung, Pflegepraxis, Pflegebedürftigkeit, Integrationsforschung, Bildungsmaßnahmen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Herausforderung, kultursensible Altenpflege in ländlichen Regionen zu etablieren, in denen bislang nur wenige Patienten mit Migrationshintergrund betreut werden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen sind interkulturelle Bildung, Personalentwicklung in der Pflege, lerntheoretische Ansätze (Kognitivismus und Konstruktivismus) sowie Managementstrategien für multikulturelle Teams.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, Wege aufzuzeigen, wie Pflegepersonal in der ambulanten Altenpflege für die Wichtigkeit kultursensibler Ansätze sensibilisiert werden kann, auch wenn dies bisher nicht als dringlich erkannt wird.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Fundierung durch lerntheoretische Konzepte und einer systematischen Analyse von Managementinstrumenten zur Implementierung von Kultursensibilität im Arbeitsalltag.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die praktische Umsetzung: von der Bildungsbedarfsanalyse für Mitarbeiter über die Förderung interkultureller Kompetenzen bis hin zu Diversity-Management-Ansätzen zur Konfliktlösung in Teams.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Kultursensible Altenpflege, Interkulturelle Kompetenz, Diversity Management, Betriebliches Bildungsmanagement und selbstgesteuertes Lernen.
Warum ist das Thema gerade in ländlichen Gebieten relevant?
Da auch in ländlichen Gebieten die Anzahl pflegebedürftiger Menschen mit Migrationshintergrund steigt, ist die bisherige Vernachlässigung des Themas problematisch für die künftige Versorgungsqualität.
Welche Rolle spielen Migrationsfachdienste laut der Autorin?
Die Autorin empfiehlt Kooperationen mit Migrationsfachdiensten, da diese maßgeblich dabei unterstützen können, die notwendigen Einstellungsänderungen und Reflexionsfähigkeiten bei den Pflegekräften zu fördern.
- Citation du texte
- Barbara Diepold (Auteur), 2014, Kultursensible Altenpflege in ländlichen Gebieten mit niedrigem Migranten-Anteil, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/279817