Amok. School Shootings als extreme Form der Devianz


Hausarbeit, 2014

28 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Amoklauf – Ein Überblick
2.1. Begriffsgenese
2.2. Geschichtlicher Überblick
2.3. Statistische Daten
2.4. Forschungsansätze

3. Anomietheoretischer Ansatz
3.1. Abweichendes Verhalten
3.2. Die Anomietheorie Robert K. Mertons

4. Anwendung der Theorie
4.1. Soziale/Kulturelle Ziele und Normen im Jugendalter
4.2. Konformismus, Ressentiment, Rebellion

5. Fazit

6. Bibliographie
6.1. Primärquellen
6.2. Sekundärquellen

7. Abbildungen

1. Einleitung

School Shootings sind ein erschreckendes Phänomen: Scheinbar unauffällige Jugendliche begehen Massenmorde in Schulen und Universitäten. Junge Menschen besorgen sich Waffen und planen Tötungsakte an Schulen und Universitäten, planen ihre Mitschüler und Lehrer zu töten. Orte wie Columbine, Emsdetten, Erfurt und Winnenden sind untrennbar mit den Gewaltakten verbunden, die dort verübt wurden. In den meisten Fällen folgt darauf eine hochemotionale Berichterstattung, in denen das Unvorstellbare erklärt werden soll. Gewaltsame Videospiele, Depressionen, Schizophrenie, familiäre Probleme: Alle diese Faktoren wurden schon monokausal in Medienberichten als Ursachen vorgeschlagen. In vielen wissenschaftlichen Publikationen wird nach einer psychiatrischen Ursache gesucht.

Diese Arbeit wählt einen anderen Ansatz: School Shootings sollen im Rahmen der Theorie abweichenden Verhaltens von Robert K. Merton als extreme Form der Devianz untersucht werden. Dabei soll wie folgt vorgegangen werden: Zunächst soll eine Aufstellung der unterschiedlichen Begriffe gemacht werden, die das Phänomen beschreiben. „Amok“, „School Shooting“ und „Massenmord an Bildungsinstitutionen“ sind Beispiele für Bezeichnungen. Die Bezeichnung School Shooting ist dabei am hilfreichsten Anschließend soll ein Überblick über die Geschichte und statistische Daten des Phänomens gegeben werden, dem eine Darstellung von Forschungsansätzen folgen soll. Es gibt zwei Forschungsdisziplinen, die sich besonders mit dem Phänomen beschäftigt haben. So sollen dann beispielhaft medizinisch-psychiatrische und kriminologisch-soziologische Ansätze referiert werden. Danach soll die Theorie abweichenden Verhaltens eingeführt, angepasst und angewandt werden. Angepasst wird sie dabei an die jugendsoziologische Fragestellung. Zunächst wird sozial abweichendes Verhalten im Allgemeinen und bei Jugendlichen im Besonderen definiert, es wird bei Jugendlichen als notwendig auftretendes Übergangsphänomen gedeutet. In der Theorie wird davon ausgegangen, dass abweichendes Verhalten bei einer Diskrepanz zwischen kulturellen Zielen und den dafür einzuhaltenden Normen oder Mitteln entsteht. Die speziellen – auf männliche Jugendliche - bezogenen Ziele und Mittel sollen entwickelt werden und danach soll überprüft werden, ob es eine solche Diskrepanz gibt und inwiefern sie zu abweichendem Verhalten führt. Merton nennt fünf Reaktionen auf unterschiedliche Verhältnisse von Zielen und Mitteln: Konformismus, wenn Ziele und Mittel akzeptiert werden, Ritualismus, wenn nur Mittel akzeptiert werden, Innovation, wenn nur Ziele akzeptiert werden, Rückzug, wenn weder Ziele noch Mittel akzeptiert werden. Als fünfte Reaktion ist die Rebellion zu nennen, wenn Ziele und Mittel komplett ersetzt werden. Es soll die Frage beantwortet werden, ob School Shootings als Rebellionsakt innerhalb der Anomietheorie gelten können. Dabei soll sich auf allgemeine sekundärliterarische Aussagen und ein Fallbeispiel bezogen werden. Die hauptsächlich verwandten Autoren sind neben Merton die Soziologen Katherine Newman und Frank Robertz sowie die Kriminologin Britta Bannenberg und die Psychiater Lothar Adler und Peter Langman.

2. Der Amoklauf – Ein Überblick

2.1. Begriffsgenese

Gegenstand dieser Arbeit ist ein Phänomen, das durch mehrere Begriffe zu definieren versucht wird. Medienberichte nach Erfurt und Winnenden verwandten reißerische Bezeichnungen wie „Schulmassaker“ oder „Blutbad“, die sich weder durch wissenschaftliche Genauigkeit, noch durch Sachlichkeit auszeichnen. Die hauptsächlich auch in der Forschungsliteratur zu findenden Begriffe sind „Amoklauf“ einerseits und „School Shooting“ andererseits. „Amok“ oder „Amoklauf“ sind die Begriffe, die sich bei der Kriminologin Bannenberg und dem Psychiater Adler finden, „School Shooting“ ist die von der amerikanischen Soziologin Katherine Newman vorgeschlagene Bezeichnung, die von Robertz/Wickenhäuser (mit Einschränkungen) übernommen wird. Nachfolgend sollen beide Begriffe eingeführt werden.

„Amok“ ist ein Lehnwort in vielen indogermanischen Sprachen, das sich vom malaiischen meng-âmok ableitet, was direkt übersetzt etwa „randalieren“ oder „toben“ bedeutet.1 Gleichzeitig beschreibt es ein anthropologisch-geschichtliches Phänomen innerhalb des malaiischen Kulturraums, nämlich wahllose und ausbruchsartige Tötungsakte, die von Einzelnen oder Gruppen ausgehen, wobei der eigene Tod intendiert oder in Kauf genommen wird. Die WHO führt in ihrer Klassifikation psychischer Störungen die folgende Definition:

“An indiscriminate, seemingly unprovoked episode of homicidal or highly destructive behaviour, followed by amnesia or fatigue. Many episodes culminate in suicide. Most events occur without warning, although some are precipitated by a period of intense anxiety or hostility.” 2

Adler leitet mit einer Beschreibung solcher Taten in Südasien seine Amokstudie ein und bezieht danach das südostasiatische, historische Phänomen des meng-âmok auf moderne, westliche Amoktaten, wobei der Fokus auf psychischen Störungen als notwendige Bedingungen liegt, was in Kap 2.4 näher erläutert wird.3 Zusammenfassend lässt sich sagen, dass aufgrund der expliziten Ausbruchsartigkeit der unter dem Begriff „Amok“ zu fassenden Taten die Bezeichnung nicht auf das zu behandelnde Phänomen passt. Außerdem umfasst der Begriff des „Amok“ deutlich mehr und kann deswegen nicht mit der notwendigen Präzision das Phänomen der geplanten Gewaltakte Jugendlicher an Bildungsinstitutionen beschreiben, die nicht oder nur bedingt auf psychische Störungen zurückzuführen sind,. Hierbei wird der Argumentation von Robertz/Wickenhäuser gefolgt, die als Alternative den Begriff des „School Shooting“ vorschlagen, obwohl sich auch hier begriffliche Ungenauigkeiten ergeben:

„Gleichzeitig treffen die gemäßigteren Begriffe »Amoklauf« und »Massenmord« zumindest aus wissenschaftlicher Sicht nicht mit der notwendigen

Genauigkeit zu […]Auf internationalen Fachtagungen und in wissenschaftlichen Veröffentlichungen ist man mittlerweile

dazu übergegangen, jene schweren Gewalttaten als ‚School Shootings‘ zu bezeichnen. […] auch besitzt der Terminus eine gewisse Unschärfe. Nicht alle Taten

werden mit Schusswaffen begangen[…].“ 4

Trotzdem überwiegen die Vorteile einer Verwendung des Begriffs, weswegen auch in dieser Arbeit der Begriff „School Shooting“ verwendet wird, wobei der Begriff als Kode für nachfolgende, eigene Definition zu verstehen ist: School Shooting beschreibt eine geplante Tötung/versuchte Tötung an einer Bildungsinstitution, die von einem Jugendlichen/jungen Erwachsenen mit Bezug zu dieser Bildungsinstitution begangen wird.

2.2. Geschichtlicher Überblick

School Shootings sind ein relativ junges Phänomen. Das erste School Shooting forderte am 30. Dezember 1974 drei Opfer und 11 Verletzte. Der 18-jährige Schüler Anthony Barbaro löste einen Feueralarm aus und begann auf die aus dem Gebäude kommenden Schüler und Lehrer zu schießen. Von da an nahmen School Shootings an Zahl und Opferzahl stetig zu.5

Es sollen nun exemplarisch mehrere Fälle und Täter genannt werden, an denen sich diese Progression anzeigen lässt: Columbine 1999, Erfurt 2002, Virginia Tech 2007, Isla Vista Mai 2014 (Dieses School Shooting hat zwar weniger Opfer gefordert als die vorher genannten, wird aber wegen seiner Aktualität erwähnt. Außerdem soll sich in Kap. 3.4 direkt auf den Fall und den Täter bezogen werden.).

Das School Shooting an der Columbine High School ist wohl die bekannteste Tat, vor allem wegen der großen Auswirkungen auf Berichterstattung und mediale Aufmerksamkeit. Die Schüler Eric Harris und Dylan Klebold töteten am 20.4.1999 13 Schüler und Lehrer und verletzten 24. Am Ende des School Shootings töteten sie sich selbst.

Die Täter hatten die Tat von langer Hand geplant, mehrere Videos wurden gedreht und in Tagebucheinträgen von Harris finden sich Hinweise darauf. Psychologisch auffällig war vorher nur Harris geworden, er wurde therapiert und mit Antidepressiva medikamentiert.6

Die Aussage, dass es sich bei School Shootings um ein amerikanisches Phänomen handelt, kann spätestens nach dem School Shooting 2002 in Erfurt als widerlegt angesehen werden. Der Abiturient Bastian Steinhäuser wurde zum ersten deutschen School Shooter, ihm fielen 16 Schüler und Lehrer zum Opfer. Auch diese Tat wurde geplant, unter anderem durch den Nachbau der Schule in einem Ego-Shooter Videospiel. Der Täter war nicht psychologisch auffällig geworden und war auch nicht unter psychotherapeutischer Beobachtung.7

Das School Shooting, das mit Abstand die meisten Opfer gefordert hat, wurde 2007 in den USA durch den 23-jährigen Studenten Seung-Hui Cho an der Virginia Tech University verübt. Die Tat forderte 32 Opfer und 23 Verletzte, Seung-Hui Cho nahm sich danach das Leben. Der Täter war schon lange vorher psychisch auffällig und mit selektivem Mutismus (Sprachstörung, die sich von totaler Stummheit durch selektives Sprechen mit bestimmten Personen und in bestimmten Situationen unterscheidet) und Psychosen diagnostiziert worden.8 Dieses School Shooting passt aber trotzdem in das Schema der vorher genannten, weil auch hier die Tat geplant wurde, es also nicht zu einem ausbruch-raptusartigen Amoklauf kam. Andererseits war eines seiner Motive die Verteidigung gegen vermeintliche Mordpläne seiner Kommilitonen, weswegen seine psychischen Störungen sicherlich mehr zur Tat beigetragen haben mögen als bei den anderen Tätern.

Als letztes Beispiel soll nun auch einer der aktuellsten Fälle geschildert werden. Das School Shooting von Isla Vista vom 25.Mai 2014 wurde insbesondere in der amerikanischen Presse und Blogosphäre (die untereinander verlinkten und interrezipierenden Weblogs im Internet) extensiv diskutiert. Darüber hinaus liegt durch ein Manifest des Täters, das 137 Seiten umfasst, viel Quellenmaterial vor, weswegen sich auf ihn bezogen werden soll. Dieses autobiographische Manuskript enthält sowohl die Lebensgeschichte als auch eine Darlegung der Gründe für seine Tat. Der 22-jährige Student Elliot Rodger tötete 6 Studenten und verletzte weitere 13, danach tötete er sich selbst.9 In der medialen Diskussion über die Tat kam außer den üblichen Erklärungsansätzen wie psychischen Problemen (wobei der Täter nie mit einer psychischen Störung diagnostiziert wurde10 ) und soziale Isolation auch ein weiterer Faktor dazu: Frauenfeindlichkeit und Frustration über unbefriedigte Ansprüche. Feministische Kommentatorinnen sahen die Taten als misogynen Extremismus an.11

Die aufgeführten Fälle sollen exemplarisch für die beunruhigende Progression stehen, die sich seit dem ersten School Shooting beobachten lässt: Ein junges Phänomen, das an Opferzahl zunimmt, wobei die Abstände zwischen den Taten abnehmen. Nachdem in diesem Kapitel einzelne Fälle vorgestellt wurden, soll im nächsten Kapitel auf die Statistiken des Phänomens eingegangen werden.

[...]


1 Adler (2000) S.9

2 WHO (1993) S. 207

3 Adler (2000) S.10f

4 Robertz/Wickenhäuser (2007) S.10

5 Waldrich (2010) S. 17f

6 Bannenberg (2010) S.47f

7 Brinkbäumer/Cziesche et al.

8 Langman (2009) S. 173ff

9 Ellis (2014)

10 Springer (2014)

11 Penny (2014)

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Amok. School Shootings als extreme Form der Devianz
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie)
Veranstaltung
Jugendsoziologie
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
28
Katalognummer
V282562
ISBN (eBook)
9783656818953
ISBN (Buch)
9783656818960
Dateigröße
834 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Amok, School, Shooting, Jugend, Gewalt, Devianz, Merton, Mord, Verhalten, Soziologie
Arbeit zitieren
Marian Blok (Autor), 2014, Amok. School Shootings als extreme Form der Devianz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/282562

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